Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 20 (14.5.1930)
- Date
- 1930-05-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Ai-Bewegung Verantwort!.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. Main Pflicht zur Toleranz Von Werner H o ch h e i m e r (Jli-Frankfurt a. M.). Es ist Erich Vulkan zu danken, daß er das Eis gebrochen hat, um in eine vorbereitende Aussprache über die bevorstehende Dresdener Tagung einzutreten; denn es kann nur von Vorteil sein, wenn man sich über gewisse Probleme schon vor der Tagung im Prinzip einig weiß und die Wünsche erfährt, die die einzelnen Jlis bezw. ihre Mitglieder zur mündlichen Beratung gestellt wissen wollen. Ein Gedanke scheint mir bei unserer Jugendtagung ein tzauptgrunds a tz werden zu sollen - der Gedanke der gegenseitigen Toleranz. Mein Liberalismus kann einem jungen Menschen edler erscheinen, als der gegenseitiger Duldung; so muß schon dieser Gedanke unbedingt zu einer engeren Verbindung mit der „I u g e n d g e m e i n s ch a f t der R e - sorm gemeinde", der sog. „Reformjugend" zwingen, wie es Erich Vulkan fordert. Wie man es leider oft von jüdisch-liberalen Erwachsenen erfahren mußte, so ist auch ein Teil der jüdisch-liberalen Jugend von dem Gedanken nicht frei, daß die Mitglieder der Berliner Resormgemeinde keine rechten Juden mehr seien; daß die Resormgemeinde nur einen Ausschnitt, einen Teil gerade des liberalen Judentums darstellt, wollen diese „Liberalen" nicht hören oder nicht begreifen, sei es Unwissenbeit über die Ziele, Bestrebungen und Struktur der Reformge meinde, sei es, daß sie das Wort „liberal" immer noch nicht in seinem Wesen erfassen, indem sie unbewußt iu dieselben Anschauungen über das Wesen des Judentums verfallen.wie die Orthodoxie, oder daß sie immer noch au die Möglichkeit der Steigerung „liberal", „liberaler", „am liberalsten" glauben, ein Irrweg, den uns Franz Meidner, Breslau, an dieser Stelle einmal klar und treffend darlegte. Als Weltanschauung gibt es nur einen „jüdischen Liberalismus": alles was wir an Differenziertem finden, ist nur die F o r m , in die sich gerade dieser positive Liberalismus ergießt. Es ist ja gerade ein Ziel des Liberalismus, daß er Gruppen zusammenschließt, die sich zu einer der vielen möglichen' Formen des Liberalismus durchgecungen haben. Nichts anderes als eine dieser Gruppen stellt die Resormgemeinde dar. Es i>ft ja gerade eins der Symptome, an denen unser jüdischer Liberalismus, insbesondere in Deutschland, trankt, daß sich in Ihm die geistigen Gruppen so schwer zusammensinden, daß vielmehr die Gruppe nach örtlichen Rücksichten gebildet, wenn auch die einzelnen Glieder einer solchen Gruppe, „Gemeinde" genannt, die ihnen als notwendig bezw. überflüssig erscheinenden Formen noch so verschieden beurteilen. Eine Erscheinung, die gerade aus dieser verkehrten Gruppenbildung heraus führt, ist die Bildung der Resormgemeinde. In Berlin war es möglich, aus der vorhandenen großen Menschenzahl d i e Menschen in eine Gruppe zusammenzubringen, die in ihrem Judentum den gleichen geistigen Inhalt erblicken und die auch in den Formen Gleiches wollen. Und dies ist gerade gelungen bei den Menschen, die an Quantität die allerwenigsten Formen zum Bekenntnis ihres Judentums benötigen. Nicht eine Absonderung bedeutet dies, sondern die Verwirklichung der von einem wahren religiösen Liberalismus