Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 17 (29.4.1931)
- Date
- 1931-04-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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bringen soll, kann und darf der Liberalismus nicht abgehen. Durchaus im Recht aber ist Wiener mit seiner Wertung der landläufigen Predigt, daß die „stereotyp werdende Darlegung der häufig gleichen Ideen" aus die Dauer für Hörer und Redner ermüdend und erschöpfend wirkeil muß. Aber muß denn jedes „Wort" des Predigers immer eine „Predigt" sein? Ein homiletisch kunstgerechter Aufbau von „Wahrheiten" und ,,Ideen", eine „stereotyp werdende" Wiederholung von „Mahnungen und Ermahnungen"? Könnte nickt vielmehr an ihre Stelle ein kurzes Wort der Ansprache treten, wie es früher meines Wissens Laeck in Düsseldorf, Warschauerin der Lindenstraßeu Synagoge geübt haben, und wie es Naumann in seiner „(Hotteshi'lfe" anfweisl? In solchem Sinne gestaltet, ist die Predigt das NoUvendige und - das Wirkungsvolle: dann ermüdet sie nicht, wenn sie in jedem (Gottesdienst austritt: denn sie „sättigt" nicht, sondern macht jedesmal aufs neue „hungrig" nach einem „göttlichen Wort". Umso lebhafter stimme ich dem zu, was Wiener für deu übrigen deutschen Teil des Gottesdienstes fordert, daß er „grundsätzlich aus dem Beharrnngszustande herauszunehmen ist, der für ihn unberechtigt ist". Es ist erfreulich, das; endlich einmal ein beamteter Berliner Rabbiner aas der Er fahrung seines Amtes heraus die Anschauung vertritt, das; der „deutsche Teil" „der veränderliche Faktor" des (Lottes dienstes sein soll, das; „der freie Bezirk des Nichthebräischen" in „viel umfassenderer Weise wirklicher Belehrung und rcli giöser Bildung nutzbar gemacht" werde. Durchaus treffend ist sowohl die Forderung, „daß die deutschen Wrlu'le vielfältige Formulierung erhallen" nrüssen, als auch, das; es notwendig sei, „wieder im alten Sinne die Schrisr zu erklären", d. h. „die Thora in den Mittelpnrll religiöser Bildung auch im Gotteshaus zu rücken". Deshalb ist säst alles, tvas Wiener fordert, zu unter schreiben: Die Uebertragung der hebräischen Thora-Borlesuug auch in unsere Muttersprache (wobei jedoch -- im Gegensatz zu seiner Anschauung --- „solche Abschnitte, die nur Zeitbe dingtes tvie Opfer, Reinheilsgcsehe n. dgl." enthalten, möglichst „gemieden" werden müssen), an geeignete» Stellen uiib Tagen Borlcsuirg and) der Bihelstofse (im weseullicheit natürlich in unserer Niuttersprache), die im (Gottesdienste meist völlig unberücksichtigt und deshalb dem Publikum unbekannt bleiben, sowohl der sogenannten „Rollen" für die besondere» Tage als auch a»derer abseits liegender Teile und nicht zuletzt aus dem religiösen Schrift rum und der religiösen Dichtung des späteren Judentums, ja auch -- und da gehe ich weiter - der Gegenwart. Und ebenso und nicht zuletzt muß man der Anschauung Wieners zustimmcn, das; „all das unaussührbar ist, wenn mau ein System, eine feste Ordnung dafür verlangt". Wenn ich somit Wiener itt fast allem beipflichte, so habe ich mich dock) gegen eins zu wenden, nicht gegen etwas, was er sagt, sondern dagegeir, daß er etwas leider nicht sagt. Nämlich die Beantwortung der Frage, die jedem beim Lesen von Wieners Aussatz kommt: Warum ist von allem, was erfordert, im Gottesdienst der Berliner Gemeinde bisher nichts durchgeführt oder auch nur augeregt? Warum werden ähnlichen Vorschlägen zur Wandlung, die von anderer Seite, von Laien kommen, von liberalen Berliner Rabbineril möglichst viel Schwierigkeiten itt deu Weg gelegt? (Siehe Liturgie