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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-01-08 · 2 (8.1.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
2 (8.1.1930)
Date
1930-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IlMHNmckZÄmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. S*««*rrctf durch Wt Gefchttst-steve V-Lhrtich 2tl 2*0 Muzrluummer 0.20. Del freier Zusendung L Inland OJS JA die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Barantwortl. Radatteurr Denua woyda. Ot« „Jüdisch, liberal« Zeitungerschein« jeden Mittwoch. Redaktion nnd Geschäftsstelle: Verlin %V> 11, yoüesch« »tr. 1 (fernnsf: Bergmann 3356, 3359 Postscheckkonto: Berlin TXTD 7, 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge «er mit vorheriger Genehmigung der Aedokttou gestattet. Anieigevpreise: Die I2gesvalteue RmmaraMegeU» OM Galdmark» die Leklamezeue SDb Gatd«art.dM Mederholunge« Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-Nberale Zeitung" Iuseratenabteilung: verllu STD 11. -allesche »traAr 1 (Bergmann: ZZ56-S9). sowie sämtl. Annoueeu-Lxpedmen. nv.2 Berlin. S. Januar 1930 10. Jahrgang Las Vejen jüdischer Kunst Von Dr. Ernst Lohn-Wiener Wir i'ul nehmen hie nachstehende», interessanten 'Auchuhrungen dem nenerschienenen Werl von Dr. Ernst Eohn Wiener: Die jüdische Stunft, erschienen im Pertaq Martin Watservogel, Berlin W. N. Daö mit zahlreichen Illnstratioucn versehene Werk erörtert in diesem einleitenden Kapitel die Frage nach dein Bestehen und dein Wesen einer desonderen jüdischen Knust- Wir irnndeu noch in einer anosührlichen Besveeehunt, da-,' Werk eingehend würdige». Die Red. Gibt es eine jüdische Kunst.? Man ist gewohnt, die Fräste zu verneinen. Tie eigentliche Kunstgeschichte spricht nicht von ihr, sie fehlt durchaus iu allen Handbüchern. Israel selbst, das über seine Geschichte, Literatur, Religioris- und Kulturgeschichte ganze Bibiiotheien geschrieben hat, bes'tzt eine Knnstliteratur größeren Umfangs nur über die jüdischen Künstler der Gegenwart, die sehr och nnftidisch? Künstler sind. So stolz es mit Recht auf seine geistige Leistung ist, so mißtrauisch ist es seiner innstlerischen gegenüber. Es schweigt gern von ihr. lieber die ältere jüdische Kunst ist säst nur von Nichtjuden geschrieben worden, trotzdem doch ait jüdischen Gelehrten kein Mangel ist. Offenbar schätzin wir unsere religiöse uitd geistige Vergangenheit weit höherals unsere lünstlerische und empfinden jüdische Kunst an sich als illegitim, höchstens als geduldet. Tatsächlich war eine jüdische Kirnst vom Umfang und der Bedeutung der ägyptischen oder griechischen arr sich unmöglich. Deren Kern war die bildliche Darstellung der heiligen Wesen, der Gottheiten, Heiligen, Heroen. Tie Jnterrsität des religiösen Gefühls befruchtet-' die Phantasie und schuf sich die Kunst. Auch Israel hat einmal — da» geht aus den ältesten Schichten der Bibel deutlich hervor - auf einer Kulturstufe gelebt, auf der es sich seinen Gott wie eirien Menschen tätig vorstellte, wenn auch mit ungeheuer potenzierter Kraft begabt. Es ist für jedes Volk, übrigens auch für jeden Menschen, außerordentlich schwer, sich von beit Vorstellungen loszulösen, die ihm die Umwelt vermittelt, itnb zum Glauben zu gelangen, daß es Transzendentales gibt, das nicht au die Formen der sichtbaren Welt gebunden ist. Tresen Akt der geistigen Befreiung hat Israel aber außerordentlich früh und sehr konsequent vollzogen. Es hat ihn wejtelgeführt bis zur Erkenntnis eines einzigen Gottes, der eilt völlig Geistiges