Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-16 · 16 (16.4.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
16 (16.4.1930)
Date
1930-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614053-2614069--3533-2621134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IWchMerakZMmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. rvera« tw orkl. R ed a kteur: Bruno Voyda. Die Vereinigung für das liberale Zudentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Hamen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die verautworlung. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und vorfehläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-ttberate Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschästsstelte: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3356, 3358 Postscheckkonto: Lettin HB 7, 137068 (Dcremiqunq für das liberale Judentum» Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestaltet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0L0 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugrpreis im Mitgliedsbeitroge enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Tlonpareillezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. famtl. Slnnoncen-Expedit. m Nr. 16 Berlin. 16. April 1930 10. Jahrgang Kämpfe um Freiheit Eine Lehre des peffachfestes Feste feiern bedeutet, ihren Siuit auch für die Gegenwart bejahen. Wenn wir heute das Fest der Freiheit Israels begehen, wenn wir der göttlichen Güte in Gebeten und in unfern Herzen danken, daß sie einem durch Willkür geplagten, geknechteten Volke die Kraft des Willens und der Ausführung gegeben hat, sich zu befreien, aufs Ungewisse voll Glauben und Vertrauen von einer trostlosen und qualvollen Fremde in eine völlig unbctannte Zukunft zu gehen, warum feiern, wir? Es sind Ereignisse, die unendlich weit zurückliegen. Viele Völker haben sich inzwischen gegen ihre Unterdrücker einpört, viele Völker habere um ihre Freiheit gekämpft, viele Völker sind inzwischen verblutet. Auch das jüdische Volk, eine Tatsache in ferner Zeit, ist vergangen. Und wir, die wir das Judentum bewahrt haben, unser Judentum, das sittliche Aufgabe, Streben nach dem Guten und der Gerechtigkeit, rrach dem Gleichwerden mit dem Göttlichen ist, wenrr wir noch heute das Fest der Befreiung des jüdischen Volkes aus der Unterdrückung Aegyptens feiern, welchen Sinn können wir ihm geben? Auch heute noch ist die Gerechtigkeit ein fremder Eindringling im Leben der Menschen, der Völker und in deren Verhältnis zueinander. Auch heute noch werden Völker von andern unter dem heiligen Banner des Fortschritts und der Zivilisation geknechtet und ausgenutzt, und man nennt es oft Kolonialpolitik. Es mag naiv erscheinen, in diesem Zusammenhang von Selbstlosigkeit zu sprechen, denn das Privilegium der Politik ist ja die Selbstsucht. Aber Politik vermag doch nicht Unrecht in Recht zu wandeln. Politik ist augenblickserwägend, kurzsichtig, nicht zukunftsbildend und führt Waffen, die auf sie selbst zurückschnellen. Auf dem vierten panafrikanischen Kongreß in New Pork sagte im August 1928 ein Führer der amerikanischen Negergewerkschaften: „Tie Rassenverachtung ist der Bumerang, der jetzt auf die weiße Rasse zurückschnellt." „Komm, Bruder! Komm! Laß uns treten vor unfern Gott. Und wenn wir vor ihm stehen. Ich werde sagen: Herr, ich hasse nicht. Ich werde gehaßt. Ich quäle nicht. Ich werde gequält. Ich begehre niemandes Land, Mein Land wird begehrt. Ich verspotte kein Volk, Mein Volk wird verspottet. Und, weißer Bruder, was wirst du sagen?" Tiefes Gedicht des Negerdichters Joseph S. Cotters ist die erschütterndste und furchtbarste Anklage gegen die Weißen mit den oft recht zweifelhaften Segnungen ihrer Zivilisation und Kultur. Jede Kolonisationsarbeit, meinen wir, kann nur verteidigt werden, wenn sie vom Geist der Selbstlosigkeit erfüllt