Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 28-29 (22.7.1931)
- Date
- 1931-07-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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* Aus der Bewegung * Tagung des Vorstandes des Wettverbandes für religiös-liberales Judentum in Berlin Der Vorstand des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum tagte am 7. und 8. Juli 1931 unter dem Vorsitz des .Herrn Rabbiner Dr. Mattuck in Berlin. . Tie ehrenamtliche Schriftführerin des Weltverbandes, Miß Montagu, berichtete über den Fortschritt der Arbeit des Weltverbandes feit der letzten Borstandssitzung. Die liberale Gruppe in Australien, die unter der Leitung des Rabbiners Jerome Mark begründet wurde, hat erhebliche Fortschritte gemacht, sowohl was die Zahl der Mitglieder als auch die Tätigkeit selbst anlangt. Dem letzten Bericht aus Australien ist zu entnehmen, daß der erste Einsegnungs-Gottesdienst der Gemeinde kürzlich abgehalten wurde, in dem sechs Knaben und sechs Mädchen eingesegnet wurden, und zwar in Gegenwart einer Gemeinde von über 700 Menschen. Dem Antrag der australischen Gruppe aus Aufnahme in den Weltverband entsprach der Vorstand mit größter Genugtuung. Miß Montagu verlas ein Telegramm, das sie vor wenigen Tagen aus Südafrika erhalten hatte mit der Nachricht, daß sich auch dort eine Gruppe liberaler Juden zn einer Vereinigung zusammengeschlossen hat. .Herr «Levissvn aus dem Haag, Präsident der holländischen Organisation für liberales Judentum, war bei der Sitzung anwesend und berichtete über den Fortschritt, den das Werk der Organisation in Holland macht. Er entwickelte die Pläne für die Weiterarbeit im Zusammenhang mit der Bestellung eines geistlichen Führers. Ter Vorstand beschloß, die nächste Weltkonferenz, welche ursprünglich im Jahre 1932 in Hamburg abgehalten werden sollte, wegen der Wirtschaftslage um ein Jahr zu verschieben, doch soll bei Gelegenheit der üblichen Sommersitzung des Vorstandes des Weltverbandcs versucht werden, möglichst viele Gesinnungsgenossen aus den verschiedenen Ländern, die zurzeit in Europa anwesend sein werden, zu einer formalen Zusammenkunft zu berufen. Außerdem wird der Weltverband, um auch das geistige Interesse an der Bewegung wachzuhalten, im nächsten Jahre neben dem üblichen Jahresbericht ein Sammelwerk von Aufsätzen veröffentlichen, in denen einzelne Führer der liberalen Bewegung aus den verschiedenen Ländern zu dem Thema „Die Bedeutung des liberalen Judentums für die Gegenwart" Stellung nehmen werden. Des weiteren wurde eine ganze Reihe organisatorischer Fragen besprochen, die zum Teil noch nicht spruchreif und für die Veröffentlichung nicht geeignet sind. Tie nächste Vorstandssitzung wird im Januar 1932 abgehalten werden. Briefkasten Nationaldeutscher Jude. Sie wundern sich, daß auch liberale Blätter sich über die jüdische Siedlung in G.roß-Gaglow freuen. Bon sich selber schreiben Sie: „Wir begrüß.en jede Bestrebung, die dahin zielt, die jüdischen Deutschen zu landwirtschaftlicher Betätigung zu führen. Aber diese Betätigung hat nur dann Sinn und Zweck, wenn sie im Rahmen der deutschen Volksgemeinschaft erfolgt." Ganz unsere Meinung, — nur, daß wir bisher geglaubt haben, Groß-Gaglvw und Kottbus lägen in Deutschland. Sie aber sprechen von künstlichem Ghetto, Absonderung und Stärkung der Judenfeindschaft. Ob Sie wohl solche Folgerungen auch bei einer katholischen Siedlung ziehen würden? Ob Sie ferner wohl einsehen, daß Ihre Prophezeiungen allerdings dann eintrefsen, wenn man von vornherein die Siedlung zu einem Werk des Zionismus stempelt und sich fernhält? Sie werden das nicht einsehen... Aber Sie sollten einmal darüber Nachdenken, wieso es eigentlich kommt, daß alle andern, alle