Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 52 (25.12.1929)
- Date
- 1929-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Lhanulah Religion und Politik Die drei großen Feste Israels Pessach, Wvchenfest urch Hüttenfest erinnern an große Tatsachen der Geschichte Israels. Das religiöse Moment in ihnen ist aber so stark, daß vor ihm ihr nationaler Charakter zurücktritt. Die Ideen der Freiheit, der Offenbarung und der göttlichen Vorsehung haben die nationalen Erinnerungen in ihnen fast völlig verdrängt, so daß sie geradezu als nurreligiöse Feiern angesprochen werden können. Anders das Chanukahsest. Es ist allerdings bis vor dreißig Jahren nur als Erinnerung an die religiöse Erhebung der Priester gegen die Unterjochung des jüdischen Gottesdienstes durch die Syrer gefeiert worden. Seitdem aber die nationale jüdische Bewegung eingesetzt, ist das Chanukahsest, allerdings ohne eigentliche geschichtliche Be rochtigung, zum Exponenten des'nationalen Judentums gemacht worden. Tatsächlich ist das Channkah das Erinnerungsfest an das erste religiöse Martyrium Israels und feine sieghafte Ueberwindung durch die Priester. Nicht aus politischen Beweggründen, sondern in der Abwehr der religiösen Entrechtung Israels haben die Priester zum Schwerte gegriffen. Nicht die Siege von Emmaus und Bethzur werden an ihm gefeiert, sondern die Neueinweihung des zum Götzentempel entweihten Heiligtums von Jerusalem. Das Wunder des Festes ist die wundervolle Tatsache, daß ein Häuflein Priester — im Gleichnis das Oelkrüglein mit dem Siegel des .Hohepriesters — die Feinde abgewehrt. Das heilige Licht, das im Erlöschen war, strahlte siegreich van neuem auf, und die strahlende Menora ist das Sinnbild des siege,iden Lichtes geworden. Im Lichte des Chanukahsestes darf die Frage füglich beantwortet werden, was im Judentum die Vorhand haben soll: Politik oder Religion. Politik will als Wissenschaft die Stellung des Einzelmenschen zum Staate umschreiben, «ls Gesetz die Pflichten und Tugenden des Staatsbürgers darstellen. Religion ist das Verhältnis des Menschen zur Gottheit und der immer erneute Wille, sich mit ihr zu verbinden. Schon diese Begriffsumgrenzung kennzeichnet den Mißbrauch des Versuches, die Politik zu einem Faktor der Religion zu machen und die Religion in das System der Polrüt einzuspannen. Wohl soll Religion alle Aeußerungen und Erscheinungen des Lebens versittlichen und heiligen. Wer der Versuch, die Religion zu einem Werkzeug der Politik herabzu würdigen, die Religion zu politisieren, bedeutet eine Entseelung und Entwürdigung der Religion. Aber ebenso ernst muß der Versuch, die Politik zu einem Faktor der Religion zu machen, abgewehrt werden. Das spricht soeben Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann- Trier in einer lesenswerten Sonderschrift „Schicksalsmomente i« Judentum" aus. Das Judentum, bisher das freie Reich prophetischer Meister uiü> gotterfüllter Lehrer, ist zur Zeit der Tummelplatz „der Augenblicksblender, der Geschichtsklitterer, der Experimenticrer, der Politiker" geworden. Sie haben „heutzutage weit über Gebühr das Heft in Händen, das ausschlaggebende Wort an sich gerissen und diktieren das Gebot der Stunde". Ein einziger Schreckensschrei über diesen Mißbrauch der Religion des Judentums tönt aus dt temperamentvollen Schriftchen, das einen strenggläubigen Autor zum Verfasser hat, dessen Gedankenführung ' aber o'. einsichtigen Bekenner des Judentums zu ernster Nachdenklichkeit