ist, wenn sie von dem Willen getragen wird, die unentwickelten Völker unter Wahrung der kulturellen Besonderheiten zu wirklicher Kultur zu erziehen, wenn sie Wegweiser und Wegbereiter ist und nicht Unterdrücker und Zerstörer. Tie Religionen hätten hier außerordentliche Aufgaben vollbringen können, aber ihre Vertreter haben sich entweder überhaupt nicht an der kolonialen Arbeit beteiligt oder vollständig versagt. Wenn auch einzelne Missionare wertvolle Arbeit geleistet haben, so verschwinden sie doch hinter der Zahl derer, die die Kraft der Religion in Verbindung mit Militärgewalt mißbraucht haben. Tiefes bedauerliche Versagen wird mit erfreulicher Ehrlichkeit auch von den ernsthaft um Klärung der kolonialen Probleme bemühten Missionarfteisen eingestanden. In einer Schrift „Religion, Rasse und Kolonien", herausgegeben vom Quäker-Verlag, schreibt Wilhelm Mensching: „Ich wage nicht mehr zu sagen, daß wir durch die paar Regierungs- und Missionsärzte, die Regierungs- und Mifsionshospitäler, die Krankenhilfe der Missionare und Missionarssrauen u. a., die Einführung unserer Verwaltung und des Christentums Afrika mehr Menschenleben gerettet haben, als wir ihm zerstört haben durch jahrhundertelangen Sklavenraub, Alkoholeinfuhr, Einführung der Feuerwaffen, Einschleppung und Verschleppung ansteckender Krankheiten, Entwurzelung, Zwangsarbeit, Trägerelend und vor allem durch den letzten Krieg." „Ich wage auch nicht mehr zu sagen, daß unsere paar Schulen, unsere Rechtspflege und unsere missionarische Arbeit den Afrikanern mehr gegeben habe, als sie an altem Geistesgut und alter Sittlichkeit verloren haben." * Wir Haben hier Vertreter von Völkern, oie glauben, augenblicklich c'nen Frei heit si amps zu führen, ausgesordert, die Entwicklung der Konflikte und die Idee ihres Freiheilsstrebens darzulegen. Wir verösjentlichen nachstehend Arlilel über Aegypten, oie arabischen Staaten und Indien, die unter dem englischen Imperialismus leiden, und über Korea, um oessen Besitz sich Japan nach europäischem Vorbilde bemüht. Um ferner einen Einblick in Die grandiose Gandhi-Beneguug zu vermitteln, drucken wir einen Brief Gandhis an Lord Irwin auszugsweise ab, den er vor wenigen Wochen schrieb, betör er zur Uebertretung oes Salzgesetzes schritt. Wenn wir in all diesen Aussätzen neben parteivolitischer Einseitigkeit das primitive Urgesühl des Hasses spüren, die Sehnsucht nach Vergeltung, nach einer Freiheit, für deren Erreichung seoes Mittet gut genug erscheint, so können wir den Verfassern leider nicht folgen. Es erscheint uns gleich i fremd wie der Jubclruf Mirjams, der Schwester Moses:! „Laßt uns Dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat I getan: Reff uno Mann hat er ins Meer gestuft." Es ist! auch nicht verwunderlich, daß als höchstes Ziel aller dieser j Kämpfe lediglich die nationale Freiheit angesehen wird, die! sür uns nur Mitte' und nicht Ziel fein dann, von bereu! Auswirkungen und Aufgaben man sieh kein genaues Bild i macht; doch die Erreichung dieses kleinen Ziels, die Erreichung der nationalen Freiheit würde diesen unterdrückten Böllern einen neuen. Aufgabenkreis schaffen, wird hoffentlich eine neue höhere Zielsetzung erzeugen. Nnd die Völker dazu zu erziehen, wäre wirtliche, fruchtbare Kulturarbeit. Tarum können wir Juden unserem Fest der Freiheit einen wirklichen Sinn geben, wenn wir da, wo um Freiheit gerungen wird, aus seiten der Gerechtigkeit undnicht der Macht stehen, wenn wir helfen, dem colonialen Unrecht der Weltmächte entgegenzusteuern. Mit dieser Erkenntnis oer Verpflichtung, mit der inneren Bereitschaft zum Wirken sür die Freiheit der Gesamtmenschheit rann uns Pessach ein heilig-schönes, ewiges Fest werden. Ruth Jacob. Gandhi schreibt dem Vizekönig Wir bringen nachstehend den unwesentlich gekürzien Text des Briefes, den Mahnt',na Gandhi an dni Bizc-- könig von Indien, Lord