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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-07-08 · 26-27 (8.7.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
26-27 (8.7.1931)
Date
1931-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWch KberaleZeMng Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Die Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen »der in lyrem Aufträge versaht gekennzeichnet find» die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aeutzeruugeu und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die'«Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, HaNesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3350 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 svereiaigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet Bezugspreis durch die GefchästssteU« '/«jährlich M. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12geipalt.Nonparetllezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. fämtl. Annoncen-Lxpedit. Nr. 26/27 Berlin. 8. Juli 1931 11. Jahrgang Umtiffe des liberalen Judentums „Fromme Menschen dienen der Religion mehr als gelehrte Abhandlungen." Das Wort ist Montefiores „Outlines of liberal Jndaism" entnommen, die soeben in deutscher Uebetschung von Joseph Kauffmann erschienen sind. Das Wort kennzeichnet den Verfasser und kennzeichnet das Buch. Als es vor 19 Jahren erschien, hat es mich tief ergriffen, und das gleiche Empfinden hatte ich, als ich 11 Jahre später die 2. Auflage las. Jetzt habe ich es zum dritten Mate in der deutschen Uebersctzung hintereinander gelesen und stehe wiederum unter dem gewaltigen Eindruck des Buches. Es ist keine gelehrte Abhandlung, keine Streitschrift, kein theologisches Werk im strengen Sinne des Wortes, kein politisches Buch. Als ein Hilfsbuch zur religiösen Erziehung hat Montesiore es geschrieben, aber es ist weit darüber hinaus etwas ganz anderes. Es ist eine persönliche Bekenntnisschrift. Nun haben Bekenntnisbücher sehr häufig etwas Bedenkliches. Wir scheuen uns, andere Menschen bis auf den Grund unserer Seele blicken zu lassen. So bekommen solche Bekenntnisbücher unwillkürlich leicht den Charakter einer gewissen Unaufrichtigkeit, sie stellen die Dinge gefärbt dar, oder aber sie wirken durch ihre rückhaltlose Offenheit abstoßend. Von Montefiores Buch gilt das nicht. Er hat es nicht mit der Absicht geschrieben, ein Bekenntnis abzulegen. Aber man darf sagen, daß jedes Wort diese wahrhaft fromme, schlichte und gütige jüdische Persönlichkeit widerspiegelt. Wenn er (S. 89) eine Charakteristik des Frommen g'bt, so hat er, ohne es zu wollen, damit sein Selbstporträt gezeichnet. „Der ist noch kein Frommer, Ä er noch mit vielen Versuchen zu ringen hat oder dem es viel Zeit und Mühe kostet, häßliche Gedanken oder schlechte Wünsche los zu werden. Der nur.ist ein Frommer, der diese Stufe seelischen Fortschritts hinter sich hat. Sein inneres Haus ist blank und hell, und nur reine Gedanken und gute Wünsche füllen seine Räume. Er ist außerdem wahrhaft demütig, er ist nicht die kleinste Spur hochmütig oder eitel. Er selbst würde entschieden leugnen, daß er ein Frommer sei; was er ist und tut, fei weit entfernt von dem, was er sein und tun müsse. Sein Ideal ist höher, als daß er es erreichen könnte. Er erhebt sich nicht über seine Mitmenschen. Er erkennt in jedem Menschenantlitz das Ebenbild Gottes. Von dem schlimmsten Menschen wird er geneigt sein zu sagen: „Wenn ich mit seinem Körper und seinen Anlagen geboren wäre und in derselben Umgebung wie er gelebt hätte, oder wenn ich seinen Versuchungen ausgesetzt gewesen wäre, so wäre ich gerade so wie er geworden." Er lebt mit den Menschen und schaut nie auf sie herab. Wenn er irgend einen Wert habe, so sei derselbe eine Gabe Gottes. Die Tugenden, die er besitzt, schreibt