Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 3 (15.1.1930)
- Date
- 1930-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Es folgten noch eine Reihe von Vorträgen, Gesängen und Dekla »Nationen. Oberkantor ß ollanin , dessen Name viele Besucher angelockt hatte, war leider durch Heiserkeit verhindert. E. W. Meirich a. Rh. (Hundertjahrfeier der 3 t) u a g o fl «.) Hier fand unter Beteiligung aller Gemeindemitglieder und zahl reicher Gäste aus den benachbarten Gemeinden Wiesbaden, Biersladt, Schierstcin, Flörsheim und Höchst a. M. die Feier des 100 jährige» Bestehens der Synagoge statt. Am Samstag, den 4. Januar 15)130, wurde ein feierlicher Festgottesdienst abgehalten, bei dem Herr Bezirksrabbiner Tr. Lazarus-Wiesbaden die formvollendete Festrede hielt. Am Tage daraus fand der offizielle Festakt unter Teilnahme der staatlichen, weltlichen und geistlichen Behörde» statt. Bei dieser Feier, die mit der Enthüllung einer Gedenktafel für die in» Welt» krieg gefallenen Mitglieder der Biebricher Genieinde verbunden >var, hielt Herr Tr. Lazarus die offizielle Festrede. Aach ihm sprachen die Vertreter der verschiedenen Behörden und Organisationen, Herr Lehrer Lilienthal für die Ortsgruppe Wiesbaden des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Herr Rabbiner Tr. Ansbacher für die alt israelitische Kultusgemeinde, die Geistlichen der beiden Konfessionen, die Vertreter der Stadt und Herr Lehrer Katzenstein für die Nachbargemeiirden. Für die Gemeinde Biebrich selbst sprach in längeren Ausführungen Herr Lehrer Sulzbacher, der auch einen geschichtlichen Uebcrblick gab und dankbar der Heimgegangene» Führer der Gemeinde gedachte, vor allem der in letzter Zeit verstoröencn Kultusvorsteher Moritz Sender und Isaak Kahn nnd des Lehrers Tr. S. Buer, dessen überaus bedeutende ivissenschastliche Arbeiten aus dem Gebiete der Massora nnd Bibeleregese in der ganzen ivissenschastliche» Welt anerkannt worben lind. - Am Abend beschlos; ein Ball die Feierlichkeit. Bielefeld. lR e p i ä s c n laut c n >v a h 1.) Tie Repräsentanten wähl stand auch diesmal wieder, ivie vor drei Jahren, im Zeichen des Friedens. Es »varen 6 durch tnrnusinäßiges Ausscheiden oder aus anderen Gründen vakant geivordene Repräsenlantensitze und 2 Stellvertretersitze neu zn besetzen. Aach längeren Berhandtungeir zivi scheu deir Liberalen, Zionisten nnd der ostjüdischen (Kruppe >var eine Einheitsliste znstandegekoinine», die allgemeine Billigung der in der Gemeinde vertretenen Richtungen gefunden hat. Ta bis zum Abtaus der Einreichungssrist nur diese eine Liste beim Vorstand eingegangen »var, so gelten die ans der Liste Ansgeführlen nach der Wahlordnung ohne iveiteres als geivählt. Unter den 3 mit bezw. iviedergeivählten .Repräsentanten und Stellvertretern befindet sich l Zionist, die übrigen sind zuin größten Teil entschieden liberal, zivei Anhänger einer ge mäßigt konservativen Richtung. Eine gesonderte konservative Gruppe besteht in der Gemeinde nicht. — Am 0- Januar trat die Repräsen tantenversammlnng »ach der Reuwahl znni ersten Mal zusammen. Ter Vorsitz ivnrde aufs neue einstimmig dem iviedergeivählten bis herigen Repräsentantenvorsitzenden Herrn R. A. Tr. Kamp übertragen. Bei Konstituierung der Ausschüsse wurden erstmalig auch Frauen in diese geivählt, und zivar je