geforderten „positiven" Gruppenbildung, die zum Aufbau und zur Erhaltung dient. Daß diese Gruppenbildung nicht falsch ist, zeigen die neuen Bildungen der „Liberalen Gemeinden" Norden, Westen, Osten in Berlin, die auch nur einen Zusammenschluß sich geistig Nahestehender bedeuten, die nur einen anderen Ausschnitt aus dem „liberalen Judentum" darstellen als die Reformgemeinde, nämlich Gruppen, die auf einzelne rituelle Vorschriften und Ueberlieferungen mehr Wert legen als die Reformgemeinde. Beide aber sind Glieder des „Liberalismus"; man erkenne nur bei beiden verschiedenen Gruppen ihren Willen zur jüdischen Retigionsauffassung, bevor man über sie den Stab bricht. Tie Reformgemeinde bildet keine Absplitterung vom Judentum; die Mitglieder sind Juden, sie gehören der Jüdischen Gemeinde Berlin an; sie ist auch nicht nur für Berlin „typisch" oder nur in Berlin „möglich"; au jedem Orte gibt es Gleichgesinnte, wenn sie auch an Zahl oder an Willenskraft zu schwach sind, um sich zu einer Gemeinschaftsgruppe zusammenzuschließen. Mau komme nur nicht mit dem Wort „Sonntagsbeter", wenn man nicht einmal soviel zur Erhaltung des Judentums tut, daß man in „eigener" Person „Samstagtagbeter" ist. M. E. hat derjenige das Recht verwirkt, sich „liberaler Jude" nennen zu dürfen, der den Mitgliedern der Reformgemeinde dieses Recht bestreitet. Er steht nicht anders da, als der orthodoxe Jude, der dem liberalen Juden die Vollwertigkeit als Juden bestreitet. Wenn ich mir als liberaler Jude gestatte, Gebote bezw. Verbote zu verletzen, dam, habe ich dies auch dem anderen zu gestatten. Wer sagt mir aber, welche Gebote ich verletzen darf und welche nicht, um mich noch als Jude bezeichnen zu dürfen? Niemand kann dies. Es gibt keine Vorschriften erster und zweiter Ordnung, wobei etwa als Grenze die Verletzung auch einer Vorschrift erster Ordnung zu gelten hätte. Niemand hat es bisher fertig gebracht, eine solche Scheidung herbeizusühren, auch nicht die Rabbiner in ihren „Richtlinien", die in ihrer Autorität bezw. Wirksamkeit gerade daran scheitern mußten, daß die geistige Richtung des Liberalismus viel zu individualistisch ist, als daß sie gemeinsame allgemeingültige Vorschriften ertragen könnte. Gibt es aber schon keine allgemeingültige Scheidung in Vorschriften erster und zweiter Ordnung, d. h. in solche, die man auch als liberaler Jude unbedingt halten muß und in solche, die man der Ausübung durch die Gesetzestrcuen überläßt, so fällt dos Recht nicht dem einzelnen zu, eine Scheidung als allgemeingültig anzusehen, bezw. sie allen anderen auszwingen zu wollen, die er vielleicht für sich gezogen hat, allen anderen, die ein solches Recht genau so gut in Anspruch nehmen könnten, zu anderen Ergebnissen kämen und sich nun gegenseitig als Nichtjuden betrachten müßten, nämlich dort, wo sich ihre Ansichten nicht decken, wo einer eine Vorschrift als zur ersten Ordnung gehörig bezeichnet, der andere dieselbe Vorschrift zur zweiten Ordnung gehörig, während sie nur bei gemeinsamem Anerkennen oder gemeinsamer Ablehnung harmonieren könnten. Wie oft erleben wir es, daß der die Speisegesetze befolgende, aber Sabbat und Feiertage nicht haltende Jude den anderen Juden „schief" ansieht, weil oieser aus die Befolgung der Speisegesetze keinen Wert legt, obwohl gerade er den Ruhetag hält. Daß dies aber wieder der erstere nicht tut, dafür sieht ihn der