Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 53 (31.12.1930)
- Date
- 1930-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MjschKberaleZeltMg Organ der Vereknignng für das Üderate Ivdenlum e. V. »ek«»I«srN. Redakteur: Bruno Voyda. vte vereiutguuo für das liberale Judentum übernimmt nur Br tzlejenlgea Auftähe. -le ausdrücklich als in ihrem Name« »der In ihrem Aufträge versaht gekenuzeichuet sind, die Ber- «ckmartuna. Alle anderen Artikel. Aeuheruugen «ad Vor- HHflt erscheiuen unter der verautwortung der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11, HoUesche Str. 1 Aernrmf: Bergmann 3358. 3350 Postscheckkonto: verüa 71W 7, 137080 (Vereinigung für da» »berate Judentum) Nachdruck sämtücher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der _Redamon gestattet._ Bezugaprei» durch die Geschäftsstelle '/ftährttchM. 3.—- Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland lK30 Sür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MitgKedsbeitrage enthalten. Aaz«igeapreife: Die 12gefpalt.Nonpareillezeile Anzelgeatarif durch die Geschäftsstelle. Anzeiaeuu». nanme bei der GelGLttssteve u. iamtl.Anuoncen-Ärpemt. Ar. 53 Berlin. 31. Dezember 1930 10. Jahrgang Zum Tode von Lugen " ~~ * Au, 29. Dezember haben wir Prof. Dr. (Lugen Goldstern, den großen Forscher, in der Ehrenreihe des Friedhofs der Jüdischen Gemeinde zu Berlin beigesetzt. WaS über ihn als Wissenschaftler von Weltruf zu sagen ist, wurde hier im September anläßlich seines 80. Geburtstages mitgeteilt und geht heute durch die Tages- und Fachzeitungen. An seinem Sarge hat der Vertreter der Wissenschaft das große Wort ausgesprochen, daß die Goldsternsche Entdeckung der Kanalstrahlen an Wichtigkeit für die gesamte Wissenschaft der der Röntgenstrahlen durchaus glerchkomrnt. Wenn nun trotzdem der Name Röntgen durch die ganze Welt geht und Goldstein fast unbeachtet gelebt und gestorben ist, so hat sich in ihm ein echtes und rechtes Märtyrerschicksal vollendet, das ich seit meiner Kindheit er war ein Mitschüler und besonderer Herzensfreund meines verstorbenen Vaters - aus nächster Nähe beobachten konnte. Wiederholt war ihm die Möglichkeit gegeben, das höchste Ziel des abstrakten Wissenschaftlers zu erreichen, eine ordentliche Professur an einer deutschen Universität. Wiederholt hat er diese Professur ausgeschlagen, da sie geknüpft war an die Beditlgung der Taufe, die auch noch am Ende des 19. Jahrhunderts für manche Zweige des Lebeus das „Eutreebiltett zur europäischen Kultur" war. Goldstein hat damit seinem Judentum mehr geopfert als einen Titel, an dem ihm nichts lag. Er hat die Möglichkeit geopfert, frei an sichtbarer Stelle und mit großen Mitteln zu forschen, und was fast noch mehr bedeutet, Generationen von Jüngeren heranzuziehen, die seine Lehren ausgestalten und den Stempel seiner Persönlichkeit tragen sollen. Und doch wäre kaum einer so befähigt gewesen, gerade aus die studentische Jugend zu wirken, wie dieser schlichte Mann, der, äußerlich die Merkmale eines deutschen Gelehrten und eines jüdischen Forschers in sich vereinigend, doch, ein Mann von fabelhaftem Reiz des Vortrages, von sprühendem Witz und einem tiesinnerlichen Humor war, ein Humor, der ihn auch über schwerste Bitternisse und Enttäuschungen hinweggeholsen hat. Er war aber ein zu stolzer Mensch und innerlich auch seiner Herkunft nach zu tief mit dem Judentum verwachsen, als daß er einen Schritt getan hätte, der ihm nicht nur äußerlich verächtlich deuchte, sondern der ihn auch,' innerlich eines wertvollen Bestandteils seines eigenen SemS beraubt hätte. So ist sein Leben, in welchem er sein Judentum gegen die mächtigen Gewalthaber des preußischen Kultusniinisteriums der neunziger Jahre wiederholt verteidigte, ein wahrer Kiddusch Haschern gewesen, eine Heiligung des göttlichen Rainens. Cr hat zwar nicht, wie unsere Väter, sein Blut für sein Judentum gegeben, aber