Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-01-07 · 1 (7.1.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
1 (7.1.1931)
Date
1931-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2614107-2614108--3846-2621484
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

IMchÜberaleZeMng Organ der Vereknigvng für das liberale Iuöeninm e. V. Bedsttens: Btnn» Voyds. ®*t Bereinigung für das liberale Intatfwn «fccratawtf mc Kr dichenigen ÄMe. die «msdrLMch als in tztzre« Ba«sn aber ia ihrem AnfKage v«fstziaekennzeichn«E tzck.dieBseeluna. Ale anderen Artikel. Aenbernngen nnd Bari eefcheinen unter der Verankmortnng der RedaMan. Vte «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint seden Mittwoch. Sedaktio« und Geschäftsstelle: Verlin SW 11, HaUesche Str l lf: BitgMenii 335$, 3339 . «ttsnts: Beton B® 7, 137069 Inignng für das liberale Züdentn«) Nachdruck sämtlicher Vriginal-Betträge nur mit vorheriger Genehmigung der _Redaktion gestattet. Bezugspreis dnrch die Geschäftsstelle '/«sührlich Rl. 3.— Einzelnummer OM. Bei freier Zusendung Unten» ft39 Sür die Mitglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis i« Mitgliedsbeitrage enthalten. Ar. 1 Berlin, 7. Zanuar 1931 11. Jahrgang Üuo usque tandem? Bon Doris Wittner. Tre Unzufriedenheit im deutschen Volke ist groß. Und sie mehrt sich von Tag zu Tag. Mit jeder Stunde steigt in allen Teilen, aus allen Flügeln des deutschen Volkes die strenge Frage aus, die dereiw't der römische Staatsmann und große Redner Cicero dem Führer der Unzufriedenen und Anstifter einer Verschwörung gegen den römischen Staat, Catilirra, entgegenschleuderte „Quousque tandem?" Wie lange noch willst Tu unsere Geduld mißbrauchen? Aber auch die schier unwahrscheinliche, nahezu unglaubhafte Geduld des deutschen Volkes ist heute an Men Grenzen angelangt, die nicht ungestraft überschritten werden dürftn. Und die römische Frage „Quousque tandem, wie lange noch?" richtet sich heute aus allen Schichten der Bevölkerung drohend empor, aber nicht allein an die Führer illegaler Bestrebungen von Rechts oder Links, sondern vor allem an die verantwortlichen Leiter des Staates selbst. Tie Sturmzeichen mehren sich. Heute wird ein Film, der nur der Wahrheit dienen will und höchstens die Tendenz hat, das gorgonische Antlitz des Krieges zu zeigen, 'so wie es wirklich ist, gleichzeitig aber ein hohes Lied auf die Tapferkeit und Kameradschaftlichkeit einer ganzen Generation deutscher Jugend singt, verboten; morgen wird ein ausgesprochen kriegshetzerischer Film, strotzend von Gcfchichtsktitternng und historischer Fälschung, erlaubt. Alles von der gleichen Film-Oberprüsstelle, die, wahrscheinlich, um das deutsche Ansehen im Ausland zu schützen, den Freden p e r h o r r e 1 §T e v l und den Krieg glorifiziert. Eine Reichsbehvrde sagt gehorsam ihre Sprüchlein auf, aber wohlweislich erst, nachdem die „Straße" ihr den Befehl dazu erteilt hat. Aber gleichviel, ob in den Kinopalästen für oder wider den Frieden demonstriert wird, stellen sich wohlorganisierte Horden unreifer Rowdies mit Stinkbomben, weißen Mäusen und Blindschleichen ein, um unter einem Führer von dem kleinlälibrigen Format eines Dr. Goebbels die Ruhe zu stören, jede freie Urterlsjassrrng zu verhindern und harmlose Zuschauer tätlich anzugreifen, deren Nase oder Haarfarbe den „Bravi" der Straße nicht gefällt. Nach solchen Heldentaten aber hallen die anliegenden Straßen noch irundenlang wieder von dem neuesten völkischen Schlager: „Deutschland erwache, Juda verrecke". Allerdings, von solchem Heldenmut beseelt und mit dieser neuen Oriflamme deutschen. Geistes wird es diesen neuen Patrioten auch zweifellos gelingen, in die Tat 'umzu setzen, was sie mit der Zivillonrage des Mundes so laut und lärmend verkünden: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen." Sie werden sicher einem bis an die Zähne bewaffneten, mit allein höllischen Kriegsmaterial, als