Irwin, gerichtet Hai, bevor er ausbrach, um durch Verletzung des staatlichen Tatznronopola mit dem als ultima ratio seiner gewaltlosen Po.itik angekündigten „bürgerlichen Ungehorsam" zu beginnen. Teurer Freund! Bevor ich zum bürgerlichen Ungehorsam schreite und damit eine Verantwortung auf mich nehme, vor der ich mich all die Jahre bisher gefürchtet habe, wünsche ich mich Ihnen noch einmal zu nähern, um einen Ausweg zu finden. Meine persönliche Ueberzeugung liegt offen zutage. Ich vermag wissentlich keinem leben,beit Wesen Böses zu tun, um wieviel weniger meinen Mitmenschen, mögen sie mir und den Meinen auch das größte Unrecht zugefügt haben. Obwohl ich die britische Herrschaft für ein Ilebel halte, beabsichtige ich doch keineswegs, irgend einem Engländer zunahe zu treten »der irgend eines seiner legitimen Interessen zu stören, die er in Indien haben mag. Man verstehe wohl: obwohl ich die britische Herrschaft in diesem Lande sür ein Uebel halte, glaube ich doch keineswegs, daß die Engländer schlimmere Menschen sind als sonst irgendwer auf der Welt. Ich erfreue mich des Vorzugs, viele Engländer zu meinen besten Freunden zählen zu dürfen. Ja ein großer Teil meiner Erkenntnis vom Uebel britischer Herrschaft ist mir durch jene freimütigen und tapfern Engländer vermittelt worden, die nicht gezögert haben, in ihren Schriften die unbestreitbare Wahrheit über diese Herrschaft zu sagen. Und warum betrachte ich die Herrschaft Englands als ein Uebel? Weil sie die stummen Millionen Indiens der Armut preisgegeben hat durch ein System sich steigernder Ausbeutung und durch eine so teure zivile und militärische Verwaltung, daß das Land zugrunde gerichtet werden muß. Dieses System hat uns politisch zum Helotentum erniedrigt. Es hat die Grundpfeiler unsrer Kultur erschüttert und uns durch eine Politik der Wehrlosmachung geistig erniedrigt. Im Verein mit vielen meiner Landsleute habe ich gehofft, daß die vorgeschlagene „Konferenz am runden Tisch" (auf der Inder und Engländer als Gleichberechtigte verhandeln sollten. D. ll.) zu einer Lösung führen könnte. Nachdem Sie aber offen erklärt haben, daß weder Sie noch das englische Kabinett sich verpflichten könnten, auf dieser Konferenz einen Vorschlag für uneingeschränkte Dominium-Versassung zu unterstützen, war es offenbar, daß auch diese Konferenz nicht jene Lösung bringen kann, die das seiner Ausgabe bewußte Indien laut fordert und nach der die stummen Millionen unbewußt verlangen... So blieb sür Pandit Motilal Nehru und für mich nichts übrig, als jenen feierlichen Beschluß zur Ausführung zu bringen, den der Kongreß auf seiner Tagung in Kalkutta im Jahre 1928 gefaßt hat. (Nämlich ab 1. Januar 1930 für völlige Unabhängigkeit zu kämpfen. D. Ü.) Indessen brauchte der Ruf nach Unabhängigkeit Sie nicht zu beunruhigen, wenn das Wort „Dominium-Status" (mit dem die englische Regierung das Endziel ihrer Politik in Indien bezeichnet hatte. D. Ü.) seinen überlieferten Sinn beibehalten soll. Denn haben nicht verantwortliche englische Staatsmänner wiederholt ausgesprochen, daß „Dominium- Status" seinem Wesen nach „Unabhängigkeit" bedeutet? Nur befürchte ich, daß in Wirklichkeit niemals die Absicht bestanden hat, solchen Dominium-Status in der nächsten Zukunft zu gewähren. Vielmehr scheint es mir sonnenklar zu sein, daß kein britischer Staatsmann an eine Aenderung der englischen Politik denkt, durch die Englands Handel mit Indien beeinträchtigt werden könnte oder die eine unparteiische und genaue Prüfung der britischen Handlungsweise Indiens gegenüber notwendig macht. Wenn aber nichts geschieht, um der Ausbeutung Indiens ein Ende zn machen, muß es mit immer größerer Schnelligkeit verbluten... Der furchtbare Druck der Bodensteuer, aus der ein großer Teil der ge)amten Staatseinnahmen gewonnen wird, muß in einem unabhängigen Indien weitgehend gemildert werden. Selbst die so sehr