Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 52 (25.12.1929)
- Date
- 1929-12-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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rnih'rft. Tw Mävcheit sollen durch das gemeinsame Leben mit ihren Altcrsgcnossinnen uird mit den Bewohnerinnen des Beate Gull mann-Heims, sür deren Wohl sie zu sorgen haben, lernen, sich der jüdischen Gemciniischasl einzusügen. Unsere Anstalt erstrebt, mie der Prospekt zeigt, die behördliche Anerkennung der Abschlußprüfung als Hausgehilfin. Außerdem soll erreicht werden, das Schuljahr der HaushabtungSschule als praktisches Jahr sür alle höheren Be rufe zur Anrechnung zu bringen, die eine Hauswirtschaft liche Ausbildung erlangen. Tie Schule gibt Gelegenheit zur Vorbereitung sür das eigene Heim durch Eiuzclkurse im Loche» und in Hauswirtschaft. .Heim und Schule werden streng rituell geführt werde». Zu jeder näheren Auskunft ist das Kuratorium gern bereit. Anfragen sind zu richten an Frau Sternberg, Breslau, Lindenallee 6. Dauzig. (O e f s e N l l i ch e Vorträge in der Haupt - s y u a g o g c.) Auf Anregung des Gemeinderabbiiicr-s Tr. Grün haben die hiesige» Gemeindelötperschnften beschlossen, in der Haupt' syuagoge öffentliche Vorträge über Sinn und Wesen des Judentums halten zu lassen. Ter erste Vortrag sindel am 15. Januar statt. Es spricht Rabbiner Tr. Grün über „Tie Religion der Propheten". Halle a. d. S. (Neuer jüdischer Friedhof.) Nordöftlich des halleschcn blertrandensriedhoses an der Bölckestraße erhebt sich der neue Bau der jüdischen Friedhosshalle, vom Architekten Wilhelm Haller aus Leipzig errichtet. Tie feierliche Einiveihutig des neuen Friedhofes, zu der neben den Genicindeniitgiiedern Vkrlreter der Behörden und Kirchen erschienen waren, fand am Bußtage statt. Nach der Schlüsselübergabe des Architetten an Herrn Mainzer, deir ersten Vorsteher, übernahm dieser mit einer kurzen Ansprache de» neuen Friedhof in Obhut. Tarnach hielt Herr Rabbiner Tr. Äahtberg die tief zu Herzen gehende Weihcrede. Er sprach im Anschluß an die Friedhofsinschriften über den Sinn dc-s Lebens, der uns im ,..Hause des Lebens" erst recht ausginge. Orgelspiel und besang umrahmtet» die überaus ivürdige Feier, die einen nachhaltigen Eindruck bei alten Antvesruden hinterließ. Airs Anlaß der Weihe hat der Vorstand eine Festschrift herausgegeben, i» der eiuzelue Mitglieder des Bor standcs über das Friedhofsweie» und andere Verioallnngszlveige sprechen, ivährend ein Leipziger Archilekt den Bau eingehend ivnrdigi. Leipzig, (G e m e i n d e s l tz u » g.) Am 19. b. Mts. fand eine tKemeindesitzung statt. Ter Vorsitzende teilte zunächst mit, daß gemäß einem in einer nichtöffentlichen Geineindesitziing gefaßten Beschluß Herr Chaim Eitingon gelegentlich seines 70. Gebiinslages ivegen feiner Verdienste um die Gemeinde und um das Jndeninm zun, Ehrenmitglied der Gemeinde ernannt worden sei. tteber die höchste Ehrung, die die Gemeinnde zu vergeben hat, ist dem Jubilar eine Ehrenurkunde überreich! worden. - Nach Eintritt in die Tages ordnung wird über die Feststellung des Steuersatzes für das Jahr 102!) gesprochen. Ter Finanzdezernent