ohne Materie und also unvorstellbar und undarftellbar ist. Es hat den Trennungsstrich zwischen der realen Welt und der mystischen Ueberwelt, d-e sie regiert, mit einer Schärfe gezogen, die gerade durch Israels geistige Klarheit und sein kritisches Bedürfnis nach Präzision bestimmt war. Damit steht es irr vollkommenem Gegensatz zu den meisten anderere Völkern des Altertums, besonders zu Hellas. Es ist kein Zufall, daß die Matkabäerkämpfe so blutig hart wurden. In ihnen stoßen die beiden scl'ärfsten Gegensätze zusammen, die es im Altertum gab. Denn Hellas war eine sinnliche Natiorr. Es mußte sich seinen Gott menschlich vorstellen können, auch werrn es ihn unsterblich dachte. Und es sah die Welt zu reich, um sich mit einem Gott begnügen zu können. Tie höchste Steigerung der hellenischen Gottvorstellung ist nicht der körperlose, der unbegreijbare, sondern der das Auge beglückende, schöne Gott. Hellas hat in der Zeusstatue des Phidias einen religiösen Höhepunkt gesehen, einen Gipset seiner religiöserr Intensität. In Israel verabscheute gerade die religiöse Jrrtensität die Gottdarstellring bis zum Ekel. Tic israelitische Schicht in Palästina umeifcfjeifcet sich von der kanaanitischen. die jüdische Synagoge vorn griechischen Tempel und von der mittelalterlichen Kirche sofort durch ihre kategorische Bildlosigkcit. Aber es hat trotzdem immer eine jüdische Kunst gegeben. Das 3. Verbot der zcyn Tafeln sollte eigentlich nicht di' Kunst, sondern den Götzendienst treffen. Einen anderen Anlaß, sich Bild oder Gestalt zu machen, gab es zuerst überhaupt nicht. Jede Kunst war religiöse Kunst. Aber dieses Verbot und die Ueberzeugtheit, aus der cs hervorgegangen war, haben die Kraft gehabt, eine Askese der Phantasie herbkizuführen und alles, was in Israel große Kunst hätte werden können, zur Bildlosigkcit zu zwingen. Nur ist es nngcrechr und führt u'cht an die Wurzeln des Problems, hier eine bloße Verneinung zu sehen. Es handelt sich nicht um einen Protest, wie bei den byzantinischen Ikonokiastsn oder den holländischen Bilderstürmern. Es ist vielmehr die prinzipielle Einstellung des ganzen Volkes in eine andere Richtung, mit einer Starrheit durchgeführt und festgehalten, die es in der antiken Welt völlig isoliert. Seine orrentalisch reiche Phantasie wurde vom Bild ins Wort abgedräugt, schuf Mythos und Gesetz, Kultformen, Lieder und Gebete. Alle bildende Kunst wurzelt in sinnlicher Anschanitng. Sie bedeutet die Fähigkeit, Vorstellungen bildhaft zu erleben und zum Werk zu formen. Das Abstrakte, rein Geistige ist ihr Feind, weil eine Idee nur gedacht, nicht vorgestellt und noch viel weniger abgebildet werden kann. Sie im Brlde auszndrücken, bedeutet stets einen Kompromiß. So entsteht die Allegorie, so das Symbol, das als künstlerische Form bedeutungslos lst und seinen Wert in dem Begriff hat. der hinter ihm steht. Wie das geschieht, zeigt am deutlichsten die Entwicklung der Kurrst Mesopotamiens, das für Israel das Schicksalsland war. Solange sie noch rm Zusammenhang mit der Natur ist, ihre Bildwerke Erzählungen, ihre Gottheiten Naturgötter sirrd, also bis zum Ende Asiurs, ist auch die Kunst phantasievoll und lebendig. Unter den Persern dagegen herrscht die Ahuramazda-Religion mit dem ausgesprochen erhischen Grundgedanlen des abstrakten Gegensatzes vor, Gut und Böse, Licht und Finsternis, und so wird Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum am 1. u. 2. Februar in Breslau (Näheres Beilage Seite 1) die Kunfl „edler tz ihre Formen idealer, aber zugleich, ganz erftndungsarm. Es