der Prinzregenten-Synagoge.) Hier wäre auch Gelegenheit gewesen, zu sehen, daß diese Forderungen nichts Unerfüllbares, aber auch nick)t ganz Neues enthalten. Sie sind aus dem Stadium bloß theoretischer Erörterung längst heraus und der praktischen Erprobung zu geführt. Sollte cs Wiener nicht bekannt sein, daß die Liberale Synagoge Norden (nachdem ich jahrelang den Gedanken privat und öffentlich propagiert hatte), feit acht Jahren versucht, den Weg zu gehen, den er jetzt in klaren Worten scharf umreißt? In der Liberalen Synagoge Norden bemüht man sich immer wieder, „durch Entbürdung von so vielem Alten Raum zu schaffen" und deu Gottesdienst „mit dem zu erfüllen, was unfern Menschen wahrhaft nottut". Die Liberale Synagoge Norden hat in vielen liberalen Kreisen Deutschlands, bei Rabbinern und Laien, reges Interesse und auch Nachahmung gesehen. Aber sie hat bisher nur in geringem Maße das Glück gehabt, daß ihr Weg (die wenig wohlwollende Haltung der Gemeindebehörden gar niä)t gerechnet) die theoretische und praktische Förderung gerade der Berliner liberalen Rabbiner, geschweige denn Nachahmung im Gottesdienst der Gemeinde gefunden hätte. Darum begrüße ich mit umso größerer Freude Wieners Aussatz. Bielleicht darf nun die .Hoffnung erwachen, daß der liberale (Gottesdienst der Berliner Gemeinde beginnen wird, sich aus der Starrheit zu lösen, in die er seit Abraham Geigers Tode versunken ist! \*\.Aus'den Gemeinden Berlin. (8 4. 0) r bn v t * t a fl.') Am 25. April feierte imfeilrciie*, langjährige-) Mitglied, .Herr Emil Streisand, in voller geistiger und körperlicher Frische seinen Kt. Geburtstag. Wir wünschen Herrn Streisanb nachmals an dieser Stelle, daß er den Tag in gleicher Rüstigkeil nach recht osl erleben möge. Berlin. (Todesfall.'» Ganz unerivarlet verstarb ain 20. April der Kastellan der Synagoge F-asanenstraße, Herr Hugo Kaatz. Herr Kaatz lvar uns als treuer, zuverlässiger Beamter bekannt, der von einem außerordentlichen Pslichtbeivußtsein erfüllt lvar. Für die seier .liehe Ausgestaltung des Gottesdienstes hat er mit innigster Begeiste rnng a» seiner Stelle mitgewirkc. Als Mitglied d-es Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hat er den Bestrebungen des Vereins volles Verständnis entgegenglkbracht. Seine allgemein menschlichen Eigenschaften, seine persönliche Liebensivürdigleit und iederzeil bereite Gefälligkeit haben ihm einen großen Kreis von dankbaren Freunden erworben. Floh OPfalj). (Todessal l.) Im 79. Lebensjahre starb die Hauptlehrerswitwe Fanny Wetzler, die durch soziale Tätigkeit hervor getretene Vorsitzende des Frauenvereins itub ein rühriges und stets hilfsbereites Mitglied anderer Wohltätigkeitsvereine. Ihre Bestattung sand unter großer Anteilnahme iveitee Kreise statt. Frankfurt a. M. (Sitz n u g d e r G e IN c i n d c v c r t r e t u n g.) Ter stellvertretende Vorsitzende Naphtali Fromm widmet dem verstorbenen Julius Carlebach einen warmen Nachruf und beglückwünscht San. Rat Tr. Günzburg, den früheren Chefarzt des jüdischen Krankenhauses, zu seinem 70. Geburtstag, sowie den Bürodirektor Isaac Mayer zum 25 jährigen Amtsjubiläum. Tie Gemeinderechnung 1929 30 liegt vor und wird zwei Gemeindevertretern zur Revision überwiesen Tic Frage der Zusammensetzung des Phil-anthropin-Schulrats wird zurückgestetlt, bis die zwischen Vorstand und Schulrat schwebenden Verhandlungen über die Zukunft der Schule bis zu einem gewissen Abschluß gelangt sein werden. Alsdann tvird die Neuwahl der Synagogen Vorstände vollzogen und der Bericht der Religions Ritter