Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 34 (20.8.1930)
- Date
- 1930-08-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lensätze zu grundsätzlicher Natur, die ihn schassen und später auseinandertreiben sollen. Und trotzdem int eine wahre Klärung in der Wählerschaft doch nicht jetzt zu erlangen. Gleichgültig, wie immer aber die Wahlen aus,allen: Mit aller Bestimmtheit, die in einem politischen Gedankenkreis aufgebracht werden kann, darf gesagt werden: die endgültige revolutionäre Abrechnung und Abstimmung, ob in Deutschland eine bürgerliche oder die sozialistische Wirtschaftsweise Geltung haben soll, wird jetzt nicht vor sich gehen! Ganz sicher nicht! Es iffc absolut leine Gefahr, daß dieser Reichstag sich für die proletarische Diktatur versassungsändernd und mit Stimmenmehrheit aussprechen wird. Ja nicht einmal ein solcher Antrag wird gestellt werden! Was aber diese ziemlich undurchsichtigen Wahlen im besten, vielmehr im schlechtesten, Sinne zeitigen werden, ist ein starkes Anwachsen der Nationalsozialisten au; Kosten der anderen bisher auch nationalen Parteien von rechts. Und weiterhin wird wahrscheinlich ein Verlust einzelner Man-' bäte des Zentrums und der ehemaligen Demokraten an die radikalen Arbeiterparteien zu verzeichnen sein. Vielleicht auch noch eine Zunahme der Kommunisten aus Kosten der Sozialdemokraten. Im großen Ganzen wird aber keine wesentliche Krästeverschiebung im Reichstage so vor sich gehen, daß man vorher um etwas Grundsätzliches besorgt sein muß. Nur eine einzige Sache wird wahrscheinlich grundsätzlich einer Aendecung unterliegen: Die Juoensrage. Leider ist im heutigen Deutschland und bei den jetzigen Wahlen die Judenftage nicht eine Nebensache, geschweige eine Frage, über die sich besonders die Juden, politisch tühl, hinwegsetzen können. Tie Judensrage ist, ohne daß ein wichtiger Grund vorläge, und selbstverständlich unvernünftig und gegen jede Wahrheit, zum wesentlichen Hauptbewegnngspunk't dieser Wahlen geworden. Tie gesamte Rechte, sowohl in ihren bürgerlichen wie in den nationalsozialistischen Gruppen, in in Graden abgeftust, antisemitisch eingestellt. Und aus Wahldemagogie überschreien sie sich in diesem Punkte. Und fast nur im Zeichen des Antisemitismus wird die ganze Wahlpropaganoa geführt. Ein Negieren oder Verschweigen gibt es da nicht! Zumal diese hemmungslose antifenritische Propaganda, vielfach verquickt mit allen politischen Innen- und Außen-Problemen, auch die im Grunde nicht antisemitischen Parteien zwingt, im Judenpuntte sehr vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Nicht einmal eine Defensive mehr! Greift man zwar nicht an, so will man aber nicht angegriffen werden! Schon die „Demokratische Partei" ist. mit ein Opfer dieser Tatsache geworden. Sie ist nicht antisemitisch. Sie wurde aber von oen Volksnationalen um Mahraun, die kein Interesse an den Juden — höchstens an jüdischen Stimmen — hat, weggejührt, anders innerlich eingcZwängt und zumindest in eine passive Stellung zur jüdischen Frage hineimnanövriert. Man kann das deutlich und sehr belehrend jetzt bei den Kanoidatenausstellungen der „Staatspattei" beobachten. Und man kann da sehen, wie cs später einmal, wo die Wähler und Juden gar nichts mehr dreinzureden haben, werden wirdr. In der Progression! — Um den Volr'snationalen... sie werden sehr labil sein, wenn sie im Reichstage der Glühhitze oer Nationalsozialisten ausgcsetzt werden wird. In der Progression! — Um den Volkszu schassen... (ist das nur zufällig?) werden in erster Linie Juden geopfert. Z. B. in Potsdam der mannhafte Georg Bernhard, der einem Führer der christlichen Gew-ertsch,asten (Jungdo) weichen soll. Höchstens noch, in Berlin, wo Juden in Afrika Von