jüdischen Organisationen, alles falsch machen und ganz allein nur Ihr Verband alles richtig macht, abgesehen von der Kleinigkeit, daß er bisher garnichts macht. Antizionist in Breslau. Wir haben nicht die Absicht, auf die „Liberalen B e t r a ch t u n g e n" einzugehen, die Herr Max Rosenbaum in Ihrem zionistischen Lokalblatt anstellt. Wer es noch nicht weiß, daß das liberale Judentum aus jüdisch-religiösen Gründen den Zionismus ablehnt (der Gott des Judentums ist Gott aller Menschen, deshalb kann seine Bekennerschast nicht auf eine Nation beschränkt bleiben und keine Nation sein), aus jüdisch-religiösen Gründen die Emanzipation der Huden in allen ihren Heimatländern fordert, — wer dies noch nicht weiß, der möge erst das kleine ABC lernen, bevor er drucken läßt. Die Postscheck-Nr. des Berliner Jli ist jetzt: Herbert Schwarz, Berlin NW.7, Nr. 125121 Aus der Ili-Bewegung f verantwort!.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschlands Redaktion: Dr. Ellen Littmann, Berlin Das Gebet (Eine Erwiderung zu dem Artikel von Helmut Galliner in Nummer 13 dieser Zeitung,) Von Arthur Astheimer, Jli-Franksurt a. M. Helmut Galliner geht in seiner kürzlich an dieser Stelle veröffentlichten Betrachtung davon aus, daß jedes Gebet, jeder „Weg zu Gott" abhängig ist von der Art der Gottesvorstellung. Bei unserer Gottesvorsteltung, bei unserer Beziehung zu Gott ohne Vermittler und ohne heilige Fürsprecher ist die von Galliuer vorgenommene Teilung der Gebetsarten in zwei Gruppen, Buß- und Bittgebete, nicht umfassend. Dennoch möchte ich, diesen Ausführungen folgend, in meinen Betrachtungen von diesen beiden Arten ausgehen: Schon unsere Vorstellung von dem allumfassenden planmäßigen Wirken Gottes und seinen unfehlbaren Beschlüssen widerspricht dem Gedanken eines Bittgebetes, das ja gewissermaßen ein Beeinslussen-wollen, ein Jur-sich-ei nnehmen^wollen Gottes darstellt. Bei einer genauen Beleuchtung seines Inhalts bzw. seines Sinnes besteht das Bittgebet in einer egoistischen Handlung, einem Eingreifen-wollen in die göttlichen Beschlüsse, ähnlich den Anschauungen, die die Primitiven in ihren: Gebet hegen. Dieses Gebet hat nichts mit einer sittlichen Religionsaufsassung zu tun, denn es ist nur Selbstzweck, nur erhoffter eigener Vorteil, der die Veranlassung zu solchem Gebet gibt. Aber natürlich bleibt — wie Galliner auch bereits bemerkte — das Bittgebet trotz aller Wandlungen der Begriffe ein wesentlicher Teil des Gebets an sich, so verwerflich auch solche egoistischen Motive zum Gebet erscheinen. Im Grunde genommen basiert ja jeder Gottesbegrifs und jede Ehrfurcht (lies: Ehr-Furcht) auf dem Wissen um unsere Unzulänglichkeit gegenüber dem Höheren Walten. So fühlt sich jeder in schweren Stunden selbst gegen seine klare Ueberlegung zu einer au Gott gewendeten Bitte getrieben. Vielleicht ist sogar dieses Flehen aus innerster, tiefster Verzweiflung das wahrste, aufrichtigste und darum auch wertvollste Gebet. Dies aber ist ein individuelles, persöulichcs und zeitgebundenes Empfinden, während das hier zu behandelnde Problem ausschließlich dem gemeinsamen Gottesdienst zu gelten hat. Bittgebete, im gemeinsamen Gottesdienst haben als solche nur dann ein Recht auf Existenz, wenn sie durch irgend eine gemeinsame Veranlassung besonderer Art gegeben sind, wie beispielsweise am Neujahrstage. Wenn dieser Tag, der orthodoxen Anschauung zufolge, der Tag der individuellen Prüfung jedes einzelnen Menschen durch Gott bedeutet und man sich diese Vorstellung zu eigen macht, dann faiut man natürlich auch an diesem Tage mit Fug und Recht Bittgebete sprechen. Im regelmäßigen Gottesdienst können wohl gewisse allgemein gehaltene Bittgebete, wie etwa „Heile die Kranken, stärke die