eine in die Synagvgeiikomnris - sion nnd die Friedhostoinmission. - Einen weiteren ivichligeu Gegenstand der TagesordniMg bildete jodan» die Ersatzwahl zum Vorstand. Wiedergeivähll wurden ans 0 Fahre Herr R. A. Tr. .Katzenstein uub als stellvertretendes Vorstandsmitglied Herr Franz Friedmann. Herr Tr. Katzenslein ivnrde gleichzeitig auf einftimmigen Beschluß des Vorstandes »iid der Repräseiitaiileii wieder znm Vorsitzenden des Vorstandes bestellt. Breslau. (Z u m 0 0. (K e b n r l s t a g von Rabbi n e r T r. Vvgetstein.) Zn de» Menschen, die durchaus nicht geseierl werden ivollen, gehört unser lieber, verehrter Gemeinderabbiner Tr. Hermann Vogelstein. Tas; er am!». Januar seinen 60. GebnrtStag geseierl hat, wisse» die Leser schon durch den in voriger Nummer erschienenen Artikel von Rabbiner Tr. Gatliner, Berlin. Tr. Vogel steins Bedeutung für das deutsche liberale Jndeiniim und somit für das Judentum überhaupt ist in diesem Anssatz schon gebührend ge ivürdigt worden. Ter AlterS(L) Jubilar war in die Einsamkeit der schlesischen Berge vor allen Glückwünschen geflohen und wird diese lvoh! erst »ach seiner Rückkehr vorsinden. Ter liberale Haupt verein unserer Gemeinde weiß sich mit allen vornehm denkenden Ge weindemitgliedern gleich ioetchcr Richtung eins in seinen Wünschen für diese edle und charakterstarke Persönlichkeit, die gerade dlirch diese Eigenschaften zu einem vorbildlichen Seelsorger wird. Er hat seinen geistigen Führer ans Anlas; von dessen 60. Geburtstag zu seinem Ehrenmitglied ernannt nnd ivünscht ihm nochmals an dieser Stelle jür weitere Jahrzehnte die alte, bisher bewiesene Lebensfrische und Betennerstärke im Eintreten für unsere religiösen Ideale an der Seiie seiner verehrten Gattin und im Kreise seiner Familie. Lrcsla». (5 0. Ge b n rlst a g. ' Am 7. Januar feiernder akademische Religivnslehrer, Herr Wolfs Tavidsohn, seinen 5:». (Ke burtstag. Es war ein Fest der jüdisch liberalen Jageno, die ihm sehr, sehr viel verdanlt: iiäml irfi neue Belebung ihrer religiös geistigen Interessen. Und so ist ihm auch die ältere Generation der hiesige» Gemeinde zn groß'»» Tan! verpflichtet, iveil diese Interessen bei ihrem Nachwuchs in so schöner Weise gepflegt nno ivachgeyalten »verden. Tiefem Gefühl gab neben dem „Jli" auch der hiesige liberale Hauptverein Ausdruck, den wir heute an dieser Sielte »och rna!S in Form herzlichster Glückwünsche wiederholen. Frankfurt a. M. (Tod es fall.! Hier verstarb im 66. Lebensjahre Fran Anna Eoinger, bekannt als hingebungsvolle Wohltäterin und Organiialoriu ans sozial bugieuischem Gebiet. Als Gattin eines angesehenen Frankfurter Arztes erkannte sie frühzeitig die Rotivendig keilen nnd Möglichkeiten ans dem Gebieie der Pvlksgesundheit, der Kindersürsorge nnd der Tuberkulose Betämpsuilg. Sie ist schon vor Jahrzehnten für die Schossnag von Lltst und Sonnenbädern eilige treten und hat an der Spitze der verschiedenen interkdiisessidnelten H-rauenverciiic geivirli. Ter ..Verband Frantsnrter Franenvereine" >>t ihre Gründung. B.n der Einäscherung sprachen Vertreter der verschiedensten intertvilsessiouelte» Vereine, in denen sie geuurkl hatte, und ^iuch Abordnungen jüdischer Organisationen waren' zugegen — als Snmbol nnd Tanleszeichen dafür, das; die Verstorbene durch ihre Hingabe an die allgemeine "Wahljahr» als Jüdin auch der Sache des Judentums zn Hochachtung nnd Ansehen veryotsen hat. Hamburg. <7 0. W e b „ r l s t a g.) Am l>. Januar feierte Herr Rechtsanwalt Tr. Hermann Samson, einer der angesehensten Anwälte Hamburgs, seinen 70. Geburtstag. Herr Tr. Samson erfreni sich bei Kollegen und in seiner große» Klientel der größten Wertschätzung und Beliebtheit. Er hat iich auch seil vielen Jahre» in Vorbild ticher Weise in den Tieust jüdischer Interessen in Hamburg gestellt. Er >var viele Jahre - Mitglied des Repräsentanten Kolleguun-s der Gemeinde nnd ist von dieseiu alsdann in deir Vorstand der (Ke meinde geivählt worden, dem er seit vielen Jahren angeböri. Er har stets die Interessen des Liberalismus i»i Iirden!»», vertier eu, jedoch auch Verständnis nnd Toleranz gegenüber den Auiiäilen und Wünschen der religiös anders eingestellten Kreise der (Keine,»de ge;e,gl. ----- Er erfreut sich wegen seines klare» lkrteits, der iacti.iehe» Behandlung aller von ihm bearbeiteten Angelegeuheiteit, der Liebens Würdigkeit seines Wesens großer Beliebtheit in allen jüdischen Kienen. Hamburg. Ost e p r ä > e II t a N t k II K v I l e g i u m.l Ter schon twr längerer J,eit von den liberalen Repräsentanten (Lisier und (Ke von'enl gegeilte Antrag aus Gewährung des passiven Wahlrechts für die weiblichen Mitglieder der Gemeinde war der wichtigste Beranmgs gegenständ der letzten Sitzung am 6. Januar 1030. Tie Antragsteller halle», sich daraus beschränk!, das Wahlrecht nur für die Wahlen ins Repräfentanten-Kollegium zu verlangen, lveil der Vorstand der Ge nreinde, uüe ihnen bekauiu >var. für einen weitergehenden Antrag leuiessalls zurzei^ zu geirnnnen in. Tun Antrag der Liberalen ivc»r e:n von .Aerrn Tr. Kalmus i^ion.' gestellter Antrag gefolgt, der den Frauen auch die Wahl in den Verstand der Gemeinde ermöglichen idllte. Znnächll vertrat Herr Tr. >t a l m u s seinen A»trag, der übrigens ron den anderen zionistischeu Mitgliedern des Kolleginins nicht mit »uierzejchnet war. Tr. Kalmus sühne ans, das; die Frage der Zulässigkeit des passiven Wahlrechts der grauen auch vom religionsan'etzliche» Standpunkt aus nicht allgenieiner Ablehnung begegne. Es gäbe rabbinische Auiorilütcn. die der streng ton-ervativen 'Rick, umg angehören und das passive .Wahlrecht oev Feauen als dem ReZgionsgrity nicht widersprechend erklärt haben. Ter Redner irnes »weiter darauf hin, daß in vielen deutschen Einheitsgemcind^n, nicht zum wenigsten auch Großgemeinden, das passive Wahlrecht der Frau eingeführt sei und daß die Frauen in Hamburg in vielen Kommissionen erfolgreich Mitarbeiten. Wenn man grundsätzlich den Frauen die Gleichberechtigung zuerkcnne, dürfe man nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern müsse den Frauen das Wahlrecht im vollen Umfange gewähren. Herr Liffer (lib.) legte dar, lonrum die Liberalen sich in ihrem Anträge Beschränkungen auferlegt herbe». Seine Freunde und er würden natürlich auch dem nachträglich von Herrn Tr. Kalmus ge stellten weitergehenden Anträge ihre Zustimmung geben, da sie grund sätzlich für die volle Gleichberechtigung der Frauen eintreten. Herr O f s e n b u r g (konserv.) brachte die abweichende Anschau nng der Mehrheit der konservativen Mitglieder znm Ausdruck. Tiefe ständen den Anträgen teils aus religionsgefetzlichen Bedenken