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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-01-14 · 2 (14.1.1931) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
2 (14.1.1931)
Date
1931-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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t 0 ■J IMchKbemleZMmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Vsrnnlwsrll. Redakteur: Bruns woyda. MsVerrlulguag für dar liberale Judentum übernimmt nur Bk dl^nügeu Äurlüh«. die ausdrückNch als in ihrem Namen atz« i» ihrem Auftrage versaht getenazeichaet stad, die ver- «Nmertuua. Alle anderen Artikel. Aeuhernngeu und VorichWge erscheinen unter der Verantwortung der Redaküon. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3353, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7, 137069 (Vereinigung für da» Uberale Judentums Nachdruck sämtlicher vriginat-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redamoa gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich AI. 3.— Einzelnummer 0^5. Bei freier Zusendung i. Inland 0^9 Für die MitgKeder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgtiedsbeitrage euthattea. Anzeigeupreife: Die 12gefpalt.NonporeillezeUe0.« Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. fämti. Anvoncea-Expedit. Nr. 2 Berlin, 14. Januar 1931 11. Jahrgang Notruf der Zentralwohlfahrtssielle Der andauernde wirtschaftliche Notstand stellt die jüdische Wohlfahrtspflege überall vor große, schwere Aufgaben und gefährdet zugleich ihren so dringend notwendigen weiteren Ausbau. Angesichts dieser Lage erscheint es geboten, aus die für unsere Arbeit maßgebenden Tatsachen hinzuweisen: 1. Für die Gesamtheit der jüdischen Wohlfahrtspflege muß gelten: Nicht Abbau, sondern Verstärkung aller Leistungen. Die Sachverständigen des Reiches, der Länder und der Gemeinden wie der freien Wohlfahrtspflege stimmm darin überein, daß die von den besten Fachkräften geleistete Arbeit in allen Gebieten der Fürsorge zugleich die' zweckmäßigste und sparsaurste ist. Dies bedeutet, bei voller Würdigung des Wertes der ehrenamtlichen Arbeit, daß nirgends die ansgebildete, hauptberufliche wohlfahrtspflegerische Kraft entbehrt werden kann. Wir weisen herzlich und dringend vor allem die größeren und mittleren Gemeinden und großen Organisationen hierauf hin. 2. Im gegenwärtigen Zeitpunkt besteht die erhöhte Notwendigkeit zu genauester Durchordnung der Arbeit. Jedes auch nur teilweise Leerstehen von Anstalten und Heimen „ruß zur Prüfung Anlaß geben, ob die Möglichkeit einer Vereinpgung Md dadurch sparsamerer und besserer Arbeit besteht. Auch vor jeder Neueinrichtung von Anstalten empfehlen toi", diese Fragen zum Gegenstand von Beratungen der beteiligten Gemeinden und Organisationen mit der Zentralwohlfahrtsstelle zu machen. Wir sind bereit, auf Wunsch sachkundige Vertreter zu solchen Verhandlungen zu entsenden. Zur Durchordnung und damit zu sparsamerer und zugleich wirkungsvollerer Arbeitsweise gehört allgemein eine noch viel engere und bessere Zusammenarbeit von Gemeinden und Vereinen. Wir bitten, auch dieses Erfordernis überall zum Gegenstand besonderer Prüfung zu machen. 