zweite „schief" an. Das ist rauhe Wirklichkeit, — aber kein wahres liberales Judentum. Niemand hat das Recht, dem anderen das Judentum abzusprechen, wenn der andere auch noch so viel unterläßt, was er zu tun für notwendig erachtet; sonst wäre er ebenfalls schutzlos demjenigen gegenüber, der vielleicht ein Ritual mehr hält. Diese Einstellung sollte sich den Mitgliedern der Resormgemeinde gegenüber zeigen, Menschen, die den größten Wert auf ihr Judentum legen, die sich nicht gescheut haben, sich zusammenguschließen, um ihre jüdischen Ideen in ihnen richtig erscheinender Weise zu verwirklichen! Wollten sie sich abschließen, wollten sie nur negieren und niederreißen, hätten sie es dann überhaupt nötig, sich zusammenzuschließen? Und wenn man mit dem Trumpfe kam und sagte, Leute, die Gottesdienste mit Hilfe von Schallplatten veranstalten, seien keine Juden, müßte man denen nicht erwidern, sie feien selbst keine Juden; vom Standpunkte der Orthodoxie sei die Orgel, die sich in ihrem Tempel befinde, ja auch „unjüdisch". Wie sie die mechanische Musik der Schallplatte als „gefühllos" bezeichnen, so gibt es Juden, die die Mechanik der Orgel ebenso „gefühllos" anmutet. Damit braucht man noch lange nicht für seine eigene Person die Schallplatten anzuerkennen. Man betrachte weiter die Persönlichkeiten per Resormgemeinde; es find gleichzeitig in vorderster Linie stehende Kämpfer für den Liberalismus. Von der Personalunion unserer liberalen Führer und ihrer Mitgliedschaft in der Reformgemeinde wissen sicherlich wenige. Mit dieser allgemeinen Stellungnahme, die der „liberale Jude" gegenüber der Resormgemeinde einnehmen sollte, habe ich auch klar die Stellung des jungen liberaler Juden zu der „Jugendgemeinschaft der Reformgemeinde" ausgezeichnet. Mit „Stellungnahme" ist überhaupt viel zu viel gesagt; die „Jugend der Reformgemeinde" ist „jüdisch-liberale Jugend". Darum kann ich mir auch kein anderes Ergebnis für die Reformjugend vorstellen als ihren Beitritt zur „Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands". Was dir Reformjugend hindern könnte, wären einzig Gründe fatschen Verständnisses über die Organisation der „Arge" oder solche persönlicher Art. Man glaubt vielleicht innerhalb der Resormjugend, man würde bei einem Anschluß seine Selbständigkeit aufgeben: ebenso seien die Ziele und Ausgaben eines „Jli" und die der Reformjugend verschiedene. Nichts unrichtiger als das. Die „Arbeitsgemeinschaft" stellt keine „Ordensgemeinschaft" dar; sie bedeutet nur den notwendigen Zusammenschluß der in sich geschlossenen, selbständigen jüdisch-liberalen Jugendgemeinschaften. Ein solcher Zusammenschluß ist notwendig, um den Gedanken des Libe Benutzt die Gelegenheit des JU-Treffens um die größte der Nachkriegs-Ausstellungen, die Internationale Hygiene - Ausstellung zu besuchenl ralismus zu fördern, sich gegenseitige Anregungen durch Meinungsaustausch über die gemeinsamen Interessen zu geben Da die Jugendgemeinschaft der Reformgemeinde eine solche vorwärtsstrebende und den Aufbau wollende jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft ist, gehört sie auch in die alle gleichen Jugendgemeinschaften in Deutschland umfassende „Arbeitsgemeinschaft" hinein. Dabei darf auch das Wort „Jli" nicht schrecken. „Jli" bedeutet nur die Abkürzung „Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft"; da es an den einzelnen