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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-11-05 · 45 (5.11.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
45 (5.11.1930)
Date
1930-11-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MlschllberaleZeitung Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. War»n«»»rtl. «edaktenr: Br«no wo yda. tt>9€tcHilg«na für da» liberale Judentum übernimmt nur De diejenigen Avfsühe, die ausdrücklich al» tu ihrem Namen 9km ln ihrem Anttrage versaht gekennzeichnet sind, dleVeruMnortnua. Alle anderen Artikel, «euherungeu und VorfchDge erscheine« unter der Verantwortung der LedaKou. Die ^Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Aernrnf: Bergmann 3358, 3359 lostscheckkouto: Berlin 71W 7, 137069 «Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. öezug»prei» durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 3 — Einzelnummer 0.25. Lei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Lezugspreio im Mitglledsbeitrage enthalten. 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Ich schrieb an den Frennd, den ich darum bat, daß die Nachrichten hier lvie ein Blitz eingeschlagen hätten. Der betreffende Freund, der mjir die beiden ' Schriften einschickte, antwortete, daß man in London zwar auch überrascht sei von der ungewöhnlichen Schroffheit des Tones, die aus dem Weißbuch spreche, nicht aber von dem Inhalt desselben selbst; viele englische jüdische und nichtjüdische Politiker hätten diese Mitteilungen seit Fahren vorausgeschen. In der Tat, das Weißbuch in seiner erbarmungslosen Nüchternheit eines Geschäftsberichts macht in englischer Sprache einen ungleich kühleren und strengeren Eindruck als ihn die deutsche Uebersetzung, vor allem die auszugsweise Uebersetzung, zu geben vermag. Wer die 23 Seiten des Weißbuches aufmerksam durchlieft, kann verstehen, daß das „Statement" wie ein Eisschauer über die Hoffnungen und Wünsche der Zionisten und auch vieler nichtzionistischer Palästinafreunde hinweggebraust ist. Es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß wir uns jetzt auf den Standpunkt des befriedigten Propheten stellen, der alles schon vorausgewußt hat. Wir begreifen die Erschütterung, die durch die Reihen der Palästinafreunde geht, insbesondere aber durch die Reihen der Inden in Palästina selbst. Diese Erschütterung muß gerade bei den Arbeitern Palästinas um so stärker wirken, als es sich hier ja um ein Dokument einer sozialistischen Regierung handelt. Die schärfsten Worte, die gefunden werden, sagen Arbeiterführer zu Arbeiterführern und die wirtschaftlichen Maßnahmen, die angedroht sind, treffen in der Tat besonders hart diejenigen, die in Palästina wohnen, noch mehr diejenigen, die mit der bestimmten Hoffnung rechnen konnten, in absehbarer Zeit dorthin überzusiedeln. Wir können auch verstehen, daß diese Menschen bittere Worte der Enttäuschung gegen die englische Regierung finden; Leidenschaft und Zorn wägt nicht ab. Daß . aber auch zionistische Zeitungen in Deutschland, England, Amerika usw., ja daß sogar nichtzionistische Zeitungen von einem Wortbruch der englischen Regierung sprechen, sie des Verrates zeihen usw., ist ein geradezu grotesker Fehler. Wer auch nur eine Spur von Kenntnis der englischen Volksseele hat, von dein Nationalstolz und der Enrpfindlichkeit, mit dem sie für ihre verantwortliche Regierung einstehch der mußte sich sagen, daß es zwar Herrn Lord George gestattet ist. als Engländer zu Engländern davon zu sprechen, daß das Weißbuch das Wort vom perfiden Albion rechtfertigen kann, daß das aber niemals das Hamburger