Edgar C a s p a r i n s. In Nordafrika fand ein sehr bedeutender Teil jener Juden Aufnahme, die durch die Ereignisse der Jahre 1391 und fast hundert Jahre später 1192 sich veranlaßt sahen, ihre spanische und portugiesische Heimat zu verlassen. Zur Zeit der Entdeckung Amerikas, zu einer Zeit also, als sich der geistige Horizont Spaniens durch Eroberung eines neuen Erdteiles, eines neuen Reiches ungeheuerlich erweiterte, gab es in Spanien und etwas später auch in Portugal kaum noch Juden. Sie wandten sich größtenteils nach Algerien und Tunesien und den Spanien nahen Küsten Afrikas, wo sie von den dort bereits jahrelang bestehenden, ansässigen jüdischen Gemeinden bereitwillig ausgenommen wurden und bald mit ihnen verschmolzen. So wuchsen sie zugleich mit den gastlichen ansässigen Gemeinden im Lause der Jahrhunderte zu einer beträchtlichen Bevölkerungsmenge an. Für einen Fremden, der zum ersten Male heute Algerien bereist, ist es recht schwer, anfangs die jüdische von der arabischen, mozabitischen oder kabylischen Bevölkerung zu unterscheiden. Dieselbe Kleidung, dieselben Gesten und Bewegungen, dasselbe Aeußere. Es bedarf schon eines sehr scharfen Blickes oder längeren Aufenthaltes, um feinere Unterschiede machen zu können. Schon bei der Landung in Algier weicht der leichten Enttäuschung, die die aus dem Meere emporgewachsenen europäischen Paläste, die Häuserreihen, das Unafrikanische der Quaistraßen verursachte, dem Entzücken, als man die Gestalten, die die Quais bevölkerten, genauer wahrnehmen konnte. Das ganze alte Testament, alle Märchen aus 1001 Nacht hatte ihre Figuren an den Hafen geschickt, um uns zu be-> grüßen. Ta standen würdige, sezbedeckte Greise, balgten sich halbwüchsige Bengels, die ihre braune Haut als nahezu einzige Bekleidung trugen, Neger boten ihre Dienste an und bettelten mit den Araberbengels zugleich um die Koffer. — In den Straßen sieht man oft deutsche Namen, und das sind nicht immer, wie es sich der romantische Reisende denkt, ehemalige Fremdenlegionäre, die sich zur Ruhe setzten, sondern meist Nachkommen jener Elsässer, die nach 1871 das Elsaß verließen, und denen die Franzosen bereitwilligst ihre Kolonien und Schutzgebiete zur Verfügung stellten. Unter ihnen ist ein sicher nicht unbeträchtlicher Teil Inden, die sich hier bereits außerordentlich gut akklimatisiert haben. Algier ist allerdings auch eine sehr schöne Stadt, groß und für afrikanische Verhältnisse nicht eigentlich schmutzig. Ein wunderbar süßer Tust liegt über der ganzen Stadt (selbst — wenn auch vermindert — über dem Eingeborenenviertel); er die jüdischen Stimmen ziemlich viel bedeuten, da gestattet man sich einen Paradejuden! Diese Tatsachen sind durchaus maßgebend. Und es ist ungemein wichtig für Juden zu erforschen, wo oie Juden nur als politisches Objekt und nicht als Subjekt wirken Das heißt, wo sie ohne Rücksicht ob sie Juden sind, als Kandidaten ausgestellt werden. Schlimmer steht es aber in dieser Beziehung nock, nach teil Wahlen, wenn ba die Juden nicht politisch denken wollen. Vor dem offenen und gemeinen Antisemitismus — etwa Hitler-Nuance — braucht man sich nickt einmal zu fürchten. Am schlimmsten ist das Scl.Leichenüe des Asemitismus in oer Personallritit der Regierungen und Parteien! Da muß. man besorgt sein vor seinen Frunden! Auch oie „Staatspartei", trotz aller tönenden Abschwörungen um Mahraun herum, wird in eine Regierungslcalition mit Rochtssärbung hereinglitschen und bei ihrer inneren Mischung den 'Asemitismus nicht mehr hemmen wollen oder gar können. Und Minister wollen sie ja stellen! Und das lostet Rückgrat. — Und so ist vom jüdischen Standpunkte oer Verteidigung der Juden, heute keine bürgeijr'che Partei, aus dem Wahlschlachtfelde