da sind Flugzeuge, Tanks, giftige Gase, überreichlich ausgerüsteten, Gewehr bei Fuß stehenden Frankreich gegenüber vollbringen, was der deutschen Heeresmacht von 1914 bis 1918, der gewaltigsten nnd bestorganisierten Armee des Kontinents, einem unvorbereiteten und schlecht ausgerüsteten Frankreich gegenüber mißglüKe. Und was schiert es die kriegslüsterne Unmündigkeit, die das Antlitz des Weltkrieges nicht geschaut hat und die nicht ernmal wagt, ihm im belichteten Bildstreifen ins Gesicht zu sehen, die dafür aber einem Friedericus Rex zujubelt, der sich recht wesentlich von dem tatsächlichen Friedericus seiner eigenen Memoiren und seines politischen Testamentes unterscheidet, daß wir auf einem etwaigen Siegesmarsch gen Westen den polnischen und tschechischen Fernd im Rücken haben würden! Tlwmas Carlyle, der große Geschichtsschreiber der französischen Revolution, dessen Darstellung noch heute einem „Feuer aus den Kesseln" gleicht, hat einmal das Wort I eines Philosophen angeführt: „Glücklich das Volk, dessen Geschichtsbücher leer sind." Die Geschichtsbücher des deutschen I Volkes sind wahrlich nicht leer. Sie wissen durch Jabrtausende hindurch von grausamen Kriegen — verlorenen und gewonnenen — von echten Kriegsverwüstungen und falschen Kriegsgewinnen zu erzählen, aber es mangelt der I heutigen Generation entweder an der erforderlichen Bildung , oder an dem guten Willen, aus ihren Geschichtsbüchern Lehren zu ziehen. Sie sind wie das Geschlecht der heiligen Lud-! wrgc, die „allerchristlichsten" Majestäten des Hauses Bourbon, j die eines Tages von der aufschäurnenden Woge des Sansrulotf kismus hinweggesegt wurden: sie haben nichts vergessen, ’ aber auch nichts hinzugelernt. Entschuldbar für halbwüchsige Knaben, die 'sich immer gern von der tönenden Phrase berauschen lassen; entschuldbar vielleicht sogar — diese Konzession i wollen wir unseren Gegnern gerne machen — für opvo- * sitionelle Führer, die unter allen Bedingungen zur Macht gelangen wollen und darum auch vor den rattenfängerifchen Mitteln der Demagogie nicht zurückscheuen können.' Unentschuldbar für verantwortliche Maatslenser, die keine Eunetatoren, keine Zauderer sein dürfen, wenn es gilt, eindeutig zum Besten des Bolkswohles M handeln. Wir haben in den letzten Wochen in der Oeffentlichle'it betrübliche Schauspiele genug erlebt. Wir haben gesehen, daß der Obskurantismus sich auf den Weg gemacht hat, um nach seinem eigenen Belieben Werke der Kunst und' des Gci'tes niederzubrüllen und nickerzujohlen. Und wir haben gesehen, daß diesem Rückfall in einen kläglichen Barbarismus seitens der Regierung und maßgeblicher Behörden nicht offene Fehde angesagt ward. Stattdessen haben wir mit Bedauern wahrgenentmen, daß die zwei wichtigsten Mitglieder des regierenden Kabinetts, der Reichsinnenmini'ster und der Reichsaußenminister, sich in jeweils zunehmender Schwäche vor dem Druck der „Straß«" zurückzogen. Quousque tandem, meine Herren? Ter Reichssinanzminister mit dem unverwüstlichen Optimismus seines badischen Musterländles verkündet einen Sariierungsplan über den anderen, eine Finanzreform nach der anderen, so ungefähr wie es die unglücklichen Finanzminister des sterbenden französischen Königtums Turgot, Calonne und Nekler taten. Unterdessen aber ist die Zahl der Arbeitslosen auf nahezu vier Millionen gewachsen, nnd niemand hat mehr Vertrauen zu Programmen und Prognosen. „Deutschland erwache ,Juda verrecke" hallt die neue Nationalhymne Gasse aus, Gasse ab. Wir find der Meinung, daß, eben dieses „I u d a", wie Herr Hitler ante porta s und Herr Dr. Goebbels im Sportpalast „es auffassen", auch nur ein Bestandteil des großen nöllero enden veulschen'VolkeS ist. Und ob man nun Deutschland sagt oder Juda: wir fühlen uns in jedem Falle getroffen, aber wir wisien auch, daß der Mahnruf „zum Erwachen" nicht in dem Srnne wirksanl ist, wie er von den Rechts- oder Lkntsertremi'ten ausgestoßen und