berichtete über die 'fahlen der Steuerallfkommen und teilte mit, daß das Sreuersvll der Ver aulagten für die Neichseinkommensteuer von 1926 RM. 6,5, Mil lionen beträgt. An Gemeiiideanlagen sür 102!) seien rund RM. i»O0 000,— auszubringe», Inas einem Steuersatz von 12 "n eiilsptäche. Im Jahre 1026 haben MOD Steuerzahler RM. 588 000,—■ anszu bringen gehabt. Von dieser Summe zahlten 600 Veranlagte RM. .011 000,—, während die restlichen RM. 77 000,-- auf 2600 Steuerzahler entfielen. In der entscheidenden Sitzung des Finanzausschusses, die sich mit den Vorarbeiten für die Festsetzung des Steuersatzes beschäftigte, hätten die Vertreter der Jüdischen Volkspartei gefehlt. Ties sei umso bedauerlicher, als gerade diese sür eine Herabsetzung des Steuersatzes stets eingetreten seien, was aber nach Lage der Tinge unmöglich ist. Ter Vorsitzende betonte, daß die Aussichten für di? Zukunft recht trübe seien. Ter Vorstand könne es nicht verantworten, eine Ermäßigung des Steuersatzes vorzuschlagen. Na inens des Vorstandes beantrage er eine Festsetzung aus 12 »o. Ein Vertreter der liberalen Fraktion erklärte, daß man zwar die Absicht hatte, den Steuersatz auf 10 "d zu ermäßigen. Man habe aber etugesehcn, daß es angesichts der augenblicklichen Lage unmöglich sei, damit auszukomme». Im Namen seiner Fraktion unterstütze er den Antrag des Vorstandes. Ter Vertreter der Jüdischen Volks- Partei stellte sich auf den Standpunkt, daß 10 genügen müßten. Man möge die hohen Losten sür die Verwaltung und die Fürsorge abbaucu. Wegen des bestehenden Wahiunrrchts gingen keinerlei nam hafte Spenden ein, die das Slencrauflommen entlasten könnten. In, Aufträge feiner Fraktion beantrage er, den Steuersatz auf 10 ';>j zu ermäßigen. Ter Vertreter der Poale Zion war im Gegensatz dazu der Meinung, daß man das Wahlrecht nicht mit dem Steuersatz verknüpfen tonne. Wenn man mit 10 11 n nicht nustvmme, müssen 12 o'o festgesetzt werden. Ein Vertreter der liberalen Fraktion behauptete, daß im Fernbleiben der Vertreter der Jüdischen Volkspartei von der entscheidenden Sitzung des Finanzausschusses System liege, um sich der Verantwortung zu entziehen. Auf Antrag der Fraktion der Jüdischen Volkspartei sei seinerzeit eine Spar kommission eingesetzt worden, die aber bis setzt nichts erreicht habe. Man habe eine Aktion zur Beschaffung freiwilliger Spenden ange regt, es sei aber kein Geld eiiigcgangen. In erster Linie hätten diejenigen die Pflicht, Spenden zu überweisen, die große Geschäfte im Auslande hatten und hier nur zu einer niedrigen Steuer veranlagt würden. Atich er unterstützt den Antrag, den Steuersatz auf 12 dp festznsetzcn. Tagegen betonte der Vertreter der Jüdischen Volkspartei, daß man in Berti» unter den jetzigen Verhältnissen nur 10 o-o nehme und mit diesem Satz noch Ucbcrschüsse erzielt habe. Der Vorsitzenoe erwidert ihm daraus, daß vor dem jetzigen Regime die liberalen Vertreter in Berlin Werte geschaffen haben, wovon die (Mcmeiubr noch zehre. Tiefe Werte haben lange vor der Herrschaft der Volkspartei bestanden. In feiner Antwort hierauf gab der Vertreter der Volkspartei zu verstehen, daß er diese Werte anerkenne, aber die