Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 14 (8.4.1931)
- Date
- 1931-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle «. famtl. Annoucen-Expedit. 7k. 14 Berlin. S. April 1931 11. Jahrgang Pesfachgedankeu Ban Rechtsanwalt Heinrich Stern. „Für jÄe aktuelle Erörterung der Judenfrage ist die Gchachgefchichte noch immer die beste zionistische Antwort." «io ertlärt sich und seinen Lesern Kurt Blumenfeld in seiner Peßachbetrachtung den Sinn unseres Festes. Ihm ist tag Freiwerden und der Zug dem eigenen Land entgegen, daß Wesentliche, das eigentlich Bleibende, die Peßachlehre ßtir heute. „Fast, wider Willen werden die Kinder Israel zu einem Volk — Auserwähltheit und Lehre nehmen sie erst cm, als ihnen kein atrderer Ausweg bleibt und ihnen nur die Wahl zwischen der Thora und dem Tode gelassen wird." Es mag sein, daß> diese Darstellung des Peßach-Geschchens eine zionistische Antwort, eine zionistische Deutung fft, die jüdische Deutung ist es nicht. Schon die heilige Schrift setzt vor den Auszug die Peßachsatzung und die Er Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Festes. Mose kündet sie dm Aeltesten mit den Worten, daß der Ewige „vvrüberschritt an den Häusern Israels in Mezrajim, als er die Aegyp-ter schlug, Israels Häuser aber verschonte". Also schon hier am Anfang der Hinweis auf die Er-- väUung Israels für den Ewigen und das blitzartige Verstehen des Volkes für Wahl: „und es neigte sich das Volk und sie warfen sich nieder". Ein erstes Ahnen des ewigen Herrsthers und der ewigen Zutünft! Daß auch unsere Mm im Peßachsest nicht das Fest äußeren Freiwerdens erblickten, das „Frei wovon", sondern düs . „Frei wozu", dafür gibt! es keinen echabeneren Beweis M die Anordimng der Festvorlesungen für unsere Peßachtage. Denn nicht mit dem Siegesgesang des geretteten Volkes klingt die Feier aus, die am 7. Tage vor uns erklingt, sondern mit dem herrlichm ZuVunftsgemälde Jesajas vom Gottesreich des Messias, dem unvergänglichen Quell unseres Stolzes und unserer Hoffnung. Mag das Peßach der Vergangenheit die zionistische Antwort aus die Frage nach Ginn unseres Judeseins geben, uns ist das Peßach der Zukunft der ewige Zielweiser für unserm jüdischm Weg! Freilich, ein erstes und letztes muß, unfern Schritt beflügeln auf der Straße, die gerade für unsere jüdische Generation eine steinige, dornenreiche' ist: der heiße, unverlöschbare Glaube an die Zukunft des Judmtums. Wir müssen getragm sein von der seligen Gewißheit, daß dieses Gottesreich, welches die Erde erfüllt „mit der Erkenntnis des Ewigen, so wie Wasser die Meeresliesen bedecken", kommen wird und kommm muß, und daß Israel die ewige Fackel ßst auf dem dunklen Pfade zum letzten Ziel! Ist das ein so gar leichtes, die Erhaltung der gläubigen Zuversicht in die Ferne hin, noch dazu in einer Zeit, bd das Nächste zu wanken scheint? Jugend des Herzens gehört dazu — und sie ward uns neu geweckt, wenn wir unsere Kinder sahm um den Sedertisch geschart, ihre Frage Urten und antworten dursten „Zei ul' mad!, Geht auch Ihr und lernet!" Nicht auf das Wissen, Lernen kommt es babei an, nein auf das Unterscheidenlernen, wie wir Juden M als höchstes Gut mit; uns tragm, das unterscheiden zwischen Vergänglichem und Ew'gem, zwischen zeitlichen Mächtten und dem Geist, der zeitlos und darum unüberwindlich D. Ein gläubiges Herz sieht durch das Zeitliche, über den Augenblick hinweg, wie die Kindesseele, welche