Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 30 (23.7.1930)
- Date
- 1930-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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von Kol Nidre r.;it der Begründung, daß das Gebet an Zeiten der Verfolgung erinnert. Tagegen hob Rabbi Stephen Wise hervor, datz das Gebet eine Folge und nicht eine Ursache jüdischen Martyriums war. Jsaac Landman, der Herausgeber des „American Hebren/' sagte, es sei verführerisch, den traditionellen Namen jür ein Gebet zu benutzen, das in , seinem Inhalt ganz anders sein wird. Der Vorschlag, die öatikrvah in das neue Reformgebetbuch aufzunehmen, wurde oon Rabbi Stephen S. Wise gemacht, mit der Begründung, daß die Hatittvah von Juden in der ganzen Welt mit Begeisterung und Ergriffenheit gesungen wird und ihr Streben i nach neuem jüdischen Leben ausdrückt. (Jta) tebensnöhe -er Religion Zur Diskussion über das Dresdner Referat Mit großem Interesse habe ich das Referat von Herrn Woyda über „Lebensnahe der Religion" gelesen. Ins Englische übertragen würde der Tirel nach meiner Bermiüung lauten „Tie Beziehung der Religion zum Leben". Der Sinn des Titels und ebenfalls des gesamten Inhalts und das Ziel des Referates -st, auszuzeigen und daraus hinzuwirten, daß die Religion — in unserem Fall das Judentum — in enger Verbindung steht mit allen Bezirken unseres Lebens; sie muß in unseren Geschäften ebenso wirksam sein wie in unseren Gebeten. Sie muß uns als Staatsbürger beeinflussen. Sie muß zu allen großen Fragen und Problemen unseres modernen Lebens Stellung nehmen: Wirtschaftsfragcn, politischen Fragen, Fragen des internationalen Lebens, kurz, kein Bezirk des Lebens darf außerhalb der Religion stehen. Besonders in jenen Trugen, die man gewöhnlich als spezifisch religiös betrachnct — Gebet, Gottesdienst und ähnlichem — muß die Religion lebendig sein. Was immer gesagt und gefrm wird, muß mit unserem wirklichen Glauben übereinstimmen. Ta darf es nichts Veraltetes geben, nichts, was unsere Empfindungen verletzt. Werur wir Liberale sind, dann muß unser liberales Juderrtum allumfassend sein. Tann müssen unsere Gebete, unsere Liturgie, unsere religiösen Einrichtungen und Vorschriften gleichfalls liberal sein. Tie äußere Form muß immer die Verkörperung des inneren Glaubens darstellen. Ich stimme mit all diesen Argumenten und Behauptungen völlig überein, aber ich sehe Schwierigreiten bei eini,gen von ihnen voraus — Schwierigkeiten bei ihrer praktischen Verwirklichung. Ich befinde mich in vollständigem Einklang mit dem ersten Teil des Referates. Es iß klar, daß jedes Gebetbuch in gewissem Umfang ein .Kompromiß sein muß. Gerade in den Reihen der liberalen Juden muß es Unterscheidungen und Mannigfaltigkeit geben. Glaube und Neigung des einen Menschen werden niemals mit denen eines anderen Menschen genau übereinstimmcn. Ein Manu denkt philosophischer als ein anderer, und die einfachen Gebete, die der Ueberzeugnng des andern völlig gemäß sind, werden seiner eigenen nicht entsprechen. Noch eins: der eine Mensch liebt den Gebrauch von alten, vertrauten Gebeten und gibt ihnen einen neuen Sinn oder eine abweichende Auslegung. Ein anderer bevorzugt neue Gebete, die genauer und wörtlicher seine modernen Anschauungen und Empfindungen ausdrücken. Ein Gebetbuch muß. all diesen verschiedenen Wünschen, Gefühlen und Anschauungen Rechnung tragen: deshalb muß es, wie