letzten ztvei Jahre in Berlin hätten gezeigt, das; man auch bei einem niedrige.i Steuersatz Werte schaffen könne. Ein Mitglied des Vorstandes betonte, daß cs sich hier nur darum handele, die im Haushalkplan bewilligten Ausgaben zu decken. .Hierzu sei aber eine Festsetzung des Steuersatzes auf 12 »t, erforderlich. Tcr Antrag des Vorstandes ivnrde schließlich gegen 3 Stimmen an genommen. — Ter Gemeinde verorduete Stein hat in einem Schrei beit um Enthebung von seinem Amte gebeten. Ein Vertreter der liberalen Fraktioti beantragt, inan möge beschließen, .Herrn Stein zu bitten, daß er sein Amt behilte, da er, wenn er auch nicht seiner, sondern der orthodoxen Partei angehöre, stets die Interessen der Gemeinde in bester Weise vertreten habe. Nach inrzer Aussprache wird der Antrag gegen 1 Stimme attgeuommen. — Aus Antrag des Vereins Ohel Jacob »vurdc beschlossen, die Tilgung der ihr getvährten Hypothek auf 1 Jahr zu stunden. — Der Vertreter der Poale Zion führte darüber Beschwerde, daß es seiner Partei verweigert worden sei, ein von ihr herausgezebenes Flugblatt dem Ge meiudeblatt bciztitegc:'.. Ter Vorsitzende ertvidert, daß die Entscheidung hierüber tticht dem Gemcittdevorstand zugestandeit habe, sondern einzig und allein dem Gemcindeblaltausschuß. Das in der Ver sammlung anwesende Mitglied dcs Gent.'it'.deb.attausschnsses stellte fest, daß das Flugblatt viel zu spät zur Vorzensur cingereicht worden fei. Sachlich habe es aber derartige ^Angriffe gegen die übrigen Parteien enthalten, daß man es unmöglich verantworten konnte, den Mitgliedern der Gemeinde mit dem Gcmeindcbiatt zuzustellett. Ti? Schtr'd an dieser Angelegenheit falle allein aus die Poale Zion zurück. Nach Verlesung eines Berichtes des Schristleicers des Ge m-eindeblottcs über den .Hergang der Sache entgegnete der Vertreter tzcr Poale Zion, daß in dem Flugblatt keine beleidigenden Stellen entha.-e!'. feien. Er beantragte, zufatnmen mit ihm einen dreigliedrigen Ausschuß einzusetzett, um den Inhal! des Flugblattes Punkt für Punkt dnrchzusprechen. Durch das Verbot der Beilcguttg ln seine Partei bei der Wahl um ein Mandat gebracht worden. Ter Antrag wird gegen 2 Stimmen abgclehnt. Lever». (Todesfall.) In Münster entschlief im Alter von 84 Jahren der frühere Vorsteher hiesiger Gemeinde Alex Löwen stein. Wie sein Vater, dem die Gründung der Gemeinde und die Erbauutm w Synagoge zu verdanken ist, so hat auch der Entschlafene - lter hindurch die Interessen der Gemeinde mit großer ■: und unermüdlicher Hingabe vertreten. Die Nach zgang oes allgemein geachteten Manneshat daher liefe Teilnahme geweckt; ein ehrendes Gcdeitken bleib! ihm über das Grab hinaus bet allen, sie sein, gemeinnütziges Wirken zu schätzen wußten, gesichert. Myinz. Wissenschaftlicher Kursus der Rabbiner der süddeutschen Landesverbände.) Ter wissenschaftliche Kursus der Rabbiner der süddeutschen Landesverbände, welcher vor einigen Jahren auf Anregung der israelitischen L-andesorganisation Badens ins Leben trat und bisher in Karlsruhe und Nürnberg geragt hat, fand sich in diesem Jahre auf Einladung des hrsfischen Landcsverkmndes in Mainz zusammen. Dieser Kursus, der unter der