3. Wir sprechen ganz allgemein die dringende Bitte aus, in allen schwierigen Fragen mit uns in Verbirrdung zu treten. Besonders gilt dies auch für die zweckmäßigste Beteiligung an Sammlungen aller Art, für die Gewährung non Beiträgen an Einrichtungen, Organifationen ufw. Unser Archiv und unsere Beziehungen zu anderen Organisationen ermöglichen es uns, eine zuverlässige Auskunft zu geben. Allgenrein bemerkeir wir dabei mit Bezug auf das Sammlungswesen: Wir können die Unterstützung nur solcher Organisationen und Einrichtungen empfehlen, die bereit und in der Lage sind, über ihre Einnahmen und Ausgaben einer zuständigen Stelle Rechnung zu legen. Wir wenden uns mit ' Nachdruck gegen die Beschaffung von Mitteln durch Wohltätigkeitsfeste und sonstige festliche Veranstaltungen. Aus ideellen, aber auch aus materiellen Gründen müssen solche Veranstaltungen abgelehnt werden; sie widersprechen dem Geiste jeder jüdischen und jeder neuzeitlichen Wohlfahrtspflege, sie bringen in den wenigsten Fällen einen nennenswerten Ertrag, in allen Fällen aber schwächen sie dm Geist echter Opserbereitschaft. ,, 4. Im Hinblick auf die große allgemeine Not bitten wir Sie -- unbeschadet Ihrer Arbeit im eigenen jüdischen Kreise —, das Zusammenwirken mit den anderen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege aller Richtungen zu verstärken, insbesondere sich überall an dm bestehenden oder ins Leben zu rufenden, allgemeinen und besonderen Arbeitsgemeinschaften und Gemeinschastsaktionen tatkräftig zu beteiligen. Wir stehen zu allen erforderlichen Auskünftm zur Verfügung. 5. Im Vordergründe unserer eigenen Arbeit müssen im gegenwärtigen Zeitpunkt stehen: a) die sozialpolitischen Aufgaben, b) alle Aufgaben der Jugendwoplsahrt, c) die Erhaltung unserer gesundheitssürsorgerischen Einrichtungen, d) die Sorge für die Arbeit in den Klein gemeinden. Zu a: Die Zentralwohlsahrtsstelle und die mit ihr verbundene Hauptstelle für Wandersürsorge und Arbeitsnachweise haben ihre Kräfte gegenwärtig in erster Reihe zu richten auf den Ausbau und die Errichtung von Darlchnskassen, auf die Verbesserung der Wanderfürsorge, auf die Verstärkung des Arbeitsnachweiswesens und auf die Errichtung der Arbeiterkolonie. Bezüglich der Darlchnskassen (Kreditbeschaffung und Zinsermäßigung) ist vor kurzem allen Kassen, im Einvernehmen mit dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, ein besonderes Rundschreiben zugegangen. Falls der Wunsch nach Errichtung neuer oder finanzieller Stärkung vorhandener Darlchnskassen besteht, bitten wir, mit uns in Verbindung zu treten. — Die Wandernden, deren Zahl sich durch die Wirtschaftskrise und deren Begleitumstände beträchtlich vermehrt hat, verlangen eine verstärkte Fürsorge. Sicherlich sind hier die Schwierigkeiten besonders groß, aber hier ist liebevolle Hilfeleistung so besonders notwendig. Es ist zu erwarten, daß die Wanderarbeitsstätte, die erste jüdische Anstalt dieser Art in Deutschland, in Kürze errichtet sein wird; die notwendigen Mittel sind zum großen Teile gesichert, und wir hoffen zuversichtlich, daß es gelingen wird, die noch fehlenden Beträge für den Ausbau und die Erhaltung zu beschaffen. — Die Erweiterung der bestehenden, die Errichtung neuer Arbeitsnachweise, dort wo sich eine Notwendigkeit ergibt, ist ein dringendes Gebot. Keine wohl verstandene Wohlfahrtspflege kann zumal im gegenwärtiger, Augenblick darauf verzichten, menschliche Arbeitskraft und damit menschliche Würde zu erhalten. Deshalb muß so schwierig es auch immer sein mag immer wieder erneut der Versuch unternommen werden, arbeitslose Menschen in den Wirtschaftsprozeß einzureihen. Der jüdische Arbeitsnachweis aber ist hierzu das wichtigste und geeignetste Jnstrunrent. Zu b: Tie allgemeine Notwendigkeit der Ausrechterhal tung, ja Verstärkung der Leistungen besieht vor allem für alle Aufgaben der Jugendfürsorge, Jugendpflege und Förde rung ber Jugendbewegung. In einer Zeit erhöhter Gefährdung der Jugend kommt jeder vorbeugenden Jugendarbeit, und zwar für alle Altersstufen, erhöhte Bedeutung zu. Nachdrücklich sei gerade in diesem Zusammenhang hmgewiesen auf die Wichtigkeit von Jugendheimen und, wo solche nicht möglich sind, auf die Notwendigkeit der Bereitstellung geeigneter Räume