Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 1 (7.1.1931)
- Date
- 1931-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ftinigsterf. (D r. Fritz Lichten stein gestorben.) An den Folgen einer Lungenentzündung verschied hier der Arzt Dr. Fritz L i ch t e n st e i n im blühenden Aller von 33 Jahren. Trotz seiner Jugend gehörte Dr. Lichtenstein zu den angesehendsten und bedeutendsten Aerzten der Stadt, so daß sein Tod in den weitesten jüdischen nur uichtjüdischen Kreisen Königsbergs aufs schmerzlichste bedauert wird. Einer Königsberger jüdischen Kausmannsfannlie entstammend, wurde Lichtenstein ursprünglich selbst Kaufmann, jedoch trieb den jungen Lehrling sein innerer Drang zur Medizin. Sein Studium setzte er unter großen Opfern durch. Im Weltkriege erhielt er einen schweren Oberschenkelschuß. Rach dem Krieg« beendete er sein« Studien und wirkte an der inneren Abteilung des Königsberger katholischen Elisabeth- Krankenhauses, die unter der Leitung des jüdischen Geheimrats Professor Dr. Falkenheim steht, als Assistenzarzt. Danach lieh er sich hier als praktischer Arzt nieder und errang infolge seiner großen Pachkenntniss« wie auch wegen seiner menschlichen Güte bald mit die größte Praxis der Stadt. Außerdem toar er an der Poliklinik für innere Krankheiten, am evangelischen Krankenhaus der Barmherzigkeit. Auch war er Theaterarzt des Neuen Schauspielhauses. Dr. Lichtenstein stand jüdisch-religiös aus liberalem Boden, jüdisch-politisch ans dem des Eentttülvereins. Li«b«ri. (Todesfall.) Hier verstarb der langjährige Vorsteher der Gemeinde, M. Jsselbächer. 45 Jahre gehörte der Entschlafene dem Borstand der jüdischen Gemeinde an, und mit unermüdlichem Eifer hat er sein Amt im Interesse der gedeihlichen Entwicklung aller Gemeinde-Institutionen verwaltet. Ein dauerndes ehvendeS Andenken bleibt ihm bei allen Mitgliedern der Gemeinde gesichert. In eine« herzlichen Nachrufe wurden seine Verdienste um das Gemeindewohl dankbar anerkannt. Mayen. (Persönliche s.) Der zweite Gemeindevorsteher, Herr Juda Hartmann, ist im Alter von 65 Jahren plötzlich verschieden und unter überaus starker Beteiligung aller Bevölkerungskreise zu Grabe getragen worden. Aus den Trauerreden, die an seiner Bahre gehalten wurden, ließ sich die allgemeine Wertschätzung erkennen, die der Verstorbene im Berufe und in seinen Ehrenämtern genoß. Lehrer Levi zeichnete in herzlichen Worten ein Charakterbild des Heimgegangenen. Außerdem sprach Rabbiner Dr. Wolf, Köln, dem Verstorbenen, der dem Ehrenrat des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands angehörte, den Dank für seine treue und gewissenhafte Mitarbeit aus. Als Vertreter des Vereinsvorstaildes »uidmete Herr Nathan Kahn aus Köln Worte der Anerkennung. Im Namen der Berufsorganisation gedachte Herr Daniel aus Koblenz der vielseitigen Berdienstc, die sich der Entschlafene in 30 jähriger segensreicher Tätigkeit als Vorsitzender des Schiedsgerichts für den Regierungsbezirk Koblenz im Verband der Viehhändler Deutschlands ertvorben hatte. Für die (Gemeinde Mayen bedeutet der Heimgang ihres zweiten Vorstehers einen schweren, fast unersetzllichen Verlust. Bücherschau Karin Michaelis: „Das heilige Feuer“. Schicksale und Menschen. Carl Reißmer Verlag, Dresden. Um /Ai beweisen was sich im übrigen längst herumgesprochen hat , daß Karin Michaelis eine Dichterin ist, setze ich diesen Satz aus ihrem neuen Buch an den Anfang. Sie sagt von einer Geschichte, der sie eine begeisterte Besprechung widmet (in „zwei Menschenschicksale“), sie sei „aufgebaut wie eine Pyramide so schwer, jedoch diese Pyramide werde