Leitung des .Herrn Rabbiners Tr. S. Lcvy-Mainz stand, wurde am Sonntag, den 15. Dezember d. Js., abends, in den Räumett des Mainzer Gemeindehauses eröffnet, wobei er vom Borsitzeuden des Landesverbandes der israelitischen Religiottsgemeindcn Hessens, Herrtt Kommerzienrat B. A. Mayer, von Herrn Kommerzienrat Kronenbcrger im Aufträge der israelitischen Rcligioitsgcmcmde Mainz ttnd von Herrn Henry Meyer im Aufträge der Rhenusloge Mainz begrüßt »vurdc. An dem Kursus beteiligten sich zahlreiche Rabbiner der vser süddrutscheu Landesverbände Baden, Bayern, Hessen und Württemberg, außerdem hatten sich Rabbiner aus benachbarten Ge meinden des preußischen Gebietes, wie Frankfurt, Kreuznach und Wiesbaden, cingefundcn. Am Montag, den 16. Dezember, hielt zunächst .Herr Professor Dr. Schmicdtgcn, Direktor des Nalurhistorischcn Museums Mainz, eine Vorlesung über das Thema „Vom Werden des Bodens und des Menschett am Mittelrhein" und an schließend hieran Herr Universitätsprofessor Tr. I. Horovih Frantfnrt a. M. über das Thema „Tic neuesten Ausgrabmtgen in Babylonien und Palästina". Sowohl an den ersten, paläontologischen, tvie an den zweiten, archäologischen, Vortrag knüpfte sich eine rege Aus spräche. Ten Montag Nachmittag benutzte» zahlreiche Tcilitehmer zur Besichtigung des jüdischen Teiikmalsricdhofs in Maiixz oder der Altertümer der nahen Geineinde Worms. Am Dienstag, den 17. Dezember, früh, referierte Herr Rabbiner Tr. S. Levi-Mainz über „Krisis in der Predigt". Auch dieses Referat gab zu einer regen Aussprache Anlaß. Tie anschließende Vorlesung des Herrit Universi lätSprofeisor Tr. phit. et med. Erich Stern, Vorsteher des Mainzer Instituts für Psychologie und Jugendktttide, über „Tic neueren Strömungen in der Psychologie der Seelsorge" fand so starke Beachtung, daß der Beschluß gefaßt »vurdc, sie durch Drucklegung weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Ebenso soll der religionsgesetzliche Vortrag des Herrn Tr. Bialoblotzki, Lektor an der hessischen Landesiniivcrsität Gießen, über „Die Beziehunge» des Juden tnins zu Prosciyten und Proselytenrum", der daS einschlägige Material unifassend und gründlich behandelte, dem Truck übergeben Uh’vbctt. Tiefer ivissenichastliche K ursus wurde von verschiedeucn Seiten als eine zeitgemäße Fortsetzung der im früheit Mittelalter wiederholl in Mainz zuiantmeiigelreieiiet, Rabbinersyiiodei, bewertet. Tie Mainzer Gemeinde und Mainzer jüdischen Vereine übten, in berechtigte»» Stolz aus diese Tagung, den rabbinischen (Kästen gegenüber ihre oft bewährte Gastfreundschaft. Ter nächstjährige wissenschaftliche Kur sns soll in einer würtlembergische» Gemeinde abgehalten iverden. Mainz. (T a g u n g des Süd tu e st beut s ch c n Rabbi n e r v e r b u n d e s.) Tie Mitglieder des Südwestdeulscheu Rabbiner - Verbandes trafen sich am Sonntag, den 15. Dezember, zu ihrer dritten Jahresversammlung in Mainz. Anstelle des erkrankten ersten Vorsitzenden, Pinkus Heidelberg, begrüßten Rabbiner Dr. Seligmann-- Frantfurt a. M. und Lcvy-Mainz die Erschienenen. In» Mittelpunkt der Verhandlungen stand das Referat von Rabbiner Dr. Lazarus-Frankfurt. Es >var betitelt: „Ist Religion