für die Jugendlichen, sowie aus das Erfordernis der Förderung aller Bestrebungen zur Beschäftigung der erwerbslosen und dadurch doppelt gefährdeten Jugendlichen. Zu c: In der Gesundheitsfürsorge darf gerade in der gegenwärtigen Notzeit . die allgemeine Hilfeleistung und insbesondere die Tuberkulosefürsorge keinesfalls eingeschränkt werden. In der Erholungsfürsorge wird sich zwar leider eine gewisse vorübergehende Einschränkung der ^Verschickungen kaum vermeiden lassen. Es muß aber daran fest gehalten werden, Verschickungen in Erholungsfürsorge, auch aus Gründen vorbeugender Art, immer durchzuführen, wenn sie vom Arzt als notwendig bezeichnet werden. Zu d: Gegenstand besonderer Sorge und Fürsorge muß gerade jetzt die Aufrcchterhaltnng und Stärkung wohlfahrtspslcgerischer Arbeit in allen Fällen sein, die in Kleingemeinden Vorkommen. Wir wissen, daß die Landes- und Provinzialverbände der jüdischen Wohlfahrtspflege und die größeren Gemeinden sich schon jetzt dieser Arbeit in weitem Maße annehmen. Wir lenken aber auf diesen Punkt auch von uns aus die besondere Aufmerksamkeit. 6. Allgemein bemerken wir zu allen diesen Arbeitsaufgaben, daß sie naturgemäß entscheidend Gegenstand der örtlichen und provinziellen Regelung und Durchführung sind und sein müssen. Wir werden deshalb auch versuchen, in diesen Monaten kurze Arbeitszusammenkünfte ,nit den wichtigsten Trägern der jüdischen Wohlfahrtsarbeit, darunter auch mit den verantwortlichen Beamtm, durchzuführen. Wir richten darüber hinaus an die Vorsitzenden der Landes, Bezirks- und örtlichen Stellen der jüdischen Wohlfahrtspflege sowie der großen Organisationen die Bitte, uns stets von den besonderen Fragen und Schwierigkeiten in der Arbeit ihres Bezirkes Mitteilung zu machen und so an dem notwendigen Zusammenschluß milzuwirken. Ter gegenwärtige Augenblick stellt unserer Gesamtarbeit außerordentliche Aufgaben. Nur durch einmütige Zusammenarbeit aller Beteiligten, nur durch Verstärkung aller Bemühungen können sie erfüllt werden. Zenlralwohlfahrtsstelle der deutsch«« Juden. Baeck, Vorsitzender. Vas gehl in der berliner I" " Gemeinde vor? Wahlproieste — Lehrstuhl für Botanik in Palästina — Steuererhöhuug in Berlin? Von Bimno Wo v d a. Am 30. November 1030 fanden die Wahlen zur Repräscntantenverfammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde statt. Ihr Ergebnis war von unbestreitbarer Eindeutigkeit: die liberale Liste errang init 24 Mandaten die absolute Majorität, von den weiteren 9 Listen fielen 5 völlig aus, die restlichen 4 Listen errangen insgesamt 17 Mandate. Klarer konnte der Wille der Wähler wohl kaum zun, Ausdruck kommen. Seit dem Wahltage find 6 Wochen verstrichen, eine Bestätigung des Wahlergebnisses von der zuständigen Aufsichtsbehörde ist noch nicht erfolgt. Der Grund ist. inzwischen bekannt geworden: gegen die Gültigteitserelärung der Wahl sind be, der Aufsichtsbehörde 14 Proteste eingegangen. Diese müssen geprüft und bearbeitet werden, ehe die Entscheidung getroffen werden kann. Es wäre verlockend, über die Gründe der verschiedenen Proteste hier nähere Ausführungen zu machen. Doch wir wollen uns vorerst Reserve auferlegen. Liest man die Proteste, so kann man sehr bald zwei Gruppen unterscheiden. Die eine Gruppe bilden die Proteste von Gemeindemit gliedern, d,e über Mängel der Wahlorganisation, insbesondere der Wählerliste, entrüstet sind, die andere Gruppe bilden Proteste, die offensichtlich im Dienste einer geschlagenen Partei eingereicht sind. Auf die Gründe sämtlicher Proteste ist die Antwort bereits dem Entscheid zu entnehmen, den das Polizeipräsidium aus die Proteste des Jahres 1926 erteilt hat. So ist es nur zu verständlich, wenn immer stärker das Gerücht