mit dem Scharfblick, der Reinheit das Echte aus der Hülle sich Herastszuscheiden vermag. Wir wollen den Glauben erhalten an den Sieg der Wahrheit und des Rechts. Ein schweres Ziel für jeden, — allen Guten gezeigt —, aber nach unserer heiligen, tiefsten vcberzeugung vor allem Ausgabe, die uns Juoen in die Hände gelegt ist. Zweieinhalb Jahrtausende zeugen für die Judennot — und es maq zionistischer Weg sein, sich eine irdische Freistatt zu schassen, um sich aus ihr herauszuretten. Zweieinhalb Jahrtausende aber zeugen auch für die Kraft jüdischer Herzenssugend, diese Not zu überwinden durch den Glauben daran, daß, wie das ganze Weltgeschehen ko auch das Leben Israels einen Sinn haben muß. und daß Vieser nur sein kann, den Einzelnen, die jüdische Gemeinschaft, die Menschheit dem Ziel zuzuführen, welches uns der große Scher kündet, dem Sieg des Geistes, „des Geistes der Weisheit und der Einsicht, des Geistes des Rates und der Stärke, des Geistes der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor dem Ewigen". Es ist ia jetzt Mode, sogar Wisienschast und Politik rückwärts zu scheu und zu fragen: „woher stammst du, wes BluteS bist du?" Wir Juden, aber sollen vorwärtsblicken und fragen: „wohin geW du und woran glaubst du?" DaN ist die Frage, die wir Juden überall geprägt haben, wohin Gott uns stellte, das ist die Frage, die uns aus dem Kaluch die Heimat machte, weil die Antwort stets uns überall die gleiche war, ist und sein wird: Wir glauben au das Peßach der Zukunft! Moulefiore. Umrisse des liberalen Weutums (OuMnes of Liberal Zudaism) Vorwort von Rabbiner Dr. L. Seligmanu Am Schluffe einer Besprechung der englischer! Ausgabe dieses Werkes schrieb (im Augustheft 1912 der Monatsschrift „Liberales Judentum", S. 189) Professor Dr. Julius Goldstein, nachdem er die „außergewöhnliche Bedeutung" des Buches „in der Geschichte des Liberalen Judentums" gewürdigt hatte: „mit dem einen dringenden Wunsche (will ich) schließen: es möchte so bald als möglich das Buch Montefiores in einer Uebersetzung einem weiteren deutschen Leserkreise zugänglich gemacht werden. Ich sollte meinen, es wäre eine Ehrenpflicht des Liberalen Judentums, dieses ausgezeichnete Werk auch in die Hände derjenigen gelangen zu lassen, die mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele für sich und für ihre Kinder den Weg zu dem Gotte Israels zurückzufinden suchen." Der durch die vorliegende Uebersetzung, nach fast zwanzig Jahren erfüllte Wunsch Professor Goldsteins erscheint um so berechtigter, als wir bisher kein Buch in deutscher Sprache besaßen, das, fest auf dem Boden jüdischer Treue stehend, von inniger Liebe zur großen jüdischen Vergangenheit erfüllt und mit unerschütterlicher Hoffnung an seine Zukunft glaubend, einen Weg suchte, die überlieferten religiösen Gedankm und Satzungen, Formen und Institutionen mit dem Empfinden, Denken und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit pietätvoll auszugleichen. Uns fehlte das große Bekenntnisbuch des liberalen Judentums, das, aus tiefer Herzensftömmigkeit geboren, die ganze Wucht weltanschaulicher und praktischer Sorgen des liberalen Judentums empfand und, ohne nach rechts oder nach links zu schauen, den Mut zu sich selber gefunden und sich mit allen schwierigen Problemen, die sich aus der gewaltigen Wandlung der geistigen, gesellschaftlichen und staatlichen Lage des Judentums mit Naturnotwendigkeit