Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 8 (19.2.1930)
- Date
- 1930-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigenpreise: Die 12gefpal».Ronparelllezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle n. sämtl. Annancen-Expedit. Nr. 8 Berlin. 19. Februar 1930_10. Jahrgang Jas Vefen des Lichtenberg sagt einmal, es wäre lvunderschän, wenn man gleichzeitig mit den Büchern, die man kauft, auch die Zeit kaufen könnte, sie zu lesen. Vielgestaltig das Leben. Als -.gebildeter" Mensch soll man in allen Spezial-Gebieten auch etwas Bescheid wissen. Alle kulturellen Strömungen der Vergangenheit und Jetztzeit soll man kennen. Müde kommt man von der Berufsarbeit; seufzend und doch wieder mit zärtlichem Blick sieht man sich seine Bücher an und verzagt, wenn man sich so überlegt, was man eigentlich außer den Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und dergl. lesen müßte. Natürlich geht es einem dann so, wie es nach einer schönen Reise zu geschehen pflegt. Jeder, der in der Gegend mal gewesen ist, wirft uns vor, was wir alles nicht gesehen haben, und worauf wir doch eigentlich besonders hätten achten müssen. Jeder, der irgend einen kleinen Ausschnitt des Geisteslebens kennt, ist verwundert, wenn der andere nicht als geistiger Mensch ebenso unterrichtet ist, und bedenkt gar nicht, daß auch seine Kenntnisse doch wohl kaum als vollkommen anzusprechen sind. Jeder Geistesarbeiter begrüßt es daher mit Freuden, wenn ihm ein Buch eine ganze Literatur erspart, wenn ihm ein Buch so viele Tatsachen vermittelt, ihn zum Denken und zur selbständigen Urteilsbildung anregt, und ihn so in die Lage versetzß, mit dem geistigen Rüstzeug dieses Buches versehen, zu wichtigen Problemen Stellung zu nehmen. Mit dankbarer Freude können wir schon von diesem Standpunkt aus das Buch über „Tas Wesen des Antisemitismus",*) von dem hier die Rede ist, begrüßen. Wenn nur der Spezialist und der Vorkämpfer im Kampf gegen die Feinde des Judentums' all' die Tatsachen und Ueberlegungen kennt, die ihn befähigen,- seine Gegner und, noch schlimmer, seine Feinde zu bekämpfen, so werden wir nie einen vollen Erfolg erreichen; es muß auch jedem andern gebildeten Juden und wahrhaft Andersgläubigen die Möglichkeit hierfür gegeben werden. Und gerade diese Möglichkeit verschafft das genannte Buch. Tas Buch zerfällt in zwei Teile von verschiedenem Umfang, aber beide von gleich hoher Bedeutung. Ter größere Teil ist ein älteres Werk, stammend von dem Vater des bekannten Paneuropäers, neu herausgegeben und ein wenig bearbeitet durch den Sohn. Von diesem stammt dann auch der kleinere Teil, der zwar äußerlich vorangeftellt ist, aber sich eigentlich chronologisch an den anderen anschließt. Tenn er behandelt eben den Antisemitismus, wie er sich nach Abschluß des Werkes des Vaters, insbesondere aus der Zeit und den Verhältnissen nach dem 'Weltkrieg ergeben hat. Man gerät in Verlegenheit, wie und in welchem Umfang man zu den beiden Teilen Stellung nehmen soll. Beide geben eine so ungeheure Fülle von Stofflichem, beide eine so ungeheure Fülle von Anregungen und Urteilen, daß man gar zu leicht in Versuchung kommen möchte, beinahe das ganze Buch abzuschreiben; denn man kann nur dringend wünschen, daß alles, was dort gesagt ist, nun endlich mal und immer wieder in weiteste Kreise dringt, und man kann noch dringender nur wünschen, daß sich! alle Antisemiten und ihre Gegner ernsthaft geistig mit dem Problem auseinandersetzen. Tenn, das sei vor allem betont, das Buch ist durcharrs objektiv gehalten bei aller Subjektivität der Verfasser überhaupt. Ganz und gar nicht wird den Antisemiten allein die Schuld an dem Unglück, das nun doch der Antisemitismus ist, allein beigemessen, sondern beide Verfasser vertreten ernsthaft die These, daß oft genug die Juden selbst daran