er Gott, seine Fehler aber sich selbst zu." Man stellt oft fromm und liberal als Gegensatz einander gegenüber. Wenn es eines Beweises bedürfte, wie unberechtigt diese Antithese ist, so bringt Montefiores Buch ihn bei. ' Es ist aus tiefstem jüdischen Empfinden heraus geschrieben, es geht an keiner der großen Fragen vorüber, es will nicht den Liberalismus auf irgend eine starre Formel bringen, erhebt nicht den Anspruch, der allein gültige Ausdruck jüdisch-liberaler Gesinnung zu sein, sondern es gibt des Verfassers Anschauung vom Judentum wieder mit aller Freiheit und Weite der Auffassung, mtt all der Toleranz, die demjenigen selbstverständlich ist, der, durchdrungen von der Wahrheit seiner religiösen. Anschauung, in echter Gottes- und Menschenliebe und tu dem demütig-stolzen Bewußtsein, daß alles Menschentum mir Irrtum verbunden ist, und daß jedes andere ehrliche Wahrhcitssuchen dem eigenen gleichberechtigt ist, sich zu seiner Ueberzeugung bekennt. Der eigenartige Reiz dieses Buches besteht darum im Persönlichen. Hinter jedem Wort steht die ganze Persönlichkeit des Verfassers. Aber bei aller versönlichen Note sind es die Probleme und Gedanken, mit denen der jüdische Liberalismus ringt, die hier in diesem Buche zum Ausdruck kommen. Mit Recht bemerkt Montesiore, daß die Bezeichnung liberal nicht gerade sehr glücklich ist, weil das Wort nicht eindeutig ist. Wir erleben es ja in innerjüdischen Auseinandersetzungen immer wieder, daß von Andersgesinnten Forderungen an uns gestellt werden, die nicht im religiösen Liberalismus begründet sind, mit der Begründung, daß wir als Liberale sie erfüllen müßten. Aber es gibt eben keine bessere Bezeichnung sür unsere Auffassung der Religion. Darüber aber müssen wir uns klar sein, daß sich konservatives Judentum nicht etwa durch Lockerung in liberales verwandelt, daß man dadurch wohl ein verstümmeltes konservatives, niemals aber ein liberales Judentum erhalten kann. Mit allem Nachdruck wendit sich Montesiore darum gegen die Anschauung, die das liberale Judentum nur als „Subtraktion von der Orthodoxie" ansieht. Dabei weist er selbst mit Recht darauf *) Claude G. Montesiore, Umrisse des liberalen Judentums (Outlines of Liberal Jndaism), übersetzt von Joseph Kauffmann, durchgesehen und herausgegeben von Rabbiner Dr. C. Seligmqnn. Leipzig (Gustav Engel). XI und 305 S. 6 RM, geb. 7,60 RM. hin, daß ganze Kapitel, fast die ganze erste Hälfte des Buches, Fragen betreffen, irr denen Konservative und Liberale übereinstimmen. Es war eben nicht seine Absicht, nur die spezifischen Unterscheidungsmerkmale des jüdischen Liberalismus herauszustellen, sondern vielmehr positiv und aufbauend alles zu geben, was als Inhalt des jüdischen Liberalismus anzusprechen ist. Darum geht er auf den Jndisferentismus, auf die angeblich liberale' Anschauung, die Religion und Gott verwirft ,gar nicht ein. Jede Polemik liegt ihm fern. Er will ein Buch geben, das Eltern und Lehrern Hilfsmittel darbieten soll, die Kinder in echt jüdisch-liberalem Sinne zu erziehen. So sind die ersten zehn Kapitel des Buches so gefaßt, daß in der Tat kaum eine wesentliche Differenz zwischen konservativer und liberaler Anschauung hervoctritt. Das 'ist anders in den späteren Kapiteln. Auch hier — das sei nochmals nachprücklichst betont — alles ohne Polemik. Das gilt selbst pon den Kapiteln von konservativem und liberalem Judentum, von Nation und Stammesgeiueinschaft, von ben Unterschieden von Judentum und Christentum. Die Weite und Freiheit eines echten religiösen Liberalismus tritt auch darin zutage, daß der Verfasser feine eigene persönliche Auffassung gibt, die in vielen Einzelpunkten mehr oder mnrder von der Ausfassung anderer liberaler Juden abweicht, lieber die Fragen der Speisegesetze und der anderen äußeren religiösen Formen gehen im einzelnen die