Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-06-24 · 24-25 (24.6.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
24-25 (24.6.1931)
Date
1931-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2614107-2614127--4001-2621658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

IöbMOeraleZeÜW Omm der Veretutguug für -m Ü-erali» Jutxttfotn $.#> Die Vereinigung für dar liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze. die ausdrücklich als in ihrem Namen od'er in »yrem Aufträge versaht gekennzeichnet sind» die Derantmortung. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschüftsstelle: Berlin SW 11, HallescheStr. 1 Fernruf: Bergmann 335$, 3359 Postscheckkonto. Berlin NW 7, 137069 (Bereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich IN. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereiulgnug ist der Bezugsprei» im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt. Nonpareille;eile 0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle v. sämtl. Anuoncen-Expedik. Nr. 24/25 Berlin. 24. Juni 1931 11« Jahrgang Die nächste Doppel-Nummer erscheint Mittwoch, L. Juli (Nedaktionsschlutz Freitag, 3. Juli, vormittags). Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Freiherr vom Stein Eedenkblatt zu seinem 100. Todestage (29. Zuni 1931). Von Professor Tr. Eugen Wölbe. Leit der staatlichen Neuordnung von 1918 ist die Erinnerung an die Machthaber von einst — namentlich der Kultus, den die begeisterungssüchtige Menge mit ihnen trieb, — zugunsten der Kulturbringer auf politischem, sozialem und künstlerischem Gebiete stark verblaßt. Die moderne, ach so nüchterne Zeit reicht den Lorbeer dankbaren Gedenkens nicht den Fürsten, denen durch den bloßen Zusall ihrer Geburt Macht und Herrlichkeit eigneten, kaum den Feldherren, mit deren Waffentalen zwangsläufig ungezählte Tränen und namenlose Leiden verknüpft waren, sondern den Führern zur Höherentwicklung des Menschengeschlechtes: darum hat das deutsche Volk trotz aller Nöte der Nachkriegszeit die Gedenktage an Beethoven, Schubers Kant, Lessing, Pestalozzi, Herder, Bodelschwingh etc. nicht ohne ein ehrendes Gedenken vorübergehen lassen. Demgemäß rüsten sich Regierung und Bevölkerung, das Andenken an den Fr ei Herrn vom Stein, der die Bauern von Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit befreite und den Städten ihre Selbstverwaltung ermöglichte, anläßlich der hundertsten Wieberkchr seines Todestages zu ehren. Auch die deutsche Judenheit darf sich dankbar dieses großen polnischen Reformators erinnern. Seine Gesetzgebung vom Jahre 1808, welche Gewerbefreiheit verkündete, Zunft- und Monopolwesen stark einschränkte und durch die Städteordnung allen Bürgern ohne Unterschied des Glaubens und des Standes Anteil an der Stadtverwaltung einräumte, diese politische Großtat ward die Veranlassung zu dein Toleranzcdikt Friedrich Wilhklms III., welches den bis dahin nur geduldeten preußischen Juden die Rechte preußischer Staatsbürger verbriefte. Karl Baron vom Stein (geb. 1757) stammte aus Nassau an der Lahn; er war der vierte Sohn eines kurmainzischen Geheimrats. Eine religiöse Natur, aber kein Freund von abstraktem Denken uitb fruchtlosem Grübeln, widmete er sich in Güttingen dem juristischen Studium. Frühzeitig richtete er sein Augenmerk auf die staatlichen Einrichtungen Englands, zu denen der aufgeklärte Absolutismus der preußischen Könige in so scharfem Widerspruch stand. Er arbeitete eine Zeitlang am Reichskammergerichi in Wetzlar, besuchte dann — überall scharf beobachtend — verschiedene geistliche und weltliche Fürstenhöfe