Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 17 (23.4.1930)
- Date
- 1930-04-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Groß»Strrlitz. (Einrichtung eines Bezirksrabbi - n a t s.) Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeiilden hat seine Bemühungen um die Betreuung der rabbmerlosen Gemeinden in Preußen fortgesetzt und den von ihm bisher schon /eingerichteten B^irksrabbmaten ein neues mit dem Sitz in Gwß-Strehlitz hinzugefügt. Dies« Gemeinde ist damit, nachdem sie 50 Jahre verwaist gewesen, wieder Sitz eines Rabbinats geworden. Dem Bezirk sind weiter angeschlossen die Gemeinden der Kreise Guttentag, Kceuzburg, Rosenberg und Namslau. Zum Bezirksrabbinat ist von dem Landesverband Herr Dr. Fcinberg, bisher Rabbiner in Heilbronn, bestellt worden. Am 16. März fand die feierliche Amtseinführung .des neuen Rabbiners statt. Der feierliche Akt vollzog sich unter Anteilnahme der staatlichen, städtischen und kirchlichen Behörden. Köln. (E t a t be r a t u n g.) Der Voranschlag zum Etat der Synagogengemeinde für 1930 erreicht auf der Ausgabenseite nun bald «ine Million Mark. In der Generaldebatte, die der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Emil Blumenau, mit dem üblichen Rückblick in der letzten Repräsentantensitzung einleitete, tvurde von liberaler Seite ausgeführt, es gehe so nicht mehr lange weiter, und es müsse in ganz» anderer Weise als bisher gespart werden. Bemerkenswert lvaren die Darlegungen des konservativen Sprechers, der dringend einen anderen Modus der Steuerfestsetzung empfahl. Es sei auf die Dauer untragbar, daß ganz wenige Gemeindemitglivder, die zudem fast gar nicht die Gemeindeeinrichtungen in Anspruch nähmen, den tveitaus beeutendsten Teil der Steuern ausbrächten, während die übergroße Mehrzahl eine geringfügige Steuerleistung aufwiese. Es sei zu erwägen, ob man nicht statt der Einkommensteuer das Einkommen selber heranziehen müsse, wenn die Gemeindesteuer festgesetzt werde. Einen reichhaltigen Wunschzettel, alle möglichen Einrichtungen aufweisend, legten die orthodoxen Redner vor. Ueber die Einzelheiten des Etats wird demnächst berichtet werden. — Von konservativer Seite wurde es bemängelt, daß die Tagesordnung der Repräsentantensitzung nicht die Fortsetzung der Bei alung der st ultust rennungsvorlage aufwies. Der Vorstand sei verpflichtet, eine Vorlage auch dann zu Ende zu beraten, »penn eine Partei (die liberales ihr Desinteressement an ihr erklärt habe. Linz a. Rhein. (Persönliches.) Lehrer D. Würzburger ist nach 46 jähriger Lehrtätigkeit, »vovon er 40 Jahre in hiesiger Gemeinde verbrachte, in den Ruhestand getreten. Nach Auflösung der öffentlichen jüdischen Volksschule hat der nuir aus dem Axnt Scheidende die Fortbildungsschule geleitet und sich auch iu dieser Stellung die Wertschätzung aller Bürgerkreise erworben. Bei der Abschiedsfeier sprachen Vertreter der Stadt, des Kuratoriums der Schule, des Jnnungsausschusses und der Lehrerschaft dem verdienten Schulmann Dank und Anerkennung aus; ein Schüler überreichte im Namen seiner Kameraden ein Abschiedsgeschenk. Auch die Synagogengemeinde ehrte den scheidenden Beamten durch einen Festgottesdienst. Stuttgart. (Ferienfortbildungskurse für R^'bi- »ci und Religionslehrer.) In den letzten Tagen fand hier der diesjährige Fortbildungskursus für die Rabbiner und Religionslehrer Württembergs statt, der alljährlich vom Jsr. Oberrat veranstaltet wird. Fast alle Rabbiner und Religionslehrer des Landes hatten sich eingefunden. Zu ihnen kamen diesmal zum ersten Mal die jüdischen Seminaristen, die