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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-12-24 · 52 (24.12.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
52 (24.12.1930)
Date
1930-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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HMchKberakZMlng Drw» öer Vsrsini««- för -n< übsrake Indeninm e. V. B<r«»tn»o«1l. Redakteur: Vruno Voydn. -ie veretuisun, für das liberale Judentum übernimmt nur fftr diejeuigeu Äufsähe. die ausdrückNch als in ihrem Name« abar i» ihrem Aufträge »ersaht geke»»zeichuet find, die Ver- MEmarinng. All« anderen Stttikel. Aeuheruageu und vorschtÜGe erscheine« unter der Verantwortung der Redatti*». Die „Zü-isch-litzerale Zeit««-- erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und GeschSftssteve: Verttn SV 11, Haliesche Str. 1 Ferneus: Sara«««» SSL». 3350 |l Nachdruck sämtlicher original-Leiträge vastschecktaut«: VerK» JtW 7, 137099 fl anr mit vorheriger Genehmigung der svereiuiguug für da» Kvrrale Judentum) s> Redaktion gestattet. Vezugspreis durch die Geschäftsstelle 'Mhrlich Al. Einzelnummer 0.25. Sei freier Zusendung i. -nlaub dM Aür die MitgNeder der Vereinigung ist der VezugSPeNS im MitgNedsbelttage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt. 1lonparelllezeitu0i« Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Auzeigenad-' nabme bei -er Geschäftsstelle u. samtl. Aanonceu-EWedtt. Ar. 52 Berlin. 24. Dezember 1930 10. Jahrgang Zur diesjährigen Selegiertenlagung der jüdisch-liberalen Jugend Deutschlands (siehe auch den Bericht in der JLi-Rubrit dieser Nummer.) Tie diesjährige außerordentliche Delegiertentagung der jüdisch-liberalen Jugend, die am 13. und 14. Dezember in Berlin stattfand, war internen Fragen der Arbeit und der Organisation gewidmet. Darüber hinaus aber hat sie diesmal vielleicht in stärkerem Maße als auf den Tagungen der letzten drei Jahre wesentliche Arbeit geleistet. Ta ist zunächst aus die Richtlinien hinzuweisen, die den neu beschlossenen Satzungen der Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler Jugendvereine vorangehen und der jüdischen Arbeit der einzelnen Gemeinschaften die Richtung weisen sollen. Wenn sie auch ihrem Wortlaut nach nichts wesentlich Neues bedeuten, so scheint mir aus ihnen, wie aus der Einmütigkeit, mit der sie von allen Richtungen innerhalb der jüdisch-liberalen Jugend fast diskussionslos angenommen wurden, doch eins ganz deutlich zu sprechen: es ist ein Bekenntnis zu positiv liberaler Einstellung, es manifestiert sich darin einmal der Wille, die Jugend unter Bejahung des Entwicklungsprinzips wieder an „die Quellen des Judentums und seiner Geschichte" heranzuführen und sie so zu verantwortungsbewußten „Trägern dieser Entwicklung" zu erziehen; es manifestiert sich zweitens darin auch dies, daß auf Grund einer religiös-jüdischen Einstellung die Auffassung vom Judentum als einer nationalen Gemeinschaft abgelehnt wird. Erfreulich und durchaus als positiv zu werten ist auch der immer wieder ausgesprochene Wunsch aller Vertreter, eine Arbeitsmethode zu finden, die stärker noch als bisher die Vertiefung in die verschiedenen Zweige jüdischen Wissens ermögliche. Es sind immer wieder die gleichen Probleme der Arbeitsgestaltung, mit der jede neue Jli-Generation nen zu ringen scheint. Man will — mit Recht den Versuch nicht aufgeben, auf die breite Masse der Indifferenten unter der jüdischen Jugend zu wirken, und spürt doch ganz deutlich, daß die Arbeit oft an Intensität und Tiefe verliert, sobald das Augenmerk allzu stark auf das Erfassen „größerer Massen" gerichtet ist. Und ebenso deutlich wurde auch die andere Gefahr erkannt, das völlige Austcilen der Arbeit auf kleine und kleinste Grüppchen. Ich habe den Eindruck, als ob sich innerhalb der einzelnen Jlis die Dinge zwangsläufig immer so entwickeln, daß auf