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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-12 · 46 (12.11.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
46 (12.11.1930)
Date
1930-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchMerakZeilW Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. iveraniworil. Redakteur; Bruno woyda. Die Vareinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Äuffähe, die ansdrückNch als inihrem Namen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Artikel, Aenherungen und vor- «chläge erscheine« unter der Verantwortung der RedaMon. Dle «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. RedaMon und Geschäftsstelle: Berlin SV 11. tzallesche Skr. 1 Aernruf: Bergmann SSSS, SL5S Postscheckkonto: Berlin 3UD 7, 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Orlglaal-LeitrSge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«j-hrllch 7ll. 3.— Einzelnummer 0.25. Sei freier Zusendung i. Inland 0.30 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Tlonpareillezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenann ahme bei der Geschäslsstelle n. fämtl. Annoncen-Lzpedit. Nr. 46 Berlin, 12. November 1930 10. Jahrgang Berliner Entscheidung Von Bruno Woyda. Nicht von unseren Gegnern wollen wir sprechen. Neidlos soll ihnen der Ruhm bleiben, die Liberalen und mich ganz besonders -in jeder ihrer Versammlungen in den Schmutz zu ziehen und dann noch sich als die ritterlichen Kämpfer hinzustellen. Wir wollen, daß der Wahlkampf würdig geführt wird, und so sei unsere Antwort nicht die Herabsetzung von Menschen, die andere Weltanschauung haben als wir. Unsere Antwott auf die Anwürfe der Gegner sei die Betonung unseres Wollens, unseres Strebens, sei der Hinweis auf Persönlichkeiten, die wie wir die Verwurzelung der deutschen Juden in der deutschen Heimat anstrebten, die Gleichberechtigung und Menschenrecht auch für den Juden forderten und erkänchften. Isis nicht ein kurzer Weg der Geschichte nur, der von einen, Moses Mendelssohn bis aus unsere Tage führt? Von jenem Moses Mendelssohn, der als Erster seinen jüdischen Glaubensbrüdern in Deutschland deutsches Kulturgut, deutsche Sprache vermittelte? Von ihm läuft eine Kette über Gabriel Rieß,er, Abraham Geiger, Hermann Cohen und viele, viele bis in unsere Zeit, in der ein Hugo Preuß und ein Walter Ratherrau bewiesen, wie ein Jude trotz alledem und alledem seinem deutschen Vaterlande zu dienen vermag. Vor achtzig Jahren schloß Gabriel Rießer eine seiner Schriften mit den Motten: „Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer deutscher Freiheit gezündet und genährt. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, und wir werden ihm allerorten angehören. Es kann und darf und mag von uns fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist. Willig werden wir ihm alles opfern, nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht. Denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." Diesen Geist des Stolzes und der Selbstachtung, des Wissens darum, was es heißt, ein Deutscher und ein Jude zu sein, gilt es wach zu erhalten. Wer von uns könnte wollen, daß die jüdische Generation, die nach uns kommen wird, wieder der deutschen Sprache und der deutschen Kultur eutfremhet wird, daß die Nachkommen derer, die einst Moses Mendelssohn in die Weite der Welt hinausführte, aus eigenem Wollen sich wieder mit der Enge bescheiden. Sind noch nicht genug die Illusionen zerstört worden, die durch die Begriffsoermengung vom Palästina des 20. Jahrhunderts mit dem Erez Israel der jüdischen Religion erzeugt wurden? Muß man uns heute lehren, was wir der Welt sagen müßten: daß diese Welt zu klein geworden ist für egoistische Völkerexzesse? Und soll diese Illusion Palästina nun durch eine neue Illusion ersetzt werden, die noch, wirklichkeitsfremder, noch gefahrvoller ist? > > * In einer Volksgemeinschaft wie der deutschen kann eine zerstreut lebende Gruppe wie die jüdische, die ja nur 1 % der Bevölkerung ausmacht, in politischer, kultureller oder wirtschaftlicher Hinsicht auf die Dauer kein Sonderdasein führen. Deshalb gilt es, Brücken zu bauen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen und nicht noch die Kluft zu vertiefen. Gilt