ab lehnend gegenüber, teils im Interesse der Wahrung der Einheitlichkeit der beiden konservativen Flügel. Tie Bildung dieser Einheitsfront sei erfolgt, obivoht nicht ver faiint werde, das; die ablehnende Stelliingnahme sich ungünstig bei der demnächst erfolgenden Neuwahl des Repräsentanten Kollegiums ausivirke» könne. Ans der anderen Seite erblicke man aber in dem Anträge mehr eine politische Maßnahme und nicht den Ausdruck einer Anschauung, die die Mitwirkung der Frauen in den Gemeindebehörden für eine unbedingte Notwendigkeil erachte. Ihm trat Tr. F r ä n k e l (lib.) entgegen, der einen Appell an diejenigen konservativen Mitglieder, ivelche sich nicht von religionsgesetzlichen Gesichtspunkten teilen lassen, richtete, das Grundsätzliche der Rücksicht ans Zweck mäßigkeilssragcn voranzustellen. Wer nicht aus religionsgesetzliche» Bindungen zn einer Ablehnung gelange, müsse den Mut haben, Farbe zn bekennen und minder wichtige Erwägungen znrückstellen. AuS der Befürchtung ungünstiger Wirkungen bei der nächsten Wahl zog der Redner den Schluß, daß die Frauen in konservativen Kreisen dem Volum der konservativen Repräsentanten in größerer nicht beipsliehren: die letztere» müßten sich daher auch die Frage vorlegeu, ob sie die Belange der Frauen ihrer eigenen Richtung unbeachtet lassen dürfen. Tie Liberalen hätten ihren Antrag eingebracht, weil sie von der Notivendigkeit nutz Nützlichkeit der Mitarbeit der Frauen überzeugt seien. Ten Wert ihrer Arbeiten habe man in vielen Kommissionen erfahren. Herr A l. L e v >> (konserv.) stellte sich in (Kegensatz zu der vvir Herrn Offcnburg vertretenen Anschauung. Er ivies darauf hin, daß auch die Konservativen speziell in Hamburg den Frauen die Mitarbeit im Repräsentanten Kollegium gewähren lönuteu nnd sollten, lveil die Struktur der Hamburger Gemeiudeverfassung die Behandlung kultureller Fragen im Kollegium ausschlösse. Tie Abstimmung ergab, daß für beide Anträge, die eine Ver sassnngsändernng dar stellen, die hierfür vorgesehene - i Mehrheit nicht erreicht ivnrde. Es stimmten von den >0 Anlvesenden für deir liberalen Antrag: l>> Liberale, I Zionist und I gemäßigt Konservativer; dagegen: 2 streng Konservative, 3 gemäßigt Konservative nnd 2 Jionisten. Für den weitergehenden Airtrag des Herrn Tr. Kalmus stimmte» außer ihm selbst die >0 Liberalen. Ein weiterer wichtiger Punkt der Tagesordnung betras eine Selinlsrage. In Hamburg besteht eine von der Gemeinoe verwaltete, ans religionsgesetzlicher Basis geführte Töchterschule unö neben dieser eine von den streng konservativen Kreisen unterhaltene Töchterschule. Vielfache Bestrebungen, einen Zusammenschlus; herbeizusühren, waren gescheitert. Ter (Kemeindevvrstand hielt es für geraten, durch die Perankernilg des retigionsgesetzlichen Charakters der (Kemeindeschnle im Statut derselben den abseits stehenden Kreisen z» zeigen, das; dieio leinen Grund mehr hätten, ihre Töchter von der (Kemeindeschule fernznhalten. Er hat daher beantragt, daß in das Statut eine Be stiminnng aiifgenonimen ivnrde, wonach die Schule im Sinne des überlieferten Religionsgesekes geführt »werbe nnd eine Abänderung dieser Bestimmung einer analisizierlen Majorität nnd einer mehr jachen Abstimmung unterliegen sollte. In der Erörterung ivnrde von Herrn O s s e n b u r g (konserv.) die