eine Periode reiner GruppenarbeÜ eine solche reiner Bortragsarbeit folgt und umgekehrt, bis es einmal gelingen wird, diese beiden Arbeitsmethoden z« einer glücklichen Harmonie zu vereinigen. Auch der starke Witte, sich in die Gesamtarbeit des liberalen Judentums in Deutschland eiuzureihen, kam deutlich auf der Tagung zum Ausdruck. An diesem Punkte setzte aber auch dre Frage der Jüngeren- und Jüngstengruppen ein. Gerade die in gewissem Sinne doch tendenzmäßig gebundene Einstellung zu jüdischen Dingen innerhalb der jüdisch-liberalen Jugend hat eine Reihe ihrer Vertreter zu der Ueberzeugung gebracht, die Jüngeren- und Jüngstengruvpen für unsere Arbeit abzulehnen, während die andere, zahlenmäßig wohl stärkere Seite, diese Gruppenarbelt bejaht und fordert — und zwar sowohl aus Gründen des Nachwuchses wie auch aus Grund bereits gemachter praktischer Erfahrung. Dabei wurde dann natürlich auch das Problem des Führers aufgeworfen, für den in besonders starkem Maße jüdisches Wissen im allgemeinen wie auch Wissen um das liberale Judentum im besonderen gefordert wurde. Es herrschte völlige Uebereinstimmung darüber, daß in allen Jlis besondere Führerkurse veranstaltet werden müßten; sie sotten dem Führer die Möglichkeit geben, sein jüdisches Wissen zu vertiefen, sie sollen ihm aber auch die Möglichkeit einer Schulung in pädagogischer und organisatorischer Hinsicht bieten. Freilich bedarf die liberale Jugend zur Durchführung ihrer Pläne heute mehr denn je der Unterstützung durch den liberalen Lehrer und Rabbiner, wie vor allem durch die liberalen Hauptorganisationen, die ihr nicht nur die geldlichen Mittel zur Verfügung stellen, sondern sie auch bei den einer weiteren Oesfentlichkeit zugänglichen Vortrags- und Diskussionsabenden mit Rat und Tat fördern sollte. Dr. Ellen L i t t m a n n. Jedermann sein eigener Hiob Von Doris Wittner. Deutschland lebt in einer Zeit der großen Not. Sein Volk ächzt unter Leid und Leiden, die vieltausendsältig, aber ypn eitrander geschieden sind wie die Tiere der Erde oder die Pflanzen, die auf dem Meeresgrund wuchern. Zweifel itttb Verzweiflung lagern über 60 Millionen Menschen und niemand weiß, was noch kommen mag. Als Krieg und Hungersnot dieses gleiche deutsche Volk heimsuchten, Millionen deutscher Frauen ihrer Söhne, Gatten oder Väter beraubt wurden und oft schon die Frucht im Mutterleibe erstickte, da war und erhielt sich — zur Verwunderung aller Skeptiker — in diesem ganzen Volke, ohne Unterschied der Konzessionen, ein starker und aufrechter Glaube, der alle Gottes- Muser, Kirchen wie Tempel und Betsäle füllte. Als eben der Skeptiker sich selbst die Frage vorlegte, ob nicht gerade der Krieg mit seiner grandiosen Sinnlosigkeit geeignet sei, einen persönlichen Gottesbegrisf ad absurdum zu führen, wurde er widerlegt durch die erhobenen Hände und die Gebete, die, auch nach der Niederlage — alle Volksschichten, alle Rassen, Klassen und Kasten gen Himmel richteten. Es war wie das große, aus eitel Not geborene Bedürfnis der Menschen, eine neue Verständigung mit dem Gott, den sie jeweils bekannten, aus dem Wege leidenschaftlicher Sehnsucht herbeizusühren. Auch Re Inden konnten sich dieser aufbrandenden Elementargewalt ««er inneren Stimme nicht enthalten; auch ihre Synagogen waren überfüllt. Wieder und wieder erklang die Stimme Ire prosundis: „Aus der Ti-eft rusc ich, Herr, zu Dir. Herr, höre meine Stimme, laß deine Ohren merken aus die Stimme meines Flehens. So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? Denn bei' dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte. Ich harre des Herrn, ine-i-ne Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet aus den Herrn von einer Morgenstunde zur «uderen. Israel hoffe auf den Herrn, denn bei dem Herrn ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden." Vs war, als sollte der Alte Bund mit dem