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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-03-19 · 12 (19.3.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
12 (19.3.1930)
Date
1930-03-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IS-jschMmleZMng Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Ncctt»«tH. B«b«fte*t: Sr««» ©#«b<u WeVsrelnigung für das liberale Zndentum übernimmt m»r De diejenigen Auffätze, die ausdrücklich als in itzremRama» »der in ihrem Austrage versaht gekeuazeichuet find, die Verantwortung. Me andere« Arükel. Aeutzeruageu «ad Vortchttge erscheinen unter der Verantwortung der Redamor». Die «Jüdisch Ubeeale Aeittmgerscheint jede« Mittwoch. RedoMo« nnd Geschäftsstelle: VerÜn SV 11. tzallefche Str. 1 Aermmf: Vergmana 3368, 3359 rostfchecttoulo: BerÜ« MB 7. 137069 i Vereinigung für da» Überole Zadeutum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmiguug der Redamon gestattet. Bezugspreis durch die Sefchäfisfietlr '/^stchwch ». X— Liazeluummer 0J5. Bei ftdcc Zusendung i. MM 130 Jür die MlgÜeder der Vereinigung Ist der vezngspeei» im MitgUedsbeitrage enthalte«. Anzeigenpreise Anzeigentarif durchnähme bei der Gefchäfki t se: Die 12 gespalt. Tlonpareillezril durch die Geschäftsstelle. AnzeH« efchäfksfielle «. sämtl. Anuonceu-tz lle<U5 . geaautl. Anuonceu-Expedit. Rr.12 Berlin. 19. März 1930 19. Jahrgang Zehlende Sucher Ehrengericht des deutschen Schrifttums Eine Anregung zvm Tag des Buches. Tei- „Tag des Buches" steht in diesem Jahr unter dem Zeichen „Jugend und Buch". Wenn die Veranstalter dabei von der Voraussetzung ausgegangen sind, daß in einer Zeit, in der Sport, Technik, Rundfunk, Film die Buchlektiire zu verdrängen drohen, der Jugend das Buch durch besondere Propaganda wieder nahegebracht werden müsse und wenn sie weiterhin der Auffassung fiub, der nun zur ständigen Einrichtung gewordene „Tag des Buches" müsse dem Buch neu« Kreise erschließen, so gehen sie zum mindesten teilweise von falschen Voraussetzungen aus. Denn gerade das verflossene Jahr hat gezeigt, daß von einer Buchmüdigkeitt weder bei der Jugend noch im allgemeinen gesprochen werden kann. Es hat sich gezeigt, daß der Absatz des Buches, abgesehen von Konjunkturschwankungen innerhalb der Wirtschaft, lediglich von der Preisgestaltung und von seinem Wert, - sei es ein innerer oder auch nur ein aktueller, - adhängt. Nur so ist es zu erklären, daß die Fischersche Volksausgabe der „Buddenbroocks" in knapp einem Vierteljahr eine Auflage von nahezu 1000000 (Preis 2,85 RM.) erreichen konnte, während die ursprüngliche zweibändige Ausgabe (Preis ca. 15 RM.) in knapp 30 Jahren es auf ca. 150 000 Exemplare brachte. Daran kann nicht allein die Verleihung des Nobelpreises an seinen Verfasser Thomas Rann schuld s ein, so wenig wie an dem noch erstaunlicheren Erfolg des bis vor einem Jahr noch völlig unbekannten Erich Maria Remarque, dessen „Im Westen nichts Neues" (Preis 4 bzw. 8 RM.) in etwas über einem Jahr ebenfalls eine Auslage von 1000000 erreicht. Dieser Erfolg ist nicht etwa das Verdienst der gewiß sehr geschickten Propaganda des Prophläen-Verlages, die ja ihrerseits erst aus dem Erfolg erwuchs. Auch andere Werke hatten im Jahre 1929 für Deutschland unerwartet hohe Auflagen zu verzeichnen. Wenn also der „Tag des Buches" einen tteferen Sinn erhalten und eine Angelegenheit aller daran Beteiligten werden soll, so muß er andere Aufgaben erfüllen. Seine Wirkung muß sich auf Autoren, Verleger und Buchhändler und auf das Publikum erstrecken. Tie Autoren sollen ethisch hochstehende Werke schaffen, Verleger und Buchhändler sollen ste in würdiger und billiger Form dem Leser vermitteln, der durch das Buch erzogen, in