Orten bisher nur eine solche Gemeinschaft gibt, nennt sie sich Jii-Magdeburg oder Jli-Ratibpr usw.. Wenn in Berlin schon ein Jüdisch-liberaler Jugendverein besteht, der für sich als bisher der Arbeitsgemeinschaft allein angeschlossener Verein die Abkürzung „Jli" führt, so heißt das ganz und gar nicht, daß die der Arbeitsgemeinschaft beitretende Refokmjugend sich nun auch „Jli" nennen müsse, bezw. sich mit dem Berliner Jli zusammenschließen oder in ihm aufgehen müsse. Im Gegen teil, warum sollte nicht gerade jeder selbständig für sich bleiben, da er ja doch-je eine Gruppe in oben geschildertem Sinne darstellt. Es können in einer Stadt, insbesondere in Berlin, zwei jüdisch-liberale Jugendvereinigungen selbständig und freundschaftlich nebeneinander bestehen, die nur durch die Dachorganisation der „Arbeitsgemeinschaft" zusammengehalten werden. Zu bemerken ist auch, daß eine Anzahl Mitglieder des Berliner Jli gleichzeitig Glieder der Jugendgemeinschaft der Resormgemeinde sind. Beide Gruppen können ihre Eigenart wahren. Kein Mitglied irgend eines jüdisch-liberalen Bundes sollte die Zugehörigkeit der Resormjugend zu unserem Kreise ablehnen, ebensowenig wie die Resormjugend ihr Wesen als jüdisch-liberaler Jugendbund verleugnen und damit die Pflicht zum Beitritt zu unserem Kreise verneinen sollte. Sollte man in unserem Kreise oder in dem der Resormjugend anderer Meinung sein, so wäre sehr zu wünschen, daß sich diese Stimmen an dieser Stelle vernehmen ließen. Denn bis zur Tagung sollte man sich darüber im klaren sein, damit hierüber unnötige Diskussionen vermieden werden. Auch die in der Bildung begriffene Jugendgemeinschaft der K ö l n e r liberalen „Gemeinschaft" ist jüdisch-liberale Jugend; daher ist auch ihr Platz in der „Arge", gleichviel ob sie sich „Jli" nennen will oder ob sie sich mit Rücksicht auf ihre Verbundenheit mit der „Gemeinschaft" anders bezeichnet. Außer in der Frage der Reformjugend hat der Toleranzgodanke in Dresden noch weiter seine Aufgabe; die Frage unserer jüdisch-politischen Stellungnahme zum Zionismus ist bei unseren Beratungen auszuschalten. Diese Frage ist in der jüngsten Zeit so viel in Rede und Schrift behandelt worden, jeder einzelne Jli, der Arge-Vorstand haben sich so sehr im einzelnen damit befaßt, daß es neues nicht mehr zu sagen gibt, und daß weitere Diskussionen wirklich zwecklos sind. Auch in den Wegen, die die einzelnen Jlis zur Verwirklichung ihrer Ziele beschreiten, werden Differenzen liegen. Die Differenzen in der Methode sind bedingt durch die Berschiedenart der Menschen. .Auch hier zeigt sich das Prinzip der Gruppenbildung, eine jede sich freiwillig zusammenschließende Gruppe ist von der anderen verschieden, möge auch die Grundidee, die zum Zusammenschluß führt, die gleiche sein. Keine Gruppe hat das Recht, der anderen Gruppe die Art, wie sie arbeitet, kurz ihren Weg vorzuschreiben. Wenn eine Gruppe glaubt, auf ihre eigene Art und Weise zum Ziele zu kommen, so haben dies die anderen Gruppen als gegebene Tatsache hinzunehmen, wmn sich auch über die Zweckmäßigkeit der Uebernahme einer anderen Methode durch gegenseitige Aussprache manches sagen läßt. Jedenfalls darf es nie dazu kommen, daß einer den anderen als minderwertiger betrachtet; ein jeder hat den anderen anzuerkennen. Nicht nur der einzelne trägt seinen Individualismus, auf den er Anspruch hat, dem diese