Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 13 (26.3.1930)
- Date
- 1930-03-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Er (Professor Newiasly) istHner Täuschung zum Opfer gefallen, jener alten Täuschung, welcher das liberale Judentum so Dst verfallen ist, wenn es glaubte, sich lediglich in der Konfession von anderen Deutschen zu unterscheiden. Wir sind uns darüber klar, baß das deutsche Judentum in iultureller Beziehung in mannigfacher Hinsicht zum Deutschtum gehört. Aber ebenso auch darüber, daß er in biologischer und soziologischer Hinsicht als eine Schicksalsgemeinschust eigener Art eine Sonderstellung einnimmt. Es scheint uns mehr als fraglich zu sein, ob ein Jude gerade an oie Spitze dieses Vereins gehört, dessen Ausgabe es ist, für das deutsche Voll st um im Auslande zu arbeiten." TSS scheint mir überflüssig, zu diesen Ausführungen zionistischer Blätter eingehend Stellung zu nehmen. Weshalb nun aber für die Besetzung wichtiger Staatsstellen im deutschen Nationalstaate andere Grundsätze gelten sollen als für den Borsitz im Verein für das Deutschtum im Ausland scheint mir ein Geheimnis zionistischer Redaktionen zu sein. Öder sind „Assimilationsjuoen" zur Erfüllung von Aufgaben des deutschen Volkes weniger geeignet als Nationaljuden? Schließlich haben die Zionisten aber mit ihrer Meldung noch Pech gehabt; denn am 18. März muß die Jüdische Rundschau berichten, daß Newiasly katholisch ist und keiner politischen Partei angeWt. Für den Ton der Jüdischen Rundschau kennzeichnend ist der Nachsatz, der dieser Berichtigung angesügt wird: „Wenn man fragt, was Newiasly vorher war, wird sich vermutlich Herausstellen, daß er früher Protestant war." Wir wollen uns in die Interne dieses Falles nicht weiter einniischen. Nur mit aller Entschiedenheit sei betont, daß. es für einen sich zum Deutschtum bekennenden Juden keinen Hinderungsgrund geben dürste, im Verein für das Deutschtum im Ausland zu wirken, während ich nicht nur auf Grund der zionistischen Zitate für Nationaljuden das Jnnehaben einer derartigen Stellung als unmöglich ansehe. Mas für diesen Posten gilt, gilt freilich auch! für viele andere. Wenn bei einer zionistischen Jugendsübrertagung, die am D. März aus 'Einladung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Berlin slattfand, Tr. Kanowitz in der einleitenden Ansprache seststellte, daß sich im Lause der letzten Jahre immer stärker in allen zionistischen Jugendbünden die Einsicht (durch,gesetzt habe, daß die Gemeinsamkeiten größer find' als die Differenzen, so muß. das zum Nachdenken Anlaß geben, wenn er nach dem offensichtlich offiziösen Bericht der Jüdischen Telegraphen-Agentur ausführt: „Gemeinsam ist das Streben nach Palästina, der unbedingte Mille zur persönlichen Verwirklichung des Zionismus durch Chaluziuth, gcineinsam besteht für die Bünde die Aufgabe, die Menscheil, die den Weg nach Palästina nicht finden, der ausbauenden zionistischen Arbeit in der Golah einzuordnen. Diese Leiden Probleme sind für alle Bünde so zentral, daß. sie die Notwendigkeit empfinden müßten, sie in gemeinsamer Arbeit zu lösen" Daß eine Organisation mit derartigen Auffassungen für die Jugendbewegung gleichzeitig die Forderung nach voller staatsbürgerlicher Gleichberechtigung erhebt, dürste allerdings mit Recht andersdenkender Juden und Nichtjuden nur schwer