Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 51 (18.12.1929)
- Date
- 1929-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchlibemleZeilML Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. fcffagiprci» durch Me SejchSstssteve '/jährlich M. 2Lv Einzelnummer L20. Bei freier Ausendung l Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugapret» im Mitgliedsbritrage enthalte«. Berantwertl. Redakteur: vruuo Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion «ad Geschüftsstelle: verlin Sw 11. Hallefche Skr. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redamon gestattet. Anzeigenpreiie: Die 12gespaltene Nonparaillezeit, 8.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Mederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-K-erale Zeitung* Inferatenabteiluug: Berlin SW 11, Hallesche Straß« 1, (Bergmann: 3SSS-SS). sowie sämtl. Aunoncen-Lxpeditiou. Nr. 51 Berlin, IS. Dezember 1S2S 9. Jahrgang iZranz Rosenzweigl Franz Rosenzweig starb. Tie Oefsentlichkeit notiert, daß ein Gelehrter, ein jüdischer Religionsphilosoph und Uebersetzer dahingegangen ist. Für den, der ihn kannte, ist es schwer, in Worten anzudeuten, was die Persönlichkeit und ihr' Werk darstellen: sie leben fort als reinster, tiefster Besitz. Tie Persönlichkeit: nirgends hat sich in unseren Tagen ein Schicksal ehrsurchtgebietender erfüllt. Ein übersprudelnder, mitreißender Mensch, Verfasser tiefschürfender, ganz Neues weisender Bücher, Gründer des „Freien jüdischen Lehrhauses", Anreger der Akademie für die Wissenschaft des Judentums war in den letzten acht Jahren seines kurzen Lebens durch ein furchtbares Leiden der Beweglichkeit seiner Glieder und der Sprache beraubt. Er hat das Leid getragen nicht in stummem Sichfügen in Unabänderliches, sondern in der Loslösung seines Geistes von körperlicher Gestorbenheit. Unter unsäglichen Mühen blieb er ein Schaffender, Vorwärtsgewandter: ein — Jude. Wer mitangesehen hat, wie schwer es Franz Rosenzweig wurde, auch nur einige Worte des Gesprächs mitzuteilen, für den ist es unbegreiflich, wie ganze Werke, zahlreiche Abhandlungen, zahllose Briefe und Gespräche zustandegekommen sind. Was wir an Franz Rosenzweig und seinem Schaffen verlöret: haben, läßt sich in dieser Stunde nicht ermessen. Seine ersten Schriften, die Abhandlung über das älteste Systemprogranrm des deutschen Idealismus^) und vor allem das zweibändige Werk: „Hegel und der Staat" werden in Fachkreisen als außerordentliche Leistungen anerkannt. Diese intime Vertrautheit mit der Gckankenwelt der deutschen Philosophie und Geschichte, die immer wieder aus feinen späteren Schriften hervorbrach, erschien die natürliche Folge der hohen Kultur, die im Kasseler Elternhaus gepflegt wurde. Eine andere Vertrautheit hat sich Franz Rosenzweig erwerben müssen: die Vertrautheit mit der Welt des Inden. Wie in wenigen Jahren (etwa von 1913—1919) aus dem Anfänger in Hebräisch und jüdischer Geschichte, aus dem Schüler Hermann Cohens ein Führer des Judentums geworden ist, das ist fast ohne Beispiel in der jüdischen Geschichte. Sein noch im Felde geschriebener Ausruf an Hermann Cohen „Zeit ists"-) traf das Problem der jüdischen Erziehung, insbesondere das des Religionsunterrichts an zentraler Stelle. Das Ziel, „den jüdischen Lehrerstand in Deutschland gesellschaftlich und geistig zu erneuern", ist nicht verwirklicht worden. Tie Akademie für die Wissenschaft des Judentums, deren Berechtigung, aber nicht absolute Notwendigkeit auch Rosenzweig anerkannte, verfolgt andere, engere Zwecke. Darum stieß Rosenzweig noch einmal vor und rief das Freie jüdische Lehrhaus ins Leben, über dessen Sinn und Ziel er in einer kleinen Schrift „Bildung und kein Ende"-) gehandelt hatte. Aber mitten in der Erziehungsarbeit wuchs das Hauptwerk heran: „Der Stern der Erlösung"?) In