Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 6 (11.2.1931)
- Date
- 1931-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IüblschKberaleZeMng Organ der Vereinigung sür das liberale Iudenium e. V. DetantroottU Redakteur: Bruno Voyda. Die Bereinigung für das Nberale Judentum übernimmt nur für diejenigen AuffShe. die ausdrücklich al» ln ihrem Tlarnen eder in ihrem Austrage verfall gekennzeichnet find, die Brreutwortuna. Me andere« Artikel, Aeuhernngen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die ^Jüdisch-liberale Zeitung" erschein» jeden Mittwoch, «edaktion und GeschüstvsteNe: Berlin SW 11. HaNesche Sir. 1 sernruf: Bergmann 3Z5S, 3359 oftfcheckkonto: Berlin NW 7, 137069 Bereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher vriginal-Veiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaknon gestattet. Bezugspreis durch die DefchSftsfteUe '/«jährlich M. 3. Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Znland 0.30 Jür die Mitglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. « n z e i g e n p r e i f e: Die 12 gespult. Ttonpareiilezeite 0.4S Nr. 6 Berlin, 11. Februar 1931 11. Jahrgang Gegen die Schüler-Verhetzung Die Ulmev Ortsgruppe des Ceniralverrins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat wegen judenfeindlicher Umtriebe an den höheren Lehranstalten folgendes schreiben an die betreffenden Rettorate gerichtet: Unter, dem Vorgelben, im Alleinbesitz wahrer Vaterlaudsliebe zu sein, ist es dein Nationalsozialismus gelungen, auch unter den Schülern der hiesigen höheren Schulen zahlreiche und begeisterte Anhänger zu gewinnen. Zu den Programmpunkten des Nationalsozialismus gehört bekanntlich in erster Linie die Entrechtung der Inden, gegen die er, insbesondere unter Hinweis auf ihre angebliche rassische Minderwertigkeit unter steter Wiederholung längst widerlegter Verleumdungen, Haß und Verachtung predigt. Diese an das dunkelste Mittelalter erinnernde Judenhetze, welche mit dem Geiste der Verfassung und den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen nicht in Einklang zu bringen ist und der Aufgabe der Schule, gebildete, vorurteilsfreie und gerechtdenkende Staatsbürger zu erziehen, schnurstracks zuwiderläuft, hat schon jetzt in den jugendlichen Gemütern unheilvolle Verwüstungen angerichtet und die übelsten Folgen gezeitigt. Jüdische Schüler werden von ihren Klassenkameraden gemieden und gekränkt. Das Hakenkreuz wird unter Mißachtung der bestehenden Bestimmungen auch innerhalb der Schule offen zur Schau getragen. Dauernd wird für den Eintritt in den nachweisbar vorhandenen nationalsozialistischen Schülerbund Ulm namentlich in den Knabenschulen geworben. Wie es gelegentlich der Reichsgründungs seier geschehen ist, wird in den Schulen zu nationalsozialistischen Kundgebungen eingeladen, indem man vortäuscht, daß die Einladung von vaterländischen Verbänden ausgehl. Wir glauben, daß es nur dieser Hinweise bedarf, um die Erfüllung unserer Bitte zu gewährleisten, mit aller Energie für die Beseitigung dieser Mißstände, die sich nachgerade zu einem Martyrium für die Schüler jüdischen Glaubens herausbilden, zu sorgen und auch gleichzeitig aus das an Ihrer Anstalt tätige Lehrerkollegium in gleichem Sinne einzuwirken. Durch eine Mitteilung, welche Maßnahmen von Ihrer Seite zur Erfüllung unserer Wünsche ergriffen worden sind, würden Sie uns zu großem Danke verpflichten. Wir bitten gleichzeitig uns zu gestatten, Ihre Antwort an die von großer Unruhe und Sorge erfüllten Eltern der jüdischen Schüler Ihrer Anstalt weiterzugeben. Nachstehend geben wir die Antworten der betreffenden Rektorate wieder: I. Die Schule als neutraler Boden für Kinder von Eltern der verschiedenen politischen