seinem kulturellen Denken und in seinem tätigen Handeln beeinflußt werden soll. Es ist also nicht damit getan an diesem Tag, der am 22. März im Zeichen Goethes steht, wahllos Reden zu halten und wahllos Bücher durch Prospekte, Anzeigen und Rezensionen zu empfehlen. Zumal die Buchbesprechungen heute bis auf wenige Ausnahmen nur selten kritisch, meist nur lobend oder referierend werben und dadurch beim Publikum außerordentlich in Mißkredit geraten sind. Dieser Tag muß vielmehr ein Tag der Besinnung, der Auslese sein. Es sollten also nicht nur, wie in diesem Jahr zum ersten Male, die 50 am schönsten gedruckten und technisch ausgestatteten Werke prämiiert werden, — eine Angelegenheit, die eigentlich nur für Bibliophilen von besonderem Interesse ist, — sondern es müßten literarische Preise verteilt werden, die die Aufmerksamkeit des Publikums auf besonders wertvolle Werke lenken. Es könnte vielleicht von staatlicher oder auch von privater Seite eine besttmmte Aufgabe gestellt werdeu. die bis zum folgenden Jahre zu lösen wäre. Warum stiftet der Staat in diesem Jahre nicht cineu Preis für die Schaffung eines Werkes, das vielleicht den titel „Welche Aufgaben erwachsen der Jugend im neuen Deutschland?" tragen könnte. Vor allem aber: An diesem Tage sollte nicht nur gelobt, es sollte auch getadelt werden. In feierlicher Weise müßten solche Bücher verdammt werden, die als allgemein schädlich erkannt worden sind. Gerade der „Tag des Jugendbuches" in diesem Jahre läßt diese Forderung besonders aktuell erscheinen. Wir haben das „Schund- und Schmutz-Gesetz", das die Jugend vor sittkichen Gefahren, also im wesentlichen vor erotischen, bewahren soll, das aber nur geringe Handhabe gegm politisch verhetzende Schriften bietet. Und diese Gefahr ist für die Jugend, die seit 1918 in besonderem Maße und erfreulicherweise politisiert wurde, außerordentlich groß. Ter Schutz vor „Schund und Schmutz" ist Aufgabe der Erziehung, des Elternhauses, der Schule, kein Gesetz wird hier, wo zumal in der Großstadt die Wirllichkeit immer noch schrecklicher ist als irgendeine Schilderung, helfen können. Anders in der Politik. Tie politische Meinung kann nicht anerzogen werden, denn sie sollte auf anerlernten Erkenntnissen beruhen, mit ihren Grundlagen muß sich jeder einzelne auseinandersetzen, da es sich hier nicht um Dinge des Triebes, sondern der Erkenntnis, der geistigen Bildung handelt. Um die Jugend vor der politischen Verhetzung zu bewahren, bedarf es keines Gesetzes. Was wir brauchen, ist ein Ehrengericht, das über Wahrheit oder Unwahrheit befindet. Tie „Literarische Welt", Berlin, berichtet in ihrer iinmmer von 28.2.30 von einem Plan, der in Frankreich erwogen wird, um alle die Journalisten, Die über tatsächliche Ter „Tag des Buches" sollte mehr sein als eine Reklameangelegenheit der Verleger. Er sollte Anlaß zur Ueberprüfung der literarischen Produktion eines Zeitabschnittes sein, sollte nicht nur der Verbreitung des Erschienenen, sondern vielmehr der Erspürung des Fehlenden aus den verschiedenen Gebieten dienen. Fehlt doch trotz der Ueberfülle an Neuerscheinungen oft das Notwendigste, während weniger wesentliches oft bis zum Ueberdruß herausgebracht wird. Hier kann nur von dem Spezialgebiet des jüdischen Buches die Rede sein. Aber da gerade auch auf diesem Gebiet von den Verlagsfachleuten so oft über mangelnde Absatzmöglichkeiten gellagt wird, ist es vielleicht nicht ganz unzweckmäßig, einmal die Buchproduktion auf diesem Gebiete kritisch zu betrachten. Ta findet man dann, daß das jüdische Buch noch weniger als die Juden aus dem Ghetto heraus ist. ' Es soll in diesem Zusammenhang gar nicht von der Massenproduktion jüdischer Predigtsammlungen