und trat 1780, zunächst als Bergrat, in preußische Dienste. Wetter a. d. Ruhr ward ihm als Amtssitz zugewiesen. Bald wurde seine Behörde aus den politisch ungewöhnlich begabten Beamten aufmerksam. Sein Vorgesetzter Minister (von Heimtz) schlug ihn als Gesandten zu den Verhandlungen vor, die zwecks Schaffung einer Union deutscher Fürsten „zum Schutze der deutschen Reichsverfassung" zu Mainz gepflogen wurden. Sein König bot ihm Gesaudtenposten im Haag und in St. Petersburg; Stein aber lehnte ab. Er übernahm statt dessen das Präsidium der Regierung in Kleve, wo er sich um die Schiffbarmachung der Ruhr und um den Straßenbau ebenso wie um die Aushebung drückender Verbrauchssteuern (Accise) bemühte. Als ihm der König auch die Verwaltung in Minden-Ravensberg und Lingen-Tecklenburg übertrug, ward er des Mißverhältniises zwischen dem Großgrundbesitz und dein zu Hand- und Spanndiensten verpflichteten, frei geborenen Kleinbauern inne, einer Ungerechtigkeit, die dem Glück und der Sittlichkeit des Einzelnen,' wie dem Wohlstände und dem Gewerbefleiß des Landes nachteilig war. Ter Gedanke der Bauernbefreiung keimte in ihm aus. Nach dem Frieden zu Luneville, durch welchen Preußen das linke Rheinufer verlor, aber als Entschädigung das Bistum Paderborn und etwa die Hälfte des Bistums Münster erhielt, wurde Stein mit der Reorganisation dieser neuen Gebietsteile betraut — eine schwierige Stellung gegenüber dem bisher alleinherrschenden katholischen Adel. ' Stein aber bestrebte sich. „Bitterkeit und gehässige Gesinnungen zu ersticken und die Gemüter für das Gute der neuen Verfassung Empfänglich zu machen". Demgemäß trat er für eine humanere Vcha^siina der Soldaten, zugleich aber auch für eine Höherbewertung des Wuss»».dienstes in den Augen der Zivilbevölkerung ein. Auch einer der Steuergesetzgebung redete Stein das Wort. Freilich, zu irgend welcher Milderung der aus den I u - den ruhenden Lasten und Beschränkungen wollte sich Stein nicht verstehen. Als Chef des Zentralverwaltungsrates für diese westdeutschen Gebiete lehnte er alle Hilferufe der Frankfurter Juden, Stein möge sie in ihrem Kamps gegen den Magistrat um den Schutz der ihnen verbrieften Bürgerrechte unterstützen, barsch ab. Er ging aber ebenso wenig glimpflich mit den deutschen Fürsten um, die — ohne soziales Empfinden — nur ihrem eigenen Vergnügen und der Mehrung ihres Besitztums lebten. „Was gewinnt' Deutschlands Unabhängigkeit, wenn seine Grundsteinlegung zur ersten jüdischen Siedlung Am Sonntag, den 21. Juni, fand auf dem von der Jüdischen Landarbcits-G. m. b. H. im vorigen Jahre mit Hilfe eines Darlehens der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erworbenen Gut Groß Gaglow bei Cottbus die feierliche Grundsteinlegung zum ersten Siedlerhaus der jüdischen gärtnerischen und landwirtschaftlichen Kolonie statt, deren Errichtung auf dem Gelände des Gutes geplant ist. Der Jüdischen Siedlungsbewegung in Deutschland haben wir von jeher besondere Aufmerksamkeit zugewandt: ihre grundsätzliche Bedeutung soll der nachfolgende Artikel unseren Lesern noch einmal vor Augen führen, alsdann lassen wir einen Bericht über die Grundsteinlegung folgen. Eine Hoffnung Von Bruno W o y d a. Weil heute der Wirtschaftsorganismus der Welt in Unordnung gebracht ist, krächzen die Unglücksraben wieder einmal vom Ende der Menschheit. Gibt es denn noch eine Rettung? Müssen nicht Millionen Menschen verhungern? Immer mehr Menschen in Deutschland schütteln voller Bedenken ihr .Haupt, legen die Hände in den Schoß, zweifeln, verzweifeln. Nichts ist verständlicher als diese