Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 26 (25.6.1930)
- Date
- 1930-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigenannahme bei der Gefchäftrsteüe u. famtl. Aunoncen-Expedit. Flr.26 Berlin, 25. Juni 1930 10. Jahrgang Neue Zugend Von Rabbiner Dr. Gott Einer unserer modernen Schulresormer, Goldbeck, erzählt in seinem Buche von der „Welt des Knaben" die wunderschöne Geschichte von den Tulpen, eine Geschichte in zwei Akten. Der erste Akt spielt in der Sexta. Tie Knaben sollen eben die erste Naturkunde-Stunde haben, und der Lehrer hat aus eigenem Geld 32 Tulpen gekauft. Er verteilt sie unter die Schüler und merkt, daß die Kleinen fühlen wollen, er sei gerecht. Irgend eine leise Stimme flüstert in ihrem Innern „Du sollst nicht mehr begehren, als auch der andere erhallen muß", und er fragt sich „aus welchen Tiefen tönt diese Stimme?" und er sagt sich weiter: „Du leistest viel, wenn auch nicht alles, wenn sie einst behaupten, er war gerecht. Sie vergessen es nicht." Der zweite Akt spielt in der obersten Klasse der Schule. Der Lehrer will den Schülern klar machen, daß die Tulpe an sich gar nicht rot sei, daß die Farbe nicht an ihr sich befinde. Er will erläutern, daß ein in herrlichen Farben prangender Sonnenuntergang in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sei. Er erscheine nur so in unseren Seäen. Da plötzlich hörte er einen Krach und Lärm, und zornglühend ruft ein Schüler aus: „Das ist nicht mehr auszuhalten, desgleichen kann man nicht mehr mit anhören, solche Lehren müssen auf der Schule verboten werden." Im Lehrer kocht es auf, er weiß, der Schüler, der das gerufen, ist praktisch brauchbar, aber untheoretisch. Er geht über die Sache hinweg. Am Schlüsse aber, als die Unterhaltung über den Fall noch einmal beginnt, da trifft ihn der Satz tief: „Sie haben uns die ganze schöne Welt zerstört." Diese Geschichte eines modernen Schulmannes ist nach zwei Richtungen bemerkenswert. Sie zeigt einmal, dgß man bei den Kleinen bei jeder Gelegenheit, auch bei Verteilung von Tulpen, religiöse Gefühle wecken kann, sie zeigt aber weiter — und das ist uns noch wichtiger —, daß auch in der Heutigen reifm Jugend ein ^Streben nach Religiosität vorhanden ist. Denn bei der Beurteilung dieser heutigen Jugend sind viele geneigt, nur nach den schlechteren Elementen unter ihr zu urteilen. Sie übersehen dabei ganz, daß schon das Wesen dieser Jugend, wenigstens der Besten unter ihnen und der Ernsten und Strebenden, ein Religiöses ist: ihr Freiheitsdrang, chr Wahrheitsstreben, ihre Natürlichkeit, ihr Ringen mit den Problemen, ihr Sehnen nach Gemeinschaft, ihre revolutionäre Einstellung sogar, °thr Anzweifeln aller Werte, ihr Durchbrechen aller Grenzen, ihr Wunsch nach neuen Formen, das Betonen ihrer Persönlichkeit, all das stempelt diese Jugend für den tieferen Beobachter zu religiösen Menschen, denn diese ihre Art ist nur aus dem Reich des Religiösen zu erklären. Aber die Zeit selbst ist ja dazu angetan, nicht nur Erwachsene, sondern auch schon die erwachsene Jugend religiös zu ergreifen. Dieses Vordringen ins Unendliche, dieses immer stärker werdende Gefühl eines Geheimnisses, das uns umgibt, nicht zuletzt die Einsicht in die Relativität allex Werte, die sich dauernd verändernde Wissenschaft und Technik, die Umwälzung in den feststehenden Moralproblemen, die sozialen Erschütterungen, die politischen Fragen, alle diese Dinge sind wiederum Zeichen einer religiös ergriffenen Welt, und in ihr lebt nun auch die moderne Jugend. „Warum", so wird in dem Buch „Neue Jugend und Neue Dichtung" gefragt, „greift sie denn immer wieder zu Morgensterns Werk." Weil es für ihn nur eine Frage gibt. In ihr sind alle anderen beschlossen: die religiöse. „Ich frage mich fortwährend, was denkt Lagarde, was denkt Tolstoi, wenn sie Gott schreiben, den Willen Gottes erfüllen, ihm in allem dienen?" Und der Bonner