zu erblicken Trotz aller Versicherungen vor oen Wahlen. Es ist nicht anders'! Kein Hellblickender kann diese Tatsachen leugnen. In dieser Beziehung ist die ,„Staatspartei" zusammengebrochen. Wie sie erst nachträglich da> nicht mehr Farbe bekennen kann. Und jetzt müssen wir untersuchen, wo denn eigentlich Inden widerspruchslos noch als Subjekt, als Kandidaten ansgestellt werden... ohne daß man etwas fragt. Und da sehen wir nur noch zwei Parteien: Die radikalen Arbeiterparteien: die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Wenn das gar nicht traurig ist. so ist B doch wahr! Und jetzt beginnt, immer nach Herrn Simon, die Tragik des jüdischen Bürgers. Wir wollen also noch einmal seststellen: Es gibt leine bürgerliche Partei mehr, die ohne „Judensrage" ist. Tie „Staatspartei",als die illegitime Erbin der demokratischen Partei, hätte es sein rönnen. Aber sie kann es eben nrcht sein. Ihre politische Situation erlaubt es nicht anders. Jede bestehende politische Situation rann zu einer dauernden werden, kann zur Erstarrung gelangen und weitergroßen Schaden bringen, wenn man ihr nicht durch unverbrüchliche Taten entgcgenwirit. Es ist ein halber Verrat an den Juden, der begangen wurve, indem die Staatspattei sich mit den Volrsnationalen liierte. Nicht weniger, wenn, sic mit der „Deutschen Volk spart ei" geht. Nie wäre es Juden eingefallen, diese Parteien für sich zu wählen. Warum jetzt? Wiro es gelingen, aus Kosten der Juden und sogar mit Hiise der Juoen, ohne jegliche Einbuße an Mandaten, die Spekulation durchzuführen, das heißt, den größten Teil der Juden auszuschissen mit Hilft der jüdischen Stimmen, so ist unausweichlich, daß der Prozeß der Abstoßung der jüdischen Kandidaten und der jüdischen Belange dort immer mehr vor sich gehen muß. bis diese Partei für die Juden ganz und gar wertlos, ja Leiämpsenswert geworden ist. Ist es aber möglich, diese Aufopferung der jüdischen Stimmen nicht zu apportieren, also die Wahlrechnung zu durchkreuzen... ich habe ausgerechnet, daß die Juden 6—8 Mandate erhalten können... mit klaren dürren Worten, verliert dieses Gemisch „Staatspartei" die 6—8 Mandate, dann wird nach den Wahlen Einkehr gehalten werden. Dann wird grunosätzlich für jede nächste 'Wahl wieder ein organisch reineres Gebilde bestehen, ein bürgerliches Gebilde, dem wieder der „bürgerliche" Jude anhänglich sein darf und dem er wieder mit seinen Stimmen zur Macht verhilft. Man hat die Juden preisgegeben Die Juden müssen diese Partei auch preisgeben... zur Warnung! Das wird wirten und gründlich! Aber unter keiner Bedingung unter das antisemitisch-asemitisch-tauoinische Joch unterkriechen. Und jetzt komme ich zu der Tragik im Herzen des Herrn Simon. Die Tragik des bürgerlichen Juden! Ter nicht weiß was er zu wählen Hat. „Hört ihr Bürger und laßt Euch sagen, die Srunde der proletarischen Diktatur hat rrochi nicht schlagen!" Auch wenn ihr allesamt radikal wählet, weil kein anderer ehrenhafter Ausweg übrig ist. Herr^Simon bemerkt sehr richtig, daß Wahlenthaltung diesmal Selbstausgabe ist. Sicherlich! Gegenüber der mu gehemmten und gefährlichen antisemitischen Agitation und der asemitischen Reaktion bis in die Reihen der Verläßliche von ehemals. Herr Simon konstruiert einen bürgerlichen Juden, der einmal ein Jude nach 'Belieben, und das anderemal wieder nur ein kapitalistischer „Bürger", nacheinander fein kann! Zwei Seelen wohnen ach in der Brust! dieses Monstrums. Es kann bei Wahlen in zwei Hälften auseinandersallen, wo die eine von der anderen nichts weiß. Seltsam! Diesmal soll der „Bürger" über den Juden dominieren. Der Jude soll sich beruhigen und schlafen gehen! Aber oer Rat des Herrn Simon ist außerdem fälsch und unrichtig. Das Negieren