Schwachen" im allgemeinen Gebet gesprochen werden, und als der Wunsch aller Menschen ohne egoistische Forderung wertvoll sein, aber sie können nie den Inhalt eines Gottesdienstes ausmachen, denn dieser hat in Wirklichkeit eine wesentilich tiefere Bedeutung. Zum Bußgebet schreibt Galliner, daß es allein aus dem Drang nach Rechtfertigung und Vergebung getragen wird. Ist dies der Fall, und setzen wir an Stelle der „Vergebung" noch „Einkehr und Reue", dann ist es sicherlich viel wertvoller als das Bittgebet, denn es entspringt einer edlen Empfindung. Wie aber, wenn dieses Bußgebet vorgeschrieben ist, wenn der Text, der vor Jahrhunderten vorgeschrieben wurde, nur „gesagt" wird, lediglich weil er eben so und nicht anders formuliert ist? Ist dann noch ein innerer Drang nach Rechtfertigung vorhanden, der stärker als der Drang zstr Bitte aller symbolischen Handlung entbehren kann, wie Galliner behauptet? Gerade das Bußgebet, wie es heute gesprochen wird, ist an Symbole geknüpft, ist sogar, an vielen Stellen direkt als Ersatz für die Opfer gedacht, und immer wieder hört man, daß sich so mancher innerlich dagegen streubt, Sünden zn nennen, die er nicht begangen hat. Sicherlich verkennen diese solche Gebete Ablehnenden den Gemeinschaftsgedanken des Judentums, der hier zum Ausdruck gebracht wird, aber ebenso gewiß kann dann auch keine Rede mehr vom „Drang" zum Bußgebet sein. Hier zeigt sich deutlich die Grenze, die den Bußgebeteu im gemeinsamen Gottesdienst gezogen ist. Was aber bleibt vom Gebet überhaupt, wenn wir diese beiden Grundlagen, das Bitt- und das Bußgebet, in ihrer hier beleuchteten Form ablehnen? Eben der wesentlichste Punkt alles Beteus an sich, das, was Galliuer merkwürdigerweise kaum berührt hat: der Gottes-Dienst. Was ist hierunter zu verstehen? Gott dienen? Kann dies der Mensch, kann man Gott in irgend einer Weise „dienlich" sein? Natürlich nicht. Wer glaubt, Gott einen Gefallen zu tun, wenn er ihm „dient", dem steht Gott außerhalb seines Empfindens, der steht selbst außerhalb der Religiosität. Gott dienen kann man nur, indem man dem Göttlichen in sich selbst dient. . Wenn das Gebet, wenn der gemeinsame Gottesdienst an unser eigenes Empfinden rührt, wenn wir uns selbst ausehen, unserem Fühlen, unserem seelischen Dasein aufspüren, dann haben wir dem Göttlichen in uns gedient, dann haben wir „Gottesdienst" gehalten. Hierzu ist eine Stimmung von Heiligkeit, eine gewisse Atmosphäre der Gottesnähe, wie sie eben nur der gemeinsame Gottesdienst hervorzubringen vermag, notwendig, und dies ist seine wesentliche Aufgabe. Wer einen Gottesdienst verläßt und sich in einer feierlich gehobenen, freien Stimmung findet, wer sich erleichtert und befreit erscheint, der hat vom Gottesdienst, vom Beten mitgenommen, was er dort suchte. Diese Empfindung hat wohl jeder schon einmal von einem dWotteSbienft mitgenommen, der in ihm suchte, was er zu geben vermag. Damit aber komme ich zu dem schwersten Problem, der „Stimmungsmache", wie ich einmal ganz grob ausgedrückt sagen möchte. Wenn Gatliner eine künstliche Stinrmungserzeugung mit äußerlichen Miltcln (beinahe ähnlich der roten Ampel) im Gottesdienst gutheißt, wenn er sogar deswegen, und einzig deswegen, an der hebräischen Sprache im Gebet festhält, so muß ich dem unbedingt entgegentreten. Wie er selbst schreibt, beweist die Notwendigkeit solcher Stimmungsshmptome den Mangel an innerem Bedürfnis. Soll aber solch ein Mangel durch äußerliche, theatralische Mittel behoben werden? Nie und nimmer! Wenn ander hebräischen Sprache für bestimmte Gebete festzuhalten ist, dann aus dem Grunde der besonderen Heiligkeit des Gebets zum Zwecke der Hervorhebung seiner besonderen Bedeutung. Die hebräische Sprache hat auch oft