Meinungen innerhalb des Liberalismus weit auseinander. Das ist auch keineswegs zu bedauern, ist keineswegs ein Zeichen von Schwäch'', sondern vielmehr ein Beweis der inneren Kraft des Liberalismus. Wir stehen dem Formproblem anders gegenüber als die Orthodoxie, die jede Form als von Gott verordnet für unverbrüchlich; religiös geboten erklärt. Und wir stehen dem Formproblem auch anders gegenüber als jene Stürmer und Dränger, die aus der Erkenntnis, daß religiöse Form ebenso wie jede andere die Gefahr der Erstarrung und Veräußerlichung in sich birgt, jede Form verwerfen zu können glauben. Beide sind unfrei. Beide verzetteln einen wertvollen Teil religiöser Kraft auf minutiöse sklavische Unterwerfung oder auf ebensolche Abkehr von der Form. Wir stehen dem Formproblem frei gegenüber. Wir wissen, daß jede Idee sich in bestimmter Form ausprägt, daß die Form ein Symbol für die Idee ist, und daß andererseits die Form die Gesinnung anregt. Aber wir wissen auch, daß die Form dem Gedanken, dessen Symbol sie ist, oder den sie in uns anregen will, entsprechend sein muß, und wir wissen, daß das Empfinden der Menschen individuell verschieden ist. Darum haben wir das volle Verständnis dafür, daß von gleicher Grnndanschauung aus verschiedene Menschen in bezug auf die Geltung der Formen zu verschiedenem Urteil und'dementsprechend zu verschiedener Durch die Welt geht augenblicklich wieder eine Welle des Judenhasses. Tie Berliner und Wiener Universitätett mußten wegen antisemitischer Ausschreitungen geschlossen werden, und aus Saloniki kommen Schreckensnachrichten, die an die Zeiten des finstersten Mittelalters erinnern. Aus der Fülle der Nachrichten veröffentlichen wir nur die wesentlichsten, da die Tageszeitungen über alle diese Dinge ausführliche Berichte gebracht haben. Es ist auf das tiefste zu bedauern, daß gerade die Universitäten, welche doch Zentren des Geistes sein sollten, Hochburgen des Faustrechtes geworden sind, und man fühlt sich erinnert an die Worte Jakob Löwenbergs: „Als Jude brauch ich nicht erröten, jedoch als Deutscher schäm ich mich". Was die Vorgänge in Saloniki anbelangt, so wäre es allzu billig, in einem Äugenblick, da Juden um ihres Judentums willen an Gut und Leben heimgesucht werden, große Worte darüber zu machen, daß wir uns mit den Glaubensbrüdern aller Welt verbunden fühlen. Angesichts der Tatsache aber, daß im Laufe der letzten Monate wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten der Juden sogar aus Mexiko und Canada gemeldet wurden, angesichts der Vorgänge in Danzig und in Polen sowie der Katastrophe in Saloniki soll hier doch einmal die Frage erhoben werden, ob es nicht an der Zeit ist, die Sache der Emanzipation für alle Länder einheitlich in die Hand zu nehmen. Bisher ist gerade dieses Problem vollkommen vernachlässigt worden, und die wenigen Organisationen, die sich in den Dienst der Emanzipation gestellt haben, wie in Deutschland der Centralverein, sind kaum je über denaRahmen ihrer eigenen Nation und ihres eigenen Landes hinausgekommcn. Heber die hier erhobene Frage aber wird noch ausführlich zu spreHen sein. Die nächste Doppel-Nummer erscheint Mittwoch, 22. Juli (Redaktionsschluß Freitag, 18. Juli, vormittags). Bereinigung für das liberale Judentum E. V. Hebung kommen. Montesiore betont mit Recht an einer Stelle seines Buches, daß der Liberalismus nichst Bequemlichkeitsreligion ist, sondern Tatkraft, Beharrlichkeit, Selbstverleugnung, Selbstzucht verlangt. Und wir können noch eines hinzusügen, daß er von uns ein großes Maß von Urteilskraft und von religiösem Verantwortungsbewußtsein heischt. Umso wertvoller ist es, die persönliche Färbung der liberalen Anschauung eines Mastnes wie Montesiore kennen zu lernen. Es ist lehrreich und förderlich für jeden, der mit ihm übereinstimmt, aber auch für denjenigen, der