erstickende Atmosphäre der Dumpfheit, des Verzichts, der Hoffnungslosigkeit, des Unglaubens. Wo zeigen sich in Deutschland die Früchte der menschlichen Arbeit? Tie Jungen müssen erkennen, daß sie einen Berus erlernten, den sie nun nicht ausüben können, die Reisen quält das Heute und der Gram um den verschleierten nächsten Tag, die Alten übersehen ihr Leben, dessen erarbeitete Altersrente der Sturm vernichtete. Nicht jeder Mensch ist ein Hiob, der sich bei einem Hiob- Schicksal den Glauben bewahrt. Dennoch, das Wort, das Walther Rathenau vor dem Umsturz des Jahres 1918 „An Deutschlands Jugend" richtete, muß Geltung behalten: „Solange noch Selbstbewußtsein und Willenskraft in uns ist, lieber in tätigem Glauben und edlem Irrtum' vergehen, als in kranker Resignation und galliger Verneinung leben." 'Ist es nicht Menschenwerk,' unter dem wir leiden? Und daher auch durch Menschenwerk zu ändern? Wir bewundern so oft das menschliche Organisationstalent, das sich in der Gegenwart hier und dort offenbart. Denken mitunter gar voller Stolz, unsere Zeit sei das „Jahrhundert der Organisation". Nun, die einunddreißig Jahre dieses Jahrhunderts haben an Desorganisation gewiß nicht weniger gebracht als an Organisation, so daß erst die verbleibenden neunurrdscchzig Jahre entscheiden werden, welcher Titel diesem Jahrhundert von der Zukunft verliehen werden wird. Heute aber schon sehen wir, daß^ der Schritt von Organisation zu Desorganisation kaum größer ist, als der vom Erhabenen zum Lächerlichen. Wir haben Arbeitskräfte, Produktionsmöglichkeiten und Konsumbedarf — und organisieren soviel, daß die Arbeitskräfte zum Brachliegen verurteilt sind, die Produktionsmöglichkeiten unausgenutzt bleiben und der vorhandene Konsumbedarf nicht gestillt wird. Wen dürfen wir da anklagen? Nur bie_ menschliche Gesellschaft, und das heißt uns selbst. Ter Geist des Lebens ist zum Menschenfeind geworden. Nur durch neue Harmonie von Geist und Mensch wird die Krise überwunden werden. Sonst aber wird sie bleiben. Das mag in einer Zeit nüchternster Notverordnungen lebensfern klingen. Es ist, denke ich, dennoch die Quintessenz alles Lebens. Gustav Landauer hat in seinem heute wie je erschütternden „Aufruf zum Sozialismus", der ja kein Werk einer Partei, sondern ein Werk des Geistes ist, die der Lösung harrende Aufgabe der Menschheit klar formuliert. „Hunger, Hände und Erde sind da, alle drei sind von Natur aus d,a. Und außer ihnen brauchen die Menschen nur, was zwischen ihnen hergeht, anständig zu ordnen, und sie haben, was sie brauchen, bamit jeder ganz nur für sich arbeitet; damit sie alle die Natur ausbeuten, aber nicht sich untereinander." Wahrlich kein Wunder, daß Landauer in biefem Zusammenhang die Agrarordnung Alt-Israels erwähnt; so wenig überraschend wie die Tatsache, daß in den letzten Wochen eine neue Schrift*) unter dem Titel erschien: „Die Lösung des sozialen Problems: Tie Bibel". „Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land am zehnten Tgge des siebenten Monats als dem Tage des Ausgleichs... „Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und ihr sollt ein Freijahr ausrufen im Lande allen, die drinnen wohnen; denn es ist euer Jubeljahr; da soll ein jeglicher bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlechts kommen. „Das ist das Jubeljahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll." Wer Ohren hat zu hören, der höre. Ta sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land! Tie Stimme des Geistes ist die Posaune, die immer und immer und immer wieder ertönen wird, solange Menschen beisammen