im Heilbronner Seminar aus ihren Berus vorbereitet werden, und drei Theologen, die ihre Ausbildung am Breslauer Rabbinerseminar erhalten. Darüber hinaus aber hatte sich «ine stattliche Anzahl von Gemeindegenosscn zu den einzelnen Vorträgen und Aussprachen eingefundcn, die mit lebhafter Anteilnahme die Arbeit der Kursteilnehmer verfolgten. Der Präsident des Oberrats, Ministerialrat Dr. Hirsch, begrüßte die Versammlung und wies auf die Bedeutung der Weiterbildung durch die Fortbildungskurse hin, die auch diesmal ein spezielles Gebiet behandeln sollten: die Ideen und Einrichtungen des Pessachsestcs. Er übergab dann die weitere Leitung des Kurses dem theologischen Mitglied des Oberrates, Stadtrabbiner Dr. Rieger. Nach einer kurzen Begrüßung der Kollegen und Zuhörer ging Dr. Rieger sogleich zu dem einleitenden Vortrag des Kursus über: „Die Idee und die Geschichte des Pessachsestes in der Bibel und im Schrifttum der Tradition". Eine lebhajte Aussprache über den Bortrag und ein Schlußwort des Redners bildeten den Abschluß der einleitenden Veranstaltung des Kurses. Am Nachmittag behandelte zunächst Rabbiner Dr. Beermann-Heilbronn „den Auszug aus Aegypten im Midrasch mit besonderer Beziehung auf btc Predigt". Der Vortrag weckte lebhaften Beifall, der sich in der Aussprache nochmals äußerte. Den Abschluß der Nachmittagsveranstaltung bildete ein Referat des Rabbiners Dr. Kroner-Oberdorf über die halachischen religionsgesetzlichen 'Bestimmungen des Pessachsestes. Am Abend des ersten Kurstages waren die Kursteilnehmer Gäste des Porstehcramtes der Stuttgarter Gemeinde. Der Montagvormittag war der unterrichtüchen Behandlung-des Pessachsestes gewidmet. In seiner bekannten geschickten und von echter Religiosität erfüllten Weise schilderte zunächst Oberlehrer Berlinev- Buttenhauscn die Behandlung des Seders und seiner Bräuche im Unterrichte. Er zeigte dann die praktische Ainvendung seiner Grundsätze in einer Lehrprobe mit Schubern und Schülerinnen des 5. und 6. Schuljahres. Die Unterrichtsprobe darf als ein Höhepunkt des Kurses bezeichnet iverden. Der Nachmittag ivar der Liturgie des Pcssachfestes gewidmet. Er wurde durch einen gedankeureicheit Vortrag des Rabbiners Dr. Kahn-Mergentheim über „die Geschichte und Entwicklung der tzaggada" eingeleitet, der von gründlicher Kenntnis und geschichtlichem Verständnis zeugte. An den Vortrag schloß sich ein anregendes Referat des Religionslehrers Kahn-Heilbronn über die Liturgie des Pessachsestes an, das den Schatz der Melodien der Sederabende, des Pessachsestcs und des Talgebetes vor allem vom Standpunkte der kantoralen Behandlung darstellte. Am Dienstag-Vormittag bot Rabbiner Dr. Auerbach-Stuttgart eine mit großem Geschmack und Verständnis gewählte Auslese besonders interessanter Stellen aus dem Talmudtraktat Pessachim. Eine große Reihe pädagogischer, geschichtlicher und psychologischer Bemerkungen ergänzte und erklärte die vorgetcagenen Texte. Dr. Beermann fügte weitere sachdienliche Erklärungen hinzu, so daß auch dieser Teil des Kursus wertvolle Anregungen bot. Den Schluß der Veranstaltungen bildete eine Aussprache über Standesfragen. Sie wurde durch einen Bortrag des Rabbiners Dr. Cohn-Ulm eingeleitet, der die geschichtliche Entwicklung des Rabbiueramtes bis zur Gegenwart darstellte und die Schwierigkeiten des rabbinischen Amtes in der Gegenwart infolge der materialistischen Einstellung eines großen Teiles der Gemeinden darstellte. Er schloß mit einigen Anregungen für die Fortbildungskurse und mit Wünschen für den Ausbau bezw. die Umgestaltung