Richtungen und Konfessionen ist von jeher bemüht gewesen, alle trennenden und die Solidaritätsgefühle der Klassengemeinschaft beeinträchtigende Einflüsse von sich ferne zu halten. Vorkommnisse der letzten Zeit, von außen in sie hineingetragen, bedauert und» bekämpft sie selbst aufs schärfste. Zum Bereinsleben: Die Schülerschaft gehört etwa Merker verschiedenen außerschulischen Vereinen und Verbänden an. Der Eintritt in einen Verein und die Gründung von Ve» einen untersteht der Genehmigung des Rektorats. Die Akten über den von ihnen angeführten Schülerbund liegen beim Ministerium. II. Aus Ihr Schreiben vom 31. 1. teile ich Ihnen mit, daß ich es dem Lehrerkollegium bekruntgegeben habe. Wir alle bedauern die Vorgänge, die es veranlaßt haben, glauben aber festsletten zu können, daß unter unseren Schülerinnen keinerlei antisemitische Strömung herrscht. Nach dem Grundsatz: Quieta non movere (Ruhendes nicht aufrühren) halten wir es deshalb für besser, unseren Schülerinnen keinerlei Hinweis zu geben. Wenn israelitische Schülerinnen Grund zu einer Beschwerde haben, so mögen sie den Weg aufs Rektorat finden, sie werden da ihr Recht bekommen. EI. Das Rektorat hat das Schriftstück seiner Vorgesetzten Behörde, der Ministerialabteilung für die höheren Schulen in Stuttgart, zur Kenntnisnahme und etwaigen weiteren Veranlassung vorgelegt. Von sich aus hot das Rektorat in diesen Tagen Ga. legenheit genommen, bei -einem besonderen Durchgang durch sämtliche Klassen der Anstalt die Schüler aller politischen Richtungen und aller religiösen Bekenntnisse aufs nachdrücklichste daran zu erinnern, daß jede politische bzw. parteivolitische Hetze, in welcher Form sie auch geschehen möge, den Räumen der Schule fernbleiben müsse, und daß die Schulleitung gegen alle derartigen Versuche, Parteipolitik in die Tätigkeit der Schule hereinzutragen, gleichviel von welcher Seite sie auch kommen mögen, mit aller Schärfe Vorgehen werde. > Tie Gymnasiasten jüdischen Glaubens sind durch eigenes Anhören der Worte ihres Schulvorstandes in der Lage, dieses I Vorgehen des Rektorats zu bestätigen. | Lugen Laspary | Von Dr. Fritz L a m m. Eugen Easpary ist hcimgegaugcn. Ihm in diesen Blättern Worte des Gedenkens zu widmen, entspricht nicht nur einem mir geäußerten Wunsch, eL ist nur eigenstes, tiefstes .Herzensbedürfnis. Wir haben beide an dem gleichen Werk gearbeitet, er fast 4 Jahrzehnte, ich feit über 22 Jahren: au der jüdischen Wohlfahrtspflege, insonderheit an der in Berlin, die uns ganz nahe zusammengesührt hat. Caspary ist einer ihrer Führer geworden und hat Großes geleistet. Wie konnte er das? Er hat im Kleinen angefangen und ist zuerst als Mitglied in die Armenkommissi ou der jüdischen Gemeinde eingetreten. Das Schicksal hat cs gefügt, daß der Vorsitzende der 4. Abteilung, in der er seine pflegerische Arbeit begonnen hat und deren stellv. Vorsitzender er später wurde, Gustav Sachs, ihm vor wenigen Wochen in die Ewigkeit vorangegangen ist. In diesem Kreise, dein n. a. auch Maretzki, Hugo Heitmann, Willibald Löwenthal, angchörten, hat er, der Jüngsten einer, die fürsorgerischen Beziehungen von Mensch zu Mensch kennengelernt. Für den Geist, der dort herrschte war es bezeichnend, daß beide zu de t Mitgliedern des Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit (jetzt: für öffentliche und private Fmsorge-"gehörten, der seit 56 Jahren bte theoretische und praktische Fortentwicklung deutscher Wohlsahrtspslege zu sein ein Aufgabengebiet gemacht h-at. Dem Ausschuß! dieses hoch angesehenen Vereins hat Easpary bis zuletzt angehört. Bei seinem lebhaften, allem Neuen aufgeschlossenen Geist war es folgerichtig, daß er alsbald' (1896) auch in die neu begründete