der Judensrage ist unmöglich! Ein starker antisemitischer Einfluß in der Regierung — und das Dulden einer Partei ist direkte Unterstützung —, kann für die Gesamtheit der Juden und so zurückgesührt außden Einzelnen, schwere Einbußen mit sich bringen. Dabei ist der bürgerliche Jude nicht mehr geschützt als der andere. Es nützt dem Juden oder jüdischen Bürger wenig, wenn sein Klasteninteresse geschützt ist, wenn er aber andererseits als Staatsbürger, menschlich und ökonomisch eine separate und feindliche Behandlung erfährt. Wenn er zurückgesetzt wird! Wenn für' seine Kinder kein Platz mehr in der Beamtenschaft des Staates oder eine Oessentlichkeit mehr ist! Wenn er von Lieferungen ausgeschloften ist und so weiter... Tie so wichtigen und in Wirtschaft umxchlagenden „Judenbelange" sind keine politische, und ganz gewiß keine wirtschaftliche Nebensache. Tie Interessen des „Bürgers" als Wirft chaftspcrson werden ja auch automatisch von den bürgerlichen Parteien um ihrer selber wahrgenommen. Tie speziellen Jndenintereisen oder die Abwehr des Antisemitismus, wirtschaftlich oder ethstch . . nur von P a r t e i e n, die leider heute nicht mehr unter den bürgerlichen Parteien zu finden sind. Viel politisch klüger sind die antisemitischen Parteien. Tie Judenfrage ist ihnen die höchste und wichtigste ökonomische Frage. Ja fast die einzige! Man spürt, von wo der Wind pfeift!... Und da kommt man mit einem solchen Ratschlag in ernster Stunde:... der jüdische Bürger habe sich politisch um die Judensrage nicht zu kümmern und jene Partei zu wählen, die er ohne Judensrage wählen wollte??? Das ist doch wahrlich etwas, was sich selbst Goebbels und Hitler nicht träumen ließen! Es gibt keine andere Einstellung für den jüdischen Menschen, gleich ob er sich als Bürger oder als Proletarier fühlt, als die wahlwerbende Partei bis aus Herz und Nieren in ihrer Stellung zur Judensrage zu prüfen und sein Votum ausschließlich 'jetzt davon allein abhängig zu machen! Ich habe schon den Weg angedeutet, wie das in die politische Praxis umzusetzen ist ... auch wenn das kapitalistische bürgerliche Herz darob in Verzweiflung und Problematik gerät. rührt von den in Bündeln angebotenen Jasminketten her. Wenn auch der größte Teil der jüdischen Bevölkerung in der Kasbah — dem Eingeborenenviertel — wohnt, so hat sich doch ein Teil auch die europäische Stadt Algier erobert und in den beiden Hauptverkehrsadern der modernen Stadt, der Rue d'Jsly und der Rue Michelet sind sicher manche Inhaber der Filialen aller größerer Pariser Firmen Juden. Auch für geistige europäische Tätigkeit ist gesorgt, und außer verschiedenen Kinos, die während meines Aufenthaltes fast sämtlich deutsche Filme spielten, bieten Theater, Oper und Konzerte Anregung genug, und an der Universität von Algier- Werden jetzt dank der Bemühungen Alma Johanna Königs, der Gattin des österreichischen Konsuls, Vorlesungen über Thomas Mann gehalten. Algerien besitzt einen Reichtum, dessen ungefähre Ausmaße man erfassen kann, wenn man sich vorstellt, daß der bei einer der letzten Wahlen durchgefallene Kandidat Turoux, der sich um den Senatorposten bewarb, als Colon (Großgrundbesitzer) ein angebliches Einkommen von Frs. 330000 täglich hat, was einer Summe von ungefähr 55 000 RM. gleichkäme. Ter Vater dieses Besitzers dieses an amerikanische Verhältnisse grenzenden Vermögens soll Postbeamter oder Gendarm gewesen sein. Eine der Hauptproduktionen Algeriens, der Wein, hatte unter den Streikunruhen der letzten Jahre beträchtlich zu leiden. Was doppelt empfindlich sich bemerkbar machte, da das Jahr 1928 z. B. eins der besten Weinjahre überhaupt war, in dem Algerien eine Produktion von 13 Millionen aufzuweisen halte, während 1927 die