Verwehen stellt in seinem Buche „Der neue Mensch" ganz mit Recht fest: „Das oft vom Alter beklagte Bild der zügellosen verwilderten Jugend, oder gar der bloßen Straßenjugend findet sein erhebendes Gegenstück in einer besinnlichen, für höchste Ziele des Lebens begeisterten Jugend, die in einigen Erscheinungsformen das altbiblische Mahnwort gegenwärtig hält: gedenke Demes Schöpfers in den Tagen Deiner Jugend." Die wesentlichste Arbeit, die unsere ganze Kraft erfordert, die vcrantwortungsreichste ist, aber auch die schönsten Ergebnisse zeitigen kann, ist daher die Arbeit mit und an der erwachsenen Jugend. Sind wir bisher den Weg von der Vergangenheit zur Gegenwart gegangen, so werden wir jetzt bewußt den Weg von der Gegenwart zur Vergangenheit gehen. Wir werden dieser Jugend zunächst einmal klar zu machen haben, daß Religiosität, wie sie im Mittelpunkt des Judentums steht, überhaupt noch, eine Macht ist, bei den besten Juden, bei den besten Nichtjuden. Wir werden ihr dazu vor allem ein eindringliches Bild der Geschichte des 19. Jahrhunderts geben, denn hier habm unsere Propheten gelebt, unsere Weisen, unsere Frommen, unsere Denker, unsere Dichter. Und voll werden wir die Gegenwart ausschöpfen und sie sprechen lassen. Sie werden von uns von einem Werfel hören und seinmr Wort: „Auch im schlammigsten Antlitz harret das Gottlicht seiner Entfaltung", von einer Else Laster¬ und Religion schalk, Frankfurt a. M. Schüler: „Ich möchte nahe au Deinem Herzen lauschen, mit Deiner fernsten Nähe mich vertauschen", von einem Rilke: „Wie hebe ich meine halben Hände zu Dir in namenlosem Flehen, daß ich die Augen wiedersände, mit denen ich. Dich angesehen", von einem George: „Das neue Heil kommt von der neuen Liebe" und von einem Stephan Zweig und einem Arno Nadel u. a. Unser besonderes Augenmerk werden wir natürlich, aus die Erörterung der religiösen Fragen zu richten haben. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir die neue religiöse Auffassung anzubahnen und auszugestalten haben. Nichts darf verschwiegenwerden, von Gott und Schöpfung und Jenseits und Offenbarung und Beten und Glauben wird zu sprechen fein, und wir werden die Jugend dahin führen, wo sie Gott als das Göttliche am ehesten und stärksten jetzt und in aller Zukunft erkennen kann und erkennen soll und erleben: zu sich selbst. Wie etwa Strindberg im Leben der Seele berichtet: „Nun sucht er sein Schicksal nicht mehr außer sich, sondern zum erstenmal in seinem Leben ging er zu sich selber. Ta lag sein Schicksal und in all den andern Selbst lag das Schicksal der Welt." Wir werden sie lehren, dieses ihr göttliches Selbst in Stolz und in Demut zugleich zu erfassen und von da aus alle überkommenden religiösen Begriffe zu vertiefen, zu verinnerlich,en, zu vergeistigen, vor Anfechtungen und Zweifeln sicherzustellen. Wir werden bei Dieser Arbeit die besten liberalen Stimmen gewiß zuerst immer sprechen lassen, aber wir werden nicht so engherzig und ängstlich^ und einseitig sein, diesm Geist innerlichster Religiosität nicht auch bei anderen hohen Geistern aufzuzeigen, die sonst unserer Jugend ihrer jüdischen Einstellung wegen keine Richtschnur sein sollen. Sie wird von Buber das Wort hören: „Nicht darum geht es, der Jugend Religion aufzuerlegm, sondern darum, in ihr ihre eigene Religion zu erwecken, d. i: die Bereitschaft, der Berührung des Absoluten standzuhalten." Von Arnold Zweig: „Es gibt eine Assimilation, die aus dem Judentum wegführt in die Welt und eine andere, die aus deM Kulturgut der Erde dem jüdischen Zentrum der Seele Werte zuführt, um es zu erheben, zu entzücken, zu nähren, zu weiten und zu beflügeln. Diese Assimilation ist das Einstellen des Judentums in den Welt- und Menschengeist." „Was hinderte und hindert die Vergöttlichung der Welt? Tie Sehnsucht nach, Gottes Gegenwart. Es ist zu viel von Gott die Rede gewesen, man hat zu gut um ihn