ich' schon sagte, in gewissem Umfang ein Kompromiß sein. Aber Herr Woyda ist vollkommen im Recht, wenn er behauptet, daß, es gewisse Gebete in den alten gebräuchlichen Gebetbüchern, daß es gewisse Stellen im Pentateuch und in der Bibel gibt, die für alle Liberalen veraltet, die dem Empfinden von uns allen entgegen sind. Tiefe sollten unzweifelhaft vollständig fortgelassen werden. Es gibt vieles im Pentateuch, das niemals in irgend einer liberalen Synagoge gelesen werden sollte. Biele alte Gebete brauchen eine eingehende Durchprüfung, und jedes neue Gebetbuch für liberale Juden sollte zahlreiche neue Gebete enthalten. In liberalen Synagogen sollten Männer und Frauen zusammensitzen und .gemischte Ehöre bestehen. Tie Ritual- und Zercmonialgesetze bedürfen eingehender Überprüfung. Von den liberalen Rabbinern sollte nicht die Beobachtung der Speisegesctze gefordert werden: all die alten Vorschriften über Ehescheidung, die Kohanim, die Stellung der Frau in der Gemeinde sollten eine Aenderung erfahren. Tas liberale Judentum muß gründlich und mutig sein. Tie äußerste Toleranz für andere, aber für uns Freiheit. Doch wenn tpir davon sprechen, was Herr Woyda über jene Bezirke des Lebens zu sagen hat, die nicht so spezifisch mit dem Judentum verbunden sind wie jene, da beginnen meine Einwändc. Ich gebe zu, daß die Religion, uitd deshalb auch das Judentum, nicht vor irgend einer Seite oder irgend einem Bezirk unseres Lebens haltmacheu darf. Aber ob das Judentum eine unterschiedliche und bestimmte Stellung zu der: einzelnen Problemen, die Herr Woyda als Beispiele ausgewählt hat, nehmen muß. scheint mir sehr zweifelhaft. Herr Woyda beginnt mit der Frage der Todesstrafe. Nun würde es aber sicher eine sehr unglückliche Sache sein, wenn das liberale Judentum erklären wollte, daß keiner, der die Todesstrafe für richtig hält, ein guter liberaler Jude sein kann. Was sie sagen können, ist dies: „Welche Ansicht du auch immer über die Todesstrafe hast, sie muß stets mit deinem Judentum vereinbar sein. Sie muß gerechtfertigt werden durch die Religion, durch deine Religion." Jeder jüdischliberale Rabbiner hat das Recht zu behaupten: „Meiner Ansicht nach ist das liberale Judentum unvereinbar mit der Todesstrafe: mein liberales Judentum zwingt mich, Anlvalt für die Abschaffung der Todesstrafe zu sein." Aber er muß auch hiuzufügen: „Wenn dein liberales Judentum mit der Todesstrafe vereinbar ist, so hast du ebenso das Recht, dein Verhalten zu verteidigen und für die Todesstrafe zu stimmen, wie ich das Recht habe, auf die Abschaffung hinzuwirken." Tic andern von Herrn Woyda erwähnten Probleme sind, einige sehr stark sogar, mehr politische Fragen. Bei diesen werde ich besser an englischen Verhältnissen illustrieren, weil ich mit deutschen Verhältnissen zu wenig vertraut bin und Schnitzer machen könnte. Ich bin eifrigst bemüht, daß sich das liberale Judentum nicht mit irgend einer politischen ^Partei verbindet. In England bestehen drei Hauptparteien: Arbeiterpartei (oder Sozialisten), Konservative und Liberale. Run wünsche ich, das liberale Judentum möge Anhänger — und gerade begeisterte Anhänger — von allen drei Parteien umschließen. Es wäre, glaube ich, furchtbar, wenn ein Mensch meint, kein eifriger liberaler Jude sein zu können, weil esr ein Liberaler oder Konservativer oder Sozialist ist. Jedenfalls mag ein Mensch sagen: „Mein liberales Judentum zwingt mich, ein Liberaler zu fein", solange er anerkennt, daß das liberale Judentum seinen Bruder oder seine Schwester zwingt, ein .Konservativer oder ein Sozialist zu sein, daß. die beiden andern ebenso in ihren Ansichten gefestigt sind wie er in seinen, daß die eine Verbindung ebenso berechtigt ist wie die andere. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, daß das liberale Judentum eine besondere Einstellung zu allen politischen Fragen haben kann. Zum Beispiel: wir stimmen alle überein, daß die Arbeitslosigkeit furchtbar, daß der Krieg nicht wünschenswert, daß der Frieden eine der größten Segnungen ist, daß es besser ist, internationale Streitigkeiten durch Schiedsspruch oder durch den Völkerbund zu schlichten als durch Kämpfe. Tiefe allgemeinen Tatsachen, die allen Religionen und allen zivilisierten und empfindenden Menschen stlbstverftändlich sind, bringen uns jedoch nicht sehr weit. Doch bewegen wir uns unmittelbar über sie hinaus, dann beginnen die wirklichen Meinungsunterschiede. Tie Konservative;! (in England) würden aus einem Weg die Arbeitslosigkeit zu verringern suchen, die Liberalen auf einem andern, die Sozialisten noch aus eiuem dritten. Soll das liberale Judentum irgend einen dieser Wege beschreiten? Sicher nicht. Diejenigen in England, die am eifrigsten bemüht sind, die Religion dem gesamten Leben gleichzustellen, die am lautesten beteuern, daß das Judentum seine besondere Einstellung zu allen politischen und sozialen Problemen besitzen muß, sind entweder fortschrittliche Liberale oder Sozialisten. Es mag sein, daß ihr Eifer der Stärke und Ernsthaftigkeit von beidem entspringt, ihrer Religion und ihrer politischen Weltanschauung. Nichtsdestoweniger, vielleicht weil ich persönlich zu beu Konservativen neige (soweit ich mich selbst überhaupt etikettieren kann), oder aus anderen besseren Gründen, zweifle ich sehr an der Fruchtbarkeit und Möglichkeit dieser „spezifischen Einstellung". Ich glaube, das Resultat würde sein, daß alte vom liberalen Judentum abgestoßen werden wurden, die nicht einer bestimmten politischen Partei angehören. Ob dieselbe Furcht bei .Herrn Woyda und seinem Referat angebracht sein muß, kann ich nicht entscheiden. Ich besitze nicht genügend Kenntnisse von den politischen urrd religiöse!! Zuständen in Deutschland. Tann habe ich noch eine gewisse Furcht vor dem, was Herr Woyda oie gegenwärtige religiöse Strömung nennt, die von „individualistischer Jenseitsrechgion" zu „tollet tiv ist isch er Diesseitsreligion" übergeht. Theijtische Religion must beides sein. Tas Judentum muß beides sein. Soziale Gerechtigkeit — Worte, die zu abgenutzt und ermüdend erscheinen — muß sein Streben sein. Tas Königreich Gottes aus Erden — eine andere Redensart, gleich abgenutzt und, ich fürchte, gleich ermüdend — must eins von seinen Zielen sein. Aber Leine soziale oder kollektive oder diesseitige Religion kann ohne Individualismus und ohne Jenseitsreligion existieren. Platon, glaube ich, wußte das auch. Das Königreich Gottes ist im Himmel ebenso wie auf Erden. Nur weil es im Himmel ist, kann es aus Erden sein. Weil „oben", deshalb „unten". Das „Vorbild" ist nicht „hier", sondern „dort". Dort ist seine Quelle, dort unser Bürge. Und der innerste Kern der Religion ist in ihrer letzten Absicht nicht die soziale Gerechtigkeit, sondern die Beziehung des Individuums zu Gatt. „Weu habe ich im Himmel auster Dir? Und