bleiben wenig Typen und 'ganz leec? Gesichter. Je abstrakter die religiösen Begriffe werden, je tiefer der Sinn des Kunstwerks, um so konventioneller mutz es werden, weit rs um so mehr auderrterr muß, wo es gestalten möchte. Konsequent wäre eS, danrr auf das Bildwert überhaupt zu verzichten und nur die Dichtung zrr dulden, die dem rein Geistigen wirklich adäquat ist. Genair das hat Israel gewollt. Daß es kein Abbild gestattet, erweist die völlige Geistigkeit und Seelenreinheit seiner Religiosität. Und das geschieht auf einer Kulturstufe, aus der der Aegypter ben Menschen durch seine Statue nicht nur verkörpert, sondern beide buchstäblich miteinander idcrrtisiziert. Malerei und Plastik waren damit in Israel allerdings unmöglich geworden. Es mußte auf sie verzichten, daririt das alte Testament ars Lehre, wie als Dichtwerk möglich war. Es gab also keinen jüdischen Knustwillen aber es gab immer eine jüdische Kunst. Das klingt paradox und ist doch für unsere Zeit, die um das Triebhafte in der Kunst weiß, eine klare Selbstverständlichkeit. Kunst kann nicht getvollt, kann auch nicht verboten werden. Sie entsteht '.nit dcnt Zelt des Nomaden und dem Krug des Hirten. Sie lebt in jeder Form, die gestaltet wird, sei es zu weichem Zweck auch/ immer. Denn es ist falsch, unter Kunst nur die Weile persönlichen Schöpferwillens, die Werke der Michelangelo und Raftael, Dürer und Rembraudt zu verstehen. Diese Anschauung entsteht erst mit dem Erwachen des Individualismus, mit der sogen. Renaissance. Sir entsteht mit der Eltelkeit, die aus jedes Bild, jedes Skizzenblatt die Signatur eines nicht immer wertvollen Namens setzt. D«'r Mensch der Frühzeit formt ein Gerät, um einen Zweck zu erfüllen. Zwecklose Kunst, l'au pvnr Bart, kennt er nicht. Jedes Werk dient, und et schafft es, damit es diene. Es war deshalb nicht häßilicher als später, es war nur schlichter, war oft üarer. schöner. Das Gottbild wird als Kuluibjeü oder zu magischen Zwecken geformt. Oft ist es keine Gestalt, sondern ein bloßer Fetisch. Niemals aber wirkte der Ehrgeiz von Menschen, die mit einem Werk sich meinten, statt der Sache. Auch die Götterbilder Kanaans, die Astarterr, primitive Tonfigürchen, die sich massenhaft bei den Ausgrabungen fanden, waren nicht als Kunstwerke geschaffen, sondern als Amulette. Aber Israel zieht hier eine Scheidungstinie. Es verbietet strikt jedes Gottbilb, weil es den großen Gedanken der Gottheit verschleiert und trübt. Schon die bloße Vorstellung von Gott, der Gedanke, daß sie möglich sei, nimmt ihm etwas von seiner Erhabenheit. Israels Phantasie war also nicht sinnlich gerichtet, sondern intellektuell und seelisch. Aber tätig war sie trotzdem in der Atmosphäre des Unbewußten, wie jede Phantasie, und suchte immer wieder Auswege. Wo sich ein Weg öffnete, brach fic immer wieder durch und wurde schöpferisch. Tenn Bildlosigkcit bedeutet nicht Gestaltlosigkeit. Und so hat es zu allen Zeiten jüdische Kunst gegeben, wenn wir das Wort in dem weiten Sinne alles Gestaltens durch Formung nehmen, der allein zu recht besteht. Baukunst nnb Kunstgewerbe wurden von dem Verbot übeihaupt nicht betroffen. Sie hat es zu allen Zeiten in Israel gegeben. Die Zwechorderungen des Gottesdienstes und des Hauses an Bau und Gerät wurden immer erfüllt und beschäftigten die bildnerische Phantasie. Das Problem war das des Schmuckes. Und da überrascht der Unterschied in der Auffassung der jüdischen Königszeit gegenüber allen spätererr Jahrhunderten. Man sollte erwarten, daß die biblische Zeit die strengste