unübersetzbare Feinheiten, schon an dem von Galliuer selbst zitierten Unterschied zwischen der Bedeutung des Wortes „tephilla" und der Uebersetzung mit dem Worte „Gebet" hat er dies selbst, wenn auch wohl unbeabsichtigt, deutlich werden lassen. Ties sind die Gründe, jene Sprache für die Hanptgebete bcizubehalten, die seit Jahrtausenden dem religiösen Empfinden der Inden Ausdruck gegeben hat. Ganz abwegig aber ist es, diese Sprache zum Zwecke einer Mystifikation, zur Erzeugung einer unirdischen, fremden Atmosphäre zn benutzen, im Gegenteil, das Gotteshaus soll nichts Fremdes sein, in ihm soll sich der Jude „zu Hause" fühlen. Nahezu heidnisch mutet es an, wenn versucht werden soll, durch Unverständlichkeit, durch Fremdheit zwischen Priester und SEjp* tenden einen Schauer von göttlicher Unnahbarkeit und der Abhängigkeit der Kreatur erzeugen zu wollen. Nur durch den Geist der' Gebete, also ihrem wohlverständlichen, jeden berührenden Inhalt, durch Verlesen der Bibelabschnitte und ihrer Erläuterung (in verständlicher Sprachc!1 und endlich durch Verherrlichung Gottes können wir „sachlich" denkenden Menschen unsere Kleinheit und sittliche Ausgabe erfahren, können wir, angeregt durch die Predigt, über unser alltägliches Dasein hinaus Gottesdienst erleben. Das Ai-Programm # Berlin. Fahrtenprogramm. Die viertägige Fahrt mutz leider aus technischen Schwierigkeiten verschoben werden, statt dessen findet eine Eineinhalb-TageÄsahrt nach dem Bogensee statt. Treffen Stettiner Borortbahnhvf 20 Uhr am 25. Juli. Rückkunft Sonntag gegen 22.30 Uhr. Kosten ca. 80 Pf. Gruppe Westen. Am Montag, dem 27. Juli 1931, um 8 Uhr, bei Krotoszyners, Hansa-Ufer 6. Thema: Stammväter. Am Montag, dem 3. August 1931, unr 8 Uhr, bei Jacobsohns, Schlüterstraße 31. Gruppe Südwesten. Am Montag, dem 27. Juli, bei Arthur Wolfstrs, Steglitz, Bianvillestratze 15. Fährverbindung: Straßenbahnlinie 44 bis zwei Haltestellen vor Endstation. Gruppe Oliva. Am Mittwsch, dem 29. Juli 1931, um 8 Uhr, bei Herbert Scharan, Jagowstratze 43. Am Mittwoch, dem 5. August 1931. Ort wird am 29. Juli in der Gruppe festgesetzt. 8 rer lau. Hauptgruppe. Mittwoch, 29. Juli, 20.45 Uhr: Gemütliches Beisammensein im Schweizerhäuscheir (Llratzenbahnlinieii 1, 9, 18). Die Jlis Frankfurt a. M., Magdeburg, Ratibor, Liegnitz und Oppeln werden gebeteu, aus das letzte Rundschreiben des Redaklionsausschnjfes vom 11. 6. 31 zu antworten. Artikel und Berichte sind bis zum Freitag jeder Woche zu richten an Dr. Ellen Littmann, Berlin-Charlottenburg S Bayernallee 27. Bersammlnngsanzeigen gehen direkt an die Redaktion der I. L. Z., SW 11, Holleschestraße 1. Privatsehr etar in Steno.-Masch., Protokolls., Archivarb. etc. sucht Betätigung et), auch halbtags. Antw. erb. Red. d. Lib. Ztg. unter Nr. 1213. Heilmassagen- Ganzmassagen orthopädischesKinderturnen, Plattfuß, 0 und X Bein Behandlung, Nachbehandlung von Brüchen usw. Ärztlich dipl. Heilmasseuse genaue Auskunft Tel. Pankow 3394 Heufieber Jedem Leidensgefährten teile mit, wie von schwerstem Heufieber (Heuschnupfen) gfeheilt wurde. J. Keuler, Kassel 86, Postfach 724. Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin, Alte Jakobstraße 124 Besucht1 I" AUSKUNFT durch VERKEHRSVEREIN Englisches junges Mädchen sucht au pairunterhunli gegen Erteilung uon engl. Stenden, Hilfe im Haushalt etc. Kleines Taschengeld erwünscht. Angebote an H. 0. 67. Dr. Leu Jodbad Tölz Gebt uns Familien- Anzeigen! im Tiergarten per sof. zu vermieten. Freundliches Siegmundshoi 2 pir. I. Telefon Hansa 3091 vor Reise-Antritt Beitrage Überweisen Bennen sie an mre Organisation! rutschten hp. 137069 Bern* Vereinigung tor das liberale Judentum E.v. 051642464791^192844530911444^0 53151 1106955119279868^4541322090964