also Rechnung zu tragen haben, sondern in noch weiterem Maße hat die Gruppe ihr subjektives Recht auf den ihr zustehenden Individualismus. So steht auch hier die Idee der Duldung über allem. Um etwas Positives erreichen zu können, müssen wir also alles Negative und Ablehnende, soweit es uns selbst betrifft, beiseite lassen; dies können wir nur durch das Prinzip der gegenseitigen Achtung und Duldung erreichen. Daß sie ein Beispiel des angewandten Toleranzgedankens ist, sollten wir Jungen nach der Dresdener Tagung mit Stolz behaupten dürfen. ► ■*: Aus der Ili-Arbeit *1 +4++ ■444444444444444444444444444444444 44-444 4 444444444* 4-4444 Frankfurt a. M. (H k i m a b e u b.) Am 59. April sprach öerr Xr. e 1 i ß über „ArbeitSnot". lieber 3 Millionen Menschen sind arbeitslos. Gewiß, wir können ihnen nicht helfen, aber doch wenig stens Mitempfinden und sie nicht über die Schulter ansehen. Zu den Arbeitslosen rechnen nur Arbeiter und Auge- >t c l l t e, die arbeiten kann e n und ivolle». —ö Milliarden Mark hat der Staat für die Arbeitslosen aufgewendet, und doch hat, sich bisher kaum etivas geändert. A u f s ch >v u n g , Hochkonjunktur, K r i s c und Depression bestimmen die wechselnde Zahl der Arbeitslosen. In der Entwicklung unserer Wirtschaft kam zuerst die Demobilisierung,^' eine große Arbeitslosigkeit zur Folge halle, dann folgte ein Aufschwung; die Stabilisierung brachte eine Arbeitslosigkeit von ö Millionen Menschen; aber selbst das behob sich wieder. Tann folgte die iH n t i o n ci l i) i e r u tt q : Sen fiutfl der Löhne, Vermehrung des Warenangebotes, Preiserniedrigung, Mehrkauf, Mehrproduktion, Entstellen neuer Arbeiter. Bei uns allerdings ist die Rationalisierung in ihrer Enkwicktung stecken geblieben, daher die enorme Arbeitslosigkeit. Tiefen Ämter ist die ArbeitS lofenziffer auf 3,4 Millionen gestiegen. Wodurch?: I. Tie Zahl der Arbeiter ist gestiegen. f>. Tie Sterblichkeit hat sich verringert. 3. Tie Geburtenzahl ist gestiegen. 4. Tie Auswanderung hat abgenommen. Ter Truck auf den Arbeitsmarkt ist größer geworden. Frauen bilden eine große Zahl Arbeitskräfte. Rentner, die sonst im Ruhestand leben würden, sind heule gezwungen zu arbeite». Wir haben seit 1913 6 Millionen Arbeitslose mehr zu verzeichnen. WaS der Arbeitslosigkeit abhelfen ivird, ist: I. Herabsetzung der Reparalionslasten. II. Das Hervortreten des Geburtenausfalls während des Krieges. Unterstützung bietet Geld und Beschaffen von Arbeit. Tie Hilfe, die heute schon geschaffen ist — I. Erwerbslosenfürsorge; II. Arbeitslosenversicherung, die auf dem Rechtsprinzip beruht: 1. Arbeitsnachweis, 5. Rotstandsarbeit. Den Schluß des Referates bildete ein lieberblick über die jüdische Arbeitslosigkeit und den Arbeitsnachweis, Langestraße. Auch die Disknfsivn beschäftigte sich hanpisächiich hiermit. Hella Lion, Frankfurt. Ratibor. sA n t i s e m i l i s m u s.) Am Mittwoch, den 7. Mai, wurde von unserm 1. Vorsitzenden, Herrn Dr. Weber, ein Referat über daS bekannte Buch von Coudenhove-Calergi: „Antisemitismus" gehalten. Nach einigen einleitenden Worten über das Leben des Verfassers, von dem besonders hervorgehoben wurde, daß er zuerst aus judenfeindlichen Erwägungen heraus das Buch zu schreiben sich entschloß, um sich dann aber zu einer philosernitischen Aufsafsung durchzuringen — legte uns der Redner in beredten Worten die Quiiw tesscnz des