Befürchtung geäußert, daß die vorgeschlagene Bestimmung den streng konservativen Kreisen — denen er selbst nicht angehörk nicht genügen würde, und das; man nicht damit rechnen dürfe, das; sich das Bild ivesentlich verändern ivürde. Ihm wurde von Herrn Tr. Spitzer (konserv.) erwidert, daß seines Wissens irgendwelche Verhandlungen zwischen der Gemeinde und den Vertretern der streng orthodoxen Schule nicht vorangegangen seien, die ans deir Antrag des (Kenreindevorstandes einen Einfluß ausgeübt hätten, und von Tr. Fränkel, daß sich die Liberalen bei ihrer Siellungnahine nicht von taktischen Erwägungen leiten ließen, sondern nur von der Rücksicht ans die Schule und die (Kemeindeinteressen. Turch den Antrag des Gcmeindevorstandes ivürde den Konservativen aller Rieh tungen die Möglichkeit gegeben, ihre Töchter der Schule zuzuführcn. — Wenn Eltern trotz der Ausnahme der beantragten Bestiinmungen Bedenken hätten, das zn tun, danir müssen 'ie abseits bleiben. Tie Gemeinde habe dann jedenfalls das ihrige getan. '; Ter Antrag des (Kemeindeoorstandes wurde angenommen unter Ablehnung ziveier von Herrn Tr. Spitzer gestellter Zusatzanträge, die die Entscheidung darüber, was dem Religionsgesetz entspreche, gegebene» falls dem jeweilige» Oberrabbiner des Synagogenverbandes an - vertrant und die Unaufheb-barkeit der fraglichen Bestimmung festgelegt wissen wollte. ES wurden alsdann noch die Mittel siir einen Physiksaal der Töchterschule beivilligt nnd ferner ans dem TispositionSfonds des Kollegiums dem Jugendamt RM. 100,— für Jngendfahrten sonne -ein Beitrag zu einem Stipendium für eine Palästina Reise an eine Lehrkraft der Töchterschule in Hamburg in Höhe von RM. 250,-- zur Verfügung gestellt. Köln. (F r a k t i o n e » n n d N e u >v a h l e n.) Wie nur hören, sind auch die P o l k s p a r teile r bereit, vorzeitigen Neuwahlen zur Repräsentanz znzustimmen. Tamil dürfte, auch tvenn die Kon scrvativen sich ablehnend verhalten sollten, das Geschick der gegen ivärtigen Repräsentanz besiegelt sein. Leipzig. (N e n k o n st i t u i e r n n g de r G e m e i n o e v e r t r e t u n g.) Am 7. Januar jand die ans Grund der Wahlen vonr I. Tezemter 1020 erforderlich geivordene Neukonstituiernng der Ge meindevertretung statt. Tie liberale Fraktion besieht jetzt aus 20 Mitgliedern, die demokratische Fraktion, die sich mit der ortho boxen znsammengeschlossen hat, aus 5, die Jüdische Volkspartei aus 7 und Poalc Zion aus einem Mitglied. — Ter bisherige Gemeindevorsteher, Earl Goldschmidt, eröffnete die Versammlung mir einer Begrüßung der in die Gemeindevertretung neu eingetretenen Mitglieder und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Arbeiten iin neuen Jahre von Erfolg gekrönt sein mögen. — Hieraus teilte der Vorsitzende mit, daß der (Kemeindeverordnete Stein seinen Antrag, ans der Gemeindevertretung ansznscheiden, zurückgezogen hat. Nach Eintritt in die Tagesordnung gab der Vorsitzende von einem Schreiben des Herrn Tiretlor (Kroß Kenntnis, in dem dieser mitteilt, das; er mit Rücksicht ans starke geschäftliche Inanspruchnahme und auf seinen bevorstehenden Wegzug von Leipzig nicht in der Lage sei, die ans ihn entfallene Wahl anznnehmeii. Tas Schreiben ivnrde zur Kenntnis genommen und nach einer Tisknssion gegen die Amtsem laisung kein Widerspruch erhoben. Von