der Wanderbibliothek. Vor dem Schlußworte des Kursleiters dankte Rabbiner Dr. Beerman» für die streng sachliche Führung des Kursus. Dr. Rieger schloß mit Dankesworten an die Referenten und an alle, die sich an den Aussprachen beteiligt hatten. Er bezeichnete es als be-> sonders erfreulich, daß Rabbiner unb Religionslehrer, Liberale und Orthodoxe in diesem Kurse einander freundschaftlich ergänzt und harmonisch für das gleiche Ziel gearbeitet haben: für die Erhaltung und Vertiefung des jüdischen Lebens in Württemberg. * Aus der Bewegung; * Aachen. (Vortragsabend.) Am 3. ds. Mts. veranstaltete die hiesige Ortsgruppe der Bereinigung unter dem Vorsitz von Herrn Oberkantor Alt ihren letzten (6.; dieswinterlichen Vortragsabend, an welchem der Generalsekretär der Vereinigung, Herr George Goch aus Berlin, über die letzte Breslauer Hauptversammlung, deren Verlaus und Ergebnisse, berichtete. Der Redner verstand es meisterhaft, das von Hause aus etwas trockene Berichtsthema zu einem geistvollen, geschlossenen Vortrag abzuwandeln, indem er nicht nur „berichtete", sondern die großen Gedankenlinien auszeigtc, von denen die Breslauer Tagung beherrscht war. Besonders interessant war die Darlegung der Stellungnahme der Breslauer Versammlung zu ^dcm Referat „Das Judentum als Weltreligion" von Herrn Rabbiner Dr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., da Herr Dr. Scligmann am Anfang des Winters diesen Vortrag auch in unserer Ortsgruppe gehalten hat und er somit allen Hörern bekannt war. Herr Goeh führte, immer dir Breslauer Tagung sozusagen als Leitfaden benutzend, verschiedene Gedankenkomplexe näher aus, sprach insbesondere über den Sinn und den Begriff des Liberalismus, der sich davor hüten muß, in einmal vor hundert Jahren festgelegten Normen zu erstarren. In einer prägnanten Formulierung verwarf der Redner diesen „status-quo-Liberalismus". Ein anderer dieser ausgeführten Gedankenkomplexe war das Thema: Religion und Realpolitik, das dem Redner Gelegenheit gab, die scheinbar realpolitische Betätigung der jüdischen Nationalisten gerade als Utopie zu kennzeichnen. Am Schluß des Vortrags untersuchte der Redner, im .Hinblick aus die demnächstige Londoner Weltkonferenz des liberalen 'Judentums, den Wert solcher Versammlungen und Tagungen überhaupt zu bekennen, die nach seiner Ansicht nicht nur der Klärung .weltanschaulicher Fragen dienen, sondern auch einen nicht zu unterschätzenden propagandistischen Wert haben. Die Ausführungen des Redners standen auf der bekannten Höhe, auf der sich die Vorträge des Generalsekretärs der Bereinigung be- »vegen. Er verstand es, in etwa 1^/-. ständiger Dauer ein stimulierendes Pild der Gesamtsituation des heutigen deutschen Judentums zu zeichnen und fand den lebhaftesten Beifall des angeregten Publikums. An der anschließenden Diskussion beteiligten sich Frau Wertheim, Herr Oberkantor Alt und der Ehrenvorsitzende der Ortsgruppe, Herr Blumenau, sowie in seinem Schlußwort der Redner des Abends selbst. Oberkantor Alt schloß die Versammlung mit dem herzlichsten Dank an den Referenten, der in Aachen ein allezeit gern gesehener Gast ist. Berlin. (Sederabende.) Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. veranstaltete wie alljährlich auch in diesem Jahre zwei Sederabende, die sich eines besonders starken Besuches zu erfreuen hatten. Für die im Zentrum lvohnenden Mitglieder und Freunde fand der Sederabend unter Leitung des Herrn Kantor Gordon in Schneiders Hotel statt. Für die westlichen Interessenten wurde im Gartensaal der Loge Kleiststraße ein Sederabend veranstaltet, an dem mehr als hundert Personen tcilnahmen. Herr Hauptkantor Berthold Friedmann leitete den Seder und vermittelte durch Bortrag der traditionellen Melodien und der deutschen «Aebete eine richtige Sederstimmung. Den Dank der Teilnehmer gab Herr Amtsgerichtsrat David in beredten Worten Ausdruck. Er schilderte die Eindrücke des Elternhauses, die durch die Veranstaltung des Sederabends durch den Liberalen Verein auch in denjenigen wach gerufen und erhalten werden, denen keine Gelegenheit gegeben ist, im, Familienkreise Pessach zu feiern. Er bezeichnete Pessach als Freiheitsfest, »oelches für die Befreiung auch in religiöser Beziehung zu wirken hat. — Das Bedürfnis nach Veranstaltung der öffentlichen Sederabende hat wieder einmal bewiesen, daß der Liberale Verein den richtigen Weg gegangen ist. Die bei den Sederabenden verwandte Haggada von Hermann Falkenberg hat gezeigt, wie es möglich ist, Tradition mit modernem Empfinden zu verbinden. Das Werk des verdienten Vorkämpfers der liberalen Idee wurde durch die Sederabende der Oefsentlichkeit bedeutend näher gebracht. Dortmund. (Sederabend.) Wie seit einigen Jahren schon, so hatte unsere Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum auch in diesem Jahre wieder ihre Mitglieder zum Seder eingeladen; 60 Teilnehmer ivareir am ersten Abende der Einladung gefolgt, am zweiten Abend hatte sich die Jugend in gleicher Stärke um den von ihr arrangierten Sodertisch versammelt. Beide Abende verliefen anregend. Am Samstag-Abend hatte man die Falkenbergsche Hagadah der Feier zugrunde gelegt, die großen Anklang fand. Erfreulichevwcise ist eine wohltuende Aufwärtsbewegung zu konstatieren; während vor zwei Jahren im ganzen 48 Personen den Seder begingen, waren es im vergangenen Jahre 60 und in diesem 120. Das vor Jahresfrist eröffnet« schöne Gemeindehaus trägt zur Belebung des religiösen Sinnes hier wesentlich bei. Düsseldorf. (Religion und Realpolitik.) Am 7. März sprach in der hiesigen Ortsgruppe Herr George Goetz über das Thema „Religion und Realpoliti k". Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden der Ortsgruppe Düsseldorf, Rechtsanwalt Dr. Kann, zeigte der Referent einleitend, wie sich das liberale Judentum historisch entwickelt hat. Bis vor etwa 100 Jahren gab es nur qsn Judentum, das im Ghetto. Das liberale Judentum wurde das Auffangnetz für die aus dem Ghetto ausströmenden Juden, die die Tauft nicht mehr zu nehmen brauchten, um als Europäer leben zu können. Wenn auch die Verhältnisse heute noch insofern' ähnlich liegen, als auch heute noch eine große Anzahl Juden aus dem Judentum ausströmen, so ist diese Bewegung doch heute für das Judentum viel gefährlicher, da man damals einen genauen 'Ueberblick darüber gewinnen konnte, wieviel Juden die Taufe nahmen und somit dem Judentum verloren gingen, während die heutige Austrittsbewegung als solche kein Bild von dem Untergang des Judentums gibt, da tveniger durch die Austrittsbewegung als durch die große Zahl der indifferenten Juden das jüdische Gemeindeleben dem Verfall entgegengebracht wird. Für das Judentum bilden diese Indifferenten eine viel größere Gefahr als der Antisemitismus, weil durch ihn stillschweigend eine ganze Generation "nit Nachkommen aus dem Judentum herauswächst und für das Judentum verloren geht. Die Hauptaufgabe des liberalen Judentums ist es daher, diese Indifferenten dem jüdischen Leben wieder näher zu bringen und dem Judentum zu erhalten. Zu diesen Indifferenten zählen in erster Linie diejenigen, die mit dem Begriff der „besseren Kreise" bezeichnet