doch hat er die Krönung sei lies Lebens, die äußere Vollendung, die große Möglichkeit zu lehren und zu forschen, für sein jüdisches Gewissen dahingegeben. Deswegen gebührt ihm auch in Kreisen des Judentums als einem großen Menschen, eineru aufrechten Juden ein dankbares Angedenken. H. Stn. Das Fahr 1930 Von Herbert P h i l ip p s t h a i. Tie wirtschaftliche Lage Deutschlands bat im Jahre 1930 eine wertere Verschlechterung erfahren. Tie Not liegt schwer aus der großen Masse der Schaffenden. Eine Wendung zum Besseren ist nirgends zu erkennen. Die Regierung versucht zwar allerlei Maßnahmen, doch sie ist nicht stark genug, die widerstrebenden Jntercssentengruppeu mit kräftiger Hand zu notwendigen Zugeständnissen zu zwingen. Das Jahr 1930 brachte der Regierung leine sichtbaren Erfolge, die Kurve des Leidens und der Not ist im Steigen begriffen. Die Juden bilden eine Wahrheit, die man eigentlich garnicht mehr uussprechen sollte einen Teil des deutschen Volkes, der mit ihm aufs engste verknüpft ist, mit seinem Ausstieg und seinem Abstieg, mit seinen Freuden und seinen Leiden. Geht es dem deutschen Volke gut, dann ist auch die Situation der Juden rm allgemeinen eine 'günstige, geht es der Gesarutbevölkerung schlecht, trifft der gleiche Zustand für die kleine jüdische Minorität zu. Eine Menschenerne 'Schicksalsgemeinschaft, Line untrennbare Verbunoenbeit tritt uns entgegen. Wer offenen Auges in oie deutschen Lande schaut, nicht einseitig-subjektiv die Geschehnisse betrachtet, findet das Gesagte in Stadt und Land bestätigt. D^e politischen und staatsbürgerlichen Rechte sind dem Juden durch die Reichsversassung garantiert. „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich", heißt es im Artikel 109 der Reichsverfassung. Vor diesem Prinzip gingen auch im Jahre 1936 die Gerichte dem jüdischen Staatsbürger gegenüber aus. So traten sie wiederholt gegen die offensichtliche Boykottaussorderrmg aus. Als Beispiel sei angeführt, daß durch Beschluß vom 5. Dezember 1930 dem Drucker eines Hetzblattes und dem Ortsgruppenführer in Gütersloh die Verbreitung eines derartigen Flugblattes und die Boykottaussorderung gegen jüdische Geschäftsleute durch das Gericht in Bielefeld verboten wurde. Ferner ist eine Reichsgerichtscntscheidung erwähnenswert, die besagt, daß, kein Richter wegen seines Glaubensbekenntnisses abaelehnt werden darf: „Die allgemeinen Ausführungen, die die Gefahr einer Befangenheit eines katholischen Richters in einem Falt der hier fraglichen Art dartun sollten, konnten die Ablehnung nicht rechtfertigen, denn! für den Richter besieht dw Pflicht, unbeirrt durch die Rücksicht auf sein Glaubensbekenntnis, die Staatsgesetze anzuwenden, sodaß er, vor einen Gewissenswiderstreit gestellt, von sich aus für den fraglichen Fall von der Ausübung des Richteramtes absehen müßte. Erklärt also der Richter, sich nicht befangen zu sül'len, also in der Lage unds chereit zu sein, unbeirrt durch seine 'Zugehörigkeit zu einem gewissen Glaubensbekenntnis zu urteilen, so kann auch von dem verständigen Standpunkt eines Angeklagten aus kein Grund bestehen, in eine unvoreingenommene Ausübung des Richteramtes durch diesen Richter Zweifel zu setzen." Auch war es im Jahre 1930 eine wertvolle Hilfe für die Inden, daß: 'das Zentrum die jüdischen Belange ständig zu wahren versuchte. Tie Bayerische Pollsparte: (das bayerische Zentrum) trat gegen das Schächtverbot in Bayern ans, eingefnhrt wurde es aber mit Hilfe der Sozialdemokratie. Im Reichstag beschäftigte sich der Strafrechtsausschuß mit der gleichen Materie und stier war es ebenfalls das Zentrum, das geschlossen für die Juden stimmte. Das Zentrum brachte, um zu verhindern, daß. das Schächten als Tierquälerei hingestellt würde, folgenden Antrag ein: Dem § '412 des Strafgesetzbuches, das den Tierschutz behandelt, soll folgender Absast 2 angefügt werden: Handlungen an Tieren dürfen nitch