lehrbar?" Der Vortragende wies ans die vor kurzem erschienene Schrift von Rabbiner Dr. Eini! Schorsch-Hannover über „Die Lehrbarkeit der Religion" hin, hob ihren hohen wissenschaftlichen Wert und ihre große Bedeutung für den Religionsunterricht, zumal auf der Oberstufc höherer Lehranstalten, hervor und machte einige zusätzliche und kritische Bemerkuttgcn zu den von Schorsch gegebenen wesentlich theoretischen Ausführungen. Des weiteren behandelte der Vortragende eine Reihe von praktischen Fragen des Religionsunterrichtes. Er betonte, daß in den letzten Jahren auch in Preußen nach dem Vorgang fast aller übrigen Bundesstaaten der jüdische Religionsunterricht dem der christlichen Bekenntnisse gleichgestellt und als Kernfach dem allgemeinen Unterrichtsplan eingegliedert worden ist. Dieser äußeren Erleichterung stehen aber eine Fülle von inneren Schwierigkeiten gegenüber, die sich auf die Eigenarten der Schüicrschaft und auf mangelnde Ausbildung der in Betracht kommenden Lehrpersoneii beziehen, wie denn auch die jüdische religions-pädagogische Literatur nur wenige wertvolle Leistungen anfzuwcisen hat. Dementsprechend sind auch, von Austtahmen abgesehen, die Erfolge des jüdischen Religionsunterrtchlcs, zumal auf der so wichtigen Oberstufe höherer Lehranstalten. Der Berichterstatter erklärt, daß cs Sache des „Rabbinerverbandes in Deutschland" ist, sich um die Bessenmg dieser Zustände dringlichst zu bemühen, und beantragt die Einsetzung eines ständigen rcligions pädagogischen Ausschusses beim „Rabbiner vervand in Deutschland" zu eibiiteu. Ter Antrag wird einstimmig angeitommcn. Att den Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache an. Rabbiner Dr. Freudentha: Nürnberg überbrachte die Grüße der Bayrischen Rabbinertonferenz, während Rabbiner Dr. Baeck telegraphisch die Wünsche des Allgemeineii Rabbinervcrbandcs übermittelt hatte. Nach dem Schlußwort des Referenten sowie einigen vertraulichen Mitteilungen erfolgte die Neuwahl. Zun» 1. Vorsitzenden tvurbe Lcvü- Mainz, zum 2. Vorsitzendeit Lazarus-Wiesbaden und zum Schriftführer Bienheim-Darmstadt bestimmt. Nach den Verhandlungen fand eine Führung durch das Gemeinde-- Haus (Museum, Bibliothek Salfetds, Synagoge) statt. Am Abend waren die Mitglieder gemütlich beisammen mit den Teilnehmer n der wissenschaftlichen Kurse sür die Rabbiner der Süddeutschen Landesverbände, wobei die gastfreundliche Aufnahme durch die Gemeinde Mainz besonders erwähnt zu werden verdient. Obernkirchen. (T o d e s f a l l.) Der langjährige Vorsteher unserer Gemeinde, Meyer Adler, ist nach kurzer Krankheit vo>» uns geschieden. Fast ein Vierteljahrhundert stand er an dar Spitze der Gemeinde, deren Interessen er mit Umsicht und regem Eifer vertrat. Das große Trauergefolge, das ihm die letzte Ehre erwies, zeugte von der allgemeinen Beliebtheit und Wertschätzung, die dem Verstorbener! entgegengebracht wurde. Lehrer v. d. Walde entwarf an seiner Bahre ein Lebensbild des Entschlafenen und hob sem< Verdienste um das Gemeindetvoh! mit Worten bam'fcaveu Geben'.ms Wvrins. (I ü bisch t G r a b st e i n e n ( s B a ti tu a t? r i a l.) In der ,,Wor:nser Zeitung" beschreibt?ldo!s