werden, ferner ein großer Teil der Angestellten, des Proletariats und vielfach die Jugend. Dabei ist ausfallend, daß diese Indifferenten sich vielfach in fortschrittlichen, kulturellen und politischen Bewegungen aktiv an hervorragender Stelle betätigen, nur nicht innerhalb des „offiziellen" Judentums. Für Gemeindeangelegenheiten haben sie keinerlei Interesse, weil sie für die vielen weltfremden Nebensächlichkeiten, über die Stunden, Tage und Wochen debattiert wird, für die Kleinlichkeiten, die mit den realen Lebensnotwendigkeiten der heutigen schweren Zeit nicht in Einklang zu bringen sind, keinerlei Verständnis aufbringen können. Am diese Indifferenten zurückzugewinnen oder dem Judentum zu erhalten, muß sich das Judentum sowohl innerlich als auch nach außen hin umstellen. Die Religion muß auf eine realpolitische Basis gestellt werden. Unser reales Leben ist mit dem Geiste des Judentums zu durchdringen und soll sich nicht länger in Kleinliche keitcn verlieren. Dabei soll nicht etwa Altes abgeschafft, sondern zum Alten soll Neues hinzugebracht werden. Lebensnahe der Religion sei herzustellen; unter den Vorschlägen, die hierzu gemacht wurden, ist besonders hervorzuheben, daß sich die jüdischen Gemeinden und Organisationen der ungeheuren Wirtschastsnot der Jetztzeit annehmen sollen. Es ist daher zu begrüßen, daß die soziale Tätigkeit der Gemeinden einen so großen Umfang angenommen hat. Im Verhältnis zum Zionismus führte der Redner aus, daß dieser sich zwar realpolitisch betätigt, jedoch nicht im wünschenswerten Geiste, denn der Zionismus verfälscht das Wesen des Judentums und weist ihm falsche Wege. Er verfälscht das Wesen des Judentums, weil wir im Juden turn, eine Religion erblicken und der Begriff der Religionsgemeinschaft den Begriff der Rassegemcinschast sprengt. Der Zionismus weist dem Judentum falsche Wege, denn Palästina wird niemals eine Lösung der Judenfrage bringen, weil es die Masse nicht aufnehmen kann und tveil es ein befriedetes Leben dort nicht geben wird, so lange sich der Zionismus auf sogenannte historische Rechte an dem Land berufen. Historische Rechte haben die Juden nur in Ihren gegenwärtigen Heimatländern. Wenn auch die Oststaaten in ihrer Entwicklung lOl) bis 150- Jahre zurück sind, so sind sic doch auch heute schon in der Emanzipation begriffen. Das Bestreben muß dahin gehen, die Emanzipation in allen Ländern zu fördern und den Juden dort die wirtschaftliche Existenz zu erkämpfen. Darum wird von dem liberalen Judentum die Bewegung des „Ort" unterstützt. Die Gemeinden sollen als Religionsgemeinden erhalten bleiben. Die Bestrebungen der Zionisten, sie in Volksgemeinden zu verwandeln, sind strengstens abzulehnen. Diese Politik der Absonderung der Zionisten ist nicht mitzumachen. Dies gilt auch für die Frage der Schulen. Ein gründlicher jüdischer Religionsunterricht ist anzustreben. Aber die Frage der jüdischen Schule hat hiermit nichts zu tun; sie ist grundsätzlich abzulebnen und die gemeinschaftliche Erziehung aller Kinder anznstrrben. Augenfälligerweift befindet sich der Zionismus in dieser Lchulfrage in einem inneren Widerspruch. Die meisten Zionisten sind politisch demokratisch oder sozialdemokratisch. Nach ihren parteipolitischen Programmen treten sie für die weltliche Schule, in der Synagogengemeinde dagegen für die jüdische Schule «in, und zwar fordern sie nicht nur die konfessionelle Schule, sondern darüber hinaus die jüdisch-nationale Schule. Diese Absonderung lehnt das liberale Judentum ab, es geht unbeirrt seinen Weg der