Israelitische Familienblatt berechtigt, gleichklingende Wendungen gegenüber deutschen Juden zu wiederholen. Man soll sich nur nicht einreden, daß die Regierung Mac Donald wegen dieses Weißbuches auch nur eine halbe Stunde früher stürzt, als sie es im Rahmen der englischen Politik sonst tun würde. Selbst also, wenn hier wirklich ein bewußter Wortbruch vorläge, würde es grenzenlos töricht sein, dies nach außen hin in die Welt zu posaunen. Es kann aber keineswegs davon die Rede sein, daß hier wider besseres Wissen alte Versprechungen gebrochen sind. Freilich, eins muß mit allem Nachdruck hervorgehoben werden; eine große Verantwortung trifft diese Regierung, daß nämlich sie mit schonungsloser Deutlichkeit Dinge ausgesprochen Hat, die andeutungsweise und im Auf- und Abwogen der Politik wiederholt vorausgesagt sind, die aber doch als offiziell in offfözieller Weise niemals so entschieden in der Oeffentlichkeit bekanntgogeben worden sind. All die Dinge, die jetzt festgestellt sind, hätten bereits vor Jahren festgestellt und ausgesprochen werden können und müssen, wenn die Dinge so liegen, wie sie nach dem wirtschaftlichen Bericht Simpsons liegen. Die englische Regierung wäre aber verpflichtet gewesen, diese Forschungen schon früher anzustellen und die Schlüsse daraus zu ziehen. Unsäglich viel vergebliche Hoffnung, Kapital, menschliche Arbeitskraft, ja sogar teures jüdisches Blut wurde verschwendet, weil die englische Regierung nicht früher in ihrem klaren und nüchternen Englisch erklärt hat, daß sie wcker jüdische noch arabische Politik mache, sondern englische. Da hat man nun seit Jahren in zionistischen Zeitungen jede beachtliche oder unbeachtliche Aeußerung eines beachtlichen oder unbeachtlichen Engländers, Amerikaners, Franzosen usw. über das Jüdische National heim gesammelt; all dies aber hätte man sich sparen können und müssen und nur daraufhin drängen sollen, daß die englische Regierung einmal eine authentische Interpretation der Balfour-Deklaration gebe; denn daß diese Balfour-Deklaration, die es mit beiden Teilen, mit Juden und Arabern, nicht verderben will, die ein Nationalheim für das jüdische Volk schassen, e i n r i ch Stern. aber doch die Stellung der Juden in den anderen Ländern unangetastet lassen wollte, notwendig zu Jrrtümern führen müsse, das hätten nicht nur die Antizionisten und Azionisten sich sagen müssen, sondern das hätten die weitsichtigen und mit auch von'uns stets anerkanntem erhabenen Eifer ihres Amtes waltenden Staatsmänner an der Spitze der zionistischen Weltorganisation erkennen und danach handeln müssen. Die Enttäuschung konnte nur deshalb so groß sein, weil man die Augen und Ohren sich künstlich verstopfte und jeden zum Verräter an der heiligen jüdischen Sache stempelte, der sich schüchtern erlaubte, einmal auf Klarheit zu drängen und darauf hinzuweisen, daß dieses Palästina ein Splitterchen in dem großen englischen Weltgebäude sei, daß England um aller Juden der Welt willen niemals die Araber und Mohammedaner vor den Kopf stoßen könne, mit denen es in ganz Asien, Afrika, vor allem aber in seinem Juwel Indien, zu rechnen habe. Ist es solch ein Wunder, daß England gerade jetzt den Arabern seine väterliche Fürsorge zu erkennen gibt, da seine Herrschaft in Indien nur noch lebt von dem Gegensatz zwischen Hindus und Mohammedanern, da es nichts ängstlicher fürchten muß, als diese Mohammedaner auf die Seite des Mahatma zu treiben? Tie Zionisten berliner Wahl-Kundgebungen siehe Beilage und leider auch bedeutende Nichtzionisten haben geglaubt, das Spiel um Erez Israel selbst zu spielen und müssen nun