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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-08-13 · 33 (13.8.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
33 (13.8.1930)
Date
1930-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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WischÄeraleZeitmg Organ der Bereinigung für das liberale Iudenium e. B. 'Ver»«1workl. «edakke«»: btnnc Woyda. 9k Vereinigung für das liberale Zudenium übernimmt nur f»r diejenigen Äuffütze, die ausdrücklich als in ihrem Namen Oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Der- «■tootfemg. Alle anderen Artikel, Aentzerungen und vorichlilge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktton und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann L35S, 3359 lj Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge Postscheckkonto: Berlin J12B 7, 137069 13 nur mit vorheriger Genehmigung der lvereinigung für das liberale Zndentumj H Redamon gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/tjährllch ®. Jb» Einzelnummer 9.25. Bei freier Zusendung i. Inland 939 Für die Mitglieder der Vereiniguug ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt. Ilonpareillezeile M5 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigeuauuabme bei der Geschäftsstelle u. fämtl. Aauoucea-^LMedit. Nr. 33 Berlin, 13. August 1930 19. Jahrgang Der Aufmarsch zu denReichstagsivahlen Der jüdische Deutsche, der auf Grund seiner Lebensanschauung und seiner Lebensinteressen den bürgerlichen Parteien des deutschen politischen Lebens seine Stimme zu geben gewohnt ist, sieht sich in dem bevorstehenden Wahlkampf für den deutschen Reichstag in einige Verlegenheit gebracht. Er sieht die Gruppierungen der bürgerlichen Parteien, überprüft ihre Worte und Taten, und fürchtet zum Schluß seiner Überlegungen, währener wünscht, die Charybdis zu meiden, der Scylla zu verfallen. Kann er einer der bürgerlichen Parteien als aufrechter Jude seine Stimme geben? Soll er für die Liste der Sozialdemokratischen Partei stimmen, obwohl sie seinen Anschauungen nicht entspricht, da sie in der „Judenfrage" eindeutig und entschieden Stellung nimmt? Oder soll er aus Selbstachtung von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch machen? Daß alle diese Fragen überhaupt aufgeworfen werden könnm, zeigt die Verwirrung. Mit Bangen überblickt man den Weg, der von der Gründung der deutschen Republik und der Schaffung der Weimarer Reichsverfassung zum heutigen politischen Zustand geführt hat. Kein Zweifel ist möglich: man feiert den Berfassungstag, aber wäre heute neu die Verfassung zu bestimmen, ein Hugo Preuß könnte, dürfte nicht ihr Schöpfer fein. Dennoch: Wahlenthaltung bei den Reichstagswahlen bedeutet für den deutschen Juden nicht Selbstachtung, sondern Selbstvufgabe. All denen, die mit dem Gedanken der Wahlenthaltung spielen, sollte man .eine beliebige Ausgabe einer nationalsozialistischen Zeitung in'^die Hand drücken. Sie würden sehr bald ihre Pflicht erkennen, gegen die Dummheit, mit der hier Papier bedruckt wird, am Wahltage Stellung zu nehmen. Wer, so fragt man sich bei der Zwangslektüre dieser Blätter, verdient wohl mehr Bewunderung ob der aufgespeicherten Blödheit: die Schreiber der Artikel oder die Leser, die sich derartige Speisen vorsetzen lassen? Sicher sind sie einander wert. Alles Häßliche in der Welt oder dem Völkischen Unbequeme ist jüdisch, alles Gute oder Ordentliche ist arisch, nordisch, germanisch oder etwas Aehnliches. Rottet das Jüdische mit Stumpf und Stil aus, dann wird Genesung von aller Krankheit erzielt und das Leben eine einzige Wonne sein. Das ist hier nicht