sind. Immer wird Unrecht sich festsetzen. *) Von Tr. Kurt salomou. Verlag M. & H. Marcus, Breslau. Kräfte noch in größerer Masse in diese Hände konzentriert werden?" Sehnlichst wünschte dieser weitblickende Staatsmann eine Beseitigung der kleinen Staaten zugunsten der beiden Großmächte Preußen und Oesterreich. Mit seinem Eintritt in das preußische Staatsministerium — zunächst als Handclsminister — eröffnete sich dem rastlosen, menschenfreundlichen Manne die Möglichkeit, seine reformatorischen Pläne zu verwirklichen. Wachen Auges hatte er das Auf und Nieder der französischen Revolution verfolgt, deren segensreiche Früchte er für die Neuordnung seines eigenen Vaterlandes gern verwertete. Aber erst unter dem Zwange der Niederlagen von 1896 und 1807 gewannen seine Reformen Gestalt. Sein Hauptziel war die Weckung einer bewußten, freudigen Mitarbeit am Staat, der bisher nur über knechtisch-gehorsame, politisch teilnahmlose Untertanen geboten hatte. Die Revolution hatte den Franzosen ein starkes Gefühl für Freiheit und Menschenwürde anerzogen. Auf dem Wege einer den Einzelnen stark am Gedeih und Verderb des Staates interessierenden Gesetzgebung gedachte Stein dasselbe stolze Selbstbewußt sein zu erzeugen. Ein „Revolutionär" ist der kluge Baron nicht gewesen: er war zu fest mit der 7"."rMßischen Tradition verknüpft, als daß er schonungslos bilde/ uachgUhmt Sein Vorgesetzter Ministe- Stein leitete die Umwandlung des nerhceres in ein pflichterfülltes Volksheer ein, weichM Scharnhorst, später Gneisenau, die erforderliche militärische Grundlage verlieh. Napoleon wußte wohl, daß Stein die Triebfeder zu dieser nationalen Wiedergeburt war, Drum haste er ihn fast noch mehr als ihm die preußischen Junker, die sich in ibrer Allmacht bedroht fühlten, grollten. Da ihn der König zu einem Gutachten ausforderte, ob Napoleon auch ^nach seinem Siege auf Staatskosten in den preußischen Schlössern bewirtet werden sollte, und' Stein dies Gutachten ablehnte, weil dies Sach/ des Außenministers sei, entließ ihn der König barsch: er sei als „ein widerspenstiger, trotziger, hartnäckiger und ungehorsamer Staatsdiener anzusehen, der, auf sein Genie und seine Talente pochend, weit entfernt, das Beste des Staates vor Augen zu haben, nur durch Eapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Haß und Erbitterung handle. Dergleichen Staatsbeamte seien aber gerade diejenigen, deren Versahrungsart am allernachteiligsten und gefährlichsten für den Zusammenhalt des Ganzen wirke." Stein floh nach Oesterreich, später nach Rußland, wo er dem Kaiser Alexander I. für seinen Kampf gegen Napoleon dos Rückgrat steifte. Das Reformwerk, welches Stein begonnen, setzte Hardenberg fort. Stein ward.nach den Freiheitskriegen glänzend rehabilitiert. Der König verlieh ihm den Schwarzen Adlerorden; Hardenberg bot ihm die Stelle eines preußischen, Metternich die des österreichischen Gesandten beim Bundestage an. Beides lehnte Stein ab. Er zog sich ins Privatlebe,t zurück, und starb im Kreise seiner Töchter auf seinem Landsitz Cappenberg in Westfalen. Wenn er auch den Juden persönlich kein Wohlwolten entgegenbrachte — er kanntl'uZ"'Knr 'durch sein so dürfen wir demwch ^anzipation der deutschen Juden darüber hinaus auch «i-lm >-«ih«it!ichm Gedanken zur politischen BerwirkMMilg verholf-n hat, die im geistigen Judentum begründet liegen, so dürfen wir als dänische Inden uns seiner mannhaften, nnerschracknien. tatkräftigen Persönlichkeit freuen: „Des Guten Grundstein, des Bösen Eckstein, aller Deutschen Edelstem."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.