verständlich zu machen sein. Rudi M e y e r. Offener Brief an Alle Unter allgemeiner Zustimmung wurden in Breslau Vorschläge zur Reorganisation unserer Bewegung gemacht. Jetzt, nach bald acht Wochen, ist noch nicht der bescheidenste Anfang zur Verwirklichung auch, nur eines Teils dieser Projekte erkennbar. An uns Junge hat man appelliert zur Mitarbeit an der praktischen Organisierung und Realisierung dieser Pläne. Wir haben unsere Hilfe bereitwilligst zugesagt. Wir warten noch immer auf den Ruf der Führung. Vergebens! Me Begeisterung von Breslau ist verrauscht und damit auch der Wille zur Initiative. Wollen lvir noch immer warten? Wie lange noch? Jugend, warte nicht mehr! Aus zur Rebellion! Auch Ihr, Jungen im grauen Haar, die wir Euch als wackere Kämpen schätzen gelernt haben! Jugend — man verzeihe das nur scheinbare Paradoxon! - jeglichen Alters rebelliere! Rebelliere in Ortsgruppen und Vereinigung, aber rebelliere nicht um der Rebellion willen! Rebelliere, aus daß. entweder aus Vorstandsmitgliedern Führer werden oder rebelliere solange, bis man Dir die Führung übergibt. Man spricht von der Lebensnahe der Religion. Wann wird endlich diesen Worten die Tat folgen, damit auch im harten Alltag diese „Lebensnahe der Religion" spürbar ist? Wehrt Euch dagegen, daß immer nur die sozial Schwachen Opfer für ihre Ideale bringen, während andere sich im Glanze ihrer Ehrenämter spiegeln. Tie Opfer an Zeit, Geld und Nervenkrast, die wir in unseren Enlwäcklungsjahren - oft zu Lasten unserer eigenen Fortbildung - unseren Idealen bringen, wiegen mindestens so schwer, wie manche Geldopfer, mit denen mancherorts lebenslängliche Ehrenämter erkauft werden. Ehrenämter verpflichten! Sagt es immer wieder, wo immer Ihr Gelegenheit dazu habt: Wrr wollen keine Vorstände honoris causa, wir wollen Führer, die wissen, was sie wollen. Führer, die führen, Führer, die mit unserer Hilfe aus der Bereinigung eine Bewegung machen für ein aufgeschlossenes, für ein liberales Judentum; Fübrer, die dieses mühselige Leben im Sinne jüdischer Reliyioutät Vorleben, damit Wahrheit werde das Wort von der „Lebensnahe der Religion". Trum nochmals: Jugend, auch im grauen Haar, rebelliere! L. H. BÜCHERSCHAU „Juden in Ketten." Von Josef Delmont. (Verlag Frtedrich- Wilhelm Grunow-Leipzig.) Dieses Buch hatte einen sensationellen Erfolg. Mit 400 000 Exemplaren bisheriger Auflage wovon in wenigen Monaten England allein 1/4 Million abnahm, steht Josef Delmonts Meisterwerk in seiner Verbreitung mit an der Spitze der großen Bücher der Gegenwart. ln der Judenhölle des zaristischen Rußlands führt uns der Verfasser und zeigt uns in Ha sch eie, dem Helden seines Baches, in seinem treuen, schwergeprüften Weibe und in seiner Familie Typen der Judeaheit jener Tage, Opfer eines verruchten Systems. Geschlagene, geschändete, aber in Unbeugsamkeit und Heldenmut dennoch große jüdische Menschenkinder läßt der Autor an uns vorüberziehen. Der Höhepunkt des Romans ist zweifellos das 37. Kapitel mit nascheles und seines unglücklichen christlichen Leidensge- Aus der Jli-Deweguug Veravtw-rtl.: Ardeltsgemetaschaft jü-lfch-tt-eraler Iugea-verelv« Veutschlaabs Vorsitzender r vr. Hugo Hoffmaua. Araukfurt a. Mai» * Aus der Ili-Arbeil Breslau. (Jüdisch-liberaler I u g e ir d v e r e i n „Abraham Geiger".) Der Vortrag „Jugend und Tradition", den Herr