es, aus das Gezeter derjenigen, die den Juden znrufen, sie seien ein Fremdvolk, zu antworten aus der Tiefe unserer Ueberzeugung, wir wissen uns Deutsche in unserem Wollen, Deutsche in unserem Sein. Und nicht nur als Echo zu erwidern: Ja, wir sind ein Fremdvolk, sind andersnational als ihr. Glaube niemand, es gehe nur darum, ob in der jüdischen Gemeinde die Verwaltung orthodoxer oder liberaler geführt werde. Das mag die Bedeutung jüdischer Gemeindewahlen in der Vergangenheit gewesen sein. Heute aber steht zu entscheiden, ob die jüdische Gemeinde eine Religionsgemeinde sein soll, der anzugehören ein Stolz des Menschen ist. Tie jüdische Religion darf sich nicht einkapfelu. Sie muß wittrer wie einst Künder und Mahner der Menschheit sein, muß das soziale Gewissen des Einzelnen und der Gesamtheit aufrütteln, damit Mißgunst und Haß, Feindschaft und Neid ersetzt werden durch Gemeinschaft, durch Wirken am göttlichen Werke. Aus solcher Gesinnung sollte die Entscheidung des Einzelnen für die am 30. November ftattfindenden jüdischen Gemeindewahlen ettoachsen. Nicht um den Ehrgeiz Einzelner oder die Bestrebungen politischer Sonderlinge darf es sich handeln, die bei all den vielen Splitterparteien wohl Anlaß zu ihrer Gründung waren. Die Entscheidung fällt zwischen der zionistischen Weltanschauung, die die jüdische Bolkspartei vettritt und dem deutschen Judentum, dessen Bollwerk die liberale Partei ist, dessen einziges Bollwerk in den vergangenen Jahren die liberale Partei, gewesen ist. Diese Mindecheitspattei muß wieder zur Mehrheitspartei in der jüdischen Gemeinde werden, damit diese wieder ein Spiegelbild der tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse in der Gemeinde gibt. Deshalb muß die Parole für den 30. November lauten: Wer für das deutsche Judentum ist, der wähle die liberale Liste, der wähle die Liste 1. Soziale Aufgaben der Rettgionsgememde Von Wilhelm Marcus. Tie entscheidende Frage in diesem Wahlkampfe lautet, ob man im Rahmen einer Religionsgemeinde alle die sozialen Ausgaben erfüllen kann, die eine Volksgemeinde sich als Ziel gcheckt hat. Unsere Gegner versuchen aus der Tatsache, daß wir den Komps um die Religionsgemeinde führen, zu folgern, daß das Programm der liberalen Pattei die Erfüllung sozialer Aufgaben nicht vorsieht. Ich will hier nicht untersuchen, inwieweit von der zionistischen „Jüdischen Bolkspartei" beabsichtigt ist', die sozialen Aufgaben mit national-jüdischen Ausgaben in Verbindung zu bringen, sondern ich möchte bei meinen Ausführungen mich, darauf beschränken, oen Nachweis zu erbringen, daß die Aufgaben einer Religionsgemeinbe freien Raum für die Erfüllung sozialer Arbeiten lassen. Ter Begriff Religionsgemeinde ist nicht mit dem Begriff einer Kultusgemeinde zu verlvechseln. Es mag zugegeben werden, daß in der Vorkriegszeit die Verpflichtung zu sozialer Tätigkeit einer jüdischen Gemeinde wesentlich anders beurteilt wurde, als es Heute der Fall ist. Mit der Demokratisierung des ganzen Staatslebens ist aber selbstverständlich eine solche auch in der jüdischen Gemeindestübe eingetrtten. Sehen wir von den früheren Armen- und Wohlsahrtsmaßnahmen, der Errichtung von jüdischen Hilfswerken wie Krankenhäusern, Altersheimen, Hospitälern und den Unterstützungen ab, so bleibt eine Reihe von Hilfsmaßnahmen übrig, die in einer modernen und sozialen Religionsgemeinde zu erfüllen sind. Diese Ar beit wird ausgehen müssen von einem großzügigen Hilfswerk für den jüdrscheu Mittelstand. Es würde zu weit führen, wenn ich in dem Rahmen eures Leitartikels die historische und wirtschaftliche Entwicklung des deutschen Judentums behandeln wollte, zumal diese Frage im letzten Jahrzehnt von vielen maßgebenden Kreisen, besonders von mir und meinen Freunden, ausführlich behandelt worden ist. Tie Tatsache der Verarmung weiter Schichten der Judenheit braucht nicht erst bewiesen zu werden. Wir wissen, daß diese Massen nicht nur die Träger der kleinen Gemeinden gewesen sind, sondern den größten Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung auch der Großgemeinden ausmachen. Schon daraus ergibt sich die zwingende Notwendrosteit, diese Mafien im Interesse der Gemeinschaft zu erhalten. Zu diesen Kreisen gehört nicht nur die große Zahl