ergaben, auseinandergesetzt hätte. Nur aus der Tiefe einer schlichten frommen Seele konnte ein solches Werk entstehen, aus dem Ueberzeugungsmut und der Wahrhaftigkeit einer so reinen und begnadeten Persönlichkeit, wie wir sie an Claude G. Montefiore besitzen. So ist es denn ein höchst persönliches Buch, das wir jhm verdanken, ein wahrhaft frommes Buch, das, mtt der Wärme des Herzens geschrieben, „unbekümmett um alle intellektuellen Undurchsichtigkeiten und blasse Spekulationen", voll tiefer Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Göttlichen, in geradezu antiker Größe den Weg des Glaubens findet. Ein Buch voll heiligen Ernstes und peinlicher Gewissenhaftigkeit, voll klarer und entschiedener Stellungnahme, die sich mit wahrhaft rührender Bescheidenheit und Demut verbindet. Ein Buch, von künstlerischer Einfachheit der Sprache, die sich jedoch aus Höhe- .»puntten zu dichterischem Schwung erhebt. Ein Buch mit einer Fülle von Anregungen und Ratschlägen für die gedankliche und praktische Grundlegung und Ausgestaltung des liberalen Judentums. Man wird an diesem Buche in jüdisch-liberalen Kreisen (wie auch auf gegnerischer Seite) nicht vorübergehen können, ohne sich gründlich mit ihm auseinanderzusetzen. Es bedeutet für das liberale Judentum in Deutschland einen unausdenkbaren Gewinn. In Familie und Schule, in Arbeitsgemeinschaften wie als Antrieb zu wissenschaftlicher Erörterung und Vertiefung, kann es zum Ausgangspunkt fruchtbarster jüdischer Arbeit werden. Was die Uebersetzung betrifft, so mußte bei der persönlichen Eigenart des Werkes die Ursprünglichkeit des Ausdrucks möglichst gewahrt werden. Der Uebersetzer hatte nicht das Recht, die Individualität des Stils in der Übersetzung.zu verwischen, soweit nicht dem Geist der deutschen Sprache und der Verständlichkeit und gedanklichen Klarheit dadurch hätte Gewalt angetan werden müssen. Die ursprüngliche Uebersetzung rührt von Joseph Kausftnann-Berlin her. Eine besondere Dankesschuld gebührt Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld, dessen vorbildliche Uebersetzung des 18. Kapitels (in der Monatsschrift „Liberales Judentum", Juliheft 1912, S. 155 ff.) zum Teil wörtlich übernommen werden konnte. Auf Wunsch Montefiores und des Verlags habe ich die erste Niederschrift der Uebersetzung nach der sprachlichen und inhaltlichen Seite Satz für Satz geprüft und, wo es nötig schien, verbessert. Die ersten Korrekturfahnen wurden von Montefiore selbst, der die deutsche Sprache meisterlich beherrscht, auf ihre sachliche und sprachliche Korrektheit nochmals geprüft und vielfach in dankenswerter Weise verbessert. (Siehe auch Hauplblatt Seite 4.) Gabriel Rieftet: Zu seinem 125. Geburtstage am 2. April 1931. Bon George Goetz. „Liest man die vor 80 Jahren erschienene Schrift Rießers, so glaubt man geradezu, daß ein moderner Kenner der Judenfrage ein jetzt aktuelles Werk geschrieben habe. Und dies liegt nicht nur an der glücklichen Formulierung und der schier unerschöpflichen Lebenskraft der Gedanken Gabriel Rießers...., sondern vor allem daran, daß alles, was Rießer... in seinen Schriften und Reden niedergelegt hat, auch heute noch immer nicht genügend in den geistigen Besitz des deutschen Volkes und insbesondere auch unserer Glaubensgenossen übergegangen ist." Diese Wofte des verstorbenen ersten C.-B.