es ist nichts aus Erden, was ich begehre außer Dir." Diese Worte aus dem berühmten 73. Psalm gelten für immer als höchstes Ziel der theiftischen Religion. Gerade weil wir liberale Juden sind, dürfen wir niemals oie beiden Seiten der Religion vergessen — die soziale ober kollektive und die persönliche oder individuelle Seite. In unsernt Streben nach einer besseren Welt dürfen wir nicht vergessen. daß unser wahrstes Bürgerrecht, wie Platon sagt, woanders sein wird. Bei unserer Liebe zu den Menschen dürfen wir nicht die Liebe zu Gott bergesseu. C. G. M o n t e f i o r e. *i; BUCHERSCHAU Erich Kuttner, Pathologie des Rassenantisemitismus. Mit einem Vorwort von Ministerialrat Dr. Beyer. Philo-Verlag, Berlin. Preis Mk. 0.50 br.. Eine recht lesenswerte Schrift, die Verbreitung verdient. Der Verfasser, Mitglied des Preußischen Landtags, wertet den Rassenantisemitismus als eine Neurose, gekennzeichnet durch die Spannung zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben. Diese Diagnose bestimmt auch die Arznei: „Gegen Neurosen kennt die heutige Wissenschaft nur ein Mittel: Man muß sie dem Patienten bewußt machen." Treffend wird in der kleinen, inhaltsreichen Schrift gezeigt, wie aus dem Minderwertigkeitskomplex des Einzelnen der Stolz (auf die eigene und die Verachtung anderer Rassen entsteht. Und wie der Antisemit das Judentum, das er wegen seiner Stärken — unbewußt — glaubt fürchten zu sollen, in Selbsttäuschung und Uebersteigerung des Furchtgefüh.ls bewußt als schwach glaubt demütigen zu müssen. Die ständige Bezugnahme auf Tatsachen der antisemitischen Praxis erhöht das Interesse bei der Lektüre. B. W. Protokoll des XVI. Zionistenkongresses und der konstituierenden Tagung der Jewish Agency. He rausgegeben vom Zentralbüro der Zionistischen Organisation in London ist nunmehr in deutscher Sprache das Protokoll der Verhandlungen des XVI. Zionistenkongresses und der konstituierenden Tagung des Council der Jewish Agency für Palästina erschienen. Damit ist die Möglichkeit gegeben, nunmehr nochmals iin authentischen Wortlaut die Beratungen zu verfolgen, die vom 28. Juli bis 14. August vergangenen Jahres In Zürich stattgefunden haben. Freilich hat die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Palästina seit dieser Zeit ja eine wesentliche Wandlung der jüdischen Siedlungsbestrebungen im Gefolge gehabt und wird sie auch in Zukunft noch wesentlich umgestalten. Eigenartig berührt ies, daß das Protokoll der Jewish Agency nicht als selbständige Veröffentlichung erschienen ist. Liest man die Berichte der Agency-Tagung, so begreift man die Erregung, die seinerzeit in den Kreisen derjenigen, die eine Beteiligung an der Agency ab lehnen, verursacht wurde. Labtet doch beispielsweise einer der vom Council der Jewish Agency einstimmig angenommenen Beschlüsse: „Der Council drückt seine Freude darüber aus, daß ganz Israel sich für den Wiederaufbau des jüdischen nationalen Heims in Palästina vereinigt hat, und ruft jeden Juden aus der ganzen Welt auf, sich dieser heiligen Sache anzuschließen." In andern Beschlüssen wird die Beitragsleistung zum Keren Hajessod „zu einer heiligen Pflicht" gemacht, statt von Palästina ist fortgesetzt von „Erez Israel" die Rede und in einer Begrüßung an Lord Balfour wird „die Freundschaft, die er unveränderlich für das jüdische Volk gezeigt hat“, gefeiert. Die Selbstbesinnung der Nichtzionisten, die sich