Seilen des Vorstandes und von Seile» der Perordneten wurde ihm der Tank für sein bisheriges; Wirten ausgesprochen. An seine Stelle ivird Trmed. Otto Plaut treten. — Nunmehr ivnrde zu der Neuivahl des Gemeindevorstehers geschritten. Vorher gab Tubiner im Namen der Fraktion der Jüdischen Volkspartei eine Erklärung ab, in der er ausführle, daß seine Fraktion sich m» der Wahl nicht beteiligen »werbe, da das Gemeindestatut eine Bestimmung enthalte, wonach nur Reichsdeutsche zu Mitgliedern des Vorstandes geivählt »verden können, obgleich er anerkannte, daß die Liberalen als stärkste Fraktion ans pariameu tarifchen Gründen Anspruch aus den Vorsteherpofteu buben, betonte aber ausdrücklich, daß dies kein Mißtrauensvotum gegen den bis herigen Gemeindevorsteher sein solle. Ein liberales Vorstandsmitglied (Gottlieb) erividerte ihm, daß diese Erklärung einen der üblichen Proteste zum Fenster hinaus bedeute. Herr Tr. Goldschmidt von der liberalen Fraktion erinnerte daran, daß die angegriffene Bestim! ni'.ing aus Grund eine: früheren Kompromisse - in das Gemeindestatin aufgenomineil »würbe und daß auch die andere Seite des Hauses seinerzeit diesem Kompromiß seine Zustimmung gegeben habe. ' Mau möge endlich aufhören, zwecklose Kundgebungen zu veranstalten, da sich seine Fraktion sonst nicht in der Lage sehe, Tinge,» ihre Zustimmung zu geben, von denen nur die anderen einen Vorteil hätten. Nachdem noch einige weitere Verordnet« zu Wort gekommen waren, konnte endlich zur Wahl des Gemeindevorstehers geschritten werden. Von der liberalen Fraktion »vurd? der bisherige Vorsteher Carl Goldschmidt vorgeschlagen. Es »wurde,» 29 Stimmzettel abgegeben, wovon 22 auf Earl Goldschmidt, l auf Breslauer entfielen und 6 leer »varen. Nach einer Begrüßung durch ein Vorstandsinitglied übernahm er wieder die Geschäfte des Borfitzendcn. — Hiernach ging man zur Wahl eines Vorstandsmitgliedes über. Von einem Mil glied der demokratischen und orthodoxen Fraktion wurde Herr Goldrei als Vvrstandsiintglied benannt. Für ihn »vurden 23 Stimmen abgegeben: 6 Stimmzettel »varen leer. Herr Goldrei nahm die Wahl an. — Znm Vorsitzenden der Verordnet?,, »vurde Justizreu Tr. Löiveilstein (liberal), zu seinem Stellvertreter Rosenfelder (dem. nnd orth. Fraktion) gewählt. Turch Zuruf entfiel die Wahl des Schrift führers ans Kaufmann (liberal), des Stellvertreters ans Frau Schind ler (liberal). — Nach einigen iveiteren Erklärungen, die sich aiif die Bestimmung des Gemeindestatuts, daß nur Reichsangehörige zu Mitgliedern des Vorstandes gewühlt »verden können, bezogen, wurde die Wahlversammlung geschlossen. Hieran schloß sick, eine Geineindesitzniig. Tie Stellvertreiniig des Gemeindevorstehers wurde dergestalt festgesetzt, daß nach denr stell vertretenden Gemeindevorsteher Hoves die Vorstandsmitglieder Brcs lauer, Gottlieb und Goldrei in der genannten Reihenfolge die Vertretung übernehmen. A»S weiterer Punkt stand auf der Tages ordnung die Wahl des AeltestenauSschusses. Ein Vertreter der libe ralen Fraktion schlug vor, einen Ausschuß von 9 Mitgliedern zn wählen, von denen 5 der liberalen Feaktion, 2 der Indischen Volts Partei und 2 der demokratischen und orthodoxen Fraktion angehören sollen. Tie Jüdische Volkspartei dagegen forderte 3 Sitze in dem Ausschuß. Ter Vertreter von Poale Zion