diesem Buch zerschlug er den Glauben an die Voraussetzungslosigkeit der abendländischen Philosophie „von Jonien bis Jena" und errichtete in einem wunderbaren Bau, in das er die drei ..Allheiten": Gott, Welt und Mensch als Grundvoraussetzungen hineinbaute, seine philosophische Ansicht. Durch die Revolutionierung des Denkens selbst (vgl. noch seinen Aufsatz „Das neue Denken", der zuerst im „Morgen" Oktober 1925 erschienen ist) setzte er Glauben und Wissen — diese altjüdische Antithese — in neue Beziehungen. Es kam die Zeit der Krankheit. Und vielleicht konnte er nun erst, der Sprache beraubt, den Geheimnissen der Sprache — dieses lebendigsten Wunders der Wirklichkeit — wrchforschen. Uebersetzungen verschiedener Gebete (z. B. der Tischdank), die Hymnen des Jehuda Halevtt), vor allem me Uebertra^ung der Bibel, an der er gemeinsam mit Martin Buver arbeitete, und eine Reihe von AbhaMungen über Sprache und Uebersetzen — hingewiesen sei vor allem auf „Luther und die Schrift^) - stellen eine völlige Abkehr von dem Uebersetzungsbetrieb auch der guten landläufigen Uebersetzer dar und lchren. eine bisher ungeahnte Treue gegen das Original in Wortsinn. Wortklang und Rhythmus emzuhalteu. Die Lehre hat gefruchtet: Die Uebersetzungen fanden nicht nur die Anerkennung der Dichterwelt (Oskar Loerke. Alfred Momberl, Max Mell, Arnold Zweig und dickte andere), die Lehre wurde weiter gehütet von Albrecht Schaeffer rn seiner Homerübersetzung. 1) Abgedruckt in -Zweistromland, Kleinere Schriften zur Relia «nd Philosophie. Philoverlag Berlin 1926. 2) Ebenfalls abgedruckt in Zweistromland. 3) Verlag I. Kaufsmann, Frankfurt a. M. 1921. 4) 60 Hymnen (Verlag Woehrle), zweite Ausgabe: 92 Hym und Gedichte. Verlag Lambert Schneider, Berlin. ß) Beklag Lambert Schneider, Berlin 1926. Franz Rosenzweig war ein Forderlider. Er forderte von sich, daß alles, was er schrieb und sagre, den ganz sich einsetzenden Menschen bezeugte. Darum ist sein Werk nicht die Privatangelegenheit philosophischer Konventikel, jüdischer Gelehrter, dichterischer Sprachpsychologen. Es ruft jeden heutigen Menschen, es ruft besonders den Juden an. Auch die begriffliche Deduktion ist bei Rosenzweig so plastisch ansge drückt, um ja nicht unernste, tote Begriffsspielerei auskömmcn zu lassen. Tie Dinge werden von ihm itt ihrer Leib Hastigkeit vorgeführt, um uns die Verantwortung mit und vor ihnen zu erweisen. Er war ein Fordernder. Er sordene uns. So wie er im Gespräch, mochte es auch fachliche Tinge betreffen, hinter allen Fragen fein Gegenüber stets prüfend zu fragen schien: „Ist diese Sache Dir auch lvert, handelst Du dabei auch als reiner, aufrichtiger Mensch?", so stieß er auch in Schrift und lehrendem Wort stets zum Verlangen, umzukehren, neu aufzubrechen, vor. Ein sich so Einsetzender, Einsatz Verlangender fand nicht zum wenigstens unter der jüdischen Jugend eine Schar von Schillern, die ihm im Kampfe um die Erringung einer neuen menschlichen und jüdischen Position folgte, ohne sich feinen Ansichten unterwerfen zu müssen. Tenn nichts freute ihn so als begründeter Widerspruch, niemals entfaltete er feine ungeheuren geistigen Kräfte so wie in derartigen Dialogen. Seine Forderungen betreffen uns alle. Er, der ausgerüstet war mit allen Waffen der abendländischen Wissenschaft, hat weit vor allen den gigantischen Kamps um die Stellung des Glaubens gekämpft: nicht Leugnung der Wissenschaft und ihrer sicheren Ergebnisse, nicht blinde Unterwerfung unter ein Dogma, sondern die Erkenntnis, daß gläu biges Wissen das ungläubige umfasse, nicht aber umgekehrt, das ist eines der Resultate dieses Kampfes. Die Zukunft der Religionen liegt darin beschlossen, ob unsere Zeit eine derartige Lösung findet. Das Zeitalter der Wissenschaft ist nicht ungeschehen zu machen. Aber das Reich des Glaubens wird