Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 13 (26.3.1930)
- Date
- 1930-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MMMeraleZülmw Organ der Vereinigung für dos liberale Judentum e.V. »«,»«»«#rW. ÄeS«ttfiMr: Bruno Voyda. BkBnrcMgnna für dallberakeZadeabm» SbernUnmt vm ßürdleftnlgenWsütz«. dieav-drückllchal, initetmTUinctt ^«ta ihrem Anstrage verfaßt gekennzeichnet find. die Veranltmoetnng. Me anderen Artikel. Aeatzerangen and Borfchvtge erscheinen unter der Verantwortung der Ledamon. Die »Jüdisch-liberale Aeilmrgerfcheial jede» Mittwoch. RedaMo« «ad Geschäslsslelle: verv« SV 11. Hallesche Slr. 1 Aernrnf: Dergmonn 335*, 3359 Postscheckkonto: Berlin JtW 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Zvdentumj Nachdruck sämtlich« Ortginal-DeitrSge nur «il vorherig« Genehmigung d« _Redamou gestattet._ BeMg-ereidnrch die Geßchiffk-fielle '/.Mhttich 1 tinpSuMKC A25. Bei jtd« Anfendmij i. 3ali Alle die Mtzved« der Bereiniglmg ist d« vegn iiee BUtgÜ-d-deitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.rronpareMe«aetdei »zeigentarif durch die Sefchäst-fielle. Auzetgenanh«e bei d« Geschäftsstelle n. fand. AnnoncenchPedv. Anzei, na Nr. 13 Berlin. 26. März 1930 10. Jahrgang Religion und Kunst Von Rabbiner Tr. Got Ein Kunstjreund und ein Kunstbanause, so berichtete vor kurzem das Berliner Logenblatt, wandern zur Zeit der untergehenden Sonne durch den feierlich stillen Wald. ,Hst das nicht alles wunderbar schön?" fragt oer eine. Darauf der andere lachend: „Ja, sie sind Möbelhändler und Berechnen schon den Wert dieser Fichten für ihr Geschäft." „Armer, armer Mensch," dachte der andere und erinnerte sich der Erzählung, die sich an den Namen des Chirurgen Bergmann knüpft: wenn dieser am Tage eine schwere" Operation vorgenommen hatte, so stellte er sich abends vor ein Gemälde Korinths in seinem Zimmer uno entspannte sich dnrch eingehende Betrachtung. Kunstfreund und Kunstbanause - sür welchen Typ entscheidet sich das Judentum? Die Antwort dürste schon in der Charakteristik liegen, die der Erbauer des ersten jüdischen Tempels erfährt: „es erfüllte ihn göttlicher Geist". Durch Religion zur Kunst, durch Knust zur Religion wird uns durch jenen Hinweis nahegelegt. Dnrch Religion zur Kunst. Die Wunder Asiens, die Wunder Aegyptens, die Herrlichkeiten der Griechen und die Leistungen der Juden beweisen cs gleichermaßen. Das neue Interesse am jüdischen Museum, neue literarische Veröffentlichungen Galliner, Schwarz, Cohn-Wiener können jeden Unkundigen aufklären. Kann doch vor kurzem aus England die Nachricht von der großartigen Schenkung eines Mr. Salomon an die englische Regierung. Solomon besitzt eine Sammlung jüdischer Kunst gegeustände im Werte von 12 Millionen, die er nun an England weilergegeben hat. „Es herrscht heute der Glaube", sagt er, „daß die Juden keine eigene Kunst, keinen eigenen Stil, keine monumentalen Knnstschätze haben, auf die sie stolz sein können." Durch seine Sammlung »vill er den Juden „den ihnen zukommenden Platz unter den kunstschöpferischen Völkern eingeräumt" scheu. Freilich, das ist bekannt, eine Grenze gab es für jüdische religiöse Kunst. Gut drückt es Cohn-Wiener aus: „Hellas hat in der Zeusstatue des Phioias einen religiösen Höhepunkt gesehen, einen Gipfel seiner religiösen Intensität. In Israel verabscheute gerade die religiöse Intensität die Gottesdarsteilung bis zum Ekel." Aber es gab Kunst, mußte sie geben, denn „weil wir das Judentum bejahen, gibt es jüdische Kunst", sie ist immer „Kunst einer Seele", bemerkt Cohn-Wiener weiter und treffend. Setzt man Judentum-Religiosität und Seele als ihren Quell, so begreift man in der Tat. daß dieses Judentum neben Wort und Lied auch die Form der Kunst als zwingenden Ausdruck seines Seelenlebens ansah