verlangte einen Sri; für sich und erhob die Forderung, daß die Liberalen ans einen Sitz verzichten möchten. Ein anderer Vertreter der Jüdischen Volkspartei erklärte sich mit 2 Sitzen zufrieden, iveini ver Vertreter von Poale Zion einen Titz erhalte und die Liberalen ans einen Sitz verzichten. Um zn einer Perstäuvignng zn gelange», wurde die Sitzung aus kurze Zeit unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Beratungen stell ten tue Liberalen einen neuen Antrag, indem sie zn Mitglieder» des Aeltestenausschusses für die liberale Fraktion wiederum 5» Mitglieder, der Jüdischen Volkspartei 2 und der demokratischen nnd orthodoxen Fraktion 2 Mitglieder benannten. Ten Vorsitz im Ausschuß sott der G^neindevorsteher führen, bei dessen Behinderung der stellvertre teude (Gemeindevorsteher. Ter Vertreter von Poale Zion wandte sich mit Unterstützung der Jüdischen Volkspartei iviedernm gegen diesen Vorschlag und erhob nochmals die Forderung auf seine Wahl in den Ausschuss. Tiefer Antrag ivnrde abgelehut und der Antrag der Liberalen gegen 7 Stimme» angenommen. — Zum Schluß bat das Vorstandsmitglied Gottlieb, daß nur diejenigen Mitglieder, die in einen Ausschuß gewählt werden, ihr Amt annehme» inöchten, wenn sie nicht dauernd verhindert seien, dieses zu versehen. Leipzig, iBeüätig u n g d e s Urteils gegen T r. L k y.) Vor dein Reichsgericht hatte sich der preußische Landtagsabgeordnete Tr. Robert Lei; wegen Vergehens gegen die Religion und Anfreiznng zum Klasienhaß zn verantivorten. Tr. Leu ist .Herausgeber nnd verantivorrliTkfer Redakteur des in Köln erscheinenden „Westdeutschen Beobachters", der 1028 mehrere Artikel über die Mordaffäre Huß man»—Taube brachte. In diesen Artikeln wurde u. a. gesagt, das; die jüdische Religionsgemeinschaft noch heule an dem Ritnaliuord festhalte, »wie er angeblich im Talmud vorgeschrieben sei. Tas Schöffengericht Köln hatte Tr. Ley zu 1000 Mart Geldstrafe anstelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von ztvei Monaten verurteilt. Tie hiergegen eingelegte Berufung ivnrde vom Landgericht Köln ver worfen. Mit der Motivierung, mit den inkriminierte» Artikeln nur die jüdische Rasse, nicht aber die jüdische Religionsgemeinschaft bekämpfen zu wollen, legte Tr. Ley 'Revision beim Reichsgericht ein. Ter Reichsautvalt ivar jedoch der Meinung, daß der Tatbestand vom Vorderrichter einwandfrei erkannt worden sei, und beautragte Verwerfung und Revision. Außerdem hob der Reichsanwatl hervor, daß nach der reichsgerichtticheu Judikatur die Gesamtheit der jüdi scheu Bekennlnisgemeinschast Anspruch aus gesetzlichen Schutz hätte. Ter l. Strafsenat des Reichsgerichts erkannte gemäß dem Antrag des Reichsanivaits, verwarf die Revision und bestätigte damit das vorinstanzliche Urteil. Seesen a. Harz. (Todesfall.) Llm -I. ds. Akts, verstarb hier in hohem Atter von fast 30 Jahren der Staat!. Lotterieeinnehmer .Herr Isidor Frendenberg. Tie hiesige (Keineindc vertiert in ihm eines der treuesten Mitglieder. Als Sohn eines jüdischen Lehrers hat er die fromme Tradition des Elternhauses init dem Geist des forlschrilttichen Judentums zu verbinden genurßt. In dem schönen Temvel Israel Jacobsohns hat er in dessen Geist ehrenamtlich lange Jahre hindurch noch bis vor ivenigen Monaten den Kantorendienst versehen. Sein sreundtiches, gera'des