Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 11 (12.3.1930)
- Date
- 1930-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchllberaleZeitW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Scta-ttenc: 8t««* »O yd«. A»V«relvlgu«a für da» liberal« Zudeakmu überaiNMlk «»r De diejenige« Aufsätze, die ausdrücklich al» tu ihre« Nameu «der i« ihrem Aufträge verfaßt gekenuzeichuet find» die Der- «Kvorbma. Alle audereu Artikel. Aeutzerungen und VortchlL-e erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und GeschSftsftelle: Berlin SV 11. Hallesche Slr. 1 Seraenf: Bergmann 3358, 3359 Zostscheckkouto. verlia JIW 7. 137069 i Vereinigung für das liberale Judentum» Aachdruck sämtticher Original-Leiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. .'j ejngffreii durch die Gefchüstsfteüe '/«jährktch W» Einzelnummer 0LS. Sei freier Zusendnng i. Inland GIS Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Vezugsprel» im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespult.Aonpareillereil«<M5 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. samtl. Annoncen-Expedit. Nr. 11 Berlin. 12. März 1930 10. Jahrgang LelWousfreihett! Zu den Vorgängen in Sowjet-Rußland. An der Mauer gegenüber der berühmten Kapelle der Iberischen Gottesmutter in Moskau wurde nach der siegreichen Revolution des Jahres 1917 von den Bolschewiken der Satz aus Marx' Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie eingemeißett: „Religion ist das Opium des Volks." Das ist gewiß nicht richtig, denn sowohl die Gründungsgeschichten der Religionen als auch wegweisende Taten religiöser Führer und Propheten beweisen das Irrige dieser These. Da aber in diesem Satz für viele ein Glaubensbeken ntnis verankert ist. so kann es nicht Wunder nehmen, daß von viesen ein Kamps gegen die Religion geführt wird, wie ja auch von den Kullursiaaten der Gebrauch oes Opiums bekämpft wird. Tie These, die in Rußland Geltung erlangt hat, snßt aus der marxistischen Grundlchre, oaß das gesamte geistige Leben, also auch die Religionen, nur den ideologischen Ueber-- ban der wirtschaftlichen Zustände darstellt. Koch-Weser hat in seinem Reisetagebuch „Rußland von heute" zutreffend den Satz geprägt: „Der wahre Gott des Staates ist Lenin... Die offizielle Wissenschaft des Staates zitiert in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen Lenin als unumstößliche Autorität. „Wer je tit die Schriften Lenins einen Einblick genommen hat, der kann nicht verwundert sein über die religionsfeindlichen Bestrebungen im Sowjet-Rußland der Gegenwart. Längst vor dem Kriege betonte Lenin immer wieder „Marxismus ist Materialismus. Ms solcher .steht er der Religion schonungslos feindlich gegenüber." Ueberzeugt von dem materiellen Ursprung der Ideen, ist für ihn die Ausrottung der Religionen im Kampf für die Umwandtnng des materiellen Lebens Selbstverständlichkeit. Er betrachtet, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, die Religion als „eine Art geistiger Fusel, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz, ihre Ansprüche aus eine halbwegs menschenwürdige Existenz ersäufen." Bolschewismus, Marxismus, Materialismus, Atheistnus verschmelzen sich in ihm zu einer unlöslichen Einheit. In einer Auseinandersetzung mit Gorki, dessen Anschauungen er als mystischen Sozialismus bekämpfte, schrieb er 1913: „In den freiesten Ländern, in solchen Ländern, wo ein Ausruf „an die Demokratie, an das Volk, an die Oessentlichkeit und die Wissenschaft" ganz unangebracht wäre, in solchen Ländern (Amerika, die Schweiz usw.) macht man das Volk und die Ar- Geiler auf das eifrigste gerade mit der Idee eines reinen, geistigen, erst zu schaffenden Gottes stumpfsinnig. Gerade deshalb, weil jede religiöse Idee, jede Idee von jedem Gott, ja sogar jedes Kokettieren mit einem Gott — unaussprechliche Gemeinheit ist, die von der demokratischen Bourgeoisie besonders