Schuld gehabt haben und auch heute noch daran Schuld haben. " Ter Vater war eigentlich ein beneidenswerter Mensch. Er Hai ein ideales Gelehrtenleben geführt. Jeder Gelchrte träumt davon, fern jeder materiellen Sorge in geachteter Stellung seinen Studien und Neigungen leben zu können. Hier war das Ideal erfüllt. Ter Vater, mit Glücksgütern reich gesegnet, weit in der Welt herumgekommen, konnte sich ganz seinen Liebhabereien, die aber ernste Studien betrafen, widmen. Und eine Frucht dieser ausgÄehnt historischen und kulturpolitischen Studien war das Buch. Er war wie selten einer befähigt, über das Judenproblem zu schreiben. Tie Jnternationalität des Judentums war ihm dadurch wesensverwandt, daß er dem internationalen Hochadel angehörte. Unter seinen Vorfahren befinden sich. Adelsfamilien beinahe aller europäischen Völker. Allen gehässigen Gegnern sei gesagt, daß nicht ein Tropfen jüdischen Blutes in seinen oder seines Sohnes Adern fließt. Sein Sohn hat ja nun noch viel mehr internationales Blut, denn seine Mutter war nicht einmal Europäerin, sondern Japanerin. Wenn Juden den Antisemitismus befehden, so müssen sie immer erst den Borwurf beiseite räumen, daß sie für ihre eigene Sache streiten und daher zunächst als befangen zu gelten haben. Hier aber schreiben, insbesondere was den *) Das Wesen des Antisemitismus von Heinrich Gras Coudenhove-Kalerghi Dr. jur. et Phil., eingeleitet durch Antisemitismus nach dem Weltkrieg von Richard N. Coudenhovc-Kalerqi, 1929, Paneuropa-Berlag, Wien—Leipzig—Paris, 281 S. m + *+ Vater anbelangt, tiefgläubige Katholiken und versuchen zu widerlegen und widerlegen die rechtliche, religiöse uuö moralische Berechtigung jedes Antisemitismus. Geradezu grauenvoll ist die ausführliche Tarstellnng des Antisemitismus seit Anbeginn, wie sie einen großen Teil des Buches des Vaters ausfüllt. Tie verfälschte Darstellung der Geschichte, die wir vor der Staatsumwälzung zur Genüge genossen (jobeu und die im wesentlichen, wie bekannt, nur Kriegsgeschichte war, hat uns verhindert, zu scheu und zu erkennen, daß es schließlich in der Weltgeschichte wichtigere Tinge gegeben hat, als Feldherren und militärische Heldentaten. Mühselig haben wir Aelteren in eingehenden Studien erst lernen müssen, welche wirtschaftlichen und kulturellen Momente tatsächlich die Welt seit Anbeginn erfüllt haben. Gewiß haben wir Literatur und Kunstgeschichte, wenn auch diese etwas einseitig, kennengelernt, aber die Schattenseiten des Lebens hat man uns vorenthalten. Ich will gar nicht von der Einseitigkeit des ieweiligen Unterrichts sprechen, je nachdem man in protestantischen oder katholischen Gegenden die Schule besucht hat. Man hat überhaupt unterlassen, die Schicksale der Völker selbst uns zu schildern. Wer die Entsetzen erregenden Ziffern auch nur einmal gelesen hat, welche in diesem Buche bezüglich der Judenverfolgungen aller Zeiten und Völker genannt werden, wer von ihren Martern auch nur einmal erfahren hat, dem wird erst verständlich, wie ein 'geistig und ethisch so hochstehender Mensch, wie es der alte Graf gewesen ist, und wie es nun der junge Graf, der Vorkämpfer für den Weltfrieden ist, als ihre heilige Aufgabe erkannt haben, nach ihren Kräften zur Bekämpfung dieser Kulturschande aller Zeiten und Völker beizntragen. In eingehender gründlicher Darlegung beweist der Vater, daß der Antisemitismus ausschließlich auf religiöser Grundlage beruht hat. Tenn abgesehen von allen anderen historischen Beweisen ergibt sich das ja schon daraus, daß die Verfolgung des Juden immer darin sofort ausgehört hat, wenn er sich taufen ließt. Wie sollten es also die angeblich schlechten Eigenschaften des Juden, die übrigens von dem Verfasser nicht geleugnet werden, gewesen sein, welche den Antisemitismus hervorgerufen haben! Aber um über diese schlechten