Tschiriier eine!, nute» irdischen Gang in WorinS, der feinen Anfang unter dem ulte» israelitischen Friedhose hat. Sei» Eingang ist von. der Alzeyec Brücke aus sichtbar. Er ist!H Meter lang und gut erhalten. Der Babe» ist geglättet und wie so vielfach in Worms find auch hier sehr alte Grabsteine, und zivar jüdische, veriveudct worden. S. Rothschild schreibt der „Frankfurter Zeitung", daß vor tmgefähr 20 Jahren in Hochheini, einem Vorort von Worms, im Hose eines dortigen Bürgers ein großer jüdischer Grabstein mit gnterhariener großer Inschrift bei der Umpslastcrung des Stalles gesunden ivurde. Im Jahre 1911 wurde der neue jüdische Friedhof in Main; geweiht. Die Stadt hatte sich zu einem grvsteit Brihrage verpsiichlei unter der Bedingung, daß das nttausehnliche Wärterhaus des Litten Friedhofes verschwinde. Beim Abbruch d-es .Häusck>ens fand matt nicht weniger als 18 Grabsteine aus dem 13. und 14. . Jahrhundert, die in dem Hause Verivendung gefuitden hatten und die jetzt am Eingang des Friedhofs eingemaueri sind. * Aus der Bewegung * Berlin. (Eröffnunasgottesbicnst bet liberalen Synagoge „O fte n".) Der Eröffn";ssgottesdimst der liberalerr Synagoge „Osten" gestaltete fich zu einer machtvollen Kundgebung für den liberalen Gedanken im Schoße der' Berliner J-HetGest 'f fer. Huiidertc von Glaubensgenossen füllten den geräuntigen Festsaal der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde säst bis auf beu letzten Platz. Die in den vier in der „Liberalen Synagoge" zusammengeschlossenen Gemeinden durchg-eführte Aufhebung der Geschlechtertrennuug wirkte sich auch in dieser neuen Andachtsstätte aufs vorteilhafteste aus; auch andere liberale Forderungen — einmaliger Kaddisch nach vorangehendem freien Borspruch des Rabbiners; Beschränkung des „Sch'ma" auf den ersten Abschnitt, ebenso der Psalmen auf „Mismaur schir"; „Kiddusch" der Gemeinde zu gewendet — finden hier ihre allseitig freudig begrüßte Erfüllung. Alles Schablonenmäßige wird vermieden; der Individualität des Rabbiners wird voller Spielraum gelassen. Demzufolge herrscht bei diesen »oeihevollen Gottesdiensten eine herzerfrenende Andacht: hier wird wahrhaft gebet e^ , weil das formelhafte Lippe n w e r k zum inneren E r l e b n i s >v i r d! Kein Wunder, daß die Auda-chtsstätten dieser vier Gemeinden zum Teil von solchen Juden regelmäßig besucht werden, die der erstarrte Ritus der Orthodoxie abstieß und die nun eine »vahrhaste Heimat des Herzens ge funden haben. Wenn irgendwo, dann hat hier der liberale Gedanke Leben gewonnen. Der Festgottesdienst begann mil dem feierlichen Eiitzuge der Thorarollen, während der wohlgeschulte Chor unter her trefflichen Leitung des Dirigenten Martin Epstein die .Hymne „Sf'u fcheorim rofchechcm" von Lelvandowski saug. Tie übrige Liturgie lag in bett bewährten .Händen des Oberkantors Wilhelm Fried mann. Rabbiner Tr. Salomonsti hielt eine nach Inhalt und Form vollendete Festpredigt unter Anlehnung an das Wort des Wochcnabschnitts „Ich entlasse Dich nicht, Du segnest mich denn". Er tvies auf'die schwere Aufgabe hin, welche den Mitgliedern diese» neuen Gctneinde obliegt: zu ringen um Gott und mit Gott: danti