nur wieder errichtet werden können, wenn wir teilhaben an den Krästen, die diesem Frommen geschenkt waren. Wenn wir den jüdischen Bezirk überschauen, so hat Rosenzweig vielleicht am meisten dem Liberalismus zu sagen gehabt. Er hat sie alle kritisiert, die Orthodoxen, die Zionisten, die Liberalen. Aber die Liberalen am meisten, weil er — im Grunde ein Liberaler war. Er selbst hat das jüdische Gesetz auf sich genommen, aber er hat es aus der Sphäre dumpfen Müssens, enger, nach außen feiMicher Beschränktheit hinausgeführt zur Weite freien Könnens, neuen, immer wieder neuen Sinndeutens. Er wußte um die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk und mit seinen gegenwärtigen Schicksalen, aber sie galt ihm nur als Ausdruck der Zugehörigkeit zum „ewigen Volk". Mit liebender Anteilnahme trat er für den Aufbau Palästinas und zugleich für sein deutsches Judentum, diese Situation „geliebter Gefährdung" ein. Es kann heute nicht dargestellt werden, was der Liberalismus Rosenzweig verdankt, was er von ihm lernen muß. Denn er bewahrt ihn vor den Gefahren, in oberflächlichen, allzu glatten Lösungen sein Heil zu suchen, der Formlosigkeit eines übersteigert individualistischen Lebens zu verfallen, das ererbte Vätergut der Mannigfaltigkeit, Widerspruchssülle und Größe zu berauben. Man lese seine Schriften. Sie sind gewiß nicht leicht zu verstehen, noch, schwerer ists, ihren Forderungen zu genügen. Aber wer offen und ernsthaft sein Werk in sich aufnimmt, der wird ahnen, daß wir um einen Großen in Israel trauern. Dr. Ernst Heinrich S e l i g s o h n. In memoriam „Vom Tode, von der Furcht des Tickes hebt alles Erkennen des Alls an/'- So beginnt Rosenzweigs Hauptwerk „Ter Stern der Erlösung". Diese Furcht des Todes hat seit Jahren auf uns gelastet, trenn wir an ihn dachten, an das, was — bei allem grundsätzlichen Anderssein — uns doch allen das Gefühl gab: da leidet und wirkt ein „Großer in Israel". Nun hat Hiob recht behalten: „Was wir gefürchtet, es ist eingetwssen, wovor uns lange schon gegraut, nun ist es Über uns gekommen." Franz Rosenzweig ist. nicht mehr, ein Lebenswerk ist unvollendet geblieben, das Judentum beklagt einen seiner getreuesten und gesegnetsten Söhne. Und blickt voll stummer Ehrfurcht auf me Gattin, die Mitarbeiterin, die Heldin im „Dulden und Tragen" und neigt sich vor ihr... Sinn Werk? Er hat Gebete Übersetzt und Gedichte Halevis, er hat 1918 Hermann Cohen die Schrift gewidmet „Zeit ists", gemäß dem Spruch: „Zeü isls, |üv den Ewigen zu wirten, sie habe,: deine Lehre zerstört (Ps. 119, 126). Hier ehrt er Eohen als den Mann, den „der bislang noch weit überwiegend- Teil der deutschen Judenheit, welcher sein Judentum irgendwie im Rahmen der deutschen Volts- und Staatsgemeinschaft auszuwirken gedenkt, als seinen geistigen Führer ehrt." Hier nennt er die Bibel „Quelle und Grund alles lebendigen Judentums", hier betont ec aber auchs. daß man durch Sidduc und Machsorim das „Wesen des Judentums" mehr als ersaßt, daß mau an ihnen eine „jüdische Welt" besitzt. Hier legt cr das Bekenntnis ab: „Uns ist das Judentum mehr als eine Kraft der Vergangenheit, eine Merkwürdigkeit der Gegenwart, uns ist es das Ziel aller Zukunft." Hier tritt er für die hebräische Bibel und hebräische Sprache im Gebet ein, die „unübersetzbar" ist und entwirft ein Bild und einen Plan neuer jüdischereligiöser Unterweisung, zeichnet den neuen Schüler, den neuen Lehrer, den neuen Rabbiner. Dieser sei zu sehr „Geistlicher" und „Priester" geworden, namentlich in liberalen Gemeinden. „Es soll an dieser Entwicklung nicht gemäktlt werden; das Neue entspricht in gewissem Umfang neuen Bedürfnissen." Aber die theologische Bildung sollte nicht aus die Rabbiner beschränit bleiben. Er fordert sie für ine Lehrer, er fordert die theologische Fakultät an den Universitäten, er fordert eine Akademie für die Wissenschaft des Judentums. „Wir brauchen diese neue Lebendigkeit." „Das jüdische Bildungsproblem auf allen Stufen und in allen Formen ist! die jüdische Lebensfrage des Augenblicks." Man weiß, daß seine Worte nicht verhallten. Ihm selbst war das Lehren nicht mehr vergönnt. Trotz seiner Darlegungen über das Hebräische hat Rosenzweig mit Buber das gewaltige Unternehmen einer Bibelübersetzung begonnen. 