umflattert von den singenden Vögeln des Himmels, daß in den Fugen zwischen den Quadern alle duftenden Blumen der fünf Weltteile sprießen, und daß das Innere mit köstlichen Schätzen gefüllt ist“. Das Buch besteht aus lauter kurzen Abrissen, bestimmten Menschen, einzelnen Schicksalen gewidmet. Ich frage bei den HH. Verlegern an, weshalb sie sich dm Allgemeinen (auch dies hat such herumgesprochen) dagegen sträuben, Kurzgeschichten herauszubringen? Warum nur dies in unserer sachlichen und unromantischen Zeit? Warum nur können die HH. Verleger gar nicht genug „Stoff“ herbeischleppen? Gerade wie die modischen Frauen in diesen Tagen, denen man indes die Caprice als ein Bestandteil ihres Seins verzeihen muß. In diesen kleinen Geschichten von Karin Michaelis stehen unauffällig neben den treffendsten Binzeibeobachtungen letzte Erkenntnisse. Es handelt sich, wie immer bei dieser großen und .überquellend reichen Frau, um die, die die Menschen zu Unrecht leiden machen. Es handelt von den Verelendeten, von den Tieren, von den Kindern, von den Frauen, und auch so ganz unauffällig und wie nebenbei von den Juden. Fanfaren aus reiner und reicher Menschlichkeit, aus unbegrenztem Gerechtigkeitsgefühl Und sie sagt es geradeheraus (in: „Abrechnung mit dem Verstand“): „Schämt Euch nicht Euerer Gefühle, wenn auch die Erziehung zur Kritik ihre guten Seiten hat, bewahrt Euch die Wärme.“ Das sei hiermit getan und dies Buch aufs wärmste gelobt, dies Buch „heiligen Feuers“ voll CLem. Krämer. Kurt Lamprecht: Regiment Reichstag. (Fackelreiter-Verlag, Hamburg-B.) Ist es die verzweifelte Aehnlichke.it der unseren Volkskörper heute wie ehedem durchzuckenden Gegensätze, was uns im Hinblick auf die damalige grauenvolle Entwicklung stark berührt? Oder machen es die Ereignisse selbst, die — halb vergessen oder noch zu nahe geglaubt, um sie schon in der Perspektive historisch zusammenfassender Betrachtung erblicken m können, — in packend geschauten Bildern vor uns lebendig werden? Auf jeden Fall ergibt die Mischung von Nachkriegsdokument und — in gewissem Sinne Schlüsselroman eine verstärkte Resonanz, der sich so leicht niemand, auch wenn er den Dingen zu Beginn des Jahres 1919 in Berlin nicht so gefährlich nahe gekommen ist wie der Verfasser, entziehen kann. Mag sich auch angesichts des Kriegstrümmerhaufens, der Deutschland damals kulturell war, mancher Abenteurer bei dem im Reichstag kampierenden Frehvilligen-Regiment befunden haben — die Niederwerfung des Spartakusaufstandes im Herzen Deutschlands bleibt eine so opfermutige Heldentat, daß sie diese leider schon nach der kurzen, aber reichen Erlebnisspanne von elf Jahren notwendig erscheinende Ehrenrettung durch einen dazu Berufenen durchaus verdient. Das stimmungsmäßig und politisch Interessierende einer von inneren Kämpfen zerrissenen Zeit mögen auch andere, die an ihnen führend teilgenommen, wiederzugeben imstande »ein; das deutsch-jüdische Problem in solcher Verbindung zu beleuchten und so gewissermaßen das „Grabmal des um bekannten jüdischen S o l d a t e n“, mit welchem natürlich der Verfasser, wenn auch in freier dichterischer Nachschöpfung, identisch ist, zu schaffen, konnte sich nur der Bekenntnisdrang eines jüdischen Menschen und Kämpfers zum Ziel setzen. In der Zeichnung des Milieus, die einer gewissen Lebenswahrheit nicht entbehrt, kann inan ihm noch folgen. Wenn er aber einem um äußerer Vorteile willen dem Judentum entfremdeten Vater zweier ungleicher Söhne, von denen der jüngere einer Verwechslung mit dem am Liebknechtmord beteiligt gewesenen Bruder zum Opfer fällt, diese Bilanz eines seelisch