Gesamtproduktion Frankreichs nur 10 Millionen betrug. Der größte Anziehungspunkt Algiers aber ist für den Fremden selbstverständlich die Kasbah, das Eingeborenenviertel. In den engen Gassen, die sich hinter dem Platz hinziehen, auf dem das Denkmal des Herzogs v. Orleans eine Spur von einem Schatten wirft, in den übereinandergeschachtelten Straßen, die sich bis zum Fort Kasbah hinaufziehen, spielt sich das Leben des afrikanischen und jüdischen Algiers ab. Hier in den engen, schattigen, oft übelriechenden Löchern und Durchgängen, auf den Treppen, bei halbosfenen Türen und Vorhängen spielen die Kinder, hocken die Erwachsenen bei ihren verschiedenen Beschäftigungen, hier wimmeln die verschiedenartigen Einwohner Algiers durcheinander. Araber, Juden, Franzosen, Mozabiten, Kabylen, Mohamedaner. Alle europäischen Nationen sind vertreten, vorwiegend allerdings Malteser-, Schach- und Dominospieler hocken da, Krfseetrinker, Kuchenbäcker, Schuster, Zeitungshändler, Teppichverkäuser, Tablettschnitzer, Korbflechter und Babouchenverkäuser. Nicht zuletzt Schuhputzer, eins der wichtigsten Gewerbe Afrikas, denn ein guter nordafrikanischer Schuhputzer verdient bis zu 30—10 Frs., was bei den geringen Lebensansprüchen der Leute sehr viel Geld ist. (In Tunis verdiente ein allerdings sehr routinierter 'Mann bis zu Frs. 100.) In oer Teuselsstraße Nummer 1, hoch oben am Fort Kasbah haust ein Kollege, Monsieur Hadji Abdallah. Ecrivain public, der Mann, in dessen schmutziger Hand die Geschicke und Fäoen der Erngeborenenstadt Algiers zusammeirhausen, sich entwirren und hoffentlich zum Guten führen. Hadji Abdallah schreibt alles. Gebnctstagsbriese, Steuererklärungen, Beleidigungsklagen und Liebesbriefe, was nach dem Aeußern seines Lädchens zu urteilen lein schlechtes Geschäft ist. Das Völlergemisch macht es einem recht schwer, Glaubensgenossen heraus zu finden aus dieser eigenartigen und interessanten Zusammensetzung des Publikums, das z. B. eine Elektrische füllt. Wildausschauende Araber. wechseln mit kleinen französischen Schulmädchen ab, z-pahis mit Senegalnegern und verschleierte Frauen. All' die verschiedenen Strömungen, die unter und zwischen den Eingeborenen herrschen, kann' man aus dieser Elektrischen verfolgen. Die großen, blonden, geizigen und arbeitsamen Kabylen, die Erhalter und Vermehrer ihres Eigentums, die aber bösartig sein können und leicht gereizt, der träge Mohammedaner, der das Bestehende hinnimmt, wie es ist und womöglich gar noch verfallen läßt, und endlich die Juden, die sich der eingeborenen Bevölkerung oerart anpassen, bafc man sie kaum von jener auseinanderhalten kann, obwohl sie im Gegensatz zu den Arabern schon seit zirka 100 Jahren französische Bürger sind. Ich suchte eines Nachmittags die große Synagoge an der Place du Grand Rabbin Bloch, ohne sie in der Kasbah zu finden. Vor einer oer großen Moscheen hatte s^ch ern anscheinend Heulenoer Terwisch oder was er sonst war, hingehockt. Er sang, blies die Flöte und segnete die Umstehenden, die ich sämtlich für Araber hielt, des öfteren. Ich bat dann einen dieser vermeintlichen Araber, mir den Weg zur Großen Synagoge zu zeigen. Er grinste und zeigte mir, daß die Moschee, vor der ich gestanden, die Synagoge sei und erklärte mir in jüdischem Französisch, daß alle Umstehenden Juden seien, er auch und daß, ich am Abend sie alle beim Abendgottesdienst Wiedersehen würde, was auch zutraf. Nach dem Abendgottesdienst zeigte mir Monsieur Stora, der Vorbeter, mit Recht stolz auf das, was ec Zeigte, die schöne große Synagoge. Die Thorarollen stammen ans Spanien und sind im 14. Jahrhundert herübergelmnmen. Ein prächtiger holzgeschnitzter Alememnor und sehe hübsches Gestühl. Uno die Ausnahme, die ich fand, war