Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 13 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWchKberaleZellmg Organ -er Verelnlguna für das liberale Judentum e. D. ' VeennlmOrtl. Redakteur: Sinnt Voy d n. SkSttdoifiong för dar liberale 3nben(nni übernimmt nnc We Mennigen Aufsätze, die ausdrücklich als ln ihrem Namen ab« ln ihre« Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, di« Ser- D»t«>rluua. An« anderen Artikel, Aenhernngen und SorßchtÜOe «scheinen unter der S«ankwortnng der Redaktton. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Verli« SV 11. HaUefche Str. 1 fecncuf: Betgmann 3359, 3359 Icheckkouta: Verliu 71TB 7, 137069 inlgnng für da» Überale Jndenlnm) Nachdruck sämtlich« vriginal-veiträge nur mit »orheria« Genehmigung d« Redaktion gestattet. Bezugspreis dnrch di« GeschSstsftelte '/«jährllchM. 3.— Einzelnummer 0^5. Sei freier Zusendung i. Inland 0^9 Für die Mitglied« d« Sereinlgnng ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Dieirgefpalt.NonpareMezeile0.49 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei d« Geschäftsstelle n. fämtl. Annoncen-Lxpedit. Nr. 13 Berlin. 1. April 1931 11. Jahrgang Zur neuen Notverordnung Man soll nichts beschönigen. Wenn Kinder sich so sehr zanken, das; der Vater schließlich durch die Drohung des Rohr stvckes den Frieden in der Kinderstube erzwingen muß, so ist das gewiß kein erfreulicher Zustand. Und ob es die richtige Erziehungsmethode ist, darüber streiten nroderne Pädagogen, ja seit Jahren bis auf bcu heutigen Tag. Wenn aber Erwachsene die Rüpelei an die Stelle des Meinungskampfes setzen und dann der Schutzmann, das Verbot, das Gefängnis die Ordnung iit der Volksgemeinschaft garantieren müssen, so ist das ein Zustand, der, man mag stehen, aus welchem Standpunkt man will, das Schamgefühl iu dec Brust eines jeden Volksgenosse,! »vachwerden lassen muß. Man soll also aus der Rot keine Tugend machen. Frei lich erfordert es die Klugheit, auch die Rot des Tages nicht zu übersehen. Und deshalb muß wohl den beiden politischen Bollwerken des deutschen Volkes, dein Zentrum und der sozialdemokratischen Partei, dafür gedankt »verden, daß sie die Atmosphäre der Verhetzung und der Duldung niedrigster Pöbelszenen mit Entschiedenheit zu bereinigen versuchen. Freilich toird es notwendig sein, dafür Sorge zu treffen, daß mit der Anwendung der Verordnung nur dort vorgegangen tvird, wo tatsächlich Ausschreitungen des politischen Lebens zu bekämpfen sind, »richt aber da, wo Weltanschauungen in» gei stigen Kampfe miteinander ringen. Durch die Notverordnung »verden »vesentliche in der Reichsverfassung verankerte Grundrechte beschränkt. .Hierzu gehört z. B. auch das im Art. US der Weimarer Verfassung verankerte Recht der freien Meinungsäußerung. Scho»! das bitbst für jedeir liberal denkenden Menschen Grund genug zu dem Wrnrsche, vast die Notverordnung durch die Beseitigung der jetzigen Verwilderung der politischen Sitten sich möglichst bald überflüssig machen nröge. Vom religiöse»; uub vom jüdischen Standpunkt aus bedarf die Notverordnung aber noch besonderer Erörterung. Aus Anlaß dieser Notverordnung tverde»r vour Neichsinncuministeriunr in einer Regierungserklärung nochmals all die traurigen Vorgänge und Erscheinungen bezeichnet, die seit längerer Zeit Deutschland als ein Land hinstellen, in das ein schwerer Einbruck» von Unkultur erfolgt ist. Neben den wörtlichen uub tätlichen Ausschreitungen hat, »vie betont tvird, besonders die heftige antireligiöse Agitation diese Verordnung veranlaßt. Die leitenden