stimmen sollte. Das Judentum, einst heiliger Boden, aus dem nur der spruchberechtigte, thorabeflissene, gottersüllte Mensch das Recht zum Stehen und zum Bauen hatte, ist heute der Willkür von Männern preisgegcken, die kaum eine Ahnung von seinem Wert und Wesen besitzen, die es seiner eigentlichen Wirklichkeit entfremden und dabei der urteilslosen Menge einreden wollen, daß sie befugt und befähigt seien, in die Lebenserscheinungen des Judentums einzugrelsen. Aus jedem anderen Gebiete würde ein Sturm der Entrüstung diese Eindringlinge wegfegen — hier wird ihr Auftreten leider geduldet. Soweit Dr. Altmann. Seine Darlegungen gewinnen eine ernste Aktualität im Lichte der gerade in der Gegenwart wiederholt erörterten Frage, ob die religiösen Gemeinden politische Kampforgamsationen werden sollen. Es ist dabei gar nicht ausfallend, daß sich die einzelnen Parteien der Religionsgemeinden be- «ikhtigen wollen, um ihre Kräfte und Mittel für ihre parteilichen Zwecke auszuwerten. Wer aber den politischen Kamps in die Gemeinden verpflanzt, entfremdet sie ihrem eigent- $ Arbeitskreise. Sogar die Abwehr anttsemitischer Andie vielleicht noch in den Arbeitsbereich der Gern einbezogen werden könnte, liegt der Arbeit der religiösen Gemeinde wesenhaft fern. Der Aunsemitismus richtet sich ja mehr gegen die jüdischen Menschen als gegen die jüdische Religion. Selbstachtung und Selbsterhaltung haben die deutschen Juden in eine Abwehrstellung gegen ihre Angreifer zu treten genötigt. Wir leben seitdem zu viel nach außen und zu wenig nach innen. Das Urteil von draußen ist uns bedeutsamer geworden als das Bewußtsein des inneren Wertes. Die Fassade ist das Entscheidende und nicht der innere Ausbau. Der Eindruck bedeutet uns mehr als der Inhalt. Wir sind ein Jnteressenverband geworden und waren bis dahin eine Jdecngemeinschaft. Damit jst aber das Judentum seinen eigentlichen Aufgaben entfremdet worden. Bisher blieb die Gemeinde vor dieser Entfremdung ihrer urtümlichen Zweckbestimmung bewahrt. Sie war der Ideenverband, in dem sich Menschen einer bestimmten Weltanschauung zusammengefunden. Das Hineintragen der politischen Zänkereien in die Gemeinde bedeutet die Kräftezerrüttung in dxm bisher festesten Bollwerk der Judenheit. In der Gemeinde sammelten sich die besten Kräfte der jüdischen Gemeinschaft zur- Vertretung seiner wichtigsten religiösen Aufgaben. Das Hineintragen der Politik in die Gemeinde ist ein Versuch, dieses Krästcreservoir zu erschüttern und durch Kräftezersplitterung zu vernichten. Der Spaltpilz der Politisierung der Gemeinden muß rechtzeitig als das erkannt werden, was er ist, als der zersetzende Schwamm im Tempelbau ihres Daseins. Noch heute ist es die Ausgabe jeder jüdischen Gemeinde, die ihren heiligen Sinn noch nicht verloren hat, die einigenden Kräfte zu stärken, die trennenden Motive ihr sernzuhalten, die religiösen Ausgaben als das Wesen und den Sinn ihrer Existenz zu begreifen. Gerade das Chanukahsest, das von dem glücklich 'abgewehrten Versuche, politische Motive in das Judentum hineinzutragen, erzählt, die im Gewände des Hellenismus, der damaligen Modepolitik, das Judentum zu zersetzen drohten, ist dazu angetan, die jüdischen Gemeinden vor jeder Politisierung zu warnen, vor allem aber es den Religionsgemeinden ins Gewissen zu hämmern, daß Politik eine Fremdsubstanz in ihnen bedeutet. Die Gemeinden müssen die Organisationen des religiösen Judentums sein und bleiben, denen es klar ist, daß