gern geduldet (oft sogar mit Wohlwollen ausgenommen wird) — gerade deshalb ist es die gefährlichste Gemeinheit, die niederträchtigste „Infektion". Eine Million Sünden, Schweinereien, Vergewaltigungen und Ansteckungen physischer Art wird von der Menge viel leichter durchschaut und ist daher weniger gefährlich als die raffinierte, vergeistigte, mit den prächtigsten „ideologischen" Kostümen ausstaffierte Gottidee. Ein katholischer Pfaffe, der Mädchen vergewaltigt (von dem ich jetzt gerade zufällig in einer deutschen Zeitung las), ist gerade für die „Demokratie" weil weniger gefährlich als ein Pfaffe ohne Meßgewand, ein Pfaffe ohne plumpe Religion, ein ideeller und demokratischer Pfaffe, der die Erschaffung und Ausrichtung eines Gottes predigt. Tenn den ersten Pfaffen zu entlarven, ist leicht, es ist nicht schwer, ihn zu verurteilen und wegzujagen, aber den zweite): kann man nicht so einfach fortjagen — es ist tausendmal schwerer, ihn zu entlarven, und kein „zerbrechlicher und kläglich wankelmütiger" Kleinbürger wird sich bereit finden, ihn „zu verurteilen". „Ein andermal polemisiert er gegen Gorki: „Nie hat die Gottheitsidee „oie Persönlichkeit mit der Gesellschaft verbunden", aber immer band sie die unterdrückten Klassen dvrch den Glauben an die Göttlichkeit der Unterdrücker." * . * Menu derartige Urteile in dem Munde des unbestrittenen geistigen Führers der bolschewistischen Bewegung dessen Anschauungen heute die kommunistischen Patteien der ganzen Welt beherrschen, möglich gewesen sind, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn von seinen Nachbetern, die bei oer Vollendung seines Werkes den toten Meister poch glauben übertrumpfen zu sollen, ein erbitterter Kampf gegen die Religionen geführt wird. Während in Deutschland' in der sozialistischen Bewegung der Grundsatz, daß Religion Privalsache sei, zu einem ehernen Gesetz geworden ist und, gerade in den letzten Jahren, Die Anschauungen der „religiösen Sozialisten" sich wesentlich stärker als m früheren Jahren Geltung verschafften, hat sich in Rußland die Auffassung - auch hier im Einklang mit den Gedanken Lenins — durchgesetzt, daß die Religion wohl als Pnvatsache betrachtet werden könne in Bezug auf den Staat, keineswegs aber in Bezug auf den Marxismus, in Bezug auf die Arbeiterpartei. So besteht in Rußland offiziell zwar Trennung von Staat und Kirche, da aber der bolschewistische Staat, auf seine geistige Struktur hin betrachtet, tatsächlich nicht Staat, sondern Partei ist, kann der Kamps gegen die Kirche nicht überraschen. All die Dementis, die von russischer Seite in der hier behandelten Frage in den letzte)! Wochen ausgegeben wurden, bewiesen nur das eine, daß in Rußjland die Partei herrscht und daß staatliche Dementis nur ein vornehmlich aus außenpolitischen Gründen gebotenes Bersteckspielen des Staates vor der Partei bedeuten. Es kann bei diesen grundsätzlichen Erörterungen darauf verzichtet werden, hier nochmals die Einzelheiten des Kampfes gegen die Religionen und also selbstverständlich auch gegen das Judentum zu schildern, zumal erst in den letzten Wochen in dieser Zeitung, beispielsweise von der Umwandlung der Leningrader großen Synagoge in ein Arbeiterkulturhaus berichtet wurde, nachdem zuvor die Mitglieder des Vorstandes der Leningrader jüdischen Gemeinde verhaftet worden waren. Damit verfügt die Leningrader Juoenschaft über keine öffentliche Synagoge mehr. Tie größte Synagoge der Sowjetunion in Moskau muß auf Anordnung dem Arbeiterklub 'der Fabrik „Sichel und Hammer" übergeben werden. Rabbiner werden verfolgt, jüdische Schriften, Gebetutensilien usw. zwangsweise zugunsten von Arbeiterfonds verkauft. Es ist verständlich, daß in den verschiedensten Ländern der Welt gegen derartiges Unrecht, das sämtlichen Religionen angetan wird, entschiedene Proteste erfolgen. Der Papst hat seinen Einspruch geltend zu machen versucht, die in Berlin