aber werde ihr Lohn die Erkenntnis des persönlichen Gottes sein. Hierzu sei die Kenntnis der voit Gott geoffenbarten Thora unerläßlich. Am Schluß betete der Rabbiner (deutsch) deit 40. Psalnt, der sich gedanklich in Sidra und Predigt eingliederte. Die Feier, ö. h. der erweiterte Freitagabendgottesdienst, »nachte einen tiefen Eindruck auf die Lluwesenden, unter denen wir beu Präsidenten des Landesverbaitdes, Kammergerichtsrat Leo Wotsf, die Repräseittanten Moritz R o s e n t h a l, Dr. G u t t m a n tt, E in i i Pinr u s , Tr. London, E h r e n r e i ch , den verdienst - vollen Begründer der vier Gemeindet», Sentinaroberlchrcr Faikenberg, seine (tzallin, die Repräsentantin Frau Martha Falkenbcrg, Oberstudicnrat Prof. Dr. Schäfer, vvi» den Schwestergetneinden Tr. G a ch und Tr. Earo bemerkten. E. W. Berlin. (Liberaler Verein für d i e A n g e l e g e n h e i - ten der Jüdischen G c m e i n d e zu B e r l i n E. B., B e - z i r k s g r u p p e N e u t ö l l tt.) Am Tienstag, den 17. Dezember 1929, veranstaltete die Bezirksgruppe Neukölln des Liberalen Vereins im Vereinszimmer des Cafe Llschingcr, .Hasenhcidc 61 62, einen Ausspracheabend über die sozialen Einrichtungeit der Jüdischen mcitibc. .Herr und Frau R»ß, deren Wirket» im Neuköllner Bezirk in sozialer Beziehung vorbildlich ist, hatten liebenswürdigerweise die Eingeladenen als ihre Gäste betrachtet. Herr Tr. med. Fteifchec, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, erössnete die Aussprache mit einem sehr intcressanlen Referat, das den Anwesenden einen Einblick in die Arbeit der Jüdischen Gemeinde in sozialer Beziehung gab. Ter Referent hob hervor, daß es ein besonderes Verdienst des Leiters des Wohlfahrtsamtes, Herrn Easpary, wäre, daß daS Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinoe als eine Hilsstvohlsahrt anzusehen ist. Als solche teilt man sie in zwei Gruppen. Die eine befaßt sich mit der Zurückführung der Hilfsbedürftigen in Berufe, die andere brittgt Notleidenden Unterstützung und Hilfe je nach der Art des vorliegendett Falles. Die Arbeit der Wohlfahrt erstreckt sich aber auch noch auf andere Gebiete. So ivird;. Bein ganz besonderes AugenmerS auf Mischehen gerichtet. Man will die Kinder aus solchen Ehunbedingt dem Judentum erhalten. Lluch für die jüdischeit Student hat das Wohlfahrtsamt insofern gesorgt, als man eine mcnsa aeadem eingerichtet hat. So sehr das Wohlfahrtsamt bemüht ist, allen gerecht zu werden und überall zu helfen, wo .Hilfe not tut, fo bleibt auf verschiedenen Gebieten viel zu tvügschen übrig. Es gibt z. B. nur vier Gcmeittoen schwestern. Hier müßte in erster Linie Abhilfe geschaffen tverden. Dann loill man ein früheres Mädchcnherm in Pankow als Asyl sür Obdachlose umbauen. Daß die Lage Pankows nicht gerade für ein Obdachlosenasyl geeignet ist, ist klar. Der Jüdische Arbeitsnachweis hat keinen leichten Stand. Im Jahre 1928 tvaren 4600 Arbeitslose aus dein Nachweis. So zählte der Referent noch eine Reihe von Wohlfahrtseinrichtungen auf, die mehr oder minder noch der Verbesserung bedürfen, die aber alle ihr möglichstes lun, um den Anforderungen, die an sie gestellt werben, nachzukommen. Tie