Religion und Politik unvereinbare Gegensätze sind. Haltet den Gemeinden das Gift der politischen Zerrüttung fern, das ist die ernsteste Gewissensmahnung der Gegenwart. Stadtrabbiner Dr. R i e g e r - Stuttgart. Wer entzündet das Licht? von Rabbiner Dr. D a v i n Schönberger, Aachen. „Gelobt seift Du, Ewiger unser Gott, der uns geheiligt hat durch seine Gebote unb uns besohlen, das Chanukahlicht zu entzünden!" -- Wenn wir diesen Segensspruch erklingen hören, leuchten die Lichtlein an der Menorah auf, zugleich aber durchzuckt das Licht höherer Wahrheit, der erhebende Lichtschein der Geschichte unseren Geist und drängt uns die bange Frage auf: „Wer ist es, der wahrhaft das Licht der Weihe entzündet?" Wenn wir so fragen im Zusammenhang mit dem Gebot, das uns heiligen soll, will ein Besonderes zu uns sprechen! Die Frage soll uns hinführen zur ganzen Tiefe des Gedankens, der in der übertragenen Bedeutung des Befehles „Licht entzüridet!" ruht. Das Wort „N e r S ch e l C h a n u k a h" besagt mehr als nur die einfache Handlung des Entzündens. Es ist zu einem jüdischen G esch i ch t sb eg r i s s geworden, in dem die Zeit der Makkabäer als Zeit des Leidens und des Heldentums, als Zeit des Vorbilds und der Aufgabe anfblitzt. Glaubensnot und Glaubenstreire, Mut znm Judentum und Erweckung des Judentums sind so fest mit jenem Begriff verbunden, daß die gewiß nur technisch gestellte Frage der Mischnah: „Bameh madlikin?" Womit entzündet man? - einen höheren Sinn für uns erhält. Nicht nur der Sinn unseres Festes soll sich uns in solcher Frage erschließen, sondern Umschau müssen wir halten nach der Fackel des Geistes, die das Licht wahren religiösen Lebens zu entzünden fähig ist. Was in der Makkabäerzeit in einem verhältnismäßig kurzem Abschnitt der Geschichtsepoche sich abspielte, die Geschichte tyrannischer Willkür und heldenhaften Freiheitstrebens, verbunden mit all den Begleiterscheinungen einer ereignisreichen Zeit, hat in der Geschichte des Judentums nur all zu ost seine Wiederholung mit anderem Nenner gesunden. Auch die drei charakteristischen religiösen Parteiungen, die wir zur Zeit des Antiochus Ephiphcmos > sich vom geschichtlichen Hintergrund abheben sehen, verlieren sich in der jüdischen Geschichte fast nie. Immer wieder I tauchen die drei Menschentypen in ihm auf, die damals dem Judenproblem ihrer Zeit gcgenüberstelien, und die Betrachtung ihres Vorbildes kann darum zur Kritik ihres Abbildes in der Gegenwart dienen. Das Licht im Heiligtume zu Jerusalem war eigentlich längst bevor Antiochus Machthaber war erloschen, die Selbftäubigfeit des jüdischen Staates dahin. Da war es wie ein erschütternder Weckruf aus deni trägen Schlaf eines gleichförmig dahindämmernden, gedankenlosen Zustandes, daß die Tyrannei Antiochus des Grausamen, wie er genannt tvurde, die I u d e n h e i t vor die Entscheidung neu belebe »den W i l l e n s zur jüdischen Gottesu ii b M enschheitsidee oder die völlige Ausgabe ihrer Wesenheit stellte. Götzendienst und Griechentum sollten die letzte Eigenart des Judentums vernichten — der Tempel wurde entweiht, heidnische Altäre über das ganze Land verstreut - die Juden werden vor die Entscheidung gestellt, nach dem Willen des Gewalthabers zu feöeit oder für ihre Ueberzeugung zu sterben. Bei diesem „Entweder - oder" scheiden sich dann sehr schnell die Geister und Meinungen. Da waren die Einen, die G e s e tz e s t r e u e n , die ganz in der Neberlieferung wurzelnde Partei der