mit Strafe bedacht weiden, soweit sie zur Verfolgung ernster wissenschaftlicher Zwecke oder zur Erfüllung der Gebräuche einer Religronsgefellschaft des öffentlichen Rechts geboten sind." Neben den geschriebenen gibt es auch ungeschriebene Gesetze. Sie waren es, welche im abgelausenen Jahr neben der allgemeinen Not einen besonderen Notstand der Juden in Deutschland auslösten. Die Entwickelung geht bekanntlich dabrn, 'immer mehr den «Kleingewerbetreibenden ..aus der Wirtschaft auszuschalten und an seine Stelle Großunternehmer zu setzen. Wer ist es, der noch mehr darunter leidet, als der Jude? Diese Entwicklungstendenz beeinflußt ihn ganz außerordentlich. Immer mehr indische Geschäfte müssen ihre Pforten schließen, und die früher selbständigen Kaufleute, ihrer Existenz beraubt, müssen versuchen, als Angestellte ihr Leben zu fristen, wenn sie eine Stelle finden. Wer stellt heutigen Tages noch älteres Personal ein, wo junge und billigere Kräfte zahlreich ohne Arbeit sind? Und nun kommt noch die bewußte Ausschließung der Juden hinzu. Die großen Betriebe leugnen offiziell jede judengegnerische Tendenz. Aber eine Einstellung von Juden geschieht nicht, solange sie noch Nichtjuden zur Verfügung haben, auch wenn, sie ,ür den in Frage kommenden Posten weniger fähig sind. Das trifft bedauerlicherweise auch für viele von Juden begründete und geführte Unternehmungen zu, die glauben, aus ihre nrchtjüdische Kundschaft besondere Rücksicht nehmen zu müssen. Tie jüdische Arbeitslosigkeit ist das Zentrarproblem des Jahres- 1930 gewesen und wird weiterhin die deutsche Judenheit tief berühren. Zwecks Erwägung von Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit unter den Juden veranstaltete der Vorstandder Berliner jüdischen Gemeinde im Mürz eine Aussprache mit einem Kreise führender Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben. Denn die Gemeinde als solche wird stark von den ungünstigen Verhältnissen! in Mitleidenschaft gezogen. Die Steuereingänge erleiden eine ständige Senkung, die Wohlfahrtslasten steigen. Es wurden von Professor Georg Bernhard und anderen interessante Reden gehalten ,--- aber Wege zn einer praktischen Lösung konnten bis zum heutigen Tage nicht aufgezeigt werden. In einer Zeit, in oer es großen Teilen eines Volkes schlecht geht, blüht der Radikalismus. Die Rejchstagswahlen vom 14. September legen Zeugnis hiervon ab. Mehr als jeder sechste Deutsche hat nationalistisch gewählt. Die Judenftmeschaft zieht weiteste Kreise. Man sucht wie immer einen Sündenvock, undwas ist naheliegender als die Schuld auf d:e Juden zu wälzen? Heimkricger wie Goebbels, Ausländer wie „Hitler von der minderwertigen Rasse" begründen ihre Existenz ans diese krankhafte Strömung, und sie sind es, die immer kräftiger den Judenhaß schüren, weil sie garnichts durch ihn zu verlieren, aber viek zu gewinnen haben. Der Radikalismus ist hemmungslos. Er zerschlägt die Fensterscheiben von jüdischen und versehentlich auch von , christlichen Firmen (Reichstagseröfsnung). Der nationalistische Radikalismus demoliert und besudelt die jüdischen Friedhöfe (98 an Zahl bisher in Deutschland!), wobei ab und zu auch die katholischen Friedhöfe Beschädigungen erleiden. Der nationalistische Mob yinocrt die Ausführung des Remarque-Films im Mozartsaat, verprügelt hierbei jüdische Passanten, die mit der Aufführung nichts zu tun haben. Genug: Der Jude ist der Leidtragende in geschäftlicher und persönlicher Beziehung. Das Jahr 1930 brachte kaum einen Lichtpunkt dem deutschen Juden. „Liegt nicht eine schwere Tragik über dem Geschick der deutscher: Juden? Tie volle politische Gleichberechtigung haben sie erreicht, aber ihr Einfluß, in der Wirtschaft, an der sie mit ihrem ganzen Können und ihrem ganzen Streben mehr als ein Jahrhundert mitgearbeitet haben, wird bewußt zurück gedrängt. Daß diese Ausschließungsbewegung für die deutsche Wirtschaft und den