betrieben wird. Schlafe, wer will, die Zeit schläft nicht, auch oas Saccheld der Zeit schläft nicht. Aber „Wer Wind säet, wird Sturm ernten". Bölkerverhetzung, Straßenaufruhr, Anfätze zu Pogromen, Bürgerkrieg - gleichviel, auf welcher Seite der Barrikade man kämpft — mögen böse Träume sein, aber sie bedeuten nimmermehr ein Erwachen des Volkes zu dem, was ihm einzig frommt: zu Besonnenheit, äußerster SeMbefcheidung und Ablehnung jeder künstlichen Vernebelung der ohnedies schon durch Hunger und Sorgen ousgehöhlten Hirne und Herzen. Wir sind gewiß die letzten, die an einem sogenannten Revolutionssieber leiden. Und gerade wir Juden, deren vornehmste Geschlechter schon seit vielen Jahrhunderten in deutschen Landen be Herrn atet sind — wir brauchen bloß an die uralten Juden gemeinden des deutschen Westens, Worms und Speyer, Offenb ä ch u n d F r i e d b e r g zu gemahnen wissen auch, was deutsche Kraft, deutsche Geduld und Beharrlichkeit, deutsche Tapferkeit und deutscher Wille zu ertragen und zu überwrnden vermögen. Aber wir wissen desgleichen aus den GeschichtsÜLerlieserungeu anderer Völker, daß Revolutionen r'nrmer die gleichen Wurzeln haben: verlorene Kriege oder Mißbrauch der Obrigkeit, Hunger, ungerechte Privilegren bevorzugter Stände, Unterdrückung niederer Klassen, Lähmung des Wirtschaftslebens, Arbeitslosigkeit, Entwertung der Währung und — letzten Endes — Demagogie von allen Seiten. Aus ter Kumulierung dieser und noch vieler anderen Beweggründe entsteht schließlich automatisch jene rasende Erneute, die aller Gesetze der Menschlichkeit zu spotten scheint, und die 'doch nur von einer verzweifelten Menschheit in Schwung gebracht werden kann. Desperados und Exaltados sind in solchen Zeiten wohl an ihrem Platz und große Hysteriier werden den größten Zulauf finden. Aber wenn wir uns in die Akten der großen europäischen Aufstandsbewegunqen vertiefen, sei es in den Prozeß zwischen dem englischen Volk und seinem König (Karl I.), sei es iu das klassische Beispiel aller Revolutionen, in den grandiosen Staatsumsturz Frankreichs von 1789, der mit Jahrtausende alten Traditionen aufräumen mußte, um vermeintlich Rousseaas unsterblichen „Contrat social", einen bindenden Vertrag zwischen Staat und Volk zu eröffnen, in Wirklichkeit aber das Oberste zu unterst zu kehren und viele Jahre hindurch den Terror über einem ausgebluteten Volke schalten zu lassen, so gewahren wir hüben wie drüben neben mannigfachen Zügen von Scheußlichkeit und letzter Verrohung doch auch Genre, Ritterlichkeit, Geist und Begeisterung. Bor allen Dingen aber vermissen wir in den beiden grandiosen Umwälzungen alles Bestehenden, die jeweils zur Neugeburt ihrer Nation führten, ein Motiv, das den deutschen Wegbereitern einer gewaltsamen Staatsauflösung eigentümlich ist, und das ist der — Rassenhaß, dev sie in Zeitungen, Lickern und Symbolen plakatieren. Str wissen, daß die garye systematische Rassenlehre, insbesondere angewandt auf den durch u «kontrollierbare Blutmischungen zu Stande gekommenen Begriff Deutschland, ein Nonsens ist. Wenn also demnach die heutigen Rassentheoretiker von der strengsten Observanz nur noch eine sogenannte nordische Rasse gelten und schon den ostischen Einschlag und die Dinarier als nicht mehr unverfälscht gelten lassen, so dürfte wahrscheinlich selbst Unter den am lautesten nach Rassensonderung schreienden Nationalsozialisten eine Mehrzahl die Blutprobe schlecht bestehen. Was oder wen aber versteht nun gar der von uns nicht nur um seiner militärischen Fähigkeiten, sondern auch um seiner spezifisch kulturellen Eigenschaften willen besonders hochgeschätzte Generar von Seeckt innerhalb' "des deutschen Sprach- und Kulturgebietes als „undeutfch"? Es ist uns bekannt, daß der General, der über vielseitige geistige und künstlerische Interessen verfügt, auch zu jüdischen Häusern Beziehungen pflegt. Unbekannt ist uns, ob er, der sich gerne .,dte große