verbreitet wird, daß letzten Endes durch die Ei,rreichung der Proteste keine Neuwahl herbei geführt, sondern lediglich der Wandel der Mehrheitsverhältnisse hinausgezözögert werden soll. Zumal .man wobt den Hanptprotm eines Herrn Tr. Alfred Posner mit dem Aktenzeichen versehen darf: „In Sachen Volkspartei gegen Bolkspartei", wodurch für den Eingeweihten die Angelegenheit einen merkwürdigen Beigeschmack erhält. Noch peinlicher aber werden die Tinge, wenn man sich an das Verhalten der Jüdischen Bolkspartei nach den Protesten des Jabres 1926 erinnert. Wir wollen nur einige Reminiszenzen hier auffrischen und dürren wohl an die Führer der Jüdischen Volkspartei dann die Frage richten, weshalb sic eigentlich bisher die jetzt eingereichten Wahlproteste im Gegensatz zu 1926 noch nicht als „frivol und den rechtlichen Verhältnissen widersprechend" bezeichnet haben. Am 15. November 1926 unterbreitete die Fraktion der Jüdischen Bolkspartei der Repräsentantenversammlung eine Erklärung, die folgenden Wortlaut hatte: „Tie Jüdische Vvlloparni hält nu ihrer grundsätzlichen Auffassung fest. Die am lfi. Mai 1926 gewählte Repräsentanten- Versammlung ist die gesetzmäßige Vertretung der Gemeinde. Wahlprvtcste au die Staatsbehörden sind unzulässig, weil sie mit der im Artikel 167 der Reichsverfassung geivährleisteten Autonomie der Gemeinde in Widerspruch stehen. Deshalb dürfen die eingelegten Proteste die Einberufung der neuen Repräsentantenversammlung nicht verhindern. Diejenigen Personen und Parteien, von denen die Proteste auSgchen, haben die Gemeinde aufs Schwerste geschädigt. Die Fraktion der Jüdischen Voltspartei ichnt es ab, in die Verhandlung der heute unterbreiteten Vorlagen einzutreten, weil die Versammlung nicht als die gesetzliche Vertreterin anzusehen ist. Wir erklären alle heule zu fassenden Beschlüsse für ungültig." Dieser Erklärung haben sich die zionistischen. Vorstandsmitglieder Kareski, Kollenscher und Sandler ausdrücklich angeschlossen. Deshalb ist wohl die Frage erlaubt, welche Folgerungen denn nun heute die Führer der Jüdischen Volks- Partei be, der — lediglich verschlechterten - Wiederholung der Vorkommnisse von 1926 mit umgeiehrten Vorzeichen aus ihrer „grundsätzlichen Auffassung" zu ziehen beabsichtigen nnd inwieweit sie ihre Auffassung zu verwirklichen wünschen, nach der „die eingelegten Proteste die Einberufung der neuen Repräsentantenversammlung nicht verhindern dürsten." * Peinlich aber wirkt es ganz besonders, wenn nun die Zeit bis zur Bestätigung der Wahl vom 30. November 1930 noch dazu benutzt wird, um wesentliche Fragen, der jüdischen Gemeindepolitik der Entscheidung zuzufnhren. Wir wollen uns darauf beschränken, zwei Meldungen der jüngsten Zeit in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Tre, Wochen nach der Wahl, an, 23. Dezember 1930 schreibt der Gemeindevorstand für die Leitung der Knabeirnnd der Mädchenmittelschule der Jüdischen Gemeinde RckwrfrtUcu aus. Sie sollen zum 1. April 1931 besetzt werden, Meldungen werden bis zum 15. Januar 1931 gefordert.. Daraus geht wohl die Absicht hervor, mit der Besetzung dieser äußerst wichtigen Stellen nicht bis zum Tätigkeitsbeginn der neuen liberalen Mehrheit zu warten und sich für die Zwischenzeit mit einem Provisorium zu begnügen, das ja leicht ohne Entstehung erheblicher Kosten und neuer Verpflichtungen gesunden werden könnte. Dabei muß, den Zionisten bekannt I sein, daß; die Liberalen keineswegs gewillt sind, den Gemehndeetat wie bisher mit den Kosten für diese Mittelschulen zu belasten, und daß; schon aus! diesem Grunde die Neueinstollung von Rektoren im gegenwärtigen Zeitpunkt unverantwortlich ist.; 7273

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