in manchen Punkten von ihm abweicht. Es ist doppelt förderlich,, weil eine solche Kenntnis den Liberalismus und die Liberaler: immer wieder vor der Gefahr behütet, dogmatisch zu. versteinern und jede Abweichung von der eigenen Auffassung unduldsam als nicht liberal oder nicht jüdisch zu verurteilen. Von sehr großem Interesse ist des Verfassers Stellung gegeuüber der national-jüdischen Anschauung. Er lehnt sie mit aller Entschiedenheit ab, aber er vermeidet auch hier jede Polemik und jede Schärfe. Alles in allem ein Buch, von dem man nur wünschen! kann, daß viele es mit der Aufmerksamkeit und inneren Anteilnahme lesen, mit der der Verfasser es geschrieben hat. Es ist in einfacher, schlichter englischer Sprache geschrieben^ und es ist,nicht leicht, ein solches Buch in eine andere Sprache zu übertragen. Es ist anzuerkettnen, daß Kauffmann diese Aufgabe gelöst hat. Die Übersetzung ist: frei von Fehlern und Mißverständnissen, sie ist wörtlich auch da, wo gelegentlich eine Kürzung vielleicht zweckmäßiger erschienen wäre, und sie gibt das Ganze in einer dein Original entsprechenden einfachen Sprache. Daß man da und dort in Ausdruck oder Stil Einzelnes anders wiedergegeben sehen möchte, beeinträchftigt nicht das günstige Gesarntnrteil und den Dank für den Uebersetzer. Einen Zusatz hätte ich allerdings gewünscht. S. 217 verweist Montesiore bei der Besprechung von Neujahr und Versöhnungstag auf seine „Bible sor Home-Reading". Hier wäre es zweckmäßig gewesen, in die deutsche Ausgabe die betreffende Stelle aus dem angegebenen Buche wenigstens auszugsweise aufzunehmen. Das Vorwort zu der deutschen Ausgabe hat Seligmann geschrieben. Man kann ihm nur uneingeschränkt beistimmen, daß man an diesem Buche in jüdischen Kreisen nicht ohne gründliche Auseinandersetzung vorübergehen kann, daß es vielmehr zum Ausgangspunkt fruchtbarster jüdischer Arbeit werden kann und — so dürfen wir hinzufügen — werden soll. Hermann V o g e l ft e i n. In Berlin. Am Montag, dem 29. Juni, mittags, kam es an der Berliner Universität zu schweren Ausschreitungen nationalsozialistischer Studenten, die ihren Ausgangspunkt in einem Steh-Convent hatten, den die Nationalsozialisten zum Protest gegen 4>ie Mißhandlung einiger ihrer Kollegen durch kommunistische Arbeiter veranstaltet hatten. Die Nationalsozialisten, die zunächst gegen kommunistische und sozialistische Studenten vorgingen, wandten sich in der Folge hauptsächlich gegen jüdisch aussehende Studenten, über die sie herficlen und die sie mißhandelten. Die Nationalsozialisten stürmten auch einige Hörsäle. Sprechchöre stimmten wiederholt die Rufe an: „Juda verrecke!", „Juden raus!" Mehrere Studenten wurden blutig geschlagen. Der Rektor Professor Dr. Teißmann versuchte die Nalionasozialisten zu beschwichtigen, konnte sich aber nicht Gehör verschaffen. Nunmehr rief ci die Polizei um Hilfe an, die sofort erschien und die Ordnung wieder herftellte. Als Polizeivizepräsideut Dr. Weiß auf dem Kampfplatz erschien, wurde er von den Nationalsozialisten mit höhnischen Rusen empfangen, sein Auto wurde umringt, dach drängte die Polizei die Excedenten schnell wieder zurück. Der Rektor -verfügte die Schließung der Universität zunächst für Montag und Dienstag. Für die nächsten Tage bis einschließlich Sonnabend, den 4. Juli, wurden alle Steh-Convent e verboten. Es fand eine außerordentliche Sitzung des akademischen Senates statt, der zu den Vorfällen! an der Universität Stellung genommen hat. Führer der nationalsozi.rlistischen Sturmabteilungen haben geäußert, sie seien entschlossen, an der Berlirrer Universität Wiener Zustände einznsühren, um ihre Belange durchzusetzen. Hochflut antisemitischer Ausschreitungen Studentenunruhen in Berlin, München, Köln, Wien — Pogrome in Saloniki

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