gebrochenen, iti der Not zu seinem Glauben zurückfindenden Mannes ziehen läßt, daß er von ihm sagt: „Er war Jude, seine Kinder waren es. Er hatte sie in einen fremden Boden verpflanzen wollen. Es war mißlungen“, so muß diese Schlußweiidung, sofern sie sich nicht bloß auf den Austritt bezieht, sondern als Tendenz zu verstehen ist, abgelehnt werden. Aber das kann nicht der Weisheit letzter Schluß sein: glatte Resignation. Das soziologisch so wichtige Problem bliebe damit ja vollständig unberührt, und dem nicht jüdischen Leser des bis dahin durchaus klaren und trefflichen Buches würde lediglich die Einstellung eines Juden, nämlich des Verfassers, und allenfalls einer Parteiclique, nicht aber die der überwiegenden Masse der deutschen Judenheit übermittelt. Das Beispiel der keineswegs feindlichen, nur politisch verschieden gerichteten Brüder hat offenbar den Sinn, in dem sich" vollziehenden kleinen Judenschicksal das viel weitere vom Deutschtum und erst recht Menschentum symbolisch zu spiegeln. Wo immer ein „Bruder“ den anderen bekämpft, sei es zwischen Völkern oder innerhalb einer Volksgemeinschaft, einer Familie - glaubt nicht jeder von seinem Standpunkt aus, mit ihm erlaubt oder gar heilig erscheinenden Mitteln der gemeinsamen Sache am besten zu dienen? Es spricht für den Wert eines von grellen Schlaglichtern erfüllten Zeitdokuments, daß es uns für ein Weilchen in Lessingsche Gedankenwelten entrückt mit der Mahnung an einen jeden, sanften Regungen nicht ganz baren, „die Kraft des Ringes“ inmitten harter Lebensnotwendigkeiten, ja da erst recht, „an sich selbst zu erproben“. Rieh. E I b. Willy Haas: „Gestalten der Zelt“. Gustav Kiepenheuer Verlag Berlin. Der bekannte Verleger Gustav Kiepenheuer, dessen fünfzigster Geburtstag kürzlich in ganz Deutschland gefeiert wurde und dessen Wirken von Kulturbedeutung ist, hat jetzt dankenswerter Weise den ersten Band gesammelter Aufsätze und Betrachtungen des jungen Essayisten und Literaturkritikers Willy Haas herausgebracht. Und sich damit wieder ein Verdienst erworben! Denn Haas, der sich in Berlin seit sechs Jahren als Herausgeber und wichtigster Mitarbeiter der »Literarischen Welt“ einen Namen gemacht hat, zählt schon zu den „Auserwählten“, nicht nur zu den „Berufenen“. Seine Arbeiten unter dem Titel „Gestalten der Zeit“ zusammengefaßt, sind Musterbeispiele einer höchst modernen und vorbildlichen Art der Betrachtung, die den Menschen und Dingen nicht von der nur-philologischen, der rein-analytischen oder gar der „literarischen“ (im üblen Sinne des Wortes) Seite beizukommen sucht, sondern lediglich das aus der Totalität herausragende Ewigindividuelle in allgemein-gültiger und doch einmalig-geistvoller Darstellung zu schildern sich bemüht. Haas findet dabei immer wieder ganz neue Gesichtspunkte und treffende, reizvoll-kluge Formulierungen, die niemals blosse Geistreicheleien oder Esprit- Produkte sind. Vieles in dem Buche ist von dauerndem Wert. Dass Haas kein Reichsdeutscher, kein in Preussen oder gar der Kurfürstendammgegend Grossgewordener, sonder ein Prager, Jude ist, bedeutet in diesem Fall einen Vorzug. Denn ein gewisses Outsidertum ist hier zu einen Ueber-den-Dingen-Stehen einer leidenschaftslos-klaren Ueberparteilichkeit geworden. Der Aufsatz über Ludendorff z. B. ist ein Meisterwerk. Voll eindringlichster Kennzeichung und Polemik, die ganze neue Vergleiche gebraucht und überraschende Perspektiven eröffnet, und doch völlig frei von Gehässigkeit und Bitterkeit ist. Ausserordentlich in Diktion und an Tiefe auch der Essay über Tolstoi. Dieser Art des Sehens und Gestaltens ist, wie