etwa übertrieben. Man lese einmal den „Angriff" des Herrn Dr. Goebbels. An der Lage der Landwirtschaft, an der Erwerbslosigkeit, an der Reparationsschuld und an den tausend anderen Nöten Deutschlands tragen die Schuld: die Juden. Allenfalls noch ein gelegentlicher Seitenhieb gegen die Katholiken. In der Ausgabe vom 3. August beispielsweise schreibt ein Herr Ernst Pfister in einem Artikel über Gemeinschaftsempfinden folgenden Irrsinn Zusammen: „Die Internationale kann nur durch imperialistische Bestrebungen verwirklicht werden. Hinter jeder internationalen Bestrebung steht Imperialismus. Hinter der roten Internationale steht der jüdische Imperialismus, hinter der schwarzen Internationale der geistliche Imperialismus der ultramontanen Kurie, hinter der goldmen Internationale der wirtschaftliche Imperialismus der Hochfinanz, also ebmsalls der jüdische Imperialismus. Der Imperialismus Zerbricht den natürlichen Selbstbehanptungswillen der Völker. Hauptmittel dazu ist und bleibt die Waffengewalt. Geistige Beeinflussung ist nur auch ein Mittel. Die Juden können ihre machtpolitischen Pläne, die ja im Alten Testament zu unerfülltem Ausdruck kommen, nicht mit eigener Waffengewalt durchsetzm. So zerstören sie dm Selbstbehauptungswillen der Völker, indem sie von der Gleichheit aller rÄren, die Menschenantlitz tragm, inbem sie dm Willen zum nationalsozialistischen Staat als rückständig, verbohrt, als Quell vieler neuer Kriege hinstellen." Läßt sich iu wenigen Sätzm mehr Unsinn unterbringen? Keineswegs auch ist hier etwa ein einzigartiges Gewächs aus dem Sumpf herausgesucht. Da wird, um noch ein anderes Beispiel aus dem Geistesschatz dieser Erretter Deutschlands zu zeigen, im „Völkischm Beobachter" vom 10. August als Motiv des Täters bei dem Muttermord in Berlin- Halmsee mtdeckt: „Charakterzerstörung als Folge einer Rassenvermischung." Und die Moral von der Geschichte lautet: „Der Fall ist eine einzige Warnung an das rassische Gewissen der Ellern, ein Appell, nicht durch verantwortungsloses Mischen mit artfremden Elementen die Zahl der minderwertigen Untermenschen noch zu vennehrm." In dem gleichen Blatt findet sich eine Zeichnung des Berliner Polizeivizepräsidenten Dr. Bernhard Weiß. Die Ueberschrist zu dem Bilde lautet „Schalom". Unter der Zeichnung charakterisiert sich das Blatt durch folgende Geistreichigkeit: „Dr. Bernhard Weiß, Berlins beliebtester Mann, feierte, wie die Finanzpresse meldete, kürzlich, noch immer als Vizepolizeipräsident, — seinen 50. Geburtstag. Wir gratulierm dem Herrn mit dem gesetzlich geschützten Vornamen zum 50. Feste des Tages, da die Frau des Synagogenvorstehers Weiß ihn, anstatt in Jerusalem, in Deutschland zur Welt brachte und sind überzeugt, daß das kommende Deutschland für ihn eine körperstählende Beschäftigung sindm wird..." Wer das Gefühl des Ekels in feinem Leben noch nie kennen gelernt hat, bei oer Lektüre nationalsozialistischer Zeitungen überkommt es ihn. So sehen die Menschen aus, die wähnen, die Retter Deutschlands zu sein? Offenbart sich hier der Geist des Nationalsozialismus, sein Kulturempfinden? Wie erbärmlich denkt doch im Grunde diese Gesellschaft vom deutschen Volk, das sich von einigen Juden, trotz hundertfacher Uebermacht, gängeln läßt. Abermals: Wahlenthaltung ist Selbstaufgabe. Welche bürgerliche Partei aber kann der „bürgerlich gesinnte" jüdische Deutsche wählen? (Der jüdische Sozialist bleibt bei diesem Artikel außer Betracht, da bei ihm die hier erörterte Problematik nicht gegeben ist und er selbstverständlich die sozialdemokratische Partei wählen wird.) Zwei Umstände sind es insbesondere, die ihm die Entscheidung