Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 49 (4.12.1929)
- Date
- 1929-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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hatte den Wahlkampf unter der Parole: Gleiches Wahlrecht für Jn- und Ausländer geführt. Die Liberalen hatten während des Wahlkampfes betont, daß sie angesichts ihrer demokratischen Prinzipien gern für dieses Wahlrecht eingetreten wären, daß sie aber mit Rücko sicht auf die Struktur der Leipziger Gemeinde und in Anbetracht der örtlichen Verhältnisse diesem nicht zustimmen können, da die Gefahr bestehe, daß gerahe der steuerkräftigste Teil der Gemeindemitglieder sonst seinen Austritt vollziehe. — In der neuen Gemeindevertretung werden die Liberalen 20 Sitze innehaben. Die übrigen 13 Sitze verteilen sich auf Vertreter der Jüdischen Volkspartei, der demokratischen Partei, der Orthodoxie und -Poale Zion. Reiße. (7 0. Geburtstag.) Am Sonntag, den 8. Dezember, feiert Herr Rabbiner Max Ellguther seinen 70. Geburtstag. Pyrmont. (Persönliches.) Aus einem reichgesegnetcn Leben ist der im Ruhestand lebende Prediger Markus de Haas abberusen worden. Ueber 50 Jahre war er der geistige und religiöse Führer der Gemeinde, und durch sein charaktervolles Wesen und sein ersprießliches Wirken hat er sich in allen Kreisen der Gemeinde ein dauerndes Gedenken gesichert. Schneidrmühl. (Goldene Hochzeit.) Am Montag, den 9. Dezember, feiert Herr Michael Mosessohn und seine Gattin Doris, geb. Salomon, von hier, früher in Wirsitz (jetzt Polen), das Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar erfreut sich geistig und körperlich der besten Gesundheit. Bacha. (F r i ed ho s s s ch ä n d u » g.) Das „Israelitische Familienblatt" teilt mit: In dem kleinen Rhönstädtchen Vacha befindet sich ein Sammelfriedhof der umliegenden jüdischen Gemeinden. Dieser Tage nun mußte man die Wahrnehmung machen, daß eine Anzahl von Grabsteinen durch Steinwürfe von außen stark beschädigt wurden. Die Schriftplatten wurden völlig zertrümmert, so daß der Friedhof einen traurigen Anblick bietet. Die Polizeibehörde fahndet nach den Tätern. Man geht >vohl nicht fehl, wenn man diese neueste „Heldentat" mit der in letzter Zeit hier stark auftretenden nationalsozialistischen Hetze in Verbindung bringt. Wetzlar. (Die Gemeinde ehrt ihren Prediger.) Anläßlich seines 25 jährigen Ortsjubiläums bereitete die hiesige Gemeinde ihrem Prediger und Lehrer Josef Katzenstein einen stimmungsvollen Festgottesdienst, der nicht nur dem Jubilar, sondern auch der Gemeinde zur Ehre gereichte. Chorgesang umrahmte die Feier, in deren Mittelpunkt die Ansprache des Provinzialrabbiners Dr. Cohn-Marburg stand. Der Jubilar dankte in seiner sichtlich bewegten Erwiderung für die ihm bereitete Ehrung. Vertreter der Gemeinde und der Chewra überbrachten Glückwünsche und Aufmerksamkeiten. Auch der Bürgermeister Wetzlars gratulierte im Namen der Stadt und erkannte an, daß das segensreiche Wirken des Jubilars zur Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen den einzelnen Konfessionen beigetragen habe. Der schönste Lohn hierfür sei die weitgehende gegenseitige Toleranz aller Bevölkerungskreise in religiösen Dingen. Zahlreiche Schüler und Schülerinnen bezeugten ihrem ehemaligen Lehrer ihre Verehrung und Liebe. Aus der Bewegung Berlin. (Einweihung der n c u g e g r ü n d e t en Liberalen Synagoge O st e n.) Wegen technischer Schwierigkeiten findet der Eröffnungsgottesdienst erst am Freitag, den 20. Dezember, abends 7.15 Uhr, in der Aula der Mädchcnmittelschule der Jüdischen Gemeinde, Kaiserstraße 29-30, statt. Die Einweihungs- Predigt wird Herr Rabbiner Dr. Salomonsii halten. Liturgie Oberkantor Wilhelm Friedmann. Berlin. (V or sta nds w ahl der Be z i rk sgr u pp e Halen see-Grune Wald des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B.) Am Dienstag, den 25. November 1929, fand im Vortragssaal der Synagoge der Fricdenstempel eine Mitgliederversammlung unserer Bezirksgruppe Halensee-Grunewald statt, in der der Vorstand neu gewählt wurde. Der Vorsitzende, Herr Landgerichtsrat Dr. Lesser, erösfnete die Versammