Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 7 (18.2.1931)
- Date
- 1931-02-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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werden kann. Der Vorsitzende der Finanzabteilung berichtet, daß die Religionsgesellschaft an die Gemeinde mit der Bitte herangetreten sei, ihr ein Darlehen von Mk. 2000,— zinsfrei zu gewähren und ihr außerdem eine Erhöhung der bisher geleisteten Subvention zu bewilligen. Das Israelitische Borsteheramt lehnt die Gewährung eines Darlehens ab, ebenso 'ist es ihr nicht möglich, monatlich Mk. 200,— an Subvention mehr zu geben, sie will statt der bisher gezahlten Mk. 4400,— jährlich der Israelitischen Religionsgesellschaft einen Jahreszuschuß, und zwar vorläufig einmal aus 1 Jahr, von Mk. 5000,— geben, da die Gcsamtunkosten der Religionsgesellschaft etwa 10 000,— Mk. ausmachen, glaubt das Israelitische ^Borsteheramt durch Gewährung obiger Summe genügend beizusteuern. Dieser Rcligionsgcsellschaft gehören viele Gemcindemitgliedcr an, die eigentlich in Cannstatt zuständig sind, aus diesem Grunde wird der Religionsgesellschaft geraten, sich dorthin tvegen Subvention auch zu wenden. Weiter bittet die Finanzkommission um die Genehmigung, Mk. 30 000, die im Augenblick nicht gebraucht werden, in Goldpsandbriefen anlegen zu dürfen, das Vorsteheramt gibt seine Genehmigung dazu. Borsteher Weil berichtet über die Friedhofskonnnissionstätigkeit. Tie Kommission ist stark bemüht, alle Möglichkeiten zu schassen, um den Gemeindemitgliedern bei Beerdigungen möglichst wenig NebenauSgaben zu verursachen, so sollen u. a. für die erforderlichen Ritualsachen bei Verbrennungen einfachere Swsse und Tallcsim genommen werden. Die Genehmigung, Urnen in (Gräbern von Angehörigen beizusetzen, wird nicht erteilt, da die Gutachten der Rabbiner dieses aus rcli giösen Gründen nicht zulassen. Würziurg. (Störung des H a b i m a h G a st f p i e l s.) Bor dem erweiterten Schöffengericht in Würzbnrg fand heute der Prozeß gegen 11 Hakenkrcuzlcr im Alter von 10 bis 33 Jahren, die sich an bw Demonstrationen der Würzburger Nationalsozialisten gegen die Abhaltung eines Gastspiels des hebräischen Theaters Habimah im Würzburger Stadttheater beteiligt hatten. Wie schon initgeteilt, Halden di« Nationalsozialisten anläßlich des Habimah-Gastspiels am 19. November 1930 wüste Exzesse vor dem Thcatergebäude veranstaltet. Jüdische Theaterbesucher und jüdische Straßcnpassantcn, sowie mehrere jüdisch .ausschende Nichtjuden wurden von den Hakenkreuzlern beschimpft und verprügelt. Polizcibeamte, die Ordnung schassen wollten, wurden angegriffen. Die Hakeukreuzlcr versuchten, in das Theater cinzudringcn und die Aufführung zu stören, cs gelang ihnen aber nur, den Beginn der Vorstellung um etwa eine Stunde auszuhalten. Spät nachts, nach Schluß der Vorstellung, wurden heimkehrende jüdische Theater-Besucher abermals überfallen und mißhandelt. Vier der Angeklagten hatten sich wegen Verbrechens und sieben tvegen Vergehens des Landfricdensbruchs zu verantworten. Vor Gericht leugneten sie ihre Teilnahme an den Skandalen, konut-en aber durch Aussagen von Polizcibeamtcn und Straßenpassanten überführt werden. Als erster Zeuge wurde der Oberbürgermeister von Würzburg, Locfsler, vernommen. Er bekundete u. a., daß die Initiative zu dem Gastspiel der Habimah nicht, wie vielfach vermutet, von Würzburger jüdischen Kreisen, sondern von der Intendanz des Stadtthcaters selbst ausgegangen ist. Er schilderte, Ivic er selbst an dem fraglichen Abend in der Nähe des Theaters von jungen Leuten als „Judcnbürgcrmeistcr" beschimpft wurde. Ueber das Maß der Beteiligung der Angeklagten an den Exzessen konnte der Oberbürgermeister nicht viel aussagen, da die Zahl der Exzedenten in die Hunderte ging. Es wurden insgesamt cttoa 60 Zeugen vernommen, es kam zum Ausdruck, daß cs bedauerlicherweise nicht gelungen ist, die Haupttätcr zu fassen, die elf Angeklagten hatten nur Nebenrollen gespielt. Der Staatsanwalt beantragte Gefängnisstrafen von drei bis zehn Monaten gegen neun Angeklagte, gegen zwei auf Geldstrafen bis 50 Mark. Das Gericht verurteilte den Kaufmann Otmar Holl und den Drogisten Heinrich Schesfer zu je sechs Monaten Gefängnis, den Arbeiter Wilhelm Ramig zu 3T/o Monaten Gefängnis tvegen Vergehens des Landsriedensbruchs. Wegen groben Unfugs wurden zlvei Angeklagte zu je 100 Mark, zwei zu je 50 Mark Geldstrafe verurteilt. Di« übrigen Angeklagten wurden freigcsprochcn. Den Angeklagten wurde Bewährungsfrist nicht zuerkannt. Irr der Urteilsbegründung wird ausgesührt, daß es dahingestellt bleiben müsse, ob im jetzigen Augenblick eine Thcateraufführung durch eine ausländische jüdische Theatertruppe mit Rücksicht auf die wirtschaftlich schwere Lage und die bedauernswerte Zerrissenheit des deutschen Volkes am Platze Ivar. Es sei nicht Aufgabe des Gerichts, darüber zu urteilen. Es wäre jedenfalls nichts zu beanstanden gewesen, wenn im Rahmen des Gesetzes protestiert worden wäre. Die Begründung des Urteils hat Befremden hervorgerufen. vor Sündenbock Von WERNER TÜRK (4. Fortsetzung) „Da sind se drin“, flüstert der ihm zu, während er auf eine Wohnlaube zeigt. Alex geht weiter. Der Jude folgt ihm innerlich zerbröckelnd. Alex schleicht in den Schrebergarten hinein, in dem sich die Wohnlaube befindet. Der Jude will Alex einholen. Aber seine Kraft ist morsch. Er kann sich kaum vorwärtsschleppen. — Wenige Schritte hinter Alex schlägt er hin. Alex reißt ihn hoch. Er ist außer sich. „Paß doch uff, Mensch!“ Der Jude steht auf eingeknickten Beinen. Er stapft dicht an die Wohnlaube heran, wie ein Kind, das Laufen lernt. Er horcht mit schiefem Kopf. Er hört ein nackjes Klatschen — ein dröhnendes Baßgelächter — ein dunkelheiseres Frauenlachen. Er ballt die Faust, um sie weitausholend gegen die von innen mit Brettern vernagelten Fensterscheiben zu donnern. Rechtzeitig noch gelingt es Alex, den erhobenen Arm zu packen. Er verdreht ihn. Der Jude krümmt sich. Schmerzhaft verzieht er sein Gesicht. Alex versucht, den Juden aus dem Garten herauszuzerren. „Ich werde jetzt sain ganz still“, verspricht der Jude flüsternd. „Ich werde jetzt sain ganz still. Ich werde mich nehmen zusammen.“ Alex läßt den Juden los. An die Wohnlaube, die wie ein winziges Bauernhäuschen aussieht, schließt sich ein langgezogener, niedriger Stall. Die Bretter des Stalles sind ungestrichen. Das Teerpappendach ist ein wenig schräg und mit Ziegelsteinen beschwert. Alex pffnet die Stalltür. „So“, flüstert er mit umgewandtem Kopf. „Jetzt kriech mir nach. Aber vorsichtig. Da drinnen sind Hühner.“ Alex kriecht in den Stall. Hinter ihm her rutscht und rudert der Jude. Auf dem Erdboden des Stalles liegt Stroh. An den Seitenwänden dicht unter dem Dach sitzen die Hühner auf Brettern und schlafen. Alex richtet sich auf den Knien auf, er zieht den Juden zu sich heran. „Da“, flüstert er ihm ins Ohr, „da ist een Astloch, da kiek mal durch.“ Wie Kröten hocken die beiden vor der Bretterwand. Der Jude starrt durch das Astloch: Ein Zimmer mit einer Petroleumlampe. Auf einem Tisch sitzt nackt Rebekka. Nur Stöckelschuhe und Seidenstrümpfe hat sie an. Hinter ihr steigt ein Mann aus seinen Hosen. Verzweiflungswild schießt der Jude auf. Sein Kopf knallt gegen das Stalldach. Knirschend gleiten die Ziegelsteine von der Teerpappe. Ein närrischer Schmerz bricht aus dem Juden aus. Wie ein Spaßmacher tanzt er geduckt in dem engen Stall hin und her. Mit aufgeregtem Flügelschlag springen die Hühner von ihren Brettern, gackern umher, flattern den Juden an. Alex packt ihn, wirft ihn ins Stroh, hält ihm den Mund zu, keucht ihm ins Ohr; „Ganz kusch. Keen Ton!" Alex kniet auf dem Juden. Es ist ganz still geworden. Die Hühner sitzen wieder auf ihren Brettern und haben die Köpfe in die Federn gesteckt. Der Jude liegt schlaff und regungslos da. Alex hält ihm noch immer den Mund zu. In der Wohnlaube brummt eine schreckgedämpfte Baßstimme: „Flab aba janz deutlich Stimmen jehört.“ Und Rebekkas Stimme antwortet: „Das waren die Hühner, welche haben gegackert.“ „Warum fangen nur die Biester mitten in der Nacht zu gackern an?“ „Wail gefallen sind die Staine vom Dach —-.“ „So“, haucht Alex in das haarige Ohrloch des Juden. „So, nu schnell raus. Aba nich jemuckst, vastanden?!“ Alex und der Jude kriechen aus dem Stall heraus. — Oben auf der Straße sagt Alex zu dem Juden: „So, nu hau ab und erhol Dir von dem Schreck. Det Jeld brauchste mir erst morjen zu jeden." „Du kannst es schon haben haite.“ Der Jude vermag kaum den Eisenverschluß des Geldsackes zu öffnen, so zittern seine Hände. Nachdem Alex die 10 Mark von dem Juden erhalten hat, geht er in das Laubengelände zurück und denkt: „Wer mir mal hier in irgend eene Laube auspennen. Die olle Schnicse macht ja doch erst morjen früh um sechse uff.“ Alex legt sich in eine fremde Laube und schläft sofort ein. Als er am nächsten Morgen um y25 Uhr aufwacht, sicht er den Juden angelehnt am Drahtzaun stehen. Ein paar Minuten später geht knarrend die Wohnlaubentür auf. Rebekka und der Rollkutscher kommen heraus. Der Rollkutscher gähnt ein paar Mal, wobei er sich jedesmal schnell hintereinander mit der Hand auf den aufgerissenen Mund schlägt. Rebekka stellt sich auf die Zehen, breitet die Arme aus, wirft den Kopf in den Nacken, dehnt sich, reckt sich, wölbt die Brust. Der Jude hat sich hinter einem Baum versteckt. Rebekka und der Rollkutscher steigen den Weg zur Drahtzauntür hinauf. Der Jude krallt seine Hände in die Baumrinde ein. Rebekka schließt hinter sich die Zauntür zu. Sic steckt den dicken, rostigen Schlüssel in ihr schwarzes Lacktäschchen. Sie gibt dem Rollkutscher die Hand. Beide trennen sich. Der Jude kommt hinter dem Baum vor. Er schwankt auf Rebekka zu. Er bleibt vor ihr stehen, zieht tief seine Hutmelone ab und sagt: „Ich bin cntzickt, hier zu treffen maine Tochter haite Morgen.“ Mit aufgerissenem Gesicht steht Rebekka vor ihrem Vater. Der Jude torkelt vor ihr hin und her. Unaufhörlich zieht er seinen Hut. Unaufhörlich ruft er aus: „Ich bin entzickt! Ich bin entzickt! Ich bin cntzickt!“ „Bist ja beschickert, Vater“, sagt Rebekka mit Schleimklirrender Stimme. „Ja!“, schreit der Jude „Ich bin beschickert! Ich bin beschickert vor Fraide, daß maine Tochter is aine Hure!!“ Rebekka läßt ihr schwarzes Lacktäschchen in den Sand fallen. Sie stößt einen kreischenden Schrei aus. Der Jude steht vor ihr wie in einem Starrkrampf. Seine Arme hält er steif vor sich hingestreckt. Rebekka stößt abermals einen kreischenden Schrei aus. Der Jude bewegt sich nicht. Kein Laut fällt aus seinem aufgezerrten Mund. Plötzlich packt er sich an die Brust, reißt sich die Weste auf, reißt sich das Hemd auf, zerrt einen ledernen Brustbeutel heraus, zupft aus diesem einen Geldschein nach dem anderen heraus und wirft ihn zerknüllt seiner Tochter ins Gesicht: „Da! ... Da!. . Da! Da! Da! Da!...“ Mit hcrabfallenden Armen steht Rebekka da. Sie sieht ihren Vater nicht an. Sie blickt an ihm vorbei, als sehe sie etwas in der Ferne. Jedesmal, wenn sie ein zerknüllter'Geldschein trifft, zuckt ihr schreckversteinter Körper zusammen. „So“, keucht der Jude erschöpft. „Jetzt haste zeruck Dain Geld. Es hat mer gebrannt die ganze Nacht auf der Brust wie Faier.“ Mit den Worten stürzt er armschlenkcrnd und weitausschreitend davon. Immer noch steht Rebekka unbeweglich da.- -Langsam löst sich ihre Starrheit. Langsam bückt sie sich. Mechanisch hebt sie die schwarzlackierte Handtasche auf. Dann schleppt sie sich nach Hause. Dabei ist ihr Blick immer geradeaus gerichtet, als sehe sie etwas in der Ferne. — — — — -Plötzlich fängt sie ah zu rennen.-- Alex, der alles mit angesehen hat, wagt sich noch immer nicht aus der fremden Laube heraus. Erst nachdem er sich vergewissert hat, daß Rebekka und der Jude fort sind, läuft er den Koksaschenweg zur Drahtzauntür hinauf. Die ist verschlossen. Er sucht seinen Schlüssel. Er tastet sich ab. Er findet ihn im Zipfei der Jacke. Der Schlüssel ist durch ein Loch ins Futter gerutscht. Er hat keine Geduld, den Schlüssel aus dem Futter herauszuholen. Affenfix klettert er über den Zaun, springt hinunter, wirft sich gierig in den Sand und sammelt die umherliegenden, zerknüllten Geldscheine auf. Es ist halb sechs. Eine dunstige Morgenkühle weht in die Küche der Schlafstellenwohnung. Der Landstreicher Josef hockt am Küchenfenster. Er ist der erste, der aut ist. Draußen an der Korridortür klopft es. „Aha, das wird der Jude sein.“ Josef öffnet, erhält einen Stoß vor di" Brust, taumelt, fällt polternd an die Tür seines Schlafraumes. „Na, was ist denn das?!“, kräht Bartels dünne Stimme. „Is woll eener janz verrückt jeworden?“, dröhnt der Baß des Prothesenkrüppels. Die Tür des Schlafraumes öffnet sich ein wenig. Durch den schmalen Spalt reckt sich Bartels stachelweißer Kopf hindurch. „Wer hat denn hier eben an die Tür ranjebummert?/ „Die Tochter des Juden hat mich rangestoßen.“ „Das können Se Ihrer Waschfrau erzählen, Herr, aba nich mir!“ In der Küche wildern Schreie auf: Kreischende,;urgelnde, pfeiffende, pressende, brüllende, jaulende ' Schreie. Josef rennt in die Küche, Bartel hinter ihm her- In der Küche wälzt sich Rebekka auf dem Boden. Ihr Körper zuckt umher, krampft und wirft sich. Ihre Beine fliegen hoch. Knallend schlagen ihre Schuhe auf den Fußboden. Ein Absatz platzt ab. Ihre nackten Amte zappeln wie auf’s Land geworfene Aale. Ihre rechte Hand umkrallt ein korkenloses Fläschchen, das mit einem weißen Etikette und mit einem roten Papierstreifen beklebt ist. Ratlos starrend steht Josef im Türrahmen. Neben ihm glotzt Bartel. Rebekkas Körper bäumt sich plötzlich hoch auf, spannt sich im Bogen über den Fußboden. Ihre Zähne beißen in die Unterlippe. Blut rinnt über ihr Kinn. Ihre rechte Hand zerdrückt das Fläschchen. Die Scherben knirschen in ihrer krampfigen Faust. Herbert und Bartel werden in den Korridor zurückgerissen. Frau Sehniese stürzt in Hemd und Unterrock in die Küche. „Wat is denn?! Wat is denn?! Hilfe! Hilfe! Wo is denn der Jude?! Sie hat Salzsäure — — — — Eene« Doktor! Um Gottes Willen eenen Doktor!! Schnell eene« Doktor!!“ Verzweifelt flattert Frau Sehniese in der Küche umher: „Wo is denn der Jude?!! Wo is denn der Jude?!!“ Röchelnd liegt Rebekka am Boden. Milchig verglasen ihre aufgerissenen Augen. Die Küche füllt sich mit Männern und Frauen. In blinzelnder Verschlafenheit kommen sie herbeigetorkelt, angstgetrieben, rufend, jammernd. Alle barfuß. Die Frauen in Schlüpfern und flüchtig umgeworfenen Mänteln. Die Männer in Hemden und Unterhosen. Rebekkas Körper hört zu zucken auf. Immer schwächer wird ihr Röcheln. Ihre angezogenen Beine glätte« sich mechanisch. In gelockerter Regungslosigkeit liegt sie da mit weißlich gerinnenden Augen. Stumm starre« auf sie im Kreise die Männer und Frauen. Eine halbe Stunde später kommen polternd Männer mit einem Traggestell und holen die sterbende Rebekka ab. Frau Schniese hat das Krankenauto bestellt. Gegen 9 Uhr kommt Frau Schniese wieder zurück. Sie hat verweinte Augen. Die Aufregung hat sie zermattet. Außer Bartel ist niemand in der Schlafstelle.. „Tot“, sagt sic zu Bartel. „Unterwejens jestorben. Es war schrecklich. Furchtbar jelitten, det arme Ding. War ja ooch janz voll de Flasche. Vorjestern erst neu jefüllt. Heute wollt' ick det Klosett damit reinigen. Is er schon da?“ „Nee.“ „Ick mecht blos wissen, wo der steckt? Doch noch nie passiert, det er nachts nich nach Hause jekomme» is.“ „So viel ich weiß, is er mit Alex festem Abend wegjejangen“, antwortet Bartel, der vor seinem niedrige« Schustertischchen sitzt. „Mit eenmal die Freundschaft?! Ausjerechnet! Und jrade heute Nacht! Komisch.“ „Ja“, seufzt Bartel. „Es jibt schon manchmal so Zufälle im Leben.“ Es klingelt an der Korridortür. „Det wer'n se sind“, flüstert Frau Schniese aufgeregt Bartel zu. „Sagen Sie's ihm. Sagen Sie's ihm. Ick kann nich.“ „Wie komm ick denn dazu?!“, protestiert Bartel. „Was jeht mir denn der Jude an?!“ Frau Schniese stellt ihren Schrubber, dessen Bürste mit dem nassen Scheuerlappen umwickelt ist, an ein Bett und watschelt hinaus. Sie klinkt die Korridortür auf. Der Jude tritt ein. Er geht so langsam und so krumm, als trüge er einen schweren Sack auf den» Rücken. Der Jude geht in den Schlafraum hinein. Mitleidig folgt ihm Frau Schniese. Der Jude läßt sich auf einen Stuhl fallen, stellt die Ellbogen auf den zitternde« Schenkeln auf un,d stützt den Kopf in die knochige« Hände. Durch die Fingerspälte schiebt sich der lange und spärliche Bart. Frau Schniese geht mit Schrubber und Wassereimer in den gegenüberliegenden Schlafraum. Sie hat Angst, daß der Jude sie nach seiner Tochter fragen könnte Im Gehen wendet sie sich noch einmal nach dem Juden um. Als Frau Schniese draußen ist, zittert der Jude vom Stuhl hoch. Breitbeinig schwankt er auf schlurrenden Füßen an Bartels Schustertisch heran. Bartel arbeitet und tut so, als ob er den Juden nicht bemerkt. „Ich chob ain Loch in mainer Seele, Bartel. Kannste's besohlen?“ Bartel gibt keine Antwort. „Worum biste eigentlich main Faind, Bartel?“ „Chob ich Dir vielleicht wos angetan?“ „Du kenntest doch ebenso gut sain main Fraind.“ „Es ist schlimm, zu ersaufen in ainem Meer. Aber es ist schlimmer zu ersaufen in ainer Ainsamkeit. — — „Bartel! Du wirst jetzt denken von mir, ich chob keine Ehre im Leib, wenn ich jetzt nach allem, wos is vorgefallen, noch mit Dir spreche. Aber ain armer Jied, welcher is so einsam wie ich, der kann nich denke« an seine Jühre, wenn’s ieber ihm kommt" — — — — — (Schluß folgt.) Annahme von Bestellungen auf die Züdisch-liberale Zeilung bei <?f Ämtern Deutschlands mma.uui,.7!rr“Trr“““T“TintT‘“iiT‘ininnnintiiiniTiiiiiiniJ