Wesen hat ihn beliebt und geschätzt in iveitesten Kreisen der hiesigen Bevölkerung gemacht, die durch die überaus zahlreiche Beteiligung an seiner Beisetzung ihre Teilnahme an denr Verlust bezeugte. Ter hiesige Kriegerverein, dessen Ehrenmitglied .Herr Frendenberg »var, begleitete ihn zur letzte» Ruhestätte, rvo Herr Rabbiner Tr. Wilhelm ihm ehrende Worte des Andenkens ividmete. Streik. < A u f l ö s n i: g der s ü d i s cki e ii Volk s f ch u l e.) Als eine Folge der Eingemeindung iin westlichen Teutschland ist die alle südliche Volksschule in Tieelc, die fast 70 Jahre bestanden hat, mit der Schule in Essen vereinigt worden. 1H61 ist die damalige Privatelemenrarichnle, die seit 1311 bestanden hatte, zur öffentlichen Volksschule umgewandelt worden. Nur drei Lehrer haben in dieser langen Zeit an der Schule geivirkl. -Von 1351 bis 1397 ivnrde sie durch Lehrer Golvberg, von >397 bis 1903 von dem früh verstorbenen Lehrer Lilienfeld und seitdem von Lehrer Katzen stein veruurltet. Tie Lehrer »varen gleichzeitig die Prediger nnd Kultusdeamken der Synagogengemeinde. Seit 1393 »var sie nübtiidu' Schule. Tie Kinderzahl hat sich auch hier iinmer vermindert, von 11 Kindern im Jahre >332 ist die Zahl aus ll gegen»värtig zurück gegangen. Ter derzeitige Lehrer der Schule ist an die israelitische Schule in Essen versetzt worden. Tilsit. tTraucrfeicrnf ü r R e ch t s a n »v a l t L e o W i l l.) Für den dahingegangeiien Rechtsamvalt Leo Will fand zunächst im Kreise der engeren Familie und der Logeuangehörigeu eine Feier int Trauerhauie statt. Am nächsten Tage fand im .Krematorium Die öfsentliche Tranerfeier statt, zu der sich eine ungeheuer große Menge von Leidtragenden cingefunden Halle. Reben einer Reihe von Ver rretern jüdischer Organisationen aus der ganzen Provinz Ostpreußen nnd aus dem Memelland bemerkte inan unter den Leidtrageuveu den Präsidenten des Landgerichts mit den Landgerichtsdirektorcn und einer Anzahl Richter, den Lberstaaisamvali, de» aust'ichtführenden AmtSgerichtsral, den Vorsitzenden des Anivaltsvcreins, Vertreter des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung soivie den Kommandeur des Reichsivasserschutzes. Nack» dem Vortrag eines Streich guartetls von Schubert würdigte Gemeinderabbiuer Tr. Lewin. Königsberg, die Verdienste des Tahingegangenen als Mensch, als lKakle, als Jude wie als Po.itiker. Für die Großloge von Teutschland im U.O.B.B. sprach deren Vizegroßpräsrdenr Arthur Cohn, Königsberg. Tie Abschiedsgrüße der Teutschen Temokratischen Partei überbrachte Handelskainmervräsidenl a. T. Kurt Jininisch. Ter stellvertretende Vorsitzende des Laudesverbandes Ostpreußen des Centralvereins deut scher Staatsbürger jüdischen (Klaubens, Apothekenbesitzer Wolfs, Bruuus borg, sprach ain Sarge namens des Hauptvorstandes und des Landesverbandes Ostpreußen. Ohne Rücksicht ans persönliche Nacl,teile habe Wilk sich jederzeit für den Gedanken vom Teutschrnin und Jndentuni eingesetzt. Ter Centralverein werde ihm ein treues Andenken be:vahren. Als letzter Redner sprach Lehrer Kahnert für das Reichsbanner Sch»varz-Rot Gold, das in dem Entschlasenen einen seiner beiten Führer verliere. Nack dem Kaödischgebet des Rabbiners sank der Sarg unter den Klängen des Postludium und unter dem Senken der Reichsbannerflagge in die Tiefe.