Strengsrommen, der Kehalchassidim, Assidäer genannt. Für sie gibt es kein Wanken, da es sich gilt zu entscheiden zwischen Gottesidee und Griechentum. Wenn mir sie kennzeichnen wollen, können wir sagen - s i e sind bereit, für die Ueberzeu gnng zu sterben! Treu ihrer Religion, beugen sie ihr 'Haupt unter das Henkerbeil! Aber begeben sie sich nicht gleichzeitig all ihres Rechts? Von ihnen sagt ein Midrasch sehr charakteristisch: „Sie rissen di- Säulen ihres Hauses nieder, um nicht ihrer Ueberzeugung untreu zu werden." Urteilt dieses Wort im tieferen Sinn nicht ihr Märtyrertum ab?! — Wahrlich, sie konnten sterben für ihre Ueberzeugung, größer und herrlicher aber ist es, für feine Ueberzeugung zu leben - und auch schwerer! Sie rissen nicht nur ihr .Heim nieder, hätten alle so gedacht wie sie, so wäre auch das Gotteshaus schon damals niedergerissen worden. „En madlikin." Sie entzündeten das Licht nicht, das den Tempel wieder einweihte, das den Glanz des Judentums wieder in neuem Gewände erstrahlen ließ. Von ihrer Seite ging zu keiner Zeit die Wiederbelebung des Judentums aus. — Und welches waren die Argumente, mit denen sie aiblehnten für ihre Ueberzeugung zu kämpsen? — Dasselbe Gesetz, d em sie dienten, schien sie zu hindern. „Man kämpst nicht am Sabbat" — das war ihre Rede, und das war, um es gleich zu sagen, das Wort des ganzen Mittelalters. Auch die Juden des Ghettozwanges beugen ihren Nacken stets tief vor dem Bedrücker, der seelisch und körperlich sie für ihre Ueberzeugung unfähig machte. Sie starben für ihr Judentum, fanden aber nicht die Kraft zu lwm in ihm oder es zu neuem Leben zu erwecken — „En madlikin" — sie entzündeten nicht das Helle Lebenslicht des erneuerten Judentums! Trotzdem empfinden wir für diese Getreuen Achtung und Mitleid. Sie sind noch stets die tragischen Größen des Judentums gewesen. Aber es gab gleichzeitig eine andere Partei, die uns zwar psychologisch verständlich ist, von der sich aber unsere Sympathie abwendet, das war die Partei der Hellenisten. Die Griechlinge, die, überschüttet von der hohen Kultur des Griechentums, ihre eigene Kultur vergaßen oder mißachteten und sich darin gefielen, auch die letzten Spuren des Judentums, die etwa ihrem Namen anhafteten, auszulöschen, sind hier gemeint. Den wahrenJudenwarensieverächtlich,denGriech en meist säuerlich. Ihnen gegenüber hatte es Antiochus seicht. Sie wollten leben und genießen, ob mit oder ohne Ueberzeugung! Von ihnen muß man dqher sagen nicht allein „En madlikin" — „Sie entzünden nicht", nein, sie haben auch den letzten Lichtschimmer des „Ner schel Chanukah", des Weihelichls der Religion des Judentums, zu allen Zeiten im Lebenskeim erstickt. Ihre Art ist die markanteste Erscheinung in der Zeit auch, da die Ghettomauern fallen, da die Kultur des Abendlandes über das geknechtete Judentum hinwegbraust, in der Epoche, die wir Zeit der Aufklärung und Emanzipation nennen. Nur mit Scham gedenken wir heute jenes gespreizten Assimilantentums das, wie Heine, sich „das Entreebillet in die Kultur des Abendlandes" um den Preis der eigenen Ueberzeugung beschaffen will. Wie die Hellenisten vor den Götzenaltären des Antiochus knien, so knien sie vor den Machtgbtzen jener verlogenen Kultur, die ihnen für ihre Ueberzeugung nur Tand reichen konnte. „En madlikin"! Menschen solcher Ar- Sendel den fälligen Beitrag für das 1. Quartal 1930 auf dar Ppsischeckkonlo der verdulsuus für dar Merale Jude», tum «mfe Rr. 137 069 ein. i i