gerühmte „Dauerregelung" (die die Grundsteuer für eine Reihe von Jahren gleichmäßig festsetzt. D. Ü.) ist nur einigen Großgrundbesitzern zum Vorteil, nicht aber für die Masse der Bauern. Der Bauer ist so hilflos geblieben wie immer. Das ganze System muß so geändert werden, daß es dem Bauern gibt, was sein ist. Das heute in Geltung befindliche englische Steuersystem scheint darauf angelegt, das Leben aus ihm herauszupressen. Selbst bei der Salztaxe fällt die schwerste Bürde auf ihn... Und wie der Druck der Steuer den Armen von oben bedrängt, so hat die Zerstörung der hauptsächlichen Heimindustrie, des Handspinnens und -webeus, ihm die Möglichkeit genommen, Wohlstand zu erwerben. Die Darstellung der finanziellen Zerstörung Indiens wäre nicht vollständig ohne einen Hinweis auf die Verbindlichkeiten, die in seinem Namen eingegangen worden sind... Es wird die Pflicht eines befreiten Indiens sein, alle diese Schulden einer genauen Prüfung zu unterziehen und all denen die Anerkennung zu versagen, von denen ein unparteiisches Gericht feststellt, daß sie ungerechtfertigt eingegangen worden sind. Jene Verbindlichkeiten sind eingegangen worden, um eine fremde Verwaltung zu unterhalten, die nachweislich die teuerste der Welt ist. Denken Sie an Ihr eignes Gehalt! Es beträgt monatlich über 21000 Rupien, von gewissen Nebeneinnahmen ganz abgesehen. Der britische Premierminister bezieht nur 5400 Rupien im Monat. Sie erhalten 700 Rupien am Tag, während das indische Durchschnittseinkommen weniger als zwei Annas (fünf Pfennige) am Tage beträgt. Der Premierminister in England erhält 180 Rupien am Tag, bei einem Durchschnittseinkommen der Bevölkerung von fast 3 Rupien täglich. Sie erhalten also das Fünftausendfache eines durchschnittlichen indischen Einkommens, der britische Premier nur das Neunzigfache des englischen. Ich habe dieses persönliche Beispiel gewählt, um diese quälende Wahrheit in aller Deutlichkeit zu demonstrieren. Ich schätze Sie viel zu hoch, um die Absicht hegen zu können, Sie zu kränken. Ich weiß. Sie brauchen Ihr Gehalt nicht, wahrscheinlich geben Sie es bis auf die letzte Rupie für wohltätige Zwecke aus. Aber ein System, unter dem solche Ziffern möglich sind, verdient von Grund auf ausgerottel zu werden! Was sür das Einkommen des Vizekönigs gilt, gilt für die ganze Verwaltung. Sollen die Steuern radikal gesenkt werden, so müßten die Verwaltungskosten vorher in gleich radikaler Weise herabgesetzt werden. Das hätte eine Umgestaltung des ganzen Regierungssystems zur Voraussetzung, die ohne Unabhängigkeit nicht durchzuführen ist. Aus dieser Erkenntnis sind meiner Meinung nach jene spontanen Kundgebungen vom 26. Januar entstanden, an denen Hunderttausende von Dörflern teilgenommen haben. Sie haben begriffen, daß Unabhängigkeit sür sie Befreiung von einer untragbaren Bürde bedeutet. Keine der großen polittschen Parteien Englands scheint mir berejt zu sein, die Ausräubung Indiens aufzugeben, bei der Großbritannien täglich Beihilfe leistet, trotz der einstimmigen Opposition der indischen öffentlichen Meinung... Großbritannien wird seinen Handel und seine sonstigen Interessen mit allen Mitteln verteidigen:, die ihm zu Gebote stehen. Indien muß darum soviel Kraft sammeln, daß es sich aus dieser tödlichen Umarmung befreien kann. Es ist ein offenes Geheimnis, daß hierzulande die Partei der Gewaltanwendung an Boden gewinnt, so wenig organisiert und unbedeutend sie im Augenblick auch erscheinen mag. Ihre Ziele sind die gleichen wie die meinen. Wer ich bin von der Ueberzeugung durchdrungen daß sie den stummen Millionen die ersehnte Hilfe nicht bringen kann, und mehr als je bin ich dessengewiß, daß nur die unverfälschte Gewaltlosigkeit organisierte Gewaltanwendung der britischen Regierung besiegen kann. Meine Erfahrung, so begrenzt sie zweifellos

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.