umfangreichen Werkes dar. Von der Bedeutung des Wortes „Antisemitismus" ausgehend, gelangt Calcrgi zu dem Ergebnis, daß schon daS Wort sehr unglücklich gewählt ist, da cs ja z. B. auch einen arabischen, d. h. semitischen Antisemitismus gibt, und dies also einen Widersinn bedeutet. Tann geht er zu der Fritschen Begrifssbeschreibung vom Antisemitismus über, zählt das von Fritsch uns aufgestellte Sündenregister auf, das den Anspruch auf außergewöhnliche Vollständigkeit machen darf und nach welchem wir die beneidensiverten Wesen sind, die eine Inkarnation alles Bösen darstellen. Ein Hauptziel des Verfassers besteht nun darin, zu untersuchen, ob der Antisemitismus religiöser oder rassentheorctischer Natur sei. Ter wissenschaftlichen Methode gemäß, beginnt er eine historische Untersuchung, indem er von den ersten Anfängen antisemitischer oder, wie er cs zu nennen vorschlägt, antijudäischer Regungen ausgeht. Er kommt schließlich zu dem Ergebnis, daß der Antisemitismus stets religiösen Quellen entsproß, wie es besonders die Verfolgungen im Mittelalter beweisen, deren Allheilmittel die Taufe war. Der heurige Antisemitismus aber steht durchaus nicht auf religiöser Grundlage, sondern stützt sich auf die Rassentheorie, deren Unsinnigkeit Calergi übereinstimmend mit der modernen Wissenschaft anerkennt. Dieser Antisemit tismus entspringt ganz unlauteren Ursachen, ist eine Angelegenheit der Partei, der Propaganda. Eine Minderheit ist überall, wenn fit schutzlos ist, den gleichen Verfolgungen ausgesetzt. Ein ebenso interessantes wie schlagendes Beispiel bieten die in Persien wohnenden Perscn, die als arisches Volk diesmal von semitischer Seite die vollkommen gleichen Beschuldigungen zu erdulden haben, wie sie den Inden von den Ariern gemacht tvcrden. Tas beste Mittel gegen den Antisemitismus erblickt Ealergi im Zionismus — ganz int Gegensatz zu seinem Sohne, dem bekannten Paneuropasreund, der lviedcr die Fewish Agency für diese Aufgabe reif findet. — Reichlicher Beifall beschloß die interessanten Ausführungen, die die Zuhörer mit großer Aufmerksamkeit verfolgten. 4444»4444»44444444444444444444444444444444444444444444♦» Das 3li-Programm ||*|| E44444 444444444 4 444444444»44444444-44-4444444 44444 444 44444-444+ vresliw. Hauptgrupp«: Montag, den 19. Mai, 20.15 Uhr, Jugendheim: Arbeitsgemeinschaft: „Die Juden in ihrer Umwelt." — Mittwoch, den 21. Mai, 20.15 Uhr, Jugendheim: Gemütlicher Heimabend. — Jüngeren-Eruppe: Donnerstag, den 15. Mai, 16.15 Uhr, Jugendheim: Bunter Lesenachmittag. Frankfmi a. M. Dienstag, den 20. Mai 1930, 20.30 Uhr, Gartenabend bei Familie Florsheimer, Neumannstraße 153. Dienstag, den 27. Mai .1930, 20.45 Uhr, Heimabend, Westendsynagoge, Besprechung über Dresden. Jli-Jugendgruppe: Samstag, den 17. Mai, bei Familie Hirsch-- birg, Biickerweg 9: Literatur-Nachmittag. Samstag, den 24. Mai, bei Familie Würzburger, Frirdbergerlandstraße 9: Referat Karl-Heinz Zucker: Bolschewismus I. Mitteilung Marionetteu-Tvnfilme. Im Marmorhaus wird am Mittwoch, den 14. Mai, nachmittags 5 Uhr, eine Vorführung neuer Tonfilm« stattsinden, die von Julius Pinschewer geschaffen worden sind. Zur Vorführung gelangen unter anderem „Der Teufel mit dem alten Weib", ein Fastnachtsspiel von Hans Sachs, 1545, (mit Marionetten von Ivo Puhonny) und ferner „Chad Gadjo", das altjüdische - Sinngedicht, mit Irene Triesch als Sprecherin.