trotz aller Bedenken glauben an der Jewish Agency beteiligen zu sollen, hat ja seit der Züricher Tagung erhebliche Fortschritte gemacht. Hoffentlich wird die Jewish Agency bei der notwendigen Neugestaltung der Verfassung und Verwaltung von Palästina einen Kurs steuern, der' dem Judentum zu dienen geeignet ist und nicht blindlings der zionistischen Jdeoiogie folgt, die ja nunmehr wahrhaftig bereits genug Unheil für die jüdische Gemeinschaft und so verhängnisvolle Verstrickung in das politische Getriebe gebracht hat. Bruno Woyda. Jüdische Jugendbücherei. 6./7. Bändchen. Aus Tagen der Not. Berichte und Dichtungen. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M. Wiederum liegt ein Bändchen dieser unter Mitwirkung der Jugendschriften-Kommission der Großloge für Deutschland U.O.B.B. erscheinenden Schriftenreihe vor. Man kann leider die Veröffentlichung dieser Schrift für die Jugend nicht bejahen. Der positive Wert, den vielleicht die Wiedergabe von Berichten über die Greuel und das Unrecht, denen Juden zu den verschiedensten Zeiten ausgeliefert waren, für das treue Festhalten an der jüdischen Gemeinschaft haben mag, Lektüre im Kindesgemüt stiften kann. Wenn es im Vorwort heißt: „Dennoch dürfen sie (die Berichte) nicht Furcht und kann in. E. nicht den Schaden aufwiegen, den eine solche Schrecken in uns erregen, dürfen uns nicht Niederdrücken, sondern sollen uns erheben, sollen uns stärken zu wackerer Tat, zu freudigem Schaffen im Dienste des Judentums und der Menschheit" — nun: ich bezweifle, daß man zur Erfüllung dieser Absicht den richtigen Wegbeschritten hat. Sicherlich wäre auf anderem, besserem Wege nicht weniger zu erreichen. Moritz Simon. William Rosenau: Jüdische Sitten und Gottesdienstliche Gebräuche. 193 8. 3. Aufl. Uebersetzt von Dr. Bertha Badt- Strauß. Verlag Jalkut, Berlin-Charlottenburg. Das Buch ist aus Vorträgen entstanden, die im Orientalischen Seminar der Johns Hopkins-Universität in Baltimore gehalten wurden. Es kann den jüdischen Laien und den Nichtjuden gut in die Welt der jüdischen Bräuche einführen, zumeist allerdings der orthodox-jüdischen Bräuche. Eine Anzahl Bilder unterstützen.den Text. Ob es freilich zutrifft, wie der Verfasser am Anfang und am Schluß bemerkt, daß die von ihm geschilderten Bräuche von der großen Mehrzahl der Juden beobachtet werden, wird man so lange bezweifeln müssen, wie diese Mehrzahl nicht als eine orthodoxe festgestellt ist. Das aber dürfte kaum der Fall sein. Gerade deshalb aber hätte der Verfasser viel öfter, aLs es geschieht, erwähnen müssen, daß so, wie dargestellt, nur bei orthodoxen Juden verfahren wird. Bei liberalen sei es anders, oder dort sei der Brauch fortgefallen. Da der Verfasser das nicht tut — dafür aber 10 Seiten der Beschreibung der Beschneidung und 5 der der „Auslösung des Erstgeborenen" widmet — bekommt der Nichtjude von jüdischen Dingen denn doch eine einseitige Vorstellung. An manchen Stellen wird der liberalen Anschauung und Praxis Rechnung getragen, auch der Auffassung von der Entstehung einzelner Bräuche. Gleich am Anfang heißt es: „Die Tatsache, daß nicht alle Juden sich ihnen (den Bräuchen) heute noch unterwerfen, entspringt einer ausgesprochenen Tendenz im synagogalen Leben." Man wollte das Judentum dem Einfluß der Rabbinen entziehen, man wollte weniger Nachdruck auf die Formen und mehr auf den Geist des Glaubens legen. Aber dennoch gibt es keine