gesagt, mehr als Literatur, mehr als Philosophie, ist, um eine oft missbrauchte nur fast phrasenhaft klingende Bezeichnung anzuwerden, Gedankenlyrik und gleichzeitig grosse Kunst, wie sie in Deutschland heutzutage recht selten sind. Nebenbei bemerkt atmen die Haas’chen Arbeiten allenthalben gutes Judentum! Ueberall ist bei aller Subjektivität ein erfolgreiches Streben nach Gerechtigkeit und Sachlichkeit anzuerkennen. Besonders interessant sind die Aufsätze über jüdische Themen; über den jüdischenWitz, über die durch Judentum gebundene und gleichzeitig geweitete Geisteskraft des unvergessenen Moritz Heimann, über das rätselhaft-jüdische Gottsuchertum des Dichters Franz Kafka, der in überraschende Parallelität zu Kierkegaard gestellt wird, über das Wesen Franz Werfels usw. Mitunter äussert Haas Ansichten und Gedanken, die zum Widerspruch herausfordern; aber eine öffentliche Diskussion darüber müsste recht fruchtbar werden! Hoffentlich erscheint bald ein zweiter Band seiner Studien und Essays. An geborenen Kritikern wie Haas haben wir wahrlich keinen Ueberfluss. Dem Verlag ist für Drucklegung des Werkes zu danken; denn es dürfte wohl, wie die meisten wirklich guten Bücher nur von einem kleinen Kreis Geistiger gelesen werden und keinen grossen buchhändlerischen Erfolg aufweisen. Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin. Ein Jugendbüchlein: Völkerversöhnung von Johann Ohrtmann. Verlag Paul Riechert, Heide in Holstein. Immer um diese Zeit geht man ins Land der Bücher und Schriften, um zu suchen and gerade etwas Besonderes für die Jugend zu wählen. Da sendet mir ein Kollege, ein iiichtjüdischer Lehrer aus Holstein er wohnt in einem bescheidenen Ort und wirkt dort in vorbildlicher Tatkraft für praktische Friedensarbeit unter der Jugend ein Heft von 48 Seiten. Ich las schon vor geraumer Zeit ein ähnliches Heft von ihm. Dieses h.ier trägt den Titel „Zweites Jugcndbüchlein Völkerversöhnung“ und sagt in seinem Vorwort: es sei notwendig, daß schon Kinder davon etwas wissen müßten... Der Verfasser dieser äußerlich unscheinbaren, im Innern jedoch überreich von den erhabenen Ideen der Volks- und Völkerversöhnung erfüllten Schrift bittet mich, ein paar Worte eigner Einstellung zu sagen, denin es ist kein Ueberfluß vorhanden an solchen Broschüren, die direkt und ohne Vermittlung an die Seele des Kindes heranzutreten suchen. Das Büchlein erzählt vom Leben zweier großer Männer, schlicht und kindcrtiimlieh und sympathisch, - Frithjof Nansen und Albert Schweitzer. Dann wird von ‘der Arbeit des Völkerbundes erzählt und von seiner bisherigen Anstrengung, Kriege zu verhindern. In der Form eines Sprechfilms „Demir Kapu“ wird einiges Verständnis über diese Dinge verbreitet. Außerdem finden sich noch kleinere Geschichten und Gedichte, die dem Gedanken des Friedens und einer Gesinnung der gegenseitigen Achtung gewidmet sind. Der Herausgeber, Johann Ohrtmann, darf wissen, daß man auch in den Reihen der jüdischen Schüler, etwa vom 12. Lebensjahre an, ~ gern zu diesem Büchlein greifen wird. Aus dieser Art von Arbeit spricht tiefreligiöses Empfinden, und wir sind heutzutage gezwungen, mit lebensnahen Methoden und Mitteln auf die Wege der religiösen Erziehung zu dringen. Das Büchlein kostet 40 Pfennig und ist im Verlag Paul Riechert, Heide in Holstein, herausgekommen. J. Raphael, Beckum. Dr. S. Levy: Das Judentum in der Musik. Gutenberg-Druckerei Stolzenberg u. Co., Erfurt 1930. Die nur 00 Druckseiten umfassende kritisch-historische Abhandlung richtet sieh gegen die bekannte Streit- und Schmähschrift Richard Wagners mit gleichem Titel. Der Verfasser