Körperschaften der christlichen Kirchen und auch des israelitischen Glaubens haben, wie ausgeführt tvird, wiederholt die Neichsregierung und auch den Reichspräsidenten um Schutz gegen Beschimpfungen ihres Glaubens, des Gottesbegriffs, der Glaubenscinrichtungen usw. angerusen, und der Reichspräsident hat sich wiederholt erkundigt, »vas denn Auch die antiseinitische Hetze gehört zu den Verordnung, die mit volür Zustimmung der der größten deutschen Länder airsgearbeitet worden ist, die vor kurzem die bekannte Konferenz mit dem. Rmchsiiuieumiiiistec in Berlin abgchalten haben. Wenn zu»u Ausgleich für das ja unziveifelhast aus den Zeutruinseinfluß zurüclzusührcnde starke Hervorheben des Religionsschutzes an. die leitenden Stellen der verschiedenen Religivnsgcineinschas ien das Ersuchen gerichtet wird, dahin z»r arbeiten, daß in den Gotteshäuser.» us»v. die Polemik gegen Dissidenten in jener ein»r-a»tdsreie»r Form gehalten »vird, »vie sie die Ver fassung auch für Antikirchenpropaganda gestattet, so kann das natürlich nicht darüber himvegtäuscheu, daß die Verordnung eine »vesentliche Verhärtung des staatlichen Schuhes für die Religiensgesellschasten bcdeulet. Nach Paragraph l der Ver ordiinng können n. a. politische Versammlungen verboten »ver den, »oenn nach den Umsläuden zu besorgen ist, daß eine Religionsgesellschast des öffentlichen Rechts, ihre Einrichtungen, Gebräuche oder Gegenstände ihrer religiösen Verehrung beschimpft oder bös'willig verächtlich gemacht werden. Ebenso »vie hiernach das Versamuitruigsrecht wesentlich beschränkt »vird, erithält die Verordnung einschränkende Bestimmungen für Zeitungen und Zeitschriften, Plakate und Flugblätter und die öffentliche Ankündigung politischer Bersanimlirngen. Wir »vollen hoffen, das; die an die Notverordnung von» ihren Autoren geknüpften Erwartungen einer sachlicheren Ge-« staltung politischer Auseiuanders.tzungc»! sich erfüllen »verden.. Gerade die jüdische Äemcinschnft ist ja die besondere Zielscheibe unflätigster Angriffe iu den letzten Monaten und Jahren getvesen. Wir wollen aber auch keinen Ziveifel daran lassen,, daß wir recht bald den Tag herbeilvünschen, an den» bic Verorduung sich als überflüssig erlveist. Tie Religionsgemeinschaften werden in Zukunft ihre Verbundenheit iitit den staatliche»! Organismen nicht aufrecht erhalten können. Und wir glauben, daß es für die Religiousgemeinschaften selbst gut sein »vird, »veirn sie ihre Verbundenheit mit den! Staate überwinden »verden. Die Religivnsgesellschaften werden in Zukunft Gemeinschaften sein müssen, die durch Deukeu uud Handeln ihrer Mitglieder geeint finb - oder sie »verden immer mehr in den Strudel der politische»! Parteien geraten. Die Entwicklung geht vv»n Kirchenstaat über die Etappe der Staatstirchenhoheit zur Trennung von Staat und Kirche. An dieser Entwicklung »verden Verordnungen, auch notwendige Verordnungen, nichts ändern. Und die Religionsgemeinschas ten »verden ihren Bestand um so stärker sichern, se »nehr sie auf Sonderrechte vergangener Zeiten verzichten intb je eher sie die Macht des Staates durch die Kraft der eigenen Gemein schaft ersetzen. " B. W. dagege»! geschehe A».lüsten diese» Jnneinnlnister Redaktionswechsel Mit dieser Nummer der Jüdisch-liberalen Zeitung scheide ich auf meinen Wunsch aus der Redaktionsleitu ag dieses B lalle» aus. Daß damit meine Tätigkeit für die Ideen des liberalen Judentums nicht beendet ist, sondern daß ich auch weiterhin die Verwirklichung seiner religiös-sittlichen Ideale erstreben werde, ist für alle, die mich kennen, sicher ebenso selbstverständlich wie für mich. Für die wertvolle Unterstützung, die mir iu den langen Jahren meiner Tätigkeit von vielen Mitarbeitern durch Rat und Tat geleistet wurde, bei meinem Scheiden zu danken, ist mir innerstes Bedürfnis. Bruno W o »; da. Berlin, den 31. März 1931. Wie aus vokslchrndcn Worten der Redaktion ersichtlich, legt Herr Bruno Woyda heute die Redaktion der „Jüdischliberalen Zeitung" nieder, die er seit mehr als siebe»! Jahren geführt hat. So schmerzlich der Verlust ist, de« diese Zeitung durch das Ausscheiden des Mannes erleidet, der ihr in entscheidender Zeit dm Stempel seiner Persönlichkeit ausgedrnckt hat, so wissen wir ein Zwiefaches: trotz des Ausscheidens Bruno Woydas ans der Zeitung bleibt die Haltung des Blattes in religiöser nikd politischer Beziehung nnoerSndert, und ferner: Dieser Abschied von der Zeitung bedeutet kein Abschied des Herrn Woyda von der Arbeit für das liberale Judentum. Herr Wor,da wird seine Kenntnisse und seine charaktervolle Persönlichkeit unserer Bewegung an maßgebender Stelle anderwärts weiter erhalten, und so hat der' Vorstand der „Bereinigung für das liberale Judentum e. V." mt He reine Freude, Herrn Woyda zu danken, ohne das Bewußtfeiu zu haben, daß er dec Bewegung des liberalen Judentums, für die er Gcoß-rs geleistet hat, verlöre« geht. Der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender. Aufruf der Liga der freien Wohlfahrtspflege Rot, bittere Not liegt über dem deutschen Volk. Millionen Erwerbsloser müssen feiern. Alte und Junge leiden schwer. Hunger und Entbehrung gefährden wreder wie in den Schreckens; ahreu der Inflation die Gesundheit von Erwachsenen undbesonders' von Kindern. Ueberall in Deutschland regt sich der Helferwitte. Im kleinen und im großen wird vieles geleistet, um der bittersten Not zu begegnen. Mit dankbarer Freude stellen die Unterzeichnete« Verbände der freien Wohlfahrtspftege die Fülle dieser Hilfsbereitschaft fest, die meist ganz i»n stillen wirkt. Gegen das Riesen »naß» der millionenfachen Not reichen nicht die bis an die letzten Grenzen der Leistungsfähigkeit gespannten Hilfsmaßnahmen Mit Reich, Ländern und Gemeinden; reichen auch nicht die Ströme freiwilliger Hilfsbereitschaft, die durch die Hände der freien Wohlfahrtspflege, wie auch nachbarlich vom Helfer zum Hilfsbedürftigen Wen. Es muß» noch mehr geschehen! Wir wissen, daß es heute kaum einen Menschen in Deutschland gibt, der nicht von der allgemeinen Wirtschaft^. not mchr oder weniger hart getroffen ist. Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Beamte und Angestellte und freie Berufe alle sind von den Folgen der wirtschaftlichen Krise erfaßt. Trotzdem richten wir unseren Rus an alle. Nicht nur an die, die vielleicht noch etwas übrig haben, vielmehr auch an die, denen es ein wirtliches Opfer bedeutet: Helft mit aller eurer Kraft, die Not zu überwinden! Helft der offenen und der verborgenen Not, die ihr in eurenr Umkreis spürt! Gebt für die örtlichen Sanunlungen. die säst überall zur Bekämpfung der Not eingerichtet find! Helft solche Einrichtungen schassen, wo sie noch nicht bestehen: besonders für die Speisung, Erwärmung, Bekleidung der Notleidenden! GM was ihr ait Kleider, Wäsche. Schuhzeug irgend entbehren könnt an geeignete Sammelstellen! Gebt NahrungÄnitlel — gebt Kohlen! T>enkt an die besondere Not der Kinder und Jugendlichen -- der Kinder, die zum erstentnal seit den Zeiten der Inflation wieder Merkmale schwerer Unterernährung und Rachitis zeigen. Denkt an die Jungen und Mädchen, die trotz, znten Willens keine Arbeit, keine Lehrstelle finden können «nd von der Gefahr der Verwahrlosung und Arbeitsscheu Bedroht sind, »venn sie jahrelang ohne Beschäftigung bleiben. Sorgt für Arbeit und Beschäftigung auch im tliinen! Helft mit, eine mächtige Welle der Hilfsbereitschaft, der Selbsthilfe durch das ganze deutsche Volk zu wecken! Keiner darf sich ausschl testen! Deutsche Liga der freien Wohlfahrtspflege: Central-Ausschuß für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche. Deutscher Earitasverband. Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Deutsches Rotes Kreuz. Fünfter Wohlfahrtsverband. Christliche Arbeiterhilfe. Aus der Not der Zeit durch helfende Liebe zu neuem Ausstiege! Hilfsbereitschaft ist vaterländische Pflicht und Dienst am Volkstum. Wer helfen kann, muß! helfen. Für die Reichsregierung: Dr. Brüning, Reichskanzler. Sitzung des Vorstandes des Welkverbandes für religiös-liberales Zudenlum Am 17. März fand in London eine Sitzung des Vorstandes für religiös-liberales Judentum in der Liberalen Stw nagoge statt. Außer den englischen Vorstandsnütgliedern war aus Deutschland Herr Rabbiner Dr. Baeck anwesend. Ten Vorsitz führte Rabbiner Mattuck. Die religiöse Lage in verschiedenen Ländern »vurde erörtert und Beschlüsse für die Fortsetzung und Entivicklung der Arbeit des Weltverbandcs gefaßt. Es konnte berichtet werden, daß die jüngst errjchtete liberale Gemeinde in Melbourne (Australien) dauernd begründet ist und sich finanziell auf eigene Füße gestellt hat. Der Vorstand sprach allen Beteiligten, insbesondere dein Leiter der Geineinde, Rabbiner Mark, seinen Dank für den bedeu tendeu Fortschritt aus, der in so.wenigen Monaten erzielt wurde. Weitere Vorkehrungen wurden getroffen, um die Ar beit der liberalen Gruppe in Holland zu unterstützen, die sich ebenfalls jüngst zusammengefundcn hat. Die Kommission für Gottesdienst und die soziale Kommission haben gute Fortschritte gemacht; auch der internationale Frieden sausschuß des Weltverbandes ist begründet und von den Mitgliedsländern beschickt »vorden. Vorschläge für eine engere Zusam menarbeit der liberalen Jugendbewegung mit dem Vorstand des Weltverbandes wurde angenommen. Die Vorbereitungen für die Abhaltung der nächsten Weltkonferenz im Jahr» 1932 in Europa (nicht in Amerika) werden fortgeführt. Die nächste Sitzung des Vorstandes des Weltverbandes, wird Ende Juni in Berlin stattfinden. Generalversammlung des Reichsbundes für jüdische Siedlung in Deutschland Am 26. März fand in Berlin die Generalversammlung des Reichsbundes für jüdische Siedlung in Deutschland (R.J.S.) statt. Nach einer Begrüßungsansprache des ersten Vorsitzenden des Bundes Dr. Leo Loewenstein erstattete Ge schäftsführer Martin Goetz beit Rechenschaftsbericht, aus dem hervorging, daß sich dem Reichsbund bereits zahlreiche Syna gogengemeinden, Korporationen und Verbände als Mitglieder angeschlossen haben. Mit Hilfe eines von der Jüdischen Gemeinde Berlin im Juli 1930 gelvährten Kredits von 100000 Mark wurde von der Schwesternorganisation des R.J.S., der Indischen Landarbeit G. m. b. H. (J.L.A.), das Gut Groß-Gaglow bei Kottbus erworben. Die auf dem Gute tätig gewesenen christlichen Landarbeiter wurden mitübernontmen und die seither neu zur Beschäftigung herrirgeMenen 23 jüdischen Arbeitskräfte leben mit diesen in bestem Einvernehmen. Antisemitismus ist auf dem Gute Groß-Gaglolv und in feiner Umgebung unbekannt. Die jüdischen Gärtner gehören der Gärtnergenossenschaft Kottbus an und erfreuen ' sich größter Wertschätzung seitens ihrer christlichen Berufs-