Bescheid gewußt, ihn in seinen Himmel verbannt, sich in Sehnsucht gefallen. Was ist uns das Göttliche? Ter Geist, der das All durchwaltet. Wie offenbart er sich? Nur innen in der Brust, indem es die Menschen wandelt, einen neuen Zustand zwischen ihnen stiftet, den Bund, das Reich." Und Weltsch: „Ter Liberalismus vergaß, daß Religion nicht nur religiöses System, sondern auch Erlebnis und religiöse Form ist. Vor allem der Verzicht auf das religiöse Erlebnis war es, was den Libe-i ralismus dazu verurteilte, eine Epoche des religiösen Niederganges zu werden." In den Weihestunden, die bei dieser Jugend eben um des Erlebnisses willen eine stärkere Rolle spielen werden, worden wir eindringlichst an ihre Aktivität appellieren. Wir werden sie ausfordern, auch die bestehenden gottesdienstlichen Veranstaltungen zu besuchen, aber wir werden ihnen auch nahelegen, sich selber Feiern zu schaffen und zu gestalten. Sie sollen nicht nur Vorhandenes sprechen und beten und singen und lesen, sie sollen selber NeueZ schaffen und versuchen, ihrer religiösen Kraft, ihrem religiösen Leben und Erleben in Prosa, Poesie und Musik Ausdruck zu verleihen. So werden wir an ihr Letztes und Tiefstes rühren, das Geheimnis in ihnen zum Klingen und Sprechen bringen, so, wie der Frankfurter Burkhard in seiner großen Kulturphilosophie es nennt, in die Mystik des Theion einführen. Aber wir werden das und wollen das natürlich nicht tun, um unsere Jugend zu lebensabgewandten Träumern, Schwärmern und Mönchen zu erziehen. Das Wesen der neuen Mystik liegt ja gerade darin, daß sie lebenschassend sein will, und damit entspricht sie dem echten Geiste des religiösen Judentums. Den Lebensstunden endlich werden wir auf dieser Stufe selbstverständlich weitesten Spielraum gewähren. Hier gerade werden wir die Möglichkeit habm, die Lebensfragen der Zeit an der Hand der jüdischm Quellm des unvergänglichen jüdischen Geistes, wie er sich für uns in dm oft genanntm liberalen Großen aller Zeit spiegelt, der Jugend in ihrem Wesen zu erläutern und mit religiösem Lichte zu beleuchten. Hier habm wir einm Weg, bei dem wir die nicht leichten Gedankmgänge der Bibel und die ja oft zeit entfremdete Sprache der Jugmd ihr doch wieder nahe bringm können und auf dem sie ihn auch gerne wird an sich herankommen lassen. Immer wieder: Gegenwart und Vergangenheit Hand in Hand. Wmn, wie es ja immer wieder geschehen wird, Genf im Mittelpunkt der Ereignisse steht, dann werdm wir Gelegenheit habm, an Hand der jüdischm Quellm vom Weltfrieden zu sprechen, aber wir werden dann auch immer wieder die Gestalt eines Rathmau vor sie hintreten lassen, auf daß er auch unsere Jugmd mit seinem dreifachen Priestersegm weihe, dm er unvergänglich schön in seiner Schrift an Deutschlands Jugmd ihr erteilt hat: „Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem Herrentum, damit dse Welt von Euch empfange und sich Euch hingibt. Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit Ihr durch alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden Seele erringt. Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Fmer aus Euch schlagen, soll Euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und der Vorzeit und auffahren als eine Opferslamme zum Throne des Segnendm." Und wmn, wie es ja noch lange geschehen wird, um Paneuropa gekämpft wird, dann werdm wir nicht versäumen, ihr die Gestalt des Führers und geistigm Schöpfers dieser Bewegung in dankbarerer und ergriffener Gesinnung vor Augen zu führen und ihr an der Fülle seiner Aussprüche über Juden und Judmtum nmm Mut und neue Kraft und neuen Stolz verschaffen. War er es doch, der gesagt hat: „Die Aufgabe des Judmtums liegt nicht darin, eine Republik in Asien zu gründen und die vielen Nationalismen um einm neuen zu vermehrm. Aber es ist die Aufgabe des Judentums, das soziale Gewissm Europas zu werden." Und ferner: „In der ethischen