Hüter Israels in eben dieser Prüfungszeit neu geknüpft werden. Zwölf Jahre sind seither vergangen, und das deutsche Volk ist allgemach müde und mürbe geworden ob all der Schickungen, unter denen es sich krümmen und winden mußte. Heute nun gar, wo eine Angstpsychose lahmend über dem ganzen Volke ruht, scheinen Wissen und Glauben versagen zu «ollen. Und gerade heute, in einer Zeit, die unter sechzig Millionen Volksgenossen nahezu vier Millionen Arbeitslose verzeichnet, eine Zeit, in der ein jeder mit seinem individuellen Schicksal hadert oder zu haderit berechtigt scheint, müßte Vorsorge getroffen werden, daß die Seelen der Menschen sich geistigen oder geistlichen Tröstungen wieder öffnen, und daß der Glaube nicht Gefahr läuft, nichts anderes als eine hohle Form zu bedeuten. Auf die wahrhaft Frommen im Lande braucht nicht sonderlich Achtung gegeben zu werden, denn sie werden ihre Zuflucht wohl von selbst immer wieder finden bei dem Gotte, den ihre Konfession ihnen vorschreibt. Anders aber die „Masse Mensch", die, von der Pein des Alltags stumpi und dumpf geworden, nicht mehr weiß, wo ein noch aus, und die da noch am ehesten vermeint, Linderung und Hoffnung zu finden bei den Phrasen radikalpolitischer Maulhelden von Rechts und Links. In eben solcher kritischen Zeit sollten vielleicht Laienprediger — „Seelsorger" im wahrsten Sinne des Wortes — erstehen, die statt den professionellen Lehrern des Gotteswortes, Priestern und Rabbinern, in der schlichtesten Form von Mensch zu Mensch redeten und bei solcher Gelegenheit, um auch Eingang zu finden in nichtreligiöse Gemüter (denn die Religiösen haben ja ihren Halt in sich) sich zu berufen aus die Heilige Schrift, die, abgesehen von dem Leben, das sie den Gläubigen schenkt, doch auch - man vergißt das nur zu leicht — das erhabenste und genialste und unerschöpflichste Literaturdenkmal aller Zeiten und Völker darstellt. Es gibt ja gerade in der Heiligen Schrift außer der Schöpfungsgeschichte, außer dem Pentateuch, d. h. dem Fünfbuch Mose, das das große Sittengesetz des Volkes Israel umschließt, außer den Chroniken der Könige und der Richter, außer den Propheten und außer den Salomonischen Büchern, dem Hohen Lied, dem Psalter und den Sprüchen auch noch andere Bücher, die, obzwar in den Kanon ausgenommen, schlechthin als herrliche Dichtwerke gelten dürfen, und deren Charakter sie befähigt, Allgemeingut der Menschen zu werden und auch jenen gegenüber verständlich und tröstlich zu wirken, die vielleicht keine theologischen Bindungen mehr anerkennen und die nichts wissen von einem direkten Verhältnis zu Gott. Zu diesen Standarddichtungen biblischen Ursprungs gehören unseres Ermessens das Buch Ruth und das Buch Hiob. Das Buch Ruth, in der klaren Schönheit seiner bukolischen Idylle, mag Mr friedlichere Epochen als erbauliche Lektüre geeignet sein. Tvs Buch Hiob hingegen ist in seiner großartigen Zeitlosigkeit gerade heute aktuell bis in die Fingerspitzen, weil es vielleicht zum ersten Mai an heiliger Stelle oas Problem der Vernunft im Wellenlauf oder besser gesagt den Zweifel an einer göttlichen Gerechtigkeit aufwirft. Und zwar ist dieses Problem 'kein anderes als die einfache Frage, die eigentlich alle Anstöße an dem sittlichen Charakter der Weltregierung, an der göttlichen Leitung öer Menschenfchrcksale in sich vereint: wie verträgt sich das Leiden des Frommen mit der Gerechtigkeit Gottes? Wohlverstanden: ist dabei nicht die Rede von deni, was das Menschsein für jeden ohne Ausnahme mit sich bringt: also alle möglichen Fährnisse, gelegentliche Krankheit und Entbehrung, mannigfachen Verdruß und Mißerfolg und zuletzt den Tod. Vielmehr lautet die Kardinalsrage: Wie kann Gott es zulassen, daß so oft schwerste Trübsal des Leibes und der Seele über wahrhaft Fromme und Schuldlose hereinbricht und sie bis an ihr Ende vollends hoffnungslos dulden