Emanzipation. Lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen treten wir für jüdisch-konfessionelle Schulen da rin, wo christlich-konfessionelle vorhanden sind. Aber dann hat der Staat oder die Kommune sie zu errichten, nicht die Synagogengemeinde. An den mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Redners schloß sich eine lebhafte Diskussion an, die ein bester Beweis dafür war, mit welch regem Interesse die Anwesenden den Ausführungen gefolgt waren. Hamburg. (Sederfeie r.) Die Bereinigung für das liberale Judentum, Ortsgruppe Hamburg, veranstaltete wie in jedem Jahre am Sonntag, den 13. Aprkl,. eine Sederseier, die nicht wie sonst im Logenheim, sondern in den gastlichen Räumen des Restaurants Hirsch, Grindelallee, abgehalten wurde. Wie sehr solche Veranstaltung ihre Berechtigung hat, zeigte die große Nachfrage. Leider ivar man aber in diesem Jahre auf eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern angewiesen (70). — An Stelle des erkrankten Vorsitzenden, Herrn I. M. Valk, begrüßte das Vorstandsmitglied Herr Robert Jsaacftn die Teilnehmer und legte in kurzen Worten die Ziele der Bereinigung und den Zweck der Veranstaltung dar. Den Seder selbst leitete Herr Dr. Alfred Beis, der in den Mittelpunkt der ganzen Sederbetrachtung die Bedeutung des Wortes „Frieden" in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für das Leben des einzelnen jüdischen Menschen, der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Gesamtheit stellte. Königsberg. (Ueber das liberale Wahlprogram m.) Vor den Repräfentantenwahlen sprach Rechtsanwalt Dr. Ehrlich, Abgeordneter des Preußischen Landesverbandes, über'unser Wahl Programm. Die Liberalen verlangen die Freiheit der religiösen Anschauungen aller Richtungen, für sie bestehe kein Dogma, daß ihre Auffassung die einzig wahre sei, aber sie wehren sich gegen bigotte Unduldsamkeit, daher müsse Verwahrung eingelegt werden gegen die Wühlarbeit der dem Halberstädter Verband ungehörigen Ultra-Orthodoxen, die sie in den Ministerim treiben, so daß die Gefahr der Subventionsgrenze für die Verbände herausbeschworen werde. Was verstehe man eigentlich unter einer Mittelpartci? Ein solches Gebilde habe er im Landesverband nie kennen gelernt, hier in Königsberg sei es sogar zweimal vertreten. Ganz besonders wendet sich Redner gegen die Tendenzen der Jüdischen Volkspartei, deren Sprecher auf der Berliner Tagung des Landesverbandes sich nicht gescheut habe, auszurufen: „Wir wollen nicht dulden, daß die jüdische Volksgemeinde zu einer Religionsgemeind« degradiert wird." Zu bekämpfen seien die Kolonisationsbestvebungen innerhalb der Gemeinde, wobei man, abgesehen von allem anderen, nur an die Steuern zu denken brauche, um den Ge/- danken zu verwerfen. Er mache darauf aufmerksam, daß in dem Voranschlag die Subvention für Ostpreußen von 15 000 aus 6000 Reichsmark herabgesetzt war und es nur mit vieler Aufmerksamkeit und Mühe gelungen sei, sie wieder auf 10 000 Mark herauszubringen. Mit einem Appell, am Wahltag nicht orthodox, nicht Mittelpartci und vor allem nicht Volkspartei, sondern liberal zu wählen, schloß der Redner seinen 'Vortrag, der in geistreicher Weise die Fäden von dem Verbandstag zu den Königsberger Verhältnissen zu spinnen lvußte. Frau Herta Klein hielt eine von Begeisterung getragene Ansprache an die Frauen. Bei allem Respekt vor den orthodoxen Müttern, die von einer bewundernswerten Abgeklärtheit seien, müsse man doch sagen, daß es nicht allein darauf ankomme, der Jugend Religion zu übermitteln, sondern sie vorzuleben. Nach der Beendigung £et Schule