tagende Generalsynode hat in den letzten Tagen einen Protest veröffentlicht und von jüdischer Seite ist insbesondere in England und in den Vereinigten Staaten der Versuch zur Herbeiführung einer Aenderung der jetzigen Methoden unternommen worden. Dennoch muß bezweifelt werden, ob durch all diese Schritte auch nur das geringste erreicht wird. Gegen die Brutalität der bolschewistischen Weltanschauung helfen weder Proteste noch Resolutionen. Ter einzige Trost, der der Kulturmenschheit und den religiösen Menschen in Rußland verbleibt, - auf das Kapitel Marrannentreue soll hier nicht eingegangen werden ist die Gewißheit, oaß Brutalität die Religiosität nicht zu vernichten vermag, und daß jedes Staatssystern, das im zwanzigsten Jahrhundert den Grundsatz der Meinungsfreiheit noch mißachten zu können vermeint, den Keim der Zersetzung in sich trägt. Zweckvoller als Belehrungen zu erteilen, die keine Aussicht aus Berücksichtigung haben, wäre für die Religionen, aus diesen Vorkommnissen in Sowjet-Rußland Lehren zu ziehen. Tie deutsche Reichsverfassung hat im Artikel 118 sestgelegt, daß jeder Deutsche das Recht hat. innerhalb der Schranken der allgemeinen Gesetze seine Meinung durch Wort, Schrift, Truck, Bild oder in sonstiger Weise frei zu äußern. Und im Artikel 135 ist bestimmt, daß alle Bewohner des Reichs volle Glaubens- und Gewissensfreiheit genießen und die ungestörte Religionsübung Durch die Verfassung gewährleistet wird. Diese Bestimmungen sollten, auch in ihrem Geiste, mit Entschiedenheit gerade von denen gefördert werden, die die Unterdrückung der Religionen anderwärts verurteilen. Tenn stärker als Proteste überzeugt das Vorbild der Freiheit. Wenn beispielsweise der Kampfausschuß' gegen Zensur, in dem sich neunzehn führende Verbände geistiger Menschen zusammengeschlossen haben, voran die Akademie der Künste, in diesen Tagen gegen das bekannte Grosz-Urteil protestiert, weil er in diesem Urteil „eine Gefahr für die Freiheit des geistigen Lebens" erblickt, jo sollte dieser Vorgang auch von denen, die das Grosz-Bildnis verurteilen, einmal im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Rußland betrachtet werden. Denn sicherlich sind die Religionsgemeinschaften nicht frei von Schuld an dem Urteil, das sich in kommunistischen Kreisen und weit darüber hinaus gebildet hat. Der historische Gang vom Kirchenstaatstum über Staatskirchentum und Staatskirchenhoheit zur Trennung von Staat und Kirche sollte von den religiösen Gemeinschaften selbst mit weit mehr Entschiedenheit, als das heute der Fall ist, gefördert werben. Die religiösen Gemeinschaften dienen sich selbst, wenn sie sich zu selbständigen, vom Staat unabhängigen Organisationen heranbilden, wenn sie von den staatlichen Schutzrechten, die ihnen die Reichsverfassung noch belassen hat, so wenig Gebrauch machen wie mögliche Wer heute vom Staate fordert, darf sich nicht wundern, wenn ihm morgen der Staat nimmt. Man braucht nur an die Beratungen zur Schaffung eines neuen Judengesetzes in Preu-! ßen zu denken, um zu erkennen, wie sehr auch in unseren Kreisen aus diesen! Gebiete noch gesündigt wird.! Der Kamps, der gegenwärtig in zahlreichen Staaten! aus den verschiedensten Gebieten ausgesochten wird, ist ein Kamps zwischen der Allmacht des Staates und dem Individualrecht des Staatsbürgers. Wenn auch in der Gegenwart der Anschein erweckt wird, als ob der Staat in allen Funktionen des Lebens die Entscheidung zu treffen hab^ die Zeiten wandeln sich und auch sür den religiösen Menschen in Rußland wird wieder das Wort Geltung erhalten: „Ter Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd' er in Ketten geboren." Bruno Woyda. Gut und Vöse Eine Betrachtung zum Pnrimfefte von Rabbiner Dr. Grün, Danzig. Wenn man die Geschichte des Purimfestes zu einem Thema zusammenfassen wollte, man könnte es benennen: Gut und Böse. Gut und Böse, so ist es zum Gegensatz in