läßt, während es auf der anderen Seite unleugbare Tatsache ist, daß sich nicht selten offenkundige Verächter Gottes bis zuletzt auf allen Gebieten ungetrübten Glückes erfreuen dursten? Mit Recht sagt die Exegese, daß dieses Problem in demselben Augenblick aufhört, ein solches zu sein, wo der Glaube an eine künftige Lösung aller Rätsel, an eine n jenseitigen gerechten Ausgleich Platz greift, wie dies aus dem Boden' der christlichen Unüerblichkeitslehre der Fall ist. Aber die Religion Israels wußte ja n ich ts von einer solchen Hoffnung des Individuums. Diesem mußte es genug sein, wenn es zur »naturgemäßen Grenze menschlicher Lebensdauer gelangte und nicht etwa schon „in der Hälfte der Jahre" dahingerafft wurde. Dann aber fiel es dem Grabe anheim und stand für ewig außier Beziehung zu Gott, wie zu Leid und Freud der Oberwelt. Unter diesen allgemein gültigen, nicht spezifisch religiösen Gesichtspunkten gesehen sollte man oas Buch von dem Mann im Lande Uz mit Namen Hiob, der da „unsträflich war, rechtschaffen, gottessürchtig und dem Bösen feind" und der dennoch, von so unsäglichen Heimsilchimgen gefoltert ward, ohne zu wissen warum und zu welchem Ende (denn er konnte nicht ahnen, daß, Satan sich von dem Herrn anserbeten hatte, gerade diesen Gottesknecht durch Verfolgung versuchen zu dürfen, um ihn zum Abfall von Gott zu be.vegen) gerade heutzutage jedem, der da zweifeln und verzweifeln will ob den ihm auferlegten Nöten, in die Hände legen. Tenn diese didaktische Bibeldichtung dürste — selbst auf den Ungläubigen — eindringlicher, weil „groß und erregend" im Goetheschen Sinne wirken als alle modernen Heilst ehren zusammen. Das Schicksal Hiobs ist heute das Schicksal einer Nation. Und es ist Unerheblich, dv der gläubige Jude den Begriff Jahve oder der Nichtgläubige Fatalist den Begriff Schicksal einsetzen mag für die Macht, die ihn zerschmettert; die Hauptsache ist, daß er aus der gluterfüllten Poesie des biblischen Lehrgedichtes der Weisheit letzten Schluß, nämlich jedes einzelnen Individuums eigentliche Unwesentlichkeit erkennen zu lernen und zu begreifen vermag, daß er gleich, dem ehemals reichen uno gesegneten, aber doch gottesfürchtigen Manne Hiob, dem allgemach alles geraubt ward — Söhne und Töchter, Vieh und Aecker, Liebe und Ergebenheit von Fra« und Dienern , den, als er siech, mit Schwären bedeckt, daruiederliegt und sein Leben verflucht, drei Freunde höhnend aufstacheln und versuchen, und der sich auf dem Gipfel seiner Qual dazu hinreißen läßt, mir Gott oder dem Schicksal oder wie immer man die höchste Macht benennen will, persönlich zu rechten, schließlich ringest eben muß: „aus Unv e rstand sprach ich Tinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht begriff!" Nicht anders, als wenn Shakespeare seinen Hamlet sagen läßt „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als üiksere Schulweisheit sich träumen läßt, Horatio!" Die Ohnmacht des Menschen höheren Gewalten gegenüber, gleichviel, wie immer man sie benennen mag und viel, in welchen Formen des Bösen sie sich auswirken mögen, ist in dem Buche Hiob mit einer unübertrefflichen Klarheit und Schönheit dargestellt. Tie völlige Wiederherstellung des äußeren und inneren Glücksstandcs Hiobs soll hier wohl als eine Forderung der ausgleichenden Gerechtigkeit gelten, behält für uns aber nur den Charakter einer poetischen Lizenz, dessen wir für die Harmonie des Buches nicht bedürften: Denn eben diese ausgleichende Gerechtigkeit wird wahrscheinlich von allen Nichtgläubigen abgelehnt werden. Uns kommt es vor allem auf die Erkenntnis an, die in der letzten Rede Jahves klar und durchsichtig zu Tage tritt, daß ein Gott, der von der Urzeit an mit Erhabenheit und Weisheit in seiner Schöpfung gewaltet und für alles Begehren der unvernünftigen Kreatur liebevoll ge-

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