rühtskomMission zur Kenntnis genommen. In nichtössentticher Sitzung werden Bauangelegenheiten und Personalsachen behandelt. Hamburg. (Pros c s s v r Willi a m Ster n, (>0 I a h r e.) 2lm 20. April wird der berühmte Psychologe William Stern, Professor der Philosophie an der Universität Hamburg, 00 Jahre alt. William Stern gelchrl mit zu den Begründern des kritischen Personalismus und gilt als einer der hervorragendsten Vertreter der angewandten. Psychologie. Sei» oft aufgelegtes Standardwerk „Psychologie der frühen Kindheit" ist für jede», der sich mit der Psychologie, insbesondere »m der des Kindes, besaßt, unentbehrlich. Sein philosophisches System hat er in dein dreibändigen Werk „Person und Sache" niedergelegt, seine bahnbrecheuden psychologischen Forschungen, na meiuliel» aus den Gebieten der Aussagepsychologie, der Kinder n»d der Perusspsychologie, in zahlreichen größeren und kleineren Werken, nnier denen die „Monographien über die seelische Entivicklung des Kindes", „Tie dissereiilietle Psychologie in ihren methodischen Grund tagen", „Tie Intelligenz der Kinder und Jugendlichen" und die „Melhodeniaminlung zur Intelligenzprüsung" voranstehen. Er pur als einer der ersten innerhalb des Rahmens der wissenschaftlichen Schul- Psychologie den Bann, der im engsten Sinne des Wortes experinirn H'Ueit Methode» gebrochen, indem er nach zlvei Seiten hin grnnd legend neue Wege beschritt: l. Mit seinem „Studien zur Psychologie der Ansiage" förderte er mit Nachdruck das seither immer weiter ge tvordcne Feld der angeivandlen Psychologie, zu deren Allsbau die von William Stern begründete und geleitete „Zeitschrift für aipgewandie Psuchologic" beträchtlich beitrug: 2. die frühe Arbeit vvir Stern „Tie Psychologie der individuellen Tisserenzen" lenkte die Ansmerksamkeit von dein bis dahin bevorzugten allgemeinen psychologischen Problemen ans die Enitvicklitirgs und Persönlichkeitspsychologie: die späteren Auslagen der '-Arbeit („Tissereutielle Psychologie") tvnrden zuin weit verbreiteren methodischen .Handbuch dieser Richtung der Psychologie. Stern gibt auch die Zeitschrift für pädagogische Psychologie und die Schriften zur Psychologie der Berusseignung und des Wirtschaftslebens mir heraus. William Stern, der in Berlin geboren tvnrde nnd sich 180K in Breslau habilitierte, ist ein Enkel von Sigisnrnnd Stern, Mitbegründers der Berliner Resormgemeinde nnd einstigen Leiters des Philanrhropins in Frankfurt a. M-, der in seinen Vorlesungen über „Tie Ausgaben des Indenrnms nnd seiner Bekenner" die Losung der „Tentsch jüdischen Kirche" ausgab. William Stern, der auch Tireklor des psychologischen Laboratoriums an der Universität Hamburg ist, hal, namentlich ans den angelsächsischen Ländern, tvo seine Arbeiten sich besonderer Beachtung erfreuen, mannigfache Ehrungen er fahren. In der „Philosophie der Gegenivarl" hat er eine Selbstbarstellnng gegeben. Kassel. (Persönliches.) Nach fast 22 jähriger Tätigkeit als Leiterin des Heims des Schwesternbundes tritt Fräulein Lichlenseld in den Ruhestand. Ter Vorstand des Schtvesternbundes nahm ov Gelegenheit, der nun von verantwortungsvollem Amt Scheidenden für ihre hingebungsvolle, ersprießliche Arbeit Tank und Anerkennung zu zollen. Auch anläßlich des kürzlich begangenen >>5. Geburistagrs trat die Wertschätzung, deren sich Fräulein Liehtensetd erfreut, denttieh in Erscheinung. Als Naehsolgerin nnd neue Leiterin des Heims ivlirde vom Vorstand Fräulein Mainz ans Tarmstadt gewählt, die ihr Amt voraussichtlich am l. Mai übernehmen tvird. Kassel. (2 5 Jahre i