müsse man für Fortbildungsmöglichkeit sorgen, unendlich tuet sei auf sozialem Gebiete zu tun. Wir verwerfen jedes' gedankenlose Mitlaufen, wer sich für den Fortschritt begeistert, muß liberal tvählen. Justrzrat Dr. Lichtenstein polemisiert gegen die Flugblätter der Gegner, insbesondere der Mittelparteien, die behaupten, die ausgleichende Mitte zu sein und fast nur gegen die Liberalen käiwpfen. Wenn der Redner in der Versammlung der Mittelparteien behauptet hat, daß der Gottesdienst ja ein moderner sei, so sei darauf zu antworten, daß dies, soweit das stimme, den liberalen Bestvebungen vor 50—70 Jahren zu verdanken sei. Er stellt fest, daß die Forderungen der geeigneten Parteien und ihr Versprechen der Steuersenkung in krassem Widerspruch stehen. Was uns zusammenhält, ist der religiöse Gedanke, ihn verwerten heißt, auf Förderung der Gesamtinteressen verzichten. Der Ausfall der Wahlen war für die Liberalen durchaus befriedigend. Sie brachten es auf 533 Stimmen aus eigener Kraft, während die Bereinigten Mittelparteien 614 Stimmen erreichten. Die im Kompromiß befindlichen Mitglieder der alten Synagoge und die Jüdische Volkspartei erhielten 451 Stimmen und die Orthodoxen 244. Wenn die Liberalen mit den errungenen 4 Sitzen auch 2 gegenüber dem bisherigen Bestand verloren haben, so liegt das daran, daß von ihnen diesmal 6 ausschiedcn. Das nächste Mal sind es nur 4, und bei reger Organisation können sie auf Grund des jetzigen Ergebnisses dann auf Verstärkung hoffen. Jetzt wissen sie wenigstens, daß sie die stärkste Partei sind, und haben nicht die Verantwortung, die ein faules Kompromiß mit sich bringt. Sehr schlecht haben die Zionisten abgeschlossen, die aus eigener Kraft wohl kaum mehr als 300 Stim--» men erhalten hätten. Die Arbeit der Liberalen geht weiter. Vereinsnachrichten MutterfchuNuchus in der Jüdischen Kinderhilfe, Auguststraße 14-15. Theoretischer und praktischer Unterricht in Säuglings- und Kinderpflege. Besprechung von Erziehungssragen. Der Kursus umfaßt 6 Doppelstunden und findet 1 mal wöchentlich statt. Beginn: Dienstag, den 6. Mai 1930, abends 8 Uhr. Anmeldungen in der Jüdischen Kindevhilse, Auguststraße 14-15, 10—12 Uhr. Spendenliste R.-A. Tr. Merzbach, Magdeburg; R.-A. Tr. Katzenilxin. Bielefeld; Justizrnt Georg Peiser, Breslau; Geh. Justizrat Dr. Goldfeld, Breslau; Frau Veronika Brünett, Berlin; Justizrat Tr. Blau, Frankfurt a. M.; Henry Rothschild, Frankfurt a. M.; Rabbiner Tr. Max Eschelbacher, Düsseldorf; Konrektor Emanuel Goldschmidt, Dortmund; Dr. Moritz Garbäty, Berlin; . Erich Felsenthal, Düsseldorf; R.-A. Dr. Richard Merzbach, Frankfurt a. M.; Rabbiner Tr. Hermann Vogelstein, Breslau; Studiendirektor Dr. Jos. Gutmann, Berlin; Ernst Doßmar, Berlin; Louis Wolfs, Berlin; Siegmünd Loeb, Trier; Semmarvberlchrer Herm. Falkenberg, Berlin; Prof. Tr. Jsmar Elbogen, Berlin; R.-A. Lentschütz, Hindeuburg; R.-A. Dr. Breslauer, Berlin; Bernhard Meyer, Dortmund; Frau H. Bocreuter, Dortmund; Josef Silberberg, Dortmund; Isaak Stern, Dortmund; Tr. Fritz Weinberg, Dortmund; Alfred Gans, Dortmund; Hermann Schönfeld, Dortmund; Eugen Bachen'heimer, Dortmund; Heinrich Scheibe, Dortmund; Siegmund Engel, Dortmund; Adolf Baumgarten, Breslau; Dir. Moos, Königsberg; Dr. John Wertheim, Berlin; Tr. Walter Simon, Berlin; Bruno KantoroNicz, Berlin; Paul Silber, Berlin; Julius Weil, Berlin; Paul Benedick, Berlin; J.-R. Hr. Elsbach. Berlin; Arth. Eisenhardt, Berlin; J.-R. Straßmonn, Berlin; Em. Foerster, Beuthen, Max Eisenkrcnner, Berlin; Herm. Marcus, Dessau; Konsul M. Luchtenstern, Danzig.