und verwertete. Dem „Höchsten" tonnte ja nur „das Höchste", das Schönste ebenbürtig sein, nur das seiner würdig, nur hier ein Schein seiner „Schönheit" und Pracht abgespiegelt und ausgesangen werden. „Schöne Geräte" für Gott verlangt daher selbst der grübelnde Talmud. Freilich es kann nicht verschwiegen werden, und Lazarus erinnert in der „Erneuerung des Judentums" daran, grade der Talmud steckte die Grenzen künstlerischer Betätigung sehr eng ab Und noch 1860 konnte es geschehen, daß oer Leiter des Breslauer Rabbinersemmars auf Anfrage, ob man einen« Philanthropen ein Denkmal errichten dürfe, im Namen „des Gesetzes" die Auskunft gab: „Die Errichtung einer Statue ist verboten, nur Säulen und Obelisken sind gestattet. Statuen in Hmrsern darf man nur dann aufstellen, wenn Na,en oder Augen verstümmelt sind. Tie Juden in Alexandrien haben selbst Malerei verboten." Und heute schreibt der Präsident der Akademie der Künste, Max Liebermann: ,,'lkur wer den Odem Gottes tri oer Natur spürt, wird in Wahrheit lebendig gestalten können" und Chagall, der moderne Künstler: „Mir scheint aber, wenn ich nicht Jude wäre 'welchen Gehalt lege ich in dieses Wort so würde ich entweder überhaupt nicht Maler sein oder ein ganz anderer." Aber dürfen wir nur von der Kunst ses Bildes reden, des Buches, des Kultgegenstandes? Welche Kunst, des Wortes herrscht nicht in der Bibel vor, in Reden der Propheten, in mannigsachen Dichtungen, welche Schönheit, Würde. Kraft, Anmut, Innigkeit? Und erst die Kunst der Lieder, der Instrumente, auch wenn wir gerade hier mehr die Tatsache selber kennen als die Einzelheiten der Ausführung. Aber hat sich nicht auch diese Kunst bis heute erhalten, und haben wir nicht in Arno Nadel die seltene Vereinigung von Bild, Buch und Lied? Wägt nicht er selbst in seiner modernen Bibel, dem „Ton" Kunst und Gesang so ab: „Tie Kunst ist Menschengottheit, das Singen Gottesgottheit, die Kunst ist Menschenmittel, das Singen Gottesmittel, die Kunst ist Abbild um die Wonne, das Singen selbst die Wonne." Ich nrüßte alles wiederholen, was ich hier einmal über Religion und Musik geschrieben Hecke, um dieses Wort zu erläutern. Genug, auch Wort nnd Lied künden wie das Bild noch heute: durch Religion zur Künste schall, Frankfurt a. M. Aber weshalb ist dieser Weg gegangen worden? Eine Antwort haben wir gegeben. Aber sie bedarf einer Ergänzung. und diese liegt in oen Worten: durch Kunst zur Religion. Ja diese Menschen alle, die Meister, sie Schüler, die Anhänger und Verehrer, bei Griechen, bei Christen, bei Juden, sie müssen es wohl erlebt und empfunden haben, daß ihnen die Kunst tausendfach zurückgibt, was sie ihr geben, ihre Seele, ihre Religiosität, ihren Gott, ihren Jubel, ihr Seufzen, ihr Sehnen und Hinausstreben aus Zeit zur Ewigkeit, ihr Verlangen nach Reinheit, Schönheit, Wahrheit, Gütemüssen gefühlt und es erlebt haben, wie ihnen aus der Kunst ungeheure, immer neue Kraft zuströmte zum Wollen, Wirken, Vollbringen. „Uebe die Kun>'t mcht nur, dringe in ihr Inneres," ruft Beethoven. „Durch sie allein kommst du zur Gottheit," „ich kann die Liebe nicht anoers erfassen als durch das Reich oer Musik," Richard Wagner, und „durch schöne Kunst wird die Natur bemeistert, wenn, stets der Mensch sich ernst um sie bemüht, die er vom Himmel durste mit sich raffen," Michelangelo. Ist es nicht beinah selbstverständlich daher, daß die großen Meister nicht selteir das Schicksal der Großen im. Reich der Religion erfuhren? Nicht nur, daß sie ihnen in der Berufung, Auserwählung, Gnade nahe stehen, auch im Leiden urrd Entbehren, im Kämpfen, in der Enttäuschung, im Stolz aus ihr Schaffen, aus ihr Schaffemnüsseu und Nichtanderskönnei!, im Glauben an sich, ihr Werk, ihre fünft, ihren Gott. 26 Jahre war Feuerbach alt. als er