m Die» st d e r 26 ohls a h r l s - pflege.) Ter Israelitische Krankenpslegeverein konnte in seiner letzten Sitzung der 25 jährigen verdienstvollen Tätigkeit seines Vorsitzenden Rudolf Nnßbauin dankbar gedeutelt. Ter Jubilar ist seit mehr als 30 Jahren Mitglied der Ehewra, lvar zeiuveise ihr Sehrist sührer und stellvertrcteitder Vorsitzender, bis er am 0. März lOOü zum Vorsitzenden gewählt tvnrde. In dieser mehrere Jahrzehnte um - fassenden Zeit hat sich Gemeindeättester Nußbaum die den Ziele,' des Krankenpslegevereins entsprechenden Ausgaben, Fürsorge in Krank heitssällen und .Hilfsbereitschaft bei der Bestattung Verstorbener, in erhöhtem Maße angelegen sein lassen. Auch die allgemeine Kranken.' pflege, die durch die Sanitätskolonnen ausgeübr wird, besitzt in ihrem früheren Kolonnensührer Nußbaum einen sachkundigen, stets hilfsbereiten und durch zahlreiche Auszeichnungen anerkannten und betvährteir Förderer ihrer Bestrebungen. Köln. (H a u s h a l t b e r a t u n g.) Am Tonnerstag abend begannen in der Repräsentantenversammlung die diesjährigen Haushalt beratungen. Der neugewählte Borstandsvorsitzende Rechtsanivalt Tr. Frank leitete sie mit einer Rede ein, die in knappen klaren Zügen einen Ueberblick gab über die Schwierigkeiten, die der Vorstand in den ivcnigen Wochen seiner Amtsführung zci bewältigen hatte, aber zugleich auch über die Finanzgebahrung, so >vie sie die Zeit schärfster wirtschaftlicher Krise notwendig erscheinen läßt. Tr. Frank kündigte eine eingreifende St c ue rn o v e ll« an, ans der folgendes hervor gehoben sei: Es soll hinfort bei Gemeindemitgliedern, die von der Einkommensteuer sreigestellt sind, aus die Vermögenssteuer znrückgegriffen werden; es soll eine Art Kopfsteuer als „Bürgersteuer" erhoben werden (2 bi-s 10 Mark); das Stenerprivileg der Gemeinde-- beamten tvird fallen, so daß zukünftig atrch sie zu den Lasten der Gemeinde herangezogen iverden. Wenn dann, so meint der Redner, 20°/o der Einkommensteuer als Gemeindesteuer festgesetzt werden, so dürste der Haushalt im (Gleichgewicht bleiben. Auf Einzelheiten eingehend führte Tr. Frank etwa ans: durch energische Abstriche ist es erreicht tvorden, den Etat von rund 040 000 Mk. aus ruiit\830 000 Mark herabzusetzen. Tie Ausgaben für die Synagogenchöre sind um die .Hälfte verringert lvorden. Im Wohlsahrtsetat fehlten diesmal einige Institutionen, doch sei dem eigentlichen Wohlsahrtslveien keinerlei Mittel entzogen lvorden, weil man die Aermsten der Armen niciit hungern lassen wolle Mail fjabe auch sie Gehälter der Beamten nach Möglichkeit geiürzt. Tie Gemeinde Habe sich verpflichtet, der Iaione 5 Jahre lang sc 25 00t) Mk. zu gelvähren. Ter Zuschuß des Lande'sverbnndes betrage nur noch 10 00t» Mt. Außerdem dürsten ans dem Wege privater Werbung noch 25 000 Mt. au »gebracht iverden, so daß die Iawne über etwa (50 000 Mk. verfüge, während 85 00V Mk. erforderlich seien. Wenn diese Situation nicht zum bessern gewendet Iverden könne, sei die Frage berechtigt, ob die Gemeinde den hohen Betrag weitcrzahl-en müsse, auch wenn keine Aussicht bestehe, das Schnlwerl ausrechtzuerhalten. In der Aussprache ivaudte sich der Sprecher der Konservativen, Leopold Klein, scharf gegen die Tendenz, aus der Gemeinde eine Bolksgenteinde im Sinne der zionistischen Ideologie machen zu tvollcn. Er rügte eine Reihe Fehler im neu gedruelien Gemeiudestalut, ritt eine fruchtlose Attacke gegen die Ge meinschast und ihren Führer. Tie liberale Fraknon halte Herrn A b e l vorgeschickl, der sich anerkennend über die Riesenarbeit des Vorstandes aussprach. Ter Sprecher der V o l k s p «i r i e i, Amtsgerichlsrat Nt a y, versuchte in seiner Jungfernrede, die Haushcrltssragcn der (Gemeinde in Zusammenhang zu setzen mit der Gesamt.