FürsorgekomMission gewählt wurde. In ihr herrschte ein modernerer Zug: Jugendfürsorge, Gefährdeten- und Strassälligenfürsorge war ihr Ausqabenlreis, in ihr waren die allmählich zur Mitarbeit zugelassenen Frailen nicht nur Ehrendamen, sondern wirkliche Pflegerinnen. Auch hier rückte er mit der Zeit zum stellv. Vorsitzenden auf. Es ist bewundernswert, mit welcher herrlichen Gewissenhaftigkeit er die einzelnen Fürsorgeakten bearbeitet hat, stets bemüht, alle Hilssmöglichkeiten für die Bedürftigen auszuschüpsen. So hat er manchen von ihnen in seiner eigenen Bildhauerei eingestellt. Sein ursprünglicher Berus bedeutete eine der stärksten Wurzeln seiner Kraft. Nicht nur, daßer auch in ihm zu führender Stellung in Fachverbänden und den Ausschüssen der Sozialversicherung berufen wurde, ihm entstammt jener künstlerische Zug, der den ganzen Menschen, inneres wie äußeres durchdraug. Der Blick für das Große und Weite, die Freude au den Erzeugnissen der Kunst, die Freude aber auch daran, in eigenem Schrifttum für zeitgemäße Wohlsahrtspslege zu streiten, die Lust am Fabulieren. So bereitete es ihm herzliches Vergnügen, mitten in einer Besprechung an irgend einen Gedanken anknüpsend, Erinnerungen aus dem reichen Schatz seiner Erlebnisse vorzubringen, stolz daraus, 'in Berlin geboren zu sein. Selbstverständlich war es sür ihn, daß er dem neugegründeten Jüdischen Musen ms der ein beitrat: Die jüdischen Künstler verlieren in Caspary einen wnrncherigen Förderer, der so manchen von ihnen über schwere Zeiten hinweggeholfen hat. Hiervon zeugt die Ausschmückung der Räume im Verwaltungsgebäude Rosenstraße mit .Kunstwerken. — 1623 wurde er zum Vorsitzenden des Wo hl fahrt s- und Jugendamtes der jüdischen Gemeinde gewählt. Das bedeutete die Krönung eines wohlvorbereiteten Werkes, durch das die bisher in einzelnen Kommissionen der Gemeinde geübte Fürsorge auf ein Gesamtorgan übertragen wurde, das den Gedanken einheitlicher Leitung in der Zentrale mit weitgehender Dezentralisation in den Bezirkst'ommissionen verband. Am Anfang Hai er stets eine gewisse Selbständigkeit der Bezirke betont, fit denen er den Beginn des vielumstrittenen, sogenannten Parochialsystems erblickte. Bis dahin Mitglied der Repräsentantenversammlung, gehörte er späterhin als höherer Berwaltungsbeamter dem Gemeindevorstand an. Auch in den Vorstandssitzungen bewährten sich seine Treffsicherheit im Urteil und seine Fähigkeit, abweichende Ansichten zur seinigen zu bekehren, den Gegner oft durch ein witziges Wort versöhnend'. Die Tätigkeit als Pfleger in der Arinenkommission und iu der Fürsorgekommission hat ihm die handwerkerliche Grundlage gegeben, auf der er seine Kunst als Vorsitzender ins Einzelne zu spezialisieren vermochte. So hat er sich an der Gründung der Jüdischen Darlehnslasse, einer vom Wohlfahrtsamt getrennten G. m. b. H. beteiligt. Seinem kindersreundlichen Herzen entsprach die Uebernahme der Kinderheime in Miersdorf Elmen; die Einrichtungen im Wohlfahrtshause Anguststraß^ — so Ahawa und Kinderhilfe — erfreuten sich weitgehender Förderung, ihnen schlossen sich eigene Kindergarten und Horte im Bereich des' Jngendfürsorgeamtes an. Auch die Jugendpflege verdankt Caspary viel. Noch bevor die Gemeindebehörden daran gehen konnten, sie offiziell auf die Gemeinde zu übernehmen, wurde der Jugendbeirat beim Wohlfahrtsamt geschaffen. Als dessen Leiter fehlte er bei keiner größeren sportlichen Veranstaltung und es bereitete ihm alljährlich besonderes Vergnügen, den Stafettenlauf Potsdam-Berlin zu verfolgen. Die Eröffnung des von ihm eifrig geförderten Sportplatzes zu erleben, ist ihm versagt geblieben. — Hatte der Antritt seines Amtes als Vorsitzender iu der Zeit einer Reorganisation