Grundeinstellnng zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen Größe des jüdischen Volkes." Und mdlich: „Fast die gesamte europäische Ethik wurzelt im Judmtum. Soweit Europa moralisch ist, ist es jüdisch." Wir werdm bei diesm Lebmsstunden aber auch freimütig mit der Jugmd gerade die Schriften und Gedankm besprechen, von dmm wir wissm, daß sie sich immer wieder mit ihnen, befaßt und eingestandm oder nicht eingestandm von ihnen beeinflußt wird. Wir denken hier an die Schriften Schopenhauers und wir werdm gem dm Rat Försters annehmen: „Wer Schopenhauer verstehen will, der muß ihn vom Buch Hiob aus lesen und wer das Buch Hiob in ganzer Tragweite verstehen will, der muß Schopenhauer lesen." Und wir werdm bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, immer wiederkehrende Jrrtümer zu beseitigen, so daß etwa Nietzsches Zarathustra unbedingt von der Religion absührm müsse und sie überflüssig erscheinen lasse. Wir werden die entscheidende Stelle „Gott ist tot" als das erklären, was sie ist, als die Wandlung, die sich ja auch bei uns selber vollzogen hat und bei unserer Jugmd jedenfalls immer wieder vollziehen soll, als die Wandlung eines Menschen von Religion hin zur Religiosität, von Gott zum Göttlichm. Und dann mögen sie nur die Worte vernehmen: „Wirf den Helden in Deiner Seele nicht weg" und sich die Frage vorlegen: „Bist Du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, oder redet ans Deinem Wunsche das Tier?" Wir werdm sie also hier über Nietzsche genau so belehren wie Seneka im Briefe an Luzilius Epikur verteidigt: „Wmn jemand seine Zuflucht zu Epiknr nehmm wollte in dem Glaubm, bei ihm einm Deckmantel für seine Laster zu suchm, so wird er sich arg getäuscht findm." Ja gerade diese Frage und diese Probleme, die die Jugend jetzt so viel beschäftigen, der wahren Freiheit, des Verhältnisses der Sinne zur Sittlichkeit und der Beschränkung und Begrmzung des Trieblebms werden wir offen mit ihr an der Hand der Bücher erläutern, von dmm wir doch wissen, daß die Jugmd sie liest, und sie wird gewiß immer von neuem erstaunt sein, wmn der angebliche Revolutionär aus Amerika keinen anderm als dm jüdischm Propheten Micha der neum Jugend in seinem klassischen Worte zur Richtschnur vorstellt: „Es ist Dir gesagt, o- Mensch, was gut ist und was der Ewige von Dir fordert: Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln mit Gott." Und wenn wir so die Jugend führen, dann werden wir uns zwar nicht einreden dürfen und auch sie selber soll es nicht, fertige religiöse Menschen ins Leben zu schicken. Aber wir werden hoffen können, einer Jugend den Weg geebnet zu haben, wie wir sie zum Heile des Judentums herrnwachsm sehen möchten: einer innerlich religiös gestimmtm Jugend, nicht eingezwängt in Dogmen und Formen und Glaubmsworte, erfüllt von dem Edelsten und Unvergänglichsten, was Judentum an Religion und Ethik darzubieten hat, bewegt von einer vergeistigtm und vom edelsten Sinne, d. h. heiligen Sinne getragenen Gottesauffassung, einer Jugend, die sich den Blick und die Seele für Welt und Umwelt erschlossen hält, die überall, bei allen Völkern, in allen Zeiten, bei ällen unsterblichen Geistern aller Gebiete das Religiöse suchm und finden wird. „Ich glaube nicht", sagt Frank Ties in seinem „Weg zur Freiheit^ „daß der Fahnentext neue Sachlichkeit in der deutschen Jugend geprägt wurde, wer aber in ihr sein Ideal sieht, Begeisterung nicht kennt, verachtet, der zählt nur zu den retardierenden Momenten in der Geschichte der Ideen." Aehnliches möchten wir unserer deutschen jüdischm Jugmd ans Herz legen. Ohne die religiöse Urkraft des 'Judmtums voll in sich auszunehmen und aus ihr heraus jüdisches Lebm, menschliches Geschehm im eigenen Lande und überall zu gestalten, wird sie nicht beanspruchen können, dem Ewigkeilscharakter des Judentums gerecht gewordm zu sein. Es gibt ein Wort der Bibel — in Halle