Eigenschaften des Juden zunächst ein paar Worte zu sagen: eindringlichst wird daraus hingewiesen, daß die Umwelt zum weitaus größten Teil an der Entstehung dieser schlechten Eigenschaften die Schuld trägt. Wer den Juden beinah alle Lebensmöglichkeiten nahm, ihnen viele Berufe sperrte, Landwirtschaft und Handwerk ihnen verbot, sie dauernd drangsalierte, schmähte, verachtete, bedrückte, ihren Stolz auf jede Weise zu brechen versuchte, kann sich wahrlich nicht betlagen, wenn diese Not und dieses Elend auch schließlich aus das Wesen und den Charakter äbgesärbt haben. Wenn angeblich bei den Juden bestimmte Verbrechen häufiger gewesen sind als bei anderen Religionen, so ist auch das nicht weiter wunderlich. Ter' Arbeiter wird keine Steuerhinterziehung begehen, der Städter kein Wilddieb sein, der Gelehrte keine Vermögensdelikte begehen; jeder Stawd kann natürlich und wird immer nur den Versuchungen erliegen, die an ihn besonders herantreten. Auch das wird psychologische eingehend begründet, daß den Juden schließlich ein Haß gegen Andersgläubige so oft mit Recht vorgeworfen werden muß. Wer die Jahrhunderte hindurch von Haus und Hof vertrieben ist, wem die Ernährer, Mütter, Frauen und unmündige Kinder, ja Säuglinge und die Frucht im Mutterleibe unter gräßlichen Martern in unsäglichen Fällen genommen worden sind, kann schließlich nicht freundschaftliche Gefühle gegen seine Quälgeister hegen. Es ist leicht, von hoher Warte aus eine allgemeine Menschenliebe zu verkünden, wenn jeder Machthaber und das ihm blindlings — zum Teil aber auch, aus Gewinnsucht — nacheisernde Volk alles getan haben, um diese Liebe zu zerstören. Und dennoch! Wenn das Christentum seinen Anhängern immer wieder sagt, daß sein Wählspruchi, der es vor allen anderen Religionen auszeichnet, sei: „Tu sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst," so können wir Juden mit Stolz darauf Hinweisen, daß dieser Satz garnicht erst! vom Christentum aufgestellt ist, sondern daß er als jüdisches Gesetz, sich wörtlich im alten Testament (Levit. 19, 18) findet. Und soll ich an dieser Stelle etwa daraus Hinweisen, daß es gerade die Juden sind, welche stets nach diesem Grundsatz, gehandelt haben, muß ich denn hier die Mische Wohltätigkeit und Fürsorge preisen? Wir hckbens uns nie und nirgends hierin beirren lassen. Unser jüdisches Gesühl, andern wohlzutun und andere an unserem Glück, Vermögen und Fähigkeiten teilnehmen zu lassen, hat sich« stets in der Oefsentlichkeit und noch mehr im Verborgenen bewährt. Ich glaube, das werden auch unsere Feinde zugeben müssen. Mer wie schon oben erwähnt, sind die Verfasser durchaus nicht der Ansicht, daß nun die Juden gänzlich schuldlos seien an dem Antisemitismus der früheren Zeit oder auch nur der Jetztzeit. Sie weisen darauf hin, daß auch oft die Juden, wo sie die Macht hatten, trotz der Gebote Moses, den Fremdling zu ehren wie den Stammesgenossen, hiergegen verstoßen und mit ähnlichem Fanatismn^ wie ihre > Feinde gegen sie gewütet haben. Sie weisen auf das Unversöhnliche der Orthodoxie aller Religionen hin. Schon in dem Buch des Vaters, noch mehr aber in den Ausführungen des Lohnes, wird aus eine erneute Quelle des Antisemitismus, welche den Juden selbst zur Last fällt, gewiesen. Er betont, wie der Zionismus aus vollkommen unsinnigen Voraussetzungen von einer jüdischen „Rasse" ausgehend, dem Antisemitismus heute die beste Waffe liefert. Es gibt eben keine jüdische Rasse. Tie Inden sind ein Mischvolk, und die Theorie der jüdischen. Rasse wird als ein anthropologischer Unsinn bezeichnet; Uebertritte sind in früheren Zeiten von atlen möglichen Völkern zu den Juden erfolgt. Wie unsinnig das Gerede von den Rassen ist, daraus weist der Vater mit beißender Ironie dadurch hin, daß ec erklärt, daß danach beispielsweise auch die Chinesen