lebhafte Diskussion, die sich daran auknüpste, zeigte, »velches Interesse dieses Thema bei den Zuhörern gefunden hatte. An der Aussprache beteiligten sich die Herren Heinrich Roß, Louis Wolfs, Dr. Reinsberg. Hermann MÄter, Rabbiner Tr. Kantorotvsky mtb Heiser. Breslau. (Jet L i b e r a l i s m u s in» Gemeindet e b c tt.) Am Montag, den 16. Dezember, fand in der Lcfsingloge die erste Abettdvcrsammlung des Liberalen Vereins der Synagogengemeindc statt. Referent war R»v. Erich Spitz; das Thema lautete: „Der Liberalismus im Ge me inbe le be tt", Trotz denkbar ungünstigen Wetters >var der Besuch ein sehr zahlreicher; viele Gäste, die unserer Bcivegung tticht parteiofsiziell angehörcn, waren, erschienen. Die Bersammlmlg nahm einen vorbildlichen Verlauf. Das lag in erster Linie an dem Redner und feiner 2lrt zu!sprechen. Das den meisten durch ihre Parteizugehörigkeit gewohnte Thema getvann durch seine Behandlung für alle so viel nettes Interesse, daß die ganze Zuhörerschaft bis zum Schluß des Vortrags mit voller Spannung bei der Sache >oar. Rw. S p i tz zeigte die heutigen H'auptaufgaben des Liberalismus in 3 Abschnitte». 1. Gottesdienste an >v e r k f r e i e n Tagen.. Tic soziologische Umstellung der jüdischen Menge von der früheren Selbständigkeit zur Angestelltenschaft schreite immer weiter fort. Gerade diese Kreise hättet» öas Rech!, hin und iviedcr cintna! einen mobertten Gottesdienst besuchen zu können, »veil ihnen am Sabbat dazu die tvirtschaftliche Freiheit selile. Daß die in Breslau geschafscnq Einrichtuttg eine Notwendigkeit sei, bewiese deren sehr zahlreicher Besuch. Eine Abschaffung des Sabbats bczw. dessen Verlegung auf den Sonntag sei aus keilten Fall beabsichtigt und auch völlig unmöglich. 2. Sozia'.? Wohlfahrtspflege. Lluch auf diese lönne Breslau trotz der gerade hier großen Ansprüche -mit einem gewissen Stolz blicken. I. F ü r s o r g c für die I u g e n d. Breslau zeigt mit dem Anfang 1930 zu eröffuendcn Jugendheim ein nachahmenswertes Beispiel. Die jüdische P c o f a n - Sch u l e lehne der Liberalismus ab U!w betvillige nur die Mittel zum Religionsunterricht an ihr, solange nicht durch eit» staatliches Schulgesetz ein Zwang vorliege. Die jüdische Schule sondere die jüdische Jugend von der Umwelt ob und bedeute daher kein Glück. Der Breslauer Gemeindeliberalis»-- mus dürfe wohl sagen, daß unter seiner Majorität nichts versäumt sei, was jüdisches Leben fördern könne. — Dem Redner dankte für feine Ausführungen lauter und tvirklich von Herzen kommender Beifall. Es folgte eine sehr anregende Diskussion: in dieser erhob sich leine eiitzige Stimme gegen die Sountagsgottesdienste Nur ein Diskussionsredner trat aus Gründen des Schutzes der Jugend vor autisemitischm Hetzereien für die jüdische Schule ein. Hervorztthebett sind noch die Darlegungett des Herrn Halb stein, welcher bervtes, wie die liberale Majorität die Forderungen der orthodoxen Minorität erfülle und dadurch tvahre Toleranz zeige. In seinem Schlußwort richtete daun R:o. Spitz an die Anwesenden die Aufforderung, bei den Ende 1930 stattfindenden Wahlen für die Erhaltung des Liberalismus in Breslau kräftig mitzuarbeiten.