Rechtsanwalt Erich Spitz am 26. Februar in unserer Hauptgruppe hielt, zeichnete sich durch die jugendliche und fortreißende Lebendigkeit aus, mit der unser bewährter liberaler Führer sein Thema behandelte. Er sprach von der Trrditionsfeindlichkeit unserer Zeit, von den großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, und zeigte, wie auf der einen Seite Erfolglosigkeit, auf der anderen die Autorität stände. Ist darum der Kampf der Jugend ein geistiger, so müsse man sich mit ihr auch geistig auseinaudersetzen. So befaßte sich der Vortragende zunächst mit dem Begriff der Tradition, wobei er deren rein geistige Bedeutung im Judentum besonders untersuchte. Seine Betrachtungen ergaben, daß man in der Tradition zumeist erstarrtes Leben zu erblicken habe, wenn in ihr auch vieles wertvolle enthalten sei. Die Menschen folgten im Leben nicht ihren selbstverständlichen Empfindungen. Beispiele aus jüngster Zeit, die der Vortragende anführte, bewiesen die Kehrseite aller echten jüdischen Tradition. Immer ging die Jugend voran im Sturm gegen die Tradition. Die heutige Jugend wachse in Traditionen auf, die ihr nichts mehr bedeuten. Die Tradition hülle alles nicht mit einem Schleier der Liebe, sondern der Lüge ein. Die Jugend besitze Liebe zur Wahrheit. Die neue Sachlichkeit wolle Wahrhaftigkeit an die Stelle der konventionellen Lüge setzen. Aber auch die heutige Jugend sei einseitig geworden^ ihr fehle das Pathos, ohne das kein religiöses Erlebnis z« denken sei. Tie sachliche Betrachtung passe nicht auf alles, auf Dinge wie Geburt und Tod. Religiöses Erlebnis könne nie ohne den Willen, etivas 'zu erleben, gelingen. Die Jugend müsse wieder Fühlung zur Religion bekommen. Die Folge der Generationen sei zugleich «ine Form der Unsterblichkeit. Die historisch suchende Jugend müsse einmal das Große erfassen, das im Schema Jisroel liege. Und weiterhin habe auch die Jugend Sinn für Organisation, für Gemeinschaft. Zur naturhasten Betrachtung der Feste sei zu sagen, daß , diese Jugend, die die Natur auf ihren Schild erhebe, erkennen müsse, daß hier, im religiösen Kreis des Judentums, eine große Gemeinschaft die Natur gefeiert hat. Die Jugend müsse zeigen, daß die neue Zeit neue Formen zuläßt. Darum gehören Liberalismus und Jugend zusammen. Der Vortragende fürchtet, daß sich gerade die radikale Jugend in Gegenteil kehre. Dieses Altwerden sei die Gefahr, die lvir am meisten fürchten müßten, mehr als den kraftvollen Reformwillen. Unter lebhaftem Beifall der Anwesenden beendete der Vortragende seine wiederholt durch treffende Dichterstellen unterstricheneu Ausführungen, an die sich eine längere Aussprache anschloß. Den letzten Abend in unserem Aussprachezyklus „Die augenblickliche Situation des deutschen Judentums" leitete Franz Meidner am 5. März mit einem Referat „Deutsches Judentum — Gesamtjudentum" ein. Wenn auch die deutschen Juden zahlenmäßig klein wären, so stammten doch fast alle großen neueren Ideen aus Deutschland. Internationalismus sei ein geistiger Zusammenhang. Einen internationalen jüdischen Menschen gebe es nicht. Es gebe nicht den jüdischen Menschen, den ausländischen Juden. Es müsse geschieden lvevden zwischen geistig verwandten und sich geistig näherstehenden Menschen. Das Schlagwort „international" kompliziere nur. Die Juden seien teilweise international, sie ständen