der Welt geworden. Wenn wir an den Anfang unserer Geschichte zurückgehen, wenn wir darauf achten, wie unsere Bibel vo-n dem Beginn des Welten- und des Menschendaseins berichtet, das erste, was die Harmonie des Weltengeschehens durchbrach, was dm Unfrieden hineintrug in den Frieden des Menschendaseins, es war die Erkenntnis des Guten und Bösen, es geschah in dem Augenblick, wo der Mensch zwischen beidem zu scheiden und zu wählen begann. Und so ist es doch in der Welt geblieben. Denn der stärkste Unterschied zwischen Mensch und Mensch besteht doch darin, daß man zwischen dem guten und bösen Menschen unterscheidet. Das Beste, was von einem Müschen gesagt werden kann, ist doch, wenn von ihm die Meinung gilt, daß sein Weg ein gerader und guter ist. Und das Uebelste, das über ihn gesprochen zu werden vermag, es ist, wenn von ihm behauptet wird, daß er zu den Schlechten und Boshaften im Leben gehört. Mer was ist gut, was ist böse? Wenn man die Menschen danach fragen würde, man würde, soviel Menschen es gibt, soviel Antworten auch erhalten. Denn wonach beurteilen wir Gutes und Böses? Gewiß, es gibt den Trieb des Guten und den Trieb des Bösen. Aber wer wird sich bei seinen Taten und seinen Handlungen wirklich dieses seines Triebes bewußt? Welcher Mensch tut Gutes oder sündigt in dem Bewußtsein seines Triebes? Und in der Tat, würde man den Menschen nur nach seinem Triebe beurteilen, wie könnte man dann eine Verantwortung, eine Rechtfertigung von ihm verlangen. Denn gerechtfertigt und zur Verantwortung gezogen kann doch das nur werden, was dem Wollen enrspringt, was nicht ein naturhaft und triebhaft Gegebenes, sondern ein Produkt der Gedanken und des Willens ist. Nicht nach dem TriM, sondern nach dem Willen, nach der Gesinnung, welche das Gute zu entfalten und das Schlechte zu vermeiden sucht, danach findet der sittliche Gehalt des Menschendaseins feine Beurteilung und Bewertung. Von dieser Willens- oder Gesinnungsethik spricht Purim zu uns durch zwei Gestalten des Buches Esther: Es sind Haman, „der Frevler", und Mordcchai, „der jüdische Mann". Zwei Gestalten, zwei Welten, zwei Prinzipien stehen sich hier einander gegenüber. Haman, das Symbol des Bösen, und Mordechai, das Symbol des Guten. Von Haman wird gesagt: „Er warf das Los, um Israel zu vertilgen und zu vernichten." Und Los, es ist das Zeichen des Zufalls. Ein Mensch des Loses sein, das bedeutet ein Mensch des Zufalls sein, ein Mensch des Wankens und Schwankens, des Wartens und Zögerns, der es schließlich dem Zufall überläßt, ob seine Tat und seine Handlung, ja ob sein ganzes Leben sündlos oder sündhaft sein soll. Wer darin allein liegt doch schon die stärkste Sündhaftigkeit. Denn dort, wo das Gute nicht ein Spontanes ist, wo man um seinetwillen erst überlegen muß, erst fragt und zögert, dort ist jedes Ueberlegen, jedes Zögern, jede Frage ja eine Sünde schon. Wenn von dem „Roscho", dem Frevler, oder von dem „Rischus", dem Frevel, gesprochen wird, dann pflegt man zumeist damit zu zeigen, was Menschen an Schlechtem und Niedrigem, sei es in Worten, sei es in Taten, von sich geben. Wer das ist ja, so eigenartig und paradox es auch klingen mag, nur eine harmlose Schlechtigkeit. Denn Taten und Worten vermag Einhalt geboten zu werden. Wenn man dagegen einen wirklichen „Roscho" erkennen will, dann sollte man ihn vor allem danach beurteilen und ihn danach zu beobachten suchen, was er in sich trägt, um zu erschauen, was in seinen Gedanken, in seiner Gesinnung vor sich geht, wie er sinnt und überlegt, worüber es kein Sinnen und Ueberlegen geben darf, wie er zweifelt und zögert, dort, wo Klarheit und Gewißheit herrschen muß. Nicht dort nur ist die Sünde, wo die ruchlose Tat begangen, wo das frevelhafte Wott gesprochen wird. Vielmehr wo das Gute in Frage gestellt werden kann, wo man es noch sür wert hätt, das Böse überhaupt in den Bereich seines Denkens und Ueberlegens