entwickelt die Geschichte deutscher Musiker jüdischen Glaubens vom Mittelalter bis zur Gegenwart tsr knappe» Züge»; indem er das Vorhandensein einer solche» Geschichte «aebweist, führt er Wagners völkische Ideenwelt durch diese Tatsache besser ad absurdum als durch Widerlegungen in theoretischer Form. Es ist ein Verdienst des Verfassers, dem breiten Publikum vom deutsch-jüdische» Standpunkt aus einmal einen Ueberblick darüber zu geben, was die deutschen Juden in der Musik geleistet, den Weg von dem jüdischen Minnesänger Süßkind von Trimberg über Wölflin von Locham, den Verfasser des berühmten Locheimer Liederbuches, und die Familie Rossi zu den musikalische» Größen Meyerbeer, Halevy, Bizet, Mendelssohn, Offenbach, Joachim u. a. bis zu Mahler und Schönberg aufgezeigt zu haben. Mir scheint allerdings die Bekämpfung der Wagnerschen Schrift vielfach zu stark in den Vordergrund gerückt zu sein. Wagner wird durch sie als Antisemit etwa im Sinne eines Nationalsozialisten von heute gekennzeichnet, und so ist seihe Polemik zu seinen Lebzeiten ebenso wie heute von allen Musiklaien und Musiksachverständigen niemals ernst genommen worden; für das geistige Deutschland bleibt sie — die völkische Bewegung ausgenommen — außer Betracht. Wenn aber der Verfasser gerade dem Nationalsozialismus in der Musik enitgegentreten will, für den Wagners Schrift zweifellos ein wichtiges Propagandawerk ist, so erscheinen der zwar populäre, aber allzu feuielletonistische Stil, die tendenziöse Färbung der Darstellung und die oft krassen, zu Uebertreibungen führenden Gefühlsausbrüche nicht geeignet, die notwendige Ueberzeugungskraft hervorzurufen, wie sie durch eine schlichte, objektive Darlegung der geschichtlichen Vorgänge auf wissenschaftlicher Grundlage für eine Beweisführung gewonnen werden kann. Wagners „Judentum in der Musik“ muß z. B. historisch verstanden werden. Die Schrift ist sicherlich ein besonders dunkler Punkt auf dem ohnedies trüben Ehrenschild Wagners, und das Problem Genie und Charakter leuchtet hier besonders stark auf; dennoch ist es unrichtig, Wagner als „den“ großen Antisemiten «und gesinnungslosen Menschen hinzustellen und immer nur von den „Hekatomben von Gift und Geifer“ zu spreche«. Der Verfasser bemerkt zutreffend, daß Wagners Kampf gege« die Juden eine Reaktion auf ihre Emanzipation gewesen sei, er zitiert auch den Ausspruch Zelters, des begeisterten und begeisternden Lehrers Mendelssohn-Bartholdys, mit dem dieser seinen Schüler zu Goethe schickt: „Er ist zwar ein Judensohn, aber kein Jude“ als ein „köstliches Dokument für die damalige Zeit“. Mir scheint es aber eines der vielen Dokumente für die große antisemitische Welle zu sein, die damals durch ganz Deutschland ging und auch vor der Mehrzahl der geistigen Führer nicht Halt machte, so daß selbst ein Sozialist wie Herwegh über die Freundschaft klagte, die ihm die Juden erwiesen: sie beleidige ihn. Wagners Angriffe sind also aus dem Geiste der Zeit entstanden und heben sich aus der Gesamtheit nur als Einzelerscheinung hervor. Dieser Umstand vermag Wagner zwar nicht zu entschuldigen, aber sein Verhalten doch zum Teil zu erklären und in einem milderen Lichte erscheinen zu lassen. Immerhin ist das Buch ein dankenswerter Beitrag zu unserer spärlichen Literatur über das Schaffen deutscher Juden in der Musik und gibt, ohne daß der Verfasser dies zu entwickeln braucht, auch den Völkischen unter de« Juden zu erkennen, daß die jüdischen Musiker Deutschlands ihr Künstlertum niemals aus spezifisch jüdischer Eigenart, sondern immer nur aus der deutschen Kulturwellt, der sie angehörten und angehören, geschöpft haben. Dr. H. Schildberger. Djcv J. Münz: „Jüdisches Leben im Mittelalter.