die Rede sein, die sicherlich oft weit mehr persönlichem Ehrgeiz als sachlicher Notwendigkeit ihr Entstehen verdanken, auch nicht - von der theologischen Spezialliteratur, die naturgemäß nur für einen engen Kreis bestimm: sein kann. Tie Rede aber muß sein von dem aus jüdischem Geist geborenen, für den Laien bestimmten Buch. Wenn dieses jüdische Buch einmal aus oem jüdischen Kreis heraustritt, so dient es der Abwehr j-udengegnerischer Angriffe oder der theoretischen Belehrung über oas Wesen des Judentums. Den Versuch der Durchdringung der Welt mit jüdisch-religiösem Geiste den Versuch, ein Bild der Lebenspraxis aus dem Geiste des Judentums zu zeichnen, Forderungen -- basierend auf der Tatsächlichkeit der Gegenwart für die Gestaltung der Zukunft zu erheben, - all oas hat das jüdische Buch noch nicht unternommen. So ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß der immer stärker werdende Ruf nach Lebensnahe der jüdischen Religion bisher im jüdischen Buch leider noch kein Gehör gesunden hat. Das jüdische Buch der Gegenwart ist für tv eit e ft e Kreise uninteressant. Uninteressant, weil es lebensfern ist. Dabei wäre gewiß dem jüdischen Verlagsbuchhandel, dem Judentum und der Allgeheit durch einen Wandel aus diesem Gebiete gleichermaßen gedient. Weshalb wird nicht ernsthaft der Versuch unternommen, den Geist des Judentums aus der Erstarrung vergangener Zeit zu lösen und erneut in den Formen oer Gegenwart lebendig zu machen? Der Marburger Professor Georg Wünsch hat vor einiger Zeit ein umfangreiches Werk unter dem Titel „Evangelische Wirtschaftsethik" erscheinen lassen. Es soll hier von einer Kritik des in vielen Punkten gewiß, anfechtbaren Werkes abgesehen werden. Nur um der Grundeinstellung witten wird es hier erwähnt. Tenn wenn in diesem Buch ein protestantischer Theologie-Professor betont, daß das Interesse an Fragen religionsphilosophischen und dogmatischen Inhalts nicht genüge, wenn er den Weg zur aktiven Lebens¬ und Weltgestaltung aus der religiösen Ueberzeugung heraus fordert und die Notwendigkeit betont, daß unerbittlich Ernst gemacht werde mit der Erkenntnis, daß der Glaube ohne Werke tot ist, so dars wohl ein Bedauern darüber ausgesprochen werden, daß ein entsprechendes jüdisches Buch,, eine „Jüdische Wirtschaftsethik", bisher leider mach auf sich warten läßt. Ja, die Tatsache, daß. dieses Buch von Wünsch in seinem Vorwort als erster Band einer großen evangelischen Soziälethil angekündigt ist) dem noch weitere folgen werden, welche die Religionsfoziologie, die Politik, das Volkstum, die Sexualität, Familie und Bevölkerunasfragen, Sport, Frauensragen, vielleicht auch Kunst und Wissenschaft behandeln sollen, muß in unseren Kreisen wohl Neid und. Beschämung wach werden lassen. Will man die Erstarrung des jüdischen Buches erkennen, so denke man nur einmal an die zahllosen mit jüdischen Festen im Zusammenhang stehenden Bücher. Wenige Wochen trennen uns vom Pessach-Fest. Welche Unzahl an yaggadas! Unter diesen vielen, die sich oft fast! nur durch die Truckausstattung oder durch die Bildbeigaben voneinander unterscheiden, sind gewiß auch einige, beispielsweise die von Seligmann und Fallenberg, die sich für den Gebrauch in religiös-liberalen Häusern hervorragend eignen. Wer was völlig fehlt, das sind Fest büch er, in denen der Versuch unternommen wird, die Feste selbst neu aus dem Sein der Gegenwart zu beleben, den alten Geist mit dem neuen S e i n z u verbinden. Und doch wäre hier sicherlich ein Wert zu schaffen, das den jüdischen Festen neue Anhänger aus den Kreisen derer, die ihnen entfremdet sind, gewinnen könnte. Aus der Breslauer Tagung der Bereinigung für das liberale Judentum wurde darüber