deutschen Staat nicht von Nutzen sein kann, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Mehr denn je aber gilt es für alle deutschen Juden, in solcher Zeit in brüderlicher Gemeinschaft diesen Bestrebungen zum Wähle des Vaterlandes und des Judentums energischen Widerstand entgegenzusetzen." Lord Melchett gestorben Aus London kommt die Nachricht, daß Lord Melchett, bis zum Jahre 1928 als- Sir Alfred Mond bekannt, am 27. Dezember im Alter von 62 Jahren verstorben nt: Die gesamte englische Presse beklagt den Tod Melchetts als einen Verlust für die englische Wirtschaft und für das politische Leben Groß-Britanniens. In den palästinafreundlichen und zionistischen Kreisen der englischen Judenheit wird Melchetts Hingang als herber Verlust für das Aufbauwerk,in Palästina, dem der Verstorbene einen großen Teil seiner Kräfte lind auch große Mittel gewidmet hat, empfunden. Melchett, der deutscher Herkunft war, war einer der größten englischen M'.nschastsführer, Begründer und Leiter des englischen Chermekonzerns, Direktor der Westminster-Bank und vieler Gruben- und ariderer Unternehmungen. Im Kabinett Lloyd George bekleidete er das Amt des Gesrrndhejtsministers, trat 1926 zur konservativen Partei über und erhielt 1928 die Pairswürde. Als Mitglied der englischen Regierung unterstützte Lord Melchett die später in der Balfour-DeklaratWN verkörperte Palästina-Politik Englands. Er gehörte führend verschiedenen zionistischen Körperschaften an und war u. a. Präsident des englischen Keren Hajessod Komitees. Im Jahre 1928 wurde er zum Präsidenten der English Zionist Federation gewählt. Diese Würde legte er später infolge Arbeitsüberlastung nieder. Melchett unternahm mehrere' Palästina- Reifen uno entfaltete im öffentlichen Leben Englands eine energische politische uno Wirtschaftspropaganda für Palästina. Er selbst hat dem Palästina-Aufbau große Summen in Form von. Spxnden und Investitionen zugewandt. Er schuf auch ein großes landwirtschaftliches Unternehmen, die Mond-Plantagen. Auch war er ait dem Merk der Ausbeutung der Kali- Schätze des Toten Meeres interessiert. Lord Melchett war an dem Zustandekommen der Jewish Agency hervorragend beteiligt. Er war Präsident der Joint Palestine Survey Commission, deren Gutachten die Basis für die Tätigkeit der Jewish Agency bildet. Tie konstrtu'.ererrde Versammlung des Council der Jewish Agency in Zürich im August 1929 wählte ihn zusammen mit Louis Marshall zrrm Präsidenten des Council. Nach dem Tode Marshalls war er der einzige Vorsitzende des Council, der nun sein zweites führendes Haupt verliert. Seit dem Erscheinen des letzten Palästina Weißbuchs der englischen Regierung befand er sich als Vorsitzender des Council der Jewish Agency im Zustande der Demission zum Protest gegen die Palästina-Politik “bei* Regierung MacDonald. Einsteins Glaube Von Rabbiner -Dr. G o t t s ch a l k, Köln. Unter der Ueberschrist „Religion und Wissenschaft" ivitb em neues Bekenntnis Einsteins zur Religion verbreitet. Er hat schon früher einmal auf diesbezügliche Fragen geantwortet: den Schicksalsgott der Juden lehne er ab und bekenne sich zu Spinoza. Und einer Sammlung „atheistischer" Gedichte hat er den Spruch vorangeschickt: „Der Mut befreiender Geister ist der Mut zur Einsamkeit." Jetzt ist er ausführlicher. Nach kürzer Skizzierung der Furchtrelirion und der moralischen Religion bekennt er sich zur „Kosmischen", einer Religion ohne Dogma und bhne Gott, ohne Kirche, die bei ihr nicht möglich ist. Nur durch Kirnst und Wissenschaft kann das GefiM für sie erweckt werden. Wissenschaft und Religion sind keine Antagonisten. Wohl lehnt diese die Idee eines Wesens, das belohnt und straft, ins Weltgeschehen eingreift, ab. Aber auch sie kennen Hingabe, sind von stärkstem Gefühl beseelt, geben Manbe an die Vernunft des Meltbaues, Sehnsucht nach dem Begreifen dieser Vernunft, bleiben ihren Zielen trotz unzäh^. ^529