Sphynx Deutschlands" nennen ließ, dessen steinerne Maske aber, je mehr er redet undschreibt, an Sphynrhastigseit verliert, sich für die Zukunft die Rolle eines Lafayette, eines Dumonriez oder gar eines — Bonaparte vorbehält. Tiefe 'Frage kann uns auch kalt lassen, selbst wenn wir eines Tages auch auf der Brust dieses -so hochverdienten Mannes, der gewiß kein Demagoge nach billigem Muster ist, neben dem Pour le merite, der ihm wie kaum einem anderen gebührt, die wohlfeile Gassenzierde des Hakenkreuzes gewahren sollten. Aber wir richteten unsere Frage „Wte lange noch" ja auch nicht an die augenblicklichen Herren der Straße, geschweige denn an den weit gefährlicheren Mann, dem man sicher zu nahe träte, wenn man ihn mit jenen in einem Atem nennen wollte, sondern vielmetw an die verantwortlichen Männer der deutschen Republik und ihre mrSführeridcn Organe. Wollen sie nur dm ScheinlegtAative bilden, ohne die Kraft und den Mut zur exekutiven Gewalt aufzubringen? Wissen sie nicht, daß, das Wort: „Eine politische Partei, die es nicht weiß wann sie geschlagen ist, kann für sich und für alle zu einem der verhängnisvollsten Tinge werden", Mch für eine noch amtierende Regierung gilt? Noch sehen wir in dem brodelnden Chaos dieser Zeit nur zwei feste Türme. Der eine heißt der Reichspräsident von Hindenburg ,der andere das preußische Staatsministerium. Tie Frage „Quousque tandem, wie lange noch sollen wtr Geduld haben?", richten wir mithin an das Kabinett des Deutschen Reiches und alle ihm .unterstellten Behörden, während wir langmütig den Rhythmus des „Deutschland erwache, Juda verrecke" in unsere Ohren und Hirne hämmern lassen. „Juda"nst sich bewußt, zur Verteidigung fernes deutschen Vaterlandes von 1914 bis 1918 Gut und Blut ebenso bedrntznngslos und freudig hin gegeben zu haben wre nur je ein noch so reinblütiger Vertreter der „nordischen Rasse". Aus diesen selbstverständlich erfüllten Pflichten seines deutschen Staatsbürgertums jüdischen Glaubens vermeint es heute auch das Recht Merten zn dürfen zu der Frage, wie lange noch eine schwächliche Reichsregierung der Verhetzung von Staatsbürgern der gleichen Natron, üblen Gassen hänb c l n und einem zunehmenden Kampf gegen G e r st u n d Kultur des deutschen Vaterlandes geduldig Zusehen wird.? Stille Andacht Bon Rabbiner Dr. G o t t s cha l k. Köln. Tie Stille Andacht hat in neuerer Zeit in der Liturgie eine erhöhte Bedeutung bekommen. Etwas ganz Neues ist sie ja natürlich durchaus nicht. Sie gehörte ja immer zumi Bestand des orthodoxen und liberalen Gottesdienstes. Nur bestand sie und besteht sie dort darin, daß einzelne Stücke leise gebetet werden, wahrend andere laut vorzutragen waren. Für das „Hauptgebet" (Tefrlla) besteht ja im orthodoxen Gottesdienst noch heute die Vorschrift, daß es erst leise zu sprechen ist und dann von der Gemeinde laut zu wiederholen. Ter liberale Kultus hat diese Sitte auf das Hauptgebet der Hoher: Feiertage beschränkt. Gegenwärtig hat aber die Stille Andacht noch eine andere Form gewonnm: man hat sie als Moment der Besinn nung, der Entspannung in den Kultus eingefügt; kein Text ist hrer vorgesehen, allenfalls wird sie von Orgelspiel eingerahmt. Im Gegensatz also zu der sonst so betonten Forderung, daß der Beter im Gottesdienst aktiv zu sein habe, wird hier auch in der Passivität eine Möglichkeit der Andacht, der Erhebung gefunden. Das gemeinsame „Schweigen" wird als ebenso wirkungsvoll empfunden wie das gemeinsame Singen und Beten. Und mit Recht. Denn die Passivität und das Schweigen verdienen diesen Namen nur scheinbar. Im Moment, da der Mund unbeteiligt ist und unbeschäftigt, wird doch auf Item1 Wege über das Ohr, und wenn auch diesem nichts geboten wirv, der stillen Gedanken- und Seelenarbeit stärkste Aktivität entfaltet. Es ist doch da bei der Andacht nicht anders als beim Denken: in stiller, lautloser, aber oft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.