in Venedig schrieb: „Ich bin zu Großem berufen. Das weiß ich jetzt. Mein Leben wird erst zur Ruhe kommen, wenn ich tot bin. Leiden werde ich immer haben, aber meine Werke werden ew-ia leben." Wen erinnert das nicht an Hundert Prophetenworte. Oder Beethoven im Heiligenstäoter Testament: „Es fehlte wenig, und ich endete selbst mein Leben, nur sie, die Kunst, hielt mich zurück. Ach, cs dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlaffen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt suhlte." Man kann nicht von Religion und Kunst sprechen, vhue an das Goethewort zu erinnern: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt..Wie fälsch man das Wort beurteilt, wenn man es in einen Gegensatz zur Religion der Menge bringt, eine Mindevbewertung heraushört, die Entbehrlichkeit für den Künstler und Wissenschaftler, dürste der weniger bekannte Satz Goethes beweisen: „Die Menschen sind nur so lange produktiv in Religion und Kunst, als sie noch religiös sind." Im Lichte dieses enftchneidenoen Satzes, der Religion und Religiosität unterscheidet, jene von dieser geradezu abhängig macht, liest sich der obige ganz neu. Kunst ist kein Gegensatz zur Religion, denn Kunst ist ohne sie oder besser nun, ohne Religiosität, wertlos, zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Oder im Siun unseres Themas: nur der Künstler, der durch Kunst Religion, Religiosität erlebt, von jener zu dieser kommen kann und will ist der Wahre, der Berufene und Gottbegnadete. Aber, so wird eingewandt, was ist oenu Kunst? Ist sie nicht dauernd wandelbar, hat sie sich nicht dauernd gewandelt, und ist Religion nicht ewig dieselbe wie Gott selbst? Wie darf man sie vergleichen? Hat man nicht Rembrandt früher barbarisch genannt? Gab es nicht Kunst der Gotik, der Niederländer, oes Barock? Was ist denn Kunst? Aber was ist Religion? Kann man nicht ebenso fragen? Ist sie Judentum? Christentum? Islam? Haben die Naturvölker sie? Hat China und Japan sie? Was ist Religion? Wo ist das bleibende? Aber beide Fragen sind ja falsch. Gerade die mannigfachen Stile in Kunst und Religion weisen ans das Unten Gemeinsame hin: Versuche sind beide, die Welt zu deute», die tausend Widersprüche des Daseins in Harmonie aufzulöseu. Und diese Deutung kann nur, weil durch Menschen erfolgend, eine zeit- und seelenbedingte sein. Wie einer ist, so ist sein Gott und so seine Kunst. Und deshalb hat auch die Kunst des Häßlichen, haben Naturalismus und das Atonale ihre volle Berechtigung, ganz abgesehen davon, daß ja die Tat des Plato gerade darin bestand, Kunst von äußerer Schönheit zu trennen, den Glaube,, an ihre unbedingte Zusammengehörigkeit zu zerstören. „Nicht nur sür die Griechen, für die ganze Welt", sagt Eduard Spranger zutreffend, „kam mit Sokrates dieses Unerhörtein die Menschheit, daß es ein Seelenschönes, ein Wertersülltcs gibt, ohne sormenschön vor dem sinnlichen Auge zu stehen." Ganz abgesehen davon sind die Bilder einer Kate Kollwitz nicht eine aufstürmendk soziale Predigt? Darf der .Künstler nicht seinen Seelenakzent dahin verlegen, wohin er will? Und ist das Leben denn immer „schön?" Gibt es nicht wirllich die Hinterhöfe und Mietskasernen? Und gibt es etwas ./Schöneres" als die Wahrheit, im Bild, auf der Bühne? Ja vielleicht wird gerade durch derartige Darstellungen die Behauptung am meisten entkräftet, mit der man, nicht zuletzt bei uns, einem Eindringen der Kunst in die religiöse Sphäre, nicht bloß ins Gotteshaus, wenn auch in dieses freilich, so gern wahren möchte: Kunst gibt keine Antriebe, sie erweckt Stimmungen, aber keine Wittenscegungen, sie erzeugt Schwärmer, Phantasten, unwirtliche Menschen. Kunsh soll ja auch nur um ihrer selbst willen da sein und situ nichts mehr. Hören wir Jakob Wasserrnann im „Lebensdienst": „Man