sich sympathisch gegenüber, lieber Sympathien könne man nicht urteilen. Das Hauptproblem sei bei allen Juden dasselbe. Es liege bei uns darin, daß die Frage „Deutsches Judentum — Gesamtjudentum" künftig auf einer ähnlichen Ebene behandelt werde wie die Frage „Deutsches Christentum — Gesamtchristentum". In einem Jüngeren -Gruppen abend am 22. Februar sprach Harry May (Hauptgruppe) über „Ethisches Leben im Juden tum". Da seine Ausführungen voraussichtlich einem .Hauptgruppenvortrag zu Grunde gelegt werden sollen, sehen wir hier von ihrer Wiedergabe ab, ebenso bei dem Vortrag, den Karlheinz Peiser über „Weltbürgertum" hielt. Wir beabsichtigen diesen Vortrag demnächst in der Jli-Rubrik zum Abdruck bringen zu lassen. Am 6. März veranstaltete die Jüngeren-Gruppc einen „Heiteren Nachmittag", der vornehmlich mit den). Lesen lustiger Erzähluirgen ausgefüllt wurde. Die letzte der auf unsere Anregung von chcr Gemeinde geschaffenen Freitagabendspätandrchten fand in diesem Winter am 7. März statt. Die Predigt hatte Herr Rabbiner Dr. Saenger übernommen. — In der Frage der kommenden Jli-Treffahrt hat sich der Breslauer Jli für die Durchführung am Sonnabend und Sonntag nach Pfingsten entschieden. Vulkan. Frankfurt a. M. (Ze i t u n g s s ch c> u. > In unserer Zeitungsschau am 18. März 1930 brachte Herr Dr. Gott schalt einen Artikel: „Abkehr?" Der Artikel war dcr Zeitschrift des jüdischen Frauenbundes entnommen. Biele Juden, und vor allem jüngere Menschen, wenden sich von ihrer Religion ab, weil sie mit der religiösen Ueberlieferung nichts anzufangen wissen. Nach dem alten Glauben ist alles Geschehen der Welt festgelegt von dem Wesen „Gott". Die Verfasserin des Artikels aber sagt: Die Menschen vermenschlichen Gott zu sehr; sie ziehen ihn zu sich herab; es ist das eine Blasphemie, eine. Gotteslästerung. Die neue Auffassung würde ein Herabziehen Gottes zu menschlichen Begriffen nicht dulden. „Es gibt einen „Sinn der Welt"; man weiß ihn nicht zu erklären, aber man spürt ihn!" Hier wird Gott „frei"; der Mensch kann ihn nicht mehr an kleine egoistische Bedürfnisse seines Jchs ketten. Was für eine Stellung aber nimmt die Ethik dann ein. In dem alten Glauben sind vorgeschriebenc Gesetze, die sortfallen würden! „Nun", sagt die Verfasserin, „wer den Ewigkeitsaspekt har, kann nicht niedrig und gemein denken und handeln." Ein Mensch, der einen Sinn für das Hohe, Schöne, Göttliche hat, der wird von selbst gut sein. Hat eine solche Gesinnung im Judentum Platz? Ja! Wir finden auch hier den Monotheismus, den Grundgedanken im Judentum, wir sehen auch hier das Streben nach Ethik. Tie Ausgabe ist folgende: „Wir müssen den Gottgedanken von allem Menschlichen immer mehr befreien, wir müssen der reinen Anschauung teilhaftig werden, abftreisen allen menschlichen Egoismus von dem Sinne der Welt, von Gott! In der nun folgenden Aussprache stritten vor allem viele um das Wort „Herabziehen zum Menschlichen". Es war fast allgemeine Meinung, daß das Vermenschlichen Gottes eine Vertiefung des Gottesbegriffs, nicht aber ein Herabziehen bedeute. Auch sonst knüpfte die Diskussion an verschiedene Punkte an; sie war sehr rege und lebendig. Als nächstes folgte, wenn auch schon in vorgeschrittener Stunde, ein Bericht von Otto Stein über einen Artikel im „Tagebuch": „Hungersnot in China!" Ein kurzer Ueberblick über die Menschenopfer, die schon gefordert wurden, und e-n Ueberblick über die Hilfe, die noch nötig sei. Eine kurze Diskussion beendete den sehr anregenden Abend. Hella Lion, Jli Frankfurt am Main. ★ Das Ili-Progrmmn Berlin. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Anläßlich der Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden veranstaltet der Liberale Verein am Sonnabend, den 29. März, abends 8.30 Uhr, im großen Saal des Hotels Kaiserhof, Wilhelmplatz (U-Lahnhof Kaiserhost, einen Gesellschaftsabend. Den Mitgliedern des „Jli" werden Eintrittskarle» in beschränkter Anzahl zu ermäßigtem Preis abgegeben. Berlin. Gemeinsame Veranstaltung. Dienstag, den 1. April, 8.15 Uhr abends, im Verwaltungsgebäude der Synagoge Fafanenstraße (Fasanenstraße 79/80) Anssprache mit Herrn R.-A. H. Stern über die Grundlagen des liberale» Judentums. Es ist eine Ofterfahrt geplant von Donnerstag oder Freitag bis Mittwoch. Anmeldungen möglichst rasch an Hilde Deutschland, Heinrich Seydelstraße 6. Steglitz. Sonnabend, den 29. März, nachmittags 5 Uhr, hei Eva Eraetz, Dahlem, Erlenbusch 4. Thema: Amor und Hosea. Breslau. Mittwoch, den 2. April, 20.15 Uhr, General-Versammlung. Ort siehe Programm. Jüngeren-Gruppe: Donnerstag, den 27. Marz, 16.30 Uhr, Restaurant Schaal, Tauentzienstratze 12: Bortrag von Margit Berger: „Jüdische Musiker". Frmtsirrrt a. BR. Samstag, den 29. März, abends 20.30 Uhr, Stiftungsfest in den Klubräumen von Eroß-Franksurl. Karten zu RM. 2,— bei den Mitgliedern und an der Abendkasse. Dienstag, den 1. April 1930, 20.45 Uhr, findet unsere Generalversammlung im Sitzungszimmer der Westendsynagoge statt. führten Flucht aus den Quecksilberbergwerken Sibiriens. Hier steigt Josef Delmont zu grandioser Erzählerhöhe hinauf. Mögen auch die Ghettoszenen nicht in allem und jedem richtig getroffen sein — Vorrecht eines begnadeten Schriftstellers —, der mit einer an Dostojewski gemahnenden Erzählerkunst ein Werk geschrieben hat, das nicht so leicht vergessen werden wird und das — mag man zu einzelnen Gedanken des Verfassers stehen wie man will, in keiner jüdischen Bibliothek fehlen darf. Dr. Felix Heimann. Fragen des Jüdischen Ehegesetzes. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 62 S. Brosch. 1 M. Vorliegende Broschüre ist der stenographische Bericht der Verhandlungen, welche die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands am 22. Mai 1029 in Berlin beschäftigten. — Das großzügige Referat hielt Dienemann-Offenbach. Er beleuchtet die Institutionen des Scheidebriefes [Get], der Chaldza und der Ehescheidung nach dem Prinzip der Entwicklung, damit jedermann, mit seinem Gewissen im Einklang, seine Seele diesen brennenden Fragen erschließe. Denn viele jüdischen Kreise haben sich von den Fragen des Jüdischen Ehegesetzes als lebensfremden Faktoren abgewandt. — In der anschließenden Diskussion, die ebenfalls vollständig gegeben ist, möchte ich die Hinweise auf die Kethubah erwähnen, deren Fassung ebenfalls einer Reform bedürfe, und die Darlegungen bezüglich der Agunah [d. i. die an den verschollenen Ehemann gebundene FrauJ. — Interessant ist Baecks Ausführung, wonach es in Ehesachen keinen Konflikt zwischen Liberalismus und Orthodoxie gebe, da seit Gründung des modernen Staates mit der Emanzipation der Juden keine Orthodoxie mehr bestehe, sondern nur einen Konflikt zwischen Staat und Religion. — Der 'Grundsatz, der die Tagung beherrschte, gipfelt in dem Gedanken: Religionsgesetz ist mit Sittengesetz in unlösliche Verbindung zu bringen. Weite Kreise sollten aus der Broschüre Erbauung und Belehrung schöpfen. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, BerLin-Lichtenberg. Bausteine praktischer Pädagogik. Unter Mitwirkung von Kollegen des Philanthropms gesammelt und dargeboten von Studiendirektor Dr. Otto Driesen. Zum Jubiläum des 125 jährigen Bestehens des Philanthropms. 1029. Frankfurt a. M. Philanthropen! Schon der Name erfreut das Menschenherz; doch«Name kann Schall und Rauch sein, nur hier nicht, wenn wir der ausgezeichneten Frankfurter Lehranstalt gleichen Namens gedenken. Diese ehrwürdige Anstalt, die auf altem Grunde ruht, wird von neuzeitlichen Formen beherrscht; sie ist einem Stahlbad vergleichbar, das von Generation zu Generation zur Verjüngung beiträgt. Unsere Alten würden Bad als Abbreviatur auffassen i. e.: Bärwald, Adler, Driesen, die drei aufeinanderfolgenden Direktoren, ein Dreigestirn, auf das das Philanthropin stolz sein kann. Und die Lehrer — sie zählen zur Elite der jüdischen Schulmänner. Wir begegnen ihnen in der vorliegenden Schrift. Zuerst verbreitet sich der Direktor Driesen über „Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhaltung“. Die Arbeit schließt mit den Worten: „Gestalten wir die Schule zu einer Gemeinschaft der freudigen!“ — Professor Max Levy spricht über die aktuelle Frage: „Die Philosophie als Unterrichtsgegenstand“. Studienrat Dr. Plaut schildert nach persönlichen Eindrücken „Unterrichtliche Probleme im heutigen England“. — Dr. Philipp schreibt über „Künstlerische Gestaltung der geschichtlichen Teile des jüdischen Religionsunterrichts“. — Studienrat Dr. Marbach handelt von der griechischen und römischen Religion im Unterricht des Philanthropms. — Dr. Max Seelig belehrt uns darüber: „Wie die Frauenschüle des Philanthropins zur sozialen Arbeit erzieht“. — „Zur Geschichte der jüdischen Jugendliteratur“ betitelt sich eine Arbeit von E. Gut. (Niemand beherrscht diese Materie besser als Kollege Gut, dem wir für die treue Mitarbeit an unserem „Wegweiser für die Jugendliteratur“ dankbar verbunden bleiben. Eindringend verweisen wir bei dieser Gelegenheit auf Guts dreibändiges Sammelwerk „Für unsere Jugend“.) — I. B. Levy, der durch seine Lehrbücher weit über die Grenzen Frankfurts hinaus bekannte Schulmann, erörtert das Thema: „Die hebräische Grammatik als Stütze grammatisch-logischer Ausbildung am Philanthropin“. — Von der vielseitigen Ausbildung der Zöglinge legt auch folgender Beitrag von Dr. E. Stern Zeugnis ab: „Wirtschaftswissenschaftlicher Unterricht am Philanthropin“. — Dr. Max Salomon äußert sich über den „Bildungswert einer Studienfahrt“. Hieran schließt sich: „Was die Studienfahrt uns gab“: Aufzeichnungen der Obersekunda über die im Harz gewonnenen Eindrücke. Wir nennen die Namen der Schüler: Rudolf Vogel, Hans Ehrmann, Eduard Mayer, Ruth Heymann, Heinz Rothschild, Max Eiberger, Hans Klein, Siegfried Strauß. — Zuletzt wird uns eine Arbeit von P. Wilhelm Maurer geboten: „Ueber Kunsterziehung am Philanthropin“. — Die uns von Direktor Dr. Driesen dargereichte dankenswerte Schrift umfaßt durchweg Musterleistungen, die "zu eingehenden Studien auffordern. Dr. M. Spanier, Magdeburg.