der Jntellettuellen, Handwerker, Kleinkaufleute, sondern zu ihnen gesellt sich auch das große Heer der kleinen Angestellten und Arbeiter, die alle infolge des wirtschaftlichen Niederganges aus ihrer Lebensbahn herausgeworfen wurden und allmählich proletarisiert werden. Welche Aufgaben hat nun die jüdische Gemeinde für diese Schichten zu erfüllen? Wir müssen uns von vornherein darüber klar sein, daß diese Maßnahmen nur eine Ergänzung der staatlichen oder kommunalen Verpflichtungen darstellen können, und daß keine toie immer geartete jüdische Gemeinschaft in der Lage sein wird, die in Gärung befindlichen ökonomischen Verhältnisse mit oen vorhandenen Mitteln zu beseitigen. Ich betrachte den großzügigen Ausbau der von mir und sozialen Freunden gegründeten Darlehnskafie und des Kreditvereins als dringend' not.oendig, um so Tausenden von Menschen die Existenz zu erhalten und zu verhüten, daß sie zu WohlfahrtsemMngern gestempelt werden. Ferner muß der Arbeitsnachweis nach jeder Richtung ausgebaut und unterstützt werden, um diejenigen Kreise in 'Arbeit zu bringen, die infolge ihres Judeseins aus dem Arbeitsprozeß ausgeschaltet worden sind. Als selbstverständlich muß verlangt werden, daß die Gemeindeverwaltung die Arbeiten an jüdische Unternehmer vergibt, und daß in ihrer Verwaltung jüdische Arbeiter verwandt werden. Wogegen wir uns entschieden wenden müssen, ist die gerade von der Bolkspartei propagierte Idee, durch Errichtung eigener Produkttonswettstätten, einer Anzahl jüdischer Arbeitsloser Beschäftigung zu geben. Abgesehen davon, daß wir im Interesse der Erhaltung des schwerringenden jüdischen Mittelstandes nicht auf Koüen der Allgemeinheit Konkurrenzunternehmen züchten dürfen, wissen wir aus Erfahrung, daß alle derartigen Unternehmungen nur durch ungeheure Zuschüsse der öffentlichen Ver.waltung, also mit Mitteln oer Steuerzahler, erhalten werden können. Diese Unternehmungen find im Konkurrenzkampf gegen die rationalisierte deutsche Industrie mit ihrem Mangel an Kapital und Arbeitskräften von vornherein zum Scheitern verurteilt. Deshalb müssen wir drese Einrichtungen aus das allerentschiedenste ab/ehnen. Die Zusammensetzung der liberalen Kandidatenliste für die neue Repräsentantenversammlung bürgh da alle soz-alen Schichten in ihr vertreten sind, — der industrielle Unternehmer, der Akademiker und der Großkaufmann, der Handwerker, der Beamte und der Angestellte — dafür, daß der soziale Geist in der neuen Gemeindevertretung aufrecht erkalten bleibt. Sollen alle sozialen Aufgaben einer jüdischen Gemeinoe erfüllt tverden, und zwar ohne Verbindung mit zionistischem Geist, so muß jeder Liberale seine Pflicht tun und am 30. November die Liste wählen, die ihre Versprechungen hält: Liste 1: Liberale Partei. Die zionistische Kampfesweise Die zionistische Jüdische Bolkspartei hat in der vergangenen Woche zwei Wählerversammlungen abgehalten, die zeigten, mit welcher persönlichen Gehässigkeit von dieser Seite der Wahlkampf geführt werden wird. Es verlohnt nicht, auf die persönlichen Angriffe zu erwidern. Wohl aber muß niedriger gehängt werden die Art, in der jetzt von zionistischer Seite versucht wird, den Liberalen die Schuld für das Scheitern der Verständigungsbemühungen in der Berliner Gemeinde zuzuschieben. Sie scheuen nicht davor zurück, in einem Flugblatt zu behaupten, „daß die Verhandlungen der Libemlen nur Täuschungs- und Verschleppungsmanöv-er gewesen sind". Um zu zeigen, welch grobe Irreführung mit diesem Flugblatt versucht wird, zitieren wir aus ihm einen Satz: „Tie Liberalen haben, während die Verhandlungen noch schwebten, bereits ihre Kandidatenliste beim Gemeindevorstand eingereicht". Was ist Wahrheit? Tie Liberalen haben seit Jahren gefordert, daß die Numerierung der Listen nicht nach dem Zeitpunkt der Listeneinreichung, sondern ebenso wie bei Reichstagslvahlen nach dem Stärkeverhättnis der Parteien bestimmt wird. Diesem Anträge der Libemlen ist nicht stattgegeben worden. Infolgedessen war es selbstverständlichdaß jede Liste in dem^ Zeitpunkt eingereicht werden würde, in dem die erforderlichen Vorarbeiten zmn' Abschluß gelangt sind. Bei der Einreichung der liberalen Liste wurde dazu noch aus-

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