erschweren. Zunächst die Befürchtung, daß die Deutsche Volkspartei und alles, ivas rechts von ihr ist, geneigt sein dürfte, irn neuen Reichstag eine Regierungskoalition notfalls mit Einschluß der Nationalsozialisten zu bilden. An dieser Befürchtung andern auch entgegengesetzte, rocht zögernd gegebene Beteuerungen vor den Wahlen nichts. Das Thüringer Beispiel ist da lehrreicher als ein schönes Bekenntnis. Und das Zweite betrifft das in der Deutschen Staats- Partei vollzogene Bündnis zwischen Demokraten und Jungdeutschem Orden. An anderer Stelle dieses Blattes drucken wir dm Artikel ab, den Herr Artur Mahraun am 6. August in seiner Zeitung „Der Jungdmtsche" über seine Stellung zum Judentum veröffentlicht hat. Daraus ergibt sich eindeutig zweierlei: daß die Jnngdmischen „dm demagogischen Antisemitismus unserer Zeit" bekämpfen und daß der Jungdeutsche Orden an seinem Arierparagraphm „nicht rütteln läßt". Weiter leider nichts. Vieles bleibt unklar und was mit dem „Antigermanismus gewisser jüdischer Kreist" gemeint ist, bleibt jedem Einzelnm zur Deutung überlassen. Aber das Wenige, das sich in dem Artikel findet, soll als Grundlage der Diskussion dimm. Da muß zunächst die Verteidigung des Arierparagraphm im Jungdeutschen Orden mit dem Hinweis auf das Bestehm „von jüdischm Vereinignngm bündischer, politischer oder kultureller Natur" als völlig abwegig bezeichnet werden. Daß im „Christlichm Verein junger Männer" Juden ebensowenig Aufnahme finden könnm wie Christm im „Jüdischen Jugendbund" — darüber brauchte man sich tatsächlich nicht zu unterhalten. Mer so einfach liegen die Dinge bei dxm Jungdmtschm Orden doch keineswegs. Ueber seine Ordsttsziele unterrichten die §§ 3 bis 7 der Verfassung, die besagen: Ter Jungdeutsche Orden erstrebt die deutsche Volksgemeinschaft auf christlicher Grundlage und durch sie die Errichtung des deutschen Volksstaates. Ein freies Reich aller Dmtschm, einig in allm seinm Stämmen und Ständen, ist das politische Hochziel jungdeutscher Arbeit. Ter Jungdmtsche Orden steht auf dem Boden der Verfassung. Er will durch Zusammenfassung gut deutsch gesinnter Männer eine Gemeinschaft Herstellen, die fest entschlossen ist, dm Ausbau des Vaterlandes zu fördern und für die sittliche Wiedergckurt des deutschen Volkes zu arbeiten. Sein Kampf gilt der sittlichen Entartung, der Unehrenhastigkeit und Selbstsucht, die die Kraft des dmtschm Volkes zermürben und den Wiederaufstieg des Vaterlandes unmöglich machen. Er will die in der Kampfgemeinschaft des Krieges erprobte Kameradschaft und Manneszucht vertiefen und zum Brudergedankm der Volksgemeinschaft erheben, frei von Standes- und Parteigegensätzen für die gegenseitige Achtung und Versöhnung aller gut deutsch gesinnten Männer wirken, und den Zwiespalt, Neid und Haß bekämpfen, der das deutsche Volk entzweit. Die Pflege deutscher Geistesgüter, Förderung des volksgemeinschaftlichen Denkens und des Verständnisses für sozialen Fragen, Pflichttreue und Opfersinn für Reich und Volk, stehen im Mittelpunkt der Ordensarbeit. Im Kampfe für seine Ziele saßt der Jungdmtsche Orden seine Brüder in straffer Ordmszucht zu Einheiten zusammen und erfüllt diese Gemeinschaften mit dem zielbewußtm Willen zu Mannhaftigkeit, zu körperlicher Ertüchtigung und zur Wehrhaftigkeit. Liberaler verein der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. tf. ffliigliederversoMlHng im Plenarsaal des ehemaligen Preussischen Herrenhauses, Leipzigerstrasse 3 am Donnerstag, den 14. August abds. 8 Uhr Eintritt nur ffir Mitglieder gegen Abgabe der Eintrittskarten am Saaleingang Eintrittskarten nicht übertragbar Wmn Herr Mahraun tatsächlich Klarheit