-Borsitzenden Justizrat Dr. Maximilian Hörwitz aus dem Jahre 1912 haben auch heute für das nunmehr hundert Jahre alte Werk Rießers unejngL. schränkt Gültigkeit; sie rechtfertigen eine erneute Würdigung Rießers anläßlich der 125. Wiederkehr seines Geburtstages. Doch liegt es im Wesen, dieses Blattes, daß einmal, anders als sonst üblich, die Aufmerksamkeit auf das gelenkt wird, was der Vorkämpfer der Judenemanzipation den Inden selbst und den jüdischen Parteien zu sagen hat. In der Tat — eine Betrachtung dessen, irxrs Rießer politisch für die deutschen Juden geleistet hat, würde unfern Lesern Neues kaum zu bieten haben: sein Leben, jst. in mehreren trefflichen, meist recht populär gewordenen Biographien geschildert worden, und die Kernirnb. Kraftstellen aus seinen Reden und Schriften sind Allgemeingut' der deutschen Juden, weil sie in unserem schweren EmanzivationÄ- und Abwchrkampf immer wieder zitiert werden. Weniger bekannt hingegen ist es, daß, Gabriel Rießer die beiden Elemente in sich vereinigte, die das Charakteristikum jener Zeit bildeten: den religiösen Liberalismus mit dem politischen Emarrzivati onsstreben. Wie cft wird nicht heute von zionistischer Seite behauptet, es sei das Unglück des religiösen Liberalismus, daß, feine Entstehung mit den Anfängen der politischen Emanzipation zusammenfiel. Deshalb mag heute daran erinnert sein, daß die Zionisten selber, was sie stets vergessen, völlig auf den Schultern der von ihnen bespöttelten Väter der Emanzipation und des Liberalismus stehen, welche ihnen überhaupt die Möglichkeit des Studiums, der Erlangung von akademischen Stellungen, ja selbst den Gebrauch der hochdeutschen Sprache und des Lesens weltlicher Literatur teils gegen die politischen Gegner, teils gegen die Alt-Orthodoxie erst erkämpft haben, so daß jene ihr gesamtes intellektuelles und politisches Rüstzeug dem Liberalismus und der Emanzipation verdanken. Das Zusammenfallen dieser beiden Bewegungen ist daher auch kein Zufall, den man bedauern könnte, sondern beide gehören organisch zusammen, konnten garnicht eines ohne das andere .entstehen, sind überhaupt nicht zwei Bewegungen, sondern Hilden, kulturgeschichtlich betrachtet, ein einheitliches Ganzes. Und so. sind sie,- was hier gezeigt werden soll, auch in Gabriel Rießer vereint vorhanden. .. Daß, Rießer der Frankfurter Nationalversammlung angc- >hört hat, weiß jedermann. Weniger bekannt ist, daß er, den der DarnrstMer Philosoph Julius Goldstein den „ersten polittschen Führer des deutschen Judentums" genannt .hat, auch im religiösen Leben hervorgetreten ist unt> während mehrerer Jahre dem Vorstande des Israelitischen Tempelbcrbandes zu Hamburg" angehört, also mit an der Spitze derjenigen Gemeinde gestanden hat, welche als die Muttergemeinde des gesamten neuerlichen Liberalismus bezeichnet wird und gegen die sich gerahe'dknmks der ganze Kampf der jüdischen Orthodoxie richtete. Wie sehr er auf diesen Platz gehörte. wie er mit best. Grund. gedästlen und mit der Gefühlswelt: des liberalen Judentums verwachsen war, daS mögen seine eigenen Worte hier bekunden, die er an eine warmherzige, von tiefstem Gemüt zeugende Auseinandersetzung über den Wert religiöser Zeremonien anschließt: „Wem bei diesen schwach entworfenen Zügen auch nur ein verehrtes, erhabenes, heiliaes Bild, wie dem Verfasser dieser Zeilen, vor Augen schwebt, der wird seine Entrüstung über iene engb^ge, stumpfsinnige Auffassung deS äußeren Lebens einer Religion teilen. Es wird darum freilich nicht