“ Leipzig, M. W. Kaufmann, 1930. Mit lesbarer Geschenkliiteratur — in vornehmer Ausstattung — sind wir deutschen Juden nicht besonders reich versehen. Das vorliegende, anziehend geschriebene, mit trefflichen Abbildungen ausgestattete Buch füllt diese Lücke aus. ln zwölf Kapiteln führt uns der Verfasser das Leben der Juden im Mittelalter vor, Augen, Darstellungen, die uns mit Stolz und — leisem faeide erfüllen, denn diese armen, gehetzten Juden entwickelten ein reiches Eigenleben voller jüdischer Ideale, Frömmigkeit und Liebe. Das hübsche Buch weist nach, wie die Juden im „finsteren Ghetto“ keineswegs verkümmerten, sondern in der Reinheit und Weihe des Familienlebens ihr ganzes Glück erblickten, aber auch dem Kulturleben ihrer Umwelt Teilnahme Und Verständnis .entgegenbrachten. Zehn Seiten Anmerkungen und Quellennachweise ermöglichen dem Leser ein rasches Auffinden weiteren Materials. Dies noch nicht 100 Seiten umfassende Buch verdient allgemeine Verbreitung. Der Wiederaufbau des jüdischen Lebens wird von kleinen Zirkeln ausgehen, die sich mit jüdischer Lehre und Geschichte beschäftigen. Diesen „Zellen“ ebenso wie den Schulen --- sei es nachdrücklich empfohlen! Eugen Wölbe. Hallo, Rudolf: Geschichte der Familie Hallo. Kassel 1930. Privatdruck. Mit inniger Treue schildert der Verfasser hier 350 Jahre aus dem Leben einer deutschen Hofjuden- und Handwerkers- Familie, die Geschichte seiner Familie. Er hat sich die Methode für eine solche familiengeschichtlich.e Untersuchung zum Teil erst selber schaffen müssen und hat die erheblichen Schwierigkeiten glücklich gemeistert. Er führt uns nach Prag und Venedig, in die Gemeinden von Glogau und Stendal, von Berlin und Halle, spinnt Fäden zwischen all diesen Orten, bringt uns schließlich nach Kassel, wo seit Generationen die Hallos ehrsame Handwerker und geachtete Bürger sind. Eine weitverzweigte Familie, die an Israel Aro», dem Hoffaktor und Schutzjuden des Großen Kurfürsten, ihren Ahnherrn sieht, demselben, der in gewissem Sinne als der Begründer der Berliner Gemeinde zu gelten hat. Keine nüchterne Ahnentafel, sondern warmherzige Darstellung kulturgeschichtlicher Zusammenhänge, verlebendigt durch zeitgenössische Berichte und aufschlußreiche Dokumente. S« wird diese Familiengeschichte - - dank der unermüdliche« Forscherarbeit Hallos zu einem wertvollen Stück jüdischdeutscher Kulturgeschichte. Dr. A. G a 11 i n e r. Josef Wohlgemuth: Das Tier und seine Wertung im alte« Judentum. „Wenn der Leser das Buch aus der Hand legt in der Erkenntnis, daß die liebevolle Wertung des Tieres uraltes jüdisches Gut ist, dann ist der Zweck dieser Veröffentlichung erfüllt.“ Dieser Zweck wird erreicht. Das Buch ist eine Erweiterung von Aufsätzen, die der Verfasser in seiner Zeitschrift Jeschurun veröffentlicht hatte: Aufsätze, von einem gelehrten Talmudisten, der aber auch in der modernen einschlägigen Literatur gut bewandert ist, für ein Pjiblikun? geschrieben, das biblisch-talmudische Kenntnisse besitzt und gelehrten Randbemerkungen mit Verständnis folgen kann. Es wäre sehr wünschenswert, daß dieses Werk zu einem populären, flüssig geschriebenen Buch umgearbeitet wird» das auch anderen jüdischen und christlichen Kreisen, vielleicht auch der Jugend, die Einstellung des jüdischen Schrifttums zum Tiere zeigt zeigt und ihnen die Kenntnis der vielen schönen Midraschim und Auslegungen übermittelt, die der Verfasser in seinem Buche bringt. Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg. Werbt neue Mitglieder!