- judenfrage. Er in einte, mit der These von der Gemeinde als Reli gionsgeineinde sei inan nicht weit gekomineu. Ter Zionismus habe den Versuch unternommen, dem Wohlsahrtsivesen den Charakter des Wohttlins zu nehmen nnd ihm den Charakter konstruktiver Hilfe zu geben. Tiefer Grundsatz lvcrdc auch seine Fraktion leiten, wenn sie nunmehr Stellung zu nehmen habe zu den Vorschlägen des Vorstandes. Es sei ihr eine Genugtuung, daß. Ivenn auch dieses mal der Betrag für den Keren hajessod gestrichen sei. der Vorstand doch die Erklärung abgegeben habe, mit dem Werk des Palästinaausbaues ver Hunden zu bleiben. Für die Mittelpartei sprach Dagobert Stein i,tz. Man trat in vorgerückter Zeit in die Spezialdebatte ein. Ein Belicht hierüber folgt. Köln. (Nene R c p r ä s e n t a u t e ntt Konsul Paul Herz -- borg von der Liberalen Fraktion hat wegen Arheitsüberhäusung sein Amt als Repräsentant niedergelegt. An seine Stelle trat Frau Martha P a g e n e r. Für den in den Borstand gewählten Repräsentanten Konsul Albert Bend ix ist Rechtsanwalt Tr. Cappel in die Liberale Fraktion cingctrcten. Köln. (Robert L c y vor den Schösse n.) Am Freitag hatte sich der Nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Dr. Ley in vier AnNagesällen vor den Schössen zu verantlvotten. Es handelte sich um verschiedene Delikte, darunter Beschimpfung der jüdischen Religion, Beleidigung des Berliner Polizeivizepräsidentem Dr. Weiß. Das Gericht erkannte in einem Falle aus eine Geldstrafe von 300 Mk., in zwei weiteren Fällen wegen Mangels an Betveisen aus Freispruch nnd in einem Falle wurde Vertagung angeordnet. Tr. Ley hatte an diesem Tage eine vierlvöchige Gefängnisstrafe beendei. Königsberg. (R e p r ü s c u l a n t e n v e r f n m in ( u n g.) Tie tctzle Repräsentantenversammluilg wurde in Abwesenheit des erkrankten. Repräsentanteilvorstehers, Waisenhausdirektor Peritz, vom stellvevlretende» 'Vorsteher, Iustizrat Tr. L i -ch t e n st ein, geleitet. Tiefer verlas ein Abschiedsschreiben des Repräsentant-cmvorstehers, in dem. er seine Amtsniederlegung bekannt gibt, da er aus Königsberg scheidet. Ter stellvertretende Vorsteher ging aus die hohen Verdienste von Repräsentanteilvorsteher Peritz ein, der zivenuidvi-erzig Jahre hindnrehats Tireklor des Waisenhauses, Jngenderzieher, Repräsentant und Repräsentanteilvorsteher in starker Weise wertvolle jüdische Gemeindearbeit geleistet nnd an der Spitze des Geineindelebens gestanden habe. Innerhalb der Repräsentantenversammlung seien unter seiner Leitmi-g die Arbeiten in sachlicher Weise gediehen nnd die Versammlung verdanke ihm mainh wertvolle Anregung. Insbesondere sei sein großes Verdienst die Heranziehung der jugendlichen Kreise zur Gemeindearbeit. Für deir G^meindevorstand feierte der Gemeindevorsitzende Geheimer Medizinalrat Professor Tr. Fallenheim die Verdienste von Direktor Peritz, der sieh auch aus' deiil Webiete bei* Standes- Politik der Lehrer besonders ausgezeichnet nnd für diese eine preußische Pensionsknsse gesehnssen habe. Tie Zusammcnarbeit mit dem Vorstand habe sich stets in mustergültiger Weise abgespielt Es erfolgten sodann Mitteilungen des Vorstands, die durch den stell. vertretenden Reprülentantenvorsteher bekannt gegeben wurden. Ins besondere handelte es sich nur Persvnalangelegenheiten. 