gewesen wäre und es ist genau das Gegenteil der Fall. Der Tempel Salomos duldet im innersten Heiligtum eine Schmuckweise, dämonische und tierische Gest alten, die schlechtweg heidnisch waren. Offenbar steht das Israel dieser Zeit kulturell seiner heidnischen Umgebung noch nahe. Nur sein Gottesbegriff ist bildlos - damals schon eine sehr bedeutungsvolle Besonderheit, die ja auch der Grund für das Bilderverbot war. Erst . im Laus der Jahrhunderte manche, je stärker die Religion als Ganzes ins Abstrakte rückte, vor allem seitdem ihr konkreter Mittelpunkt, der Tempel von Jerusalem, verloren ging, der Gedanke so vertieft, daß das Bildwerk überhaupt als heidttisch galt. Sicher wirkte zu dieser Verschärfung die Absicht mit, die nationalett Grenzen des Judentums gegenüber der Umwelt auch iu der geistigen Sphäre bestimmter zu ziehen, derr innereu Gegensatz auch äußerlich zur Erscheinung zu bringen. Das heißt aber immernoch nicht, daß jedes Bildwerk unmöglich war. Ornamentalen Schmuck au Bauten und Grüften, figürliches Kunstgewcrbe, Malerei in Büchern hat es immer gegeben. Iofephus hat den Grundsatz, der bestimmend war, eittmal ganz klar ausgesprochen: Es wird in Israel keine Freiplastik und nichts Figürliches an heiligen Tittgen geduldet. So waren Relreiplastit und Schmuckmaterei erlaubt, soweit sie sich nicht in der Nähe des heiligsten oder an ihm befanden. Dieser Grundsatz 'konnte verschiedeit ausgetegt werden. Tie Schrankeu für die Kunst waren nicht sehr fest. Aber nur sehr strenge Gesetzeslehrer forderten völlige Schmucklosigkeit, fast immer war sogar die Synagoge reich geschmückt, drang der Schmuck bis zu ben Türen des Thoraschreins und zur Binde um die Rotte. In dtn Häusern, in Handschriften und Geräten gab es zu allen Zeiten für den schöpferisch Begabten Aufgaben, die jeder Leistung würdig waren. Im allgemeinen kann mau sagen, daß das Judentum dem ornamentalen Schmuck gegenüber nicht engherziger mar, als der Islam und dem figürlichen gegenüber sogar nachsichtiger. Aber wie alle Kunst, war auch die jüdische das Werk der eigenen Seele. Das Schicksal Israels nach dem Verlust der Selbständigkeit gönnte ihm höchstens in den ersten Jahrhunderten Freiheit und Lebensfreude. Tann begann ein Truck, der immer stärker wurde, Furcht und innere Unfreiheit gebar. Tie fr^ie Schöpferkraft, die der Phantasie das Letzte abringt, tonnte im Ghetto nicht gedeihen. Der Mensch vcrgrübelte. Es läßt sich verfolgen, wie von Jahrhundert zu Jahrhundert der Umkreis des Schaffens immer enger wird. Erst die Gegenwart hat diese inneren Fesseln gesprengt, als die äußeren sielen. Und danrit erklärt sich auch das. was die füoische Knust zu ihrem Nachteil von der aller anderen Völker unterscheidet. auf religiösem und gemeindepolitischem Gebiet steht unsere Vereinigung im jetzt begonnenen Jahre ]rV(l, aber ihre Durchführung ist nur möglich, wenn alle unsere Gesinnungsfreunde uns die dafür erforderlichen Mittel zur V erfügung stellen. Wir veröffentlichen fortlaufend die Namen derer, die dem {«Hilfsfonds des liberalen Judentums“ Spenden überwiesen haben. - Alle, die ihren Sonderbeitrag noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich Mk. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.“ Berlin Nr. K’GOiM zu uberweisen. Jeder Hinzeine muss durch einen Beitrag zeigen, dass er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle« der Vermögende mehr, der andere weniger, und gebt schnell!^ vereint» dir das literale Judentum E.V.

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