9 Bände liegen vor, 18 sollten es werden. Das Ringen mindestens mit der hebräischen Sprache wie mit der deutschen tritt in dem Werk zutage. Meten ist es teuer. Manche glückhafte Wendung, manche geformte Rede wird bleiben. Ob mehr, wird die Zukunft zeigen. Tie Namen Cohen und Rosenzweig verknüp>en sich noch einmal in der „Einleitung", die Rosenzweig für die dreibändige Sammlung der „Jüdischen Schriften" Cohens verfaßte. Er will hier hinter dem „literarischen Kosmos die Gestalt seines persönlichen Temiurgen sichtbar machen." Er rühmt den Erklärer Kants, aber nochmehr den Verfasser der „Religion der Vernunft", des Werkes, das „leben wird". Hier ist er -- Eohen nicht mehr bloß Stimmungsjude, sondern Jude aus Geist. Er zeigt uns den Weg, den Eohen bis zu diesem Werke zurückgelegt, führt uns in seinen Gottcsbegriss ein, nach dem die Menschheit „den Gipfel der Kultur dem monotheistischen Gottesglauben, dem prophetischen Judentum verdankt". Nachdem aber auch im „Begriff der Religion" der Mensch vor Gott „der wirkliche Mensch in den Leiden und Nöten seines sündenverstrickten Augenblicks" ist. Rosenzweig erzählt von der Vorlesung, die „seine glücklichen Ohren gehört haben," in denen die „andächtige Erschütterung von dem Wunder des jüdischen Volkes, seines Geschichtsganges und seines Osfenb-arungsbesitzes" immer wieder bei Eohen durchbrach. „So verflicht sich ihm jetzt das Wunder seines volkererbten Glaubens mit dem Wunder seines Glaubensvvlkes." Er berichtet von der „herrlichen" Hebung über die Psalmen, die Eohen 1914 hielt, den Psalmen, in denen „erst wirklich Religion" sei. Er bespricht Cohens Stellung zum Zionismus, auS der heraus ihm dieser sein „allzu tolerantes Verhältnis" zum Zionismus vorwarf, zitiert sein Wort: „Ich will Ihnen etwas sagen, die Kerls wollen glücklich, sein" und fährt selber fort: „die Zukunft des Zionismus ist darin beschlossen, ob diese Worte für ihn oder gegen ihn gesagt sind..." W'.r können hier die „Brie,e eines Nichtzionisten an einen Antizionisten an einen Antizioniwen" anschließen, die Roscnzweig zu Bubers 50. Geburtstag im Sonderheft „Ter Jude" veröffentlicht hat. „Tie antizionistijche Seite des Liberalismus ist zwar klassisch!, aber nichts deitoweniger revisionsbedürftig." Weil — noch Rosenzweig das Element des klassischen Liberalismus „der Tribut an die politische und soziale. Emanzipationstendenz" war. „Deutscher Nationalismus ist genau so wenig religiös wie palästinensisch. Andererseits aber, wenn er sich die Kritik und die Impulse der Religion gefallen läßt, mit ihr genau so vereinbar..." „Wer vom C. V.. ." ,Jch glaube, meine Frankfurter Weisheit wäre doch, nicht ohne das Land Israel und nicht nur ohne das einstige, sondern auch, nicht ohne das zukünftige, das immer noch, eine Zukunft hat..„Ter Zionismus ist eine politische Bewegung, die das Religiöse Privat- oder Fraktionssache sein läßt." (Deshalb kann der Liberalismus nicht gegen ihn sein.) „Ter Misrach-ismus geht michals Liberalen unmittelbar zwar gar nichts an..." „Unter den Zionisten finde ich die... besseren Juden als unter uns .. Ich. gebe unser deutsches Judentum nicht verloren." Die Tie Forderungen des Liberalismus ftndet er nirgends so erfüllt wie in Palästina (man raucht, schreibt, treibt Sport am Sabbat.) „Wir dürfen das doch, nicht.. " „Tie Propheten haben ein irdisches Zion der Zukunft gemeint. Tie