26ei-terhi>r sei zu berichten, daß die Fnsionsverhandlungen zwischen der Attcir Synagoge nnd der konservaliveii Gemeindesynagoge Hunstig stünden. Tie Instandsetzung des alten Friedhofs soll nach einer Mitteilung des Barstands baldigst durchgeführt werden. Tie Repräsentanten- Versammlung stimmte einem Kollektiv Vertrag mit der Phönix Ver sicherungs A. 0). Wien Berlin zil, der die Errichtung einer Begräbniskasse für Angehörige der Synagagengemeinde Vorsicht. Königsberg. (Amtsjubiläum van Lehrer Moritz Hofs man n.) Am 1. Mai begeht der Lehrer der hiesigen Syna gogengemeillde Moritz Hofs in a n n sein sünsnndzlvaiizigjühriges Iubi lüum im Dienste der Königsberger Jüdischen Gemeinde. Ter Jubilar der in iveitesten Kreisen der Gemeinde großes Ansehen genipßt, ist am 12. Tezember 1871 in Westerstede in Oldenburg geboren und erhielt seine Ausbildung ans dem Seminar in Hannover, wo er 1802 die erste Lehrerprüfung bestand. Im Jahre 1804 lcgle er die ziveile Lehrerprüfung am Staatlichen Seminar in Koschmin, Provinz Posen, ab. Tanach war er in Jastroiv itnb in Hohcnsalza tätig. An ley-- lerenr Orte wirkte er zivölr Jahre hindurch als Volksschullehrer an der dortigen Siniullanschnle. Hieraus tvnrde er von den Gemeinde körperschasteir der .Königsberger Synagogengemeinbe als Religionslehrer nach Königsberg berusen. Lehrer Hossmann lyrt sich auch über seinen engeren Tätigkeitskreis hinaus im jüdischen Leben betätigt. So steht er seit vielen Jahren dein Indischen Arb-eitersürsorgeamt mit Eifer und Tatkraft vor und hal aus diesem Gebiet der sozialen Fürsorge .Hervorragendes geleistet. Ter Jubilar erfreut sich in >vci testen Kreisen der .Königsberger Gemeinde und darüber hinaus größter Wertschätzung und fl itt als sehr guter Lehrer. Königsberg. (T a g n » g d c s S y n a g o g c n v c r b a n de s - Ostpreußen.) Am 12. April trat in Königsberg der Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens zu einer außerordentlichen Gene ralversammlung z-ustiinmen, die dadurch veranlaßt war, daß der Ver bandsvorstehrer Kansmann Arthur Cohn aus Grund des Ausfalls der Wahl zum Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Ge meinden sein Amt niedergelegt hatte. Zunächst sand eine interne Ausschußsitznng statt, äts deren Ergebnis festzuskellen ist, daß der Aus-- schuß den Wunsch bekundete, daß der bisherige Perbandsvorsteher sein Amt weiterführen solle. Nach telefonischer Anfrage erklärte sich der nicht anwesende Kansmann Arthur Cohir dazu bereit. Sodann fand die außerordentliche Generalversammlung statt, die der stetlvertreten-de Verbandsvorstchcr Sanitätsrat Tr. R o s e n t rantz - Insterburg lei tete. Nach allgemeiner Begrüßung gab das Ausschußmitglied Ge meinderabbiner Tr. L e iv i n Königsberg einen Bericht über di-e augenblickliche Wirlschaststage des Synagogenverban-des. Er schildert^ die große Notlage der Gemeinden der Provinz, die durch die allgc meine Wirtschaftslage hervorgerusen sei. Insbesondere vertrat Tr Lewiri in seinem Bericht die Anschauung, daß die augenblicklich Herrschendcn Beamtenverhältnisse der jetzigen Wirtschaftslage nicht entsprächen. Er trat für eine Aenderung der Personalverträge ein un» brachte zum Ausdruck, daß vielfach nicht genügend vorgebitdete Beamte von jenseits der Grenze unberechtigterioeise in Ostprcuß-en ihre Tätigkeil ansübten. Tie in der Versammlung anwesenden Beamtenvertreter, insbesondere Prediger Mannheim Osterode nnd Kantor Woll- Heim-Königsberg traten diesen Ausführungen entgegen. Bei der darausfolgenden Debatte über die Personalkrise hinsichtlich des Verbandsvorstehers trat die Versammlung dem bereits vom