erkennen, was ihnen zu ihrer flammenden Entrüstung von anderen oft gesagt worden ist, übrigens am schärfsten und schroffsten in ihren eigenen Kreisen, daß sie nichts anderes sind als eine Figur auf dem großen Schachbrett des britischen Empire, das gerade jetzt wieder einmal in London aufgestellt ist und auf dem das Königsspiel gespielt wird. Die große Anklage, die auch wir gegen die englische Regierung erheben müssen, ist nicht die, daß sie gesprochen hat, sofern daß sie zu spät gesprochen hat. Hierüber aber dürfen die am wenigsten erstaunt sein, die von jüdischer und nichtjüdischer Seite oft genug gewarnt worden sind, noch mehr zu trauen und alle lebendigen jüdischen Kräfte auf die eine Karte Palästina zu setzen, die nicht sie in der Hand haben, sondern Downing-Street. Wer das englische Weißbuch nun aufmerksam und unvoreingenommen liest, muß zum mindesten bekennen, daß es nicht so ganz von der bisherigen Linie englischer Politik abweicht, wie jetzt von jüdischer Seite behauptet wird. Es stellt geschickt Aeußerungen zusammen, die, richtig beobachtet und beachtet, die verantwortlichen Leiter der jüdischen Palästina-Politik längst hätten stutzig machen müssen. Da ist zunächst, und das ist vielleicht das Wichtigste, die Frage der Interpretation des Wortes „Nationalheim". Alle Stufen des Zornes vom Hohn bis zur Verzweiflung durchtobt heute die ziouiftische Welt über die Abschätzung und Entwertung, die dieser Begriff in dem Weißbuch erfahren hat. In der Tat ist darin folgendes zu lesen: „Wenn gefragt wird, was unter der Entwicklung des Jüdischen Nationalheims ' in Palästina zu verstehen - ist, so darf darauf geantwortet werden, daß cs nicht bedeutet die Aufzwingung einer jüdischen Nationalität gegenüber den Einwohnern Palästinas als eines Ganzen, sondern die Fortentwicklung der bestehenden jüdischen Gemeinschaft (community) mit der Hilfe von Juden in anderen Teilen der Welt, auf daß es ein Zentrum werden kann, an welchem die Judenheit als Ganzes aus Gründen von Religion und Abstammung Interesse nehmen und auf das es stolz sein könne; nur ist es, damit diese .Gemeinschaft die beste Aussicht einer freien Entwicklung habe und damit für die Juden volle Gelegenheit gegeben werde, ihre Fähigkeiten zu entfalten, für sie wesentlich, zu erkennen^ daß sie in Palästina von Rechts wegen und nicht geduldet sind. Das ist der Grund, warum es notwendig war, das Man sieht also, daß es sich hier um eine Definition des Wortes „Nationalheim" als einer öffentlich rechtlich gesicherten, international organisierten Heimstätte handelt, zu welcher die Mitarbeit aller Juden willkommen ist (begreiflicherweise!) und deren ganze Verknüpfung mit den Juden, der übrigen Welt außer in der Leistungsgemeinschaft darin bestand, daß die Juden das Recht erhielten, an Palästina „Interesse zu nehmen und darauf stolz zu sein". Daß England dieses Palästina als einen nationalen Mittelpunkt der jüdischen Welt ansieht, davon kann keine Rede sein. Es wird sogar mit deutlichen Worten abgelehnt, daß Palästina als Ganzes jüdisch nationalisiert werden solle, obwohl kurz vorher ausdrücklich anerkannt wird, daß die in Palästina wohnende jüdische Bevölkerung infolge ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer gemeinsamen nationalen und sozialen Einrichtungen, „gewisse nationale Merkmale in sich trage". Für uns Nichbzionisten bedeutet also dieser- Standpunkt weder in positiver noch in negativer Weise eine Ueberraschung. Wir haben niemals in Abrede gestellt, daß die Juden in Palästina selbst kulturell, sozial, wirtschaftlich usw. ihr Eigenleben führen und haben es sogar