und Türken als „Japhetiten" Rassegenossen der „Edelgermanen" sein müßten. Es lohnt nicht, hier gegen die in diesen Blättern schon oft bekämpfte Irrlehre von dec jüdischen Rasse noch etwas zu sagen. Wer die Ansicht weiter vertritt, bleibt eben unbelehrbar. Er verschließt seine Augen vor Tatsachen der Geschichte, er verschließt seine Augen vor dem tatsächlichen Zustand wie ihn der Augenschein gegenüber den Menschen jüdischer Relig'vn jeden Tag lehrt. Wir, die wir den Zionismus bekämpfen, haben nicht nur Gesühlsmomente dabei für uns, sondern stehen auf festem, wissenschaftlichem Boden. Wir stimmen mit dem Verfasser überein, daß dieser Zionismus eine gleich große Gefahr für die Juden bedeutet, wie der durchdiesen Zionismus begünstigte und mit neuen Massen versehene Antisemitismus. Es ist unmöglich., zu allen in dem Buche aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen oder auch nur flüchtig zu reden. Einen Satz — der sich dem Sinne nach mehrfach sindet — will ich noch wörtlich geben: „Ich aber bin überzeugt, daß das große und wunderbare Volk der Juden — das Reformjudentum natürlich nie und nimmer das orthodoxe — der ganzen Menschheit noch einmal Heil und Segen bringen wird!" So sehr ick) das unterschreibe, so wenig kann ich die weiteren Ausführungen, die allerdings nicht ganz klar sind, billigen, wo in ziemlich verschwommener Weise eine Verschmelzung mit dem Christentum und zwar unter überwiegender Anerkennung der christlichen Lehre befürwortet wird. Hier ist ein deutlicher Trennungsstrich zu ziehen. Wohl aber ist den letzten großen Gedanken des Buches aus tiefster jüdischer Lehre beizustimmen, daß einst der Tag kommen wird, da das jüdische Gesetz, der Nächstenliebe aus die ganze Menschheit ausgedehnt wird, daß wir alle Kinder eines einzigen Gottes und daher Brüder sind- und daß nur die Ausübung der Merke der Liebe, dec Barmherzigkeit und des Mitleids noch! übrig bleiben werde, und damit der Antisemitismus, der diesen Geboten gerade entgegengesetzt sich in Trümmer geht. Amtsgerichtsrat Walther Michaelis- Berlin. Zum jüdisch-arabischen Problem Es gibt einen bekannten Ausspruch eines hervorragenden Mathematikers, daß es garnicht schwer sei, irgendwelche irrige Ansichten streng logisch zu entwickeln und zu beweisen. Es gehört dazu nur, daß man zur Voraussetzung eine irrige Ansicht macht und sie für ein unzweifelhaftes Axiom erklärt, worauf dann durch streng logische Argumentierung jede weitere falsche Ansicht entwickelt werden kann. Tie zionistische Publizistik beweist fortwährend die Richtigkeit dieses Ausspruches. Man braucht nur zuerst sich über alle Tatsachen hinwegzusetzen, die unüberwindliche Hindernisse für die Verwirklichung des Zionismus bieten, braucht also nur Zionist öii werden und kann daraufhin ruhig weitere kühne Utopien aus dieser Grundlage au stauen, dabei scheinbar durchaus logisch versährend. Ein sehr prägnantes Beispiel für diese Art von Argumentation ist die Ausiatzreihe, welche Tr. M. Beilinson unter dem Titel „Zum Jüdisch-Arabischen Problem" (Verlag „Tawar", Tel-Awiw, 1930, 63 Seiten) in deutscher Sprache veröffentlicht. Gewiß ist für die Zionisten gegenwärtig das jüdisch-arabische Problem von außerordentlicher Wichtigkeit, nachdem die blutigen Ereignisse im August vorigen Jahres gezeigt haben, mit welchen Gefahren die Ignorierung dieses Problems verbunden ist. Ta aber für die Zionisten eine Kapitulation, ein Aufgeben des jüdisch-nationalen Werkes in Palästina, nicht in Betracht kommt, so stehen sie nun vor der Aufgabe, eine Lösung zu finden, welch« den Zionismus intakt lassen, dabei aber gleichzeitig ein sriedlches Verhältnis beider Völker in Palästina ermöglichen soll, — eine Ausgabe, die zu den schwierigsten politischen Problemen gehört, die man sich überhaupt denken kann. Ter Verfasser, 1015