Ausschuß gefaßten Beschluß, Kaufmann Arthur Cohn wieder zum Verbandsvorsteher zu wählen, bei. Frau Rahel Wolf s hielt einen Vortrag über die Stellung der Frau in der jüdischen Gemeinde, an den sich eine sehr eingehende Aussprache anschloß. Infolge Verzugs von Königsberg ist Waisenhausdirektor Peritz nach vierzigjähriger Tätigkeit im Syna gogenvcrband aus dem engeren Ausschuß ansgeschieden. — Zum stellvertretenden Verbandsvorsteher und Mitglied des geschästssührendem Ausschusses ivählie die Versammlung Rechtsaittvalt Tr. Arthur Ehrlich - Königsberg und zum Schriftführer für den bisherigen Schrift führer Kantor Wotlhciin, der eine Wiederivahl abgelehnt hatte, ivurde Gemeinderabbiner Tr. Lervin Königsberg geivählt. Stuttgart. (B u n d für II e u e s I ll d e n t u nt.) Ans Stuttgart wird uns berichtet: Ter „Bund für neues Judentum" hatte am 23. April eine Versammlung veranstaltet, in der Tr. Karl Lieblich über das Thema „Was will der Bund für neues Judentum" sprach. Eine große Anzahl Hörer, darunter auch Nichtjuden, waren der Einladung gefolgt. Tie Ausführungen des Redners, der ganz neue Begriffe eines von Thora, Brauch und Sitte gelösten Judentum» gab, riesen schon beim Beginn des Themas den Widerspruch hervor, der später zum Ausdruck kommen sollte. Ebenso widerspruchsvoll war das, lvas der Redner 'unter „politischer Erneuerung" vorbrachte. Nach ihm sind die Juden das „Gürtetvolk" der Erde, wohl völkische Gemeinschaft innerhalb der Staaten und doch nicht Volk im Sinne des Zionismus. Nach den Ausführungen des Redners »vollte die zahlreich vorhandene ttzegnerschnst zu Wort kommen; sie Ivurde daran verhindert unter der Begründung der Leitung, cs eigne sich dieser Vortrag nicht zur Tiskussion. Vergebens erklärten viele Anwesende, daß gerade die Gelegenheit zur Aussprache sie hierhergesührt habe. Unter Protest derjenigen, die aui iolche Weise mundtot gemacht lvorden waren, endete der Abend in wenig harmonischer Weise. Die durchaus radikale, dem latsächlichen Judentum durchaus abgelvaudte Lehr«, die brr „Bund für neues Judentum" zu verbreiten sucht, ist gesähr-- lich, »veil sie geeignet ist, bei der Ingend Verwirrung zu bewirken. Umso mehr wäre es »ölig gewesen, in öffentlicher Aussprache Klarheit zu schassen. Illm. (Sauilätsral Tr. Nördlingcr.) Allerseits begrüßenswert und ganz besonders erfreulich für unsere Gemeinde ist die Ucbersiedeluug des hoch geschätzten Ehepaares Sanitätsrat Tr. Nördlingcr von Buchau nach Ulm. Tr. Nördliuger, der länger als 40 Jahre seine lvohlerprobte, umfangreiche Tätigkeit als Arzt crnsübte, will deir Ruhestand mit seiner Gattin an der Stätte des segensreicheit Wirkens seines seligen Schwiegersohnes, des unvergstßlichen Rabbiners Tr. Ferdinand Straßburger, im Kreise von Kindern und Enkeln verbringen. Der noch außerordentlich rüstige, jugendsrischl* Greis im biblischen Alter hat schon jetzt, in der kurzen Zeit seines Hierseins, durch Rat und Tat in echt jüdischem Sinne gezeigt, wie Einrichtungen einer Gemeinde oder Belange von Vereinen in geradezu, vorbildlicher Weise unterstützt und befruchtet werden können. Es >vac für ihn, dem sein musikalischen und sangeskundigen Menschen, selbstverständlich, sofort unserem Synagogenchor als ausübendes Mitglied bcizutreten. Anläßlich einer Veranstaltung im Leseverein machte seine formvollendete poetische Darbietung über das jüdische Lied den nachhaltigsten Eindruck. Seine reiche, schätzenswerte Erfahrung auf dem Gebiete der Wohlfahrts, Armenünd Kttankempslege stellt er bereitwilligst in den Dienst der Allgemeinheit.