gettagt, daß, es' auch dem liberalen Judentum mangele an lleinen handlichen Schriften, die Anregungen der der religiösen Unterweisung der Kinder, Anleitungen für die Begehung häuslicher religiöser Feiern, Wegweiser in Zweifelsfragen des modernen Geisteslebens sein könnten. Ae Klage ist! nicht neu. Doch zur Beseitigung des bestehenden Mißstandes ist in Jahren nichts geschehen. _ Man mache keine pessimistischen Ausflüchte. Wenn der ernste Wille vorhanden ist, Bücher der hier gekennzeichneten Art erscheinen zu lassen, so wird sich ein Weg zur Berwirllichung unschwer finden lassen. Erscheinen doch: in jeoem Jahr jüdische Bücher, bei denen ein buchhändlerischer Erfolg von vornherein nahezu ausgeschlossen ist, ebenso Bücher, für die von den verschiedensten Verbänden namhafte Subventionen gezahlt werden. Aber während bis jetzt die jüdische Buchproduktion im wesentlichen völlig planlos geschieht, von Zufälligkeiten bedingt ist, sollte sie sich in Zukunft vornehmlich nach den Notwendigkeiten richten. Würde man beispielsweise alljährlich am „Tag des Buches" einen Literatur-Preis aussetzen, der für jüdische Bücher zu verteilen wäre, die bestimmte Themata behandeln, so würde sicherlich Autoren, Verlegern und Bücherlesenden gedient weroen. Und den größten Nutzen hätte aus der Verwirllichung dieses Vorschlages nnzweifelhaft oas Judentum selbst. B. W. und nachprüfbare Vorgänge unwahre Berichte verbreiten, durch ein Ehrengericht von Journalisten zu verfemen. Viel eher müßte es möglich sein, die Buchproduktion nach dieser Richtung zu überwachen und hier erwüchse der Tichterakaoemic eine Ausgabe, die ihre Nützlichkeit und Notwendigkeit in allen Kreisen des Volkes beweisen könnte. Selbst verständlich verkenne ich Keineswegs die Schwierigkeiten, die sich hier auftun. Es würden sicher Versuche gemacht werden, wissenschaftliche, religiöse, weltanschauliche Streitfragen vor diesem Forum auszutragen. Aber darum geht es ja nicht und Schwierigkeiten sind bekanntlich dazu da, um überwunden zu werden. Es sollen nur objektiv feststehende Tatsachen aus ihre Wahrheit hin geprüft werden. Alle anderen Anträge werden ob ne Begründung abgelehnt. Wie überhaupt die gesamte Institution so unbürokratisch wie möglich arbeiten sollte. Es kommt nicht darauf an, daß jeder Fall untersucht wird. Man soll sich nicht lange bei der Frage aushalten, ob das Gericht zuständig ist. In Zweifelssällen Ablehnung. Tenn wenn dieses Gremium im Jahre nur HO Autoren je eine Lüge nachweist, deren Feststellung sämtliche deuffche Zeitungen pslichtgeuiäß vornehmen müßten und die dem betroffenen Buch aus einem gesonderten Zettel beizugeben wäre, so würde dieses Beispiel genügend warnend und erziehend wirken. Also keine Beschlagnahme, kein Verbot, nur öffentliche Brandmarküng. Wer has Buch trotzdem kaufen will, mag es tun. Wer ein Buch beanstandet, muß knapp und iur.'. etwa so schreiben: „In dem beigefügten Buch befindet sich auf Seite... eine Unwahrheit und zwar... Tie Wahrheit lautet... Beweis hierfür findet sich..." .Ist die Begründung mangelhaft oder nicht beweiskrästiq. geht der Antrag sofort zurück. Warum dieser Gedanke gerade an dieser Stelle propagiert wird? Weil das Deutsche Judentum wie das Judentum der Welt tagtäglich darunter zu leiden hat, daß die Jugend durch Bücher verseucht wird, die jahrtausendealte Lügen wieder aufwärmen. die verdrehen und entstellen. Wir richten an Schriftsteller, Verleger und an das Publikum den Appell, das „Ehrengericht des deutschen Schrifttums" zu ernennen, damit es unverzüglich seine Tätigkeit zum Segen unserer Kultur, im Glauben an die Wahrheit beginne. Hans Oppenheimer, Berlin.

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