ausgesprochen, daß selbst eine Nationalisierung dieser Judenschast, wenn sie weltpolitisch angängig wäre, uns so lange nicht berührt, so lange man nicht, wie es leider von zionistischer Seite vielfach geschieht, die Forderung aufstellt, daß wir in dieser Entwicklung des Nationatheims auch unser jüdisches Zentrum erblicken müßten. Nun kommt aber das Interessante und kaum Glaubliche. Die oben wörtlich zitierte Erklärung der englischen Regierung ist nicht etwa neu, sondern sie stammt sage und schreibe aus dem Jahre 1922. Sie steht in einem offiziellen, Juden und Arabern zugegangenen Expose des Kolonialministers. Wie kann man also da behaupten, daß England bezüglich seiner Auffassung von der Balfour-Deklaration die Juden getäuscht habe. Es ist gewiß richtig, daß andere Politiker als der Verfasser dieser Erklärung, daß vielleicht sogar hie und da die Regierung selbst einmal andere Seiten angeschlagen hat, aber dieses „Statement" von 1922 lvar doch da und war nicht aus der Welt zu schassen. Jeder Politiker mußte damit rechnen, daß die Regierung, ohne „wortbrüchig" zu sein, gelegentlich, wenn es das englische Nationalinteresse erforderte, auf diese Auslegung der Balfour-Deklaration znrückgreifen würde. Und nun vollends die Nichtzionisten! Ihr Erstaunen und ihre Entrüstung sind gänzlich unfaßbar. Wird denn hier eine andere Auffassung vertreten als die, mit der gerade unsere liberalen Palästinafreunde immer wieder versucht haben, uns Skeptiker zur tätigen Mitarbeit heranzuziehen? Nicht einmal, sondern unzählige Male haben unsere nächsten Freunde und Mitarbeiter, die in der Palästinafrage vvn der offiziellen- Vereinspolitik abwichen, uns erklärt, wir kämpften gegen ein gar nicht vorhandenes Schreckbild ,die Balfour- Deklaration sei gar nicht so auszusassen wie wir fürchteten, das Wort „national Home" bedeute im Englischen etwas ganz anderes als im Deutschen, es habe nur den Sinn einer einfachen „Gemeinschaft mit gewissen charakteristischen Merkmalen" ufw. Von seiten dieser Herren ist also das Erstaunen ganz unberechtigt und ich kann nur nochmals wiederholen, daß Herr Wassermann von seinem Standpunkt aus vollkommen Recht hat. wenn er erklärt, daß diese Auffassung der Balsour-Deklarativn ihn in seiner Palästinaarbcit nicht zu stören brauche. Auf die anderen Ausführungen des Weißbuches, .in welchen dargelegt werden soll, daß England immer den gleichen Standpunkt in der Palästina-Frage eingenommen habe wie jetzt, will ich nicht entgehen. Sie scheinen nicht gerade sehr überzeugend, denn es fehlen natürlich die zahlreichen Aeußerungen, aus denen man auch das Gegenteil von der jetzigen Auffassung gutgläubig herauslescn konnte. In dem Weißbuch folgt nunmehr die juristische Grundlegung der englischen Mandatsrechte und -pflichten. Die entsprechenden Artikel des Mandats find wörtlich wiedergegeben. Ganz besonderen Wert legt die Regierung diesmal nicht auf die Artikel 2 und 4, die das Nationalheim und die Jewish Agency festsetzen, sondern die Dominante in dem vielfältigen Akkord, der aus dem Mandat herausklingt, ist diesmal der Artikel 6. Dieser lautet: „Die Verwaltung von Palästina soll unter der sicherenVoraussetzung, daß dadurch Rechten» d Stellung anderer Teile der Bevölkerung nicht präjudiziert werden, jüdische Einwanderung unter passenden Bedingungen erleichtern und in Zusammenarbeit mit der Jewish Agency gemäß Artikel 4 geschlossene jüdische Sicklungen auf dem Land (einschließlich, der staatlichen Ländereien und des unbebauten für öffentliche Zwecke nicht benötigten Landest fördern."

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