über seine Stellung zum Judentum und dm Arierparagraphm seines Ordms schassen will, so müßte er also wohl klarstellen, worin sich die Bestrebungen seines Jungdmtschm Ordens von dmen unterscheiden, die er in der dmtschm Staatspartei zu vertreten beabsichtigt und weshalb also im Orden nur jeder „deutschblütige Mann", in der Staatspartei aber jeder deutsche Staatsbürger Aufnahme finden kann, inwieweit er überhaupt „rassische Vorbedingungen" als wesentlich im geistigen Leben ansieht. Vor mir liegt nne Schrift „Was ist Jungdeutsch?" herausgegeben von der OrdensLemeinschaft jmrgdeutscher Schwestervereine. Da ist von dm „Tugenden der nordischen Seele", von der „nordischm Sehnsucht des Volkes" die Rede und im Zusammenhang mit dm Kämpfen des Jahres 1848 heißt es: „Die deutsche Seele rang in den Fra um, die in jener Zeit um die nordische Wertung ihres Geschlechtes kämpften." All das mag verstehm, wer will. Herr Mahraun und seine Getreuen habm bestimmt viele Tugenden und sind ehrenwerte Idealisten. Doch daß sie sich schon zu klaren Erkenntnissen durchgerungen habm, und sie nun andern vermitteln könntm, dürftm selbst die neuen Freunde des Jungdeutschm Ordens nicht behaupten könnm. Die Wurzel der Schwierigkeiten, die sich hier zeigen, liegt unseres Erachtens an anderer Stelle. Sie haben ihre Ursache darin, daß es keine bürgerliche Partei gibt, dve Staat und Religion voneinander zu trennen gewillt ist und die Auffassung von dem „christlichen Staat" überwunden hat. In der erwähnten Schrift der Jungdmtschm Schwesternschaft^ sindm sich folgende Sätze, die das deutlich machen. „Alle Aufgabm, die wir im Hinblick auf unser Volkstum fandm, finden ir» Christentum eine veredelte, verklärte Bestätigung. Tie durch Christi Kamps und Sieg wiedergeborme Seele erkennt in dem Bruder, in der Schwester ihres Volkes den Nächsten, dm sie lieben soll wie sich selbst. Sie begreift, daß sie die Selbstzucht der Seele in der Gemeinschaft zur immer klarerm, reinerm Deutschheit nur schaffen kann, wenn sie die inneren Lebensgesetze des Christentums zum Gesetz ihres ganzen LÄ>ens macht. Hier liegt das tiefe, lebengestaltende Kraftgeheimnis der jungdeutschen Idee. Hier die Erklärung des weckndm und wachenden Wahrzeichens: des Kreuzes. Des Kreuzes, in dem sichi heute, wie einst bei den Teutschherren, Christentum und Deutschtum ineinander finden. Hier liegt der Frühlingsglaube unseres Volkstums, daß es in der Wiedergeburt seiner Seele endlich zu sich selbst, d. h. zu seiner ihm von Gott gestellten Aufgabe komme, die ihm helfen soll, die Schatten des Nioelungenfluches zu erlösen. Darum spricht der Jungdeutsche mit tiefer Ehrfurcht und heiliger Demut von seinem Kämpfen und Ringen: Gott will es!" Solche Auffassungen wird der religiöse Jude selbstverständlich achten, aber ist es weniger selbstverständlich daß er sie ablehnt? w * * Welche bürgerliche Partei also kann ein aufrechter Jude wählen? Wir wollen ss klar antworten, daß ein Mißverständnis schlechterdings unmöglich ist. Wir glauben, daß der jüdische Deutsche keineswegs die Elrtscheidung für seine Stimmabgabe nur ihm der Stellung der Partei zur „Judenfrage" abhängig machen sollte. Selbstverständlich kann ein Jude keine Partei wählen, die ihn der Möglichkeit zur Mitglyedschast und somit aktiver Parieibeeinflussung beraubt. Aber darüber hinaus sollte der jüdische Deutsche bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag der Partei seine Stimme geben, die er ohne „Judensrage" wählen würde. Und er soll in dieser Partei daraus hinwirken, daß aus ihr die „Judenfrage" verschwindet. Moritz Simonl

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