einzige jüdische Gemeinde, mag sie noch so radikal sein, wo die Formen ganz und gar abgeschafft wären." Weiterhin: „Ob die Synagogen so erbaut werden müssen, daß der Beter mit dem Gesicht nach Osten steht, ist eine häufige Streitfrage unter den Lehrern des Talmuds." „Die sogenannten Reformjuden haben diese Melodien bei der Thoravorlesung abgeschafft." „im Traktat Sofarim heißt es, daß man in Palästina schon "mit 7 -Männern Gottesdienst abhielt.. Heute .. zählt man in manchen abendländischen Synagogen nicht nur die Frauen als Glieder der gottesdienstlichen Gemeinde, sondern man betrachtet auch die Anwesenheit von 10 Männern nicht mehr als durchaus notwendig für einen öffentlichen Gottesdienst." „Für diesen Brauch (Kopfbedecken beim Beten) gibt es keine biblischen Gründe.. Das Tragen der Kopfbedeckung beim Gebet ist offenbar nichts anderes als ein Ueberbleibsel des Orients. In einer Anzahl von jüdischen Synagogen entblößt man heute das Haupt, weil man meint, daß das Leben im Abendlande sich mit den Bräuchen des Morgenlandes nicht vertrüge. Diese Abweichung ist durchaus nicht neuen Datums." (Sondern kommt schon im 15. Jahrhundert vor.) „Die biblische Anordnung (der Tefillin — nach der Bibelstelle: „Knüpfe sie zum Zeichen an deine Hand und sie seien zum Denkband zwischen deinen Augen") darf aber sicherlich nicht wörtlich aufgefaßt werden, sondern bildlich." „Jetzt ist das Gotteshaus nicht mehr Gaststätte für Fremde. Trotzdem haben die meisten Synagogen den Gebrauch des Kiddusch beibehalten." (Der nur der Fremden wegen, eingerichtet war, die in der Unterkunftsstätte der Synagoge übernachteten.) „Licht und brennender Weihrauch gaben ihr (der Hauptmahlzeit am Sabbat, die nach Sonnenuntergang eingenommen wurde) das besondere Gepräge. Die aber konnte man sich am Sabbat nicht verschaffen. Deshalb genoß man sie erst beim Schluß des Sabbats." (Und so entstand der heutige Brauch der Habdala mit Kerze und Gewürzbüchse.) „Wahrscheinlich war die Mesusa ursprünglich eine Art Amulett, wenigstens erinnert sie auffallend an den Schutzzauber an den Türpfosten der alten Israeliten in Aegypten." (ln der Nacht des Auszugs aus Aegypten.) „Die ßarmizwazeremonie wird in der geschilderten Ausführlichkeit früherer Jahrhunderte in vielen Gemeinden nicht streng innegehalten. In Amerika wählt man vorwiegend Schowuoth, das Wochenfest, für die gemeinsame Konfirmation für Knaben und Mädchen. Das Alter der Konfirmanden ist ungefähr das gleiche wie bei den Barmizvvaknaben. Doch bemüht man sich jetzt, die Altersgrenze heraufzusetzen, da man findet, daß eine größere geistige Reife zum Verständnis dieses Tages nötig ist." „In vielen Gemeinden ist dieser Brauch (vor der Hochzeit eines Mannes durch dessen Bruder ein Dokument unterzeichnen zu lassen, daß er ohne Entgelt von der eventuellen, Schwagerehe zurück!reten werde) völlig verschwunden. Hier müssen wir auch bemerken, daß die religiöse Ehescheidungs- Zeremonie in der Reformsynagoge abgeschaft worden ist und die staatliche Ehescheidung zur Lösung einer Ehe für ausreichend erklärt worden ist." „In manchen Gemeinden wird die Periode dieser ersten Traiierzeit (Schiwo 7 Tage) zu 2 Tagen, in anderen sogar bis auf 1 Tag verkürzt, da viele nicht ohne Gefahr großer Verluste ihr Geschäft 7 Tage lang im Stich lassen können." Wie man sieht, eine lehrreiche Schrift. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M.