spricht immer davon, daß sie Kunst keine Tendenzen habe, keine Nützlichteitsziele verfolgen soll. Aber in einem anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewirkt werden, wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß, muß es um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf wie das lebendige Geschöpf nicht um seiner selbst willen existieren." Man wird sagen dürfen, daß hier von einem Künstler oes Wortes selber das Entscheidende gesagt wurde. Wenn wir der Kunst ein« religiöse Wirkung zuschreiben, wenn wir Raum für sie auch bei uns verlangen, Raum vor allem sür die Religiösen, deren Weg zu Gott, zur Religiosität, zum Göttlichen sie vor allem über die Kunst führt, Raum für sie und Berücksichtigung ihrer Art, Pflege ihrer religiös-künstlerischen Seele durch jüdisch-künstlerische Mittel jeder Art vor allem, aber dann auch durch religiös-künstlerische überhaupt wenn wir das tun, dann freilich nur deshalb, weil Kunst auch diesen gewaltigen Antrieb zur Ethik in sich birgt, den die Religion der Worte, der Gesetze in ihrer Weise vermittelt. Man muß hier bedenken, daß. zur Kunst ein eigenes Oh>r gehört, das der Unkünstlerische gar nicht besitzt, daß dieser also gar nicht berechtigt ist, die Behauptung der Künst!- lerischen anzuzweifeln. Das heißt natürlich nicht, daß man sie nur in Klänge einhüllen, nur von Bildern umgeben, jedes Buch und seine Lehren auch wenn keine Kunst daran beteiligt ist ihnen fernhalten soll. Es heißt nur anerkennen und ,ür tnöglich halten, was ein jüdischer Künstler der Tage, Boris Schatz, von sich bekannt: „Die Kunst war mir ein Heiligtum, der Künstler ein Hohepriester und mein Traum, einmal im Heiligtum der Kunst Hoherpriefter sein zu dürfen und sie Menschen die Ideale der Schönheit zu lehren, damit sie das Gute lieben uns das Böse hassen."' Der so sprach, hat feine Kunstschule nach dem Erbatter des ersten Tempels genannt, Bezalel, und hat das jüdische Leben, die jüdischen Menschen gemalt, einen Jesaja, mit erneut Antlitz der Gegenwart, aber mit der Umschrift von einst: „Sie schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen." Durch Religion zur Kunst, durch Kunst' zur Religion. Einzelne Vorgänge der neuen Zeit beweisen, daß man diese Zusammenhänge auch bei uns immer deutlicher erkennt und ihnen gerecht zu werden bestrebt ijb So mögen auch bei uns die immer zahlreicher werden, die, was als Wort und Lied so oft aufklingt, wie ein Gebet erleben und hören: „Tu holde Kunst, in wieviel grauen Stunden, wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, hast du mein Herz zu warmer Lieb entzünden, hast mich in eine bessere Welt entrüickt. Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen, ein süßer, heiliger Akkord von dir, den Himmel besserer Zeiten mir erschlossen. Tu holde Kunst, ich danke dir dafür, du holde Kunst, ich danke dir." »äs JuMm als umumi war das Thema unserer Hauptversammlung. Um die in diesem Thema ausgesprochene Mission zu erfüllen, muß der ewig unwandelbare Geist des Judentums in neuzeitlichen Formen zur Darstellung gelangen: denn überalterte Formen, engherzige Schranken würden den Tod des Judentums zur Folge haben. Darum: unterstützt und fördert den f«Hilfsfonds des liberalen Judentums“! Die Namen der Spender werden fortlaufend in der Jüdisch-liberalen Zeitung veröffentlicht. — Alle, die ihren Sonderbeitrag noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich Mk. 1t). — auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für dasliberale Judentum e. V.“ Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muss durch einen Beitrag zeigen, dass er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle« der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! Vereinigung Itlr das Judentum m. D6D