gelegen, die mit einer gleichen Bewegung iu der allgemeinen Wohlfahrtspflege nach den Kriegsjahren und der Schaffung der Verwaltungsbezirke der Stadt Berlin zusammeufiel, so ist er von uns gegangen gleichfalls in einer Uebergangszeit, in der die steigende Arbeitslosigkeit vor allem daraus achten lassen mußte. Die vorhandenen Eiurichtrmgen der A rb ei ts s ü r s o r g e, die schon seit langen: nur unter stärkster Subvention der Gemeinde fortbe stehen konnten, in das Wohlfahrtsamt ciuzugtiedern. Diesem Gebiet stand er schon als Vorstandsmitglied des von den Logen U. O.B.B. begründeten Vereins für Arbeitsnachweis und der Haupt stelle für jüdische Wanderf ü r s o r g e nahe. Das leitet auf Casparys Anteilnahme an der Fürsorge außerhalb der Gemeinde über. Hier ist an erster Stelle sein langjähriges Wirken im Verband sür jüdische Wohlfahrtspflege Berlin zu erwähnen, über dessen Arbeiten jahrelang von chm geführte Protokolle in schönster Handschrift, — der man aber auch die Freude am Inhalt selbst anmerkt, — vorhanden sind. Sein Kampf galt nicht zuletzt der rationellen Mittelbeschaffung und er setzte sich überall — ein Schüler Albert Levys — gegen die sogenannten Wohltätigkeitsfeste ein. Jeder lauttönenden Reklame in der Wohlfahrtsarbeit war er abhold und oft sagte er mir, wir find zu bescheiden, man kennt unsere Arbeit zu wenig! Diese Verbandsarbcit verdient aber anch deshalb der Hervorhebung, weil aus ihr die Zentralwohlfahrt östelle der der deutschen Juden hervorgegangen ist, wie es in deren Gründungsprotokoll heißt: „Aus Anregung des Verbandes!" Zunächst Vorsitzender des Verwaltungsrats wurde er nach Timendorser Vorsitzender des Vorstandes der Zentralwohlfahrtsstelle. Dabei hatte er das Glück, daß ihm die Möglichkeit geboten wurde, mit Hilfe der vom amerikanischen Joint d i st r i b u t i o n c o m m i t t e e zur Verfügung gestellten Mittel die jüdischen Wohlfahrt»cinrichtungen durch die Jahre der Inflation hindurchzuführen, auf der anderen Seite durch die Schaffung der Sammlung „Jüdische Not" eine größere Zahl von Wohltätern und Spendern zu regelmäßigen Beiträgen zu veranlassen, durch die eine gemeinsame Kasse zum Besten der Berliner Anstalten außerhalb der Gemeinde gespeist wurde. Dem Ausschuß des D. I. G. B. gehörte Caspary gleichjalls an und als Mitglied! seiner Kommission sür die Fürsorgeerziehung förderte er die Gründung des Erziehungsheims für männliche Jugendliche in Wolzig. Iu den Rat des P r c u ß.r's ch e n L a n d e s v e r b a n d e s jüdischer Gemeinden wurde er als Sachverständiger berufen. Seine Mitgliedschaft im B r üd er v e r ein und in der M o n t c s i o r e Loge U. O. B. B. schließt den Kreis dieses vielgestaltigen Bildes, in dem uns die Entwicklung jüdischer Wohlfahrtsarbeit im letzten Menschenalter entgegentcikt. Es ist Eugen Caspary nicht vergönnt gewesen, in den Sielen zu sterben und eine tiefe Tragik hat ihm, dem beweglichen Geist gerade die Möglichkeit der Verständigung genommen. Und wie er schon in gesunden Tagen mit starker Energie sein persönliches Befinden in den Hintergrund treten ließ., so hat er noch im vergangenen Jahre oft feine geliebte Rosenstraße ausgesucht und ist dem, was man ihm über die Arbeit erzählte, mit angespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Ani Sonntag haben wir seine sterbliche Hülle nach dem Friedhof in Weißensee überführt. Der Weg dahin ging durch die Rosenftraße, durch die ihm feine engere Mitarbeiterschaft das Geleit gab, von dem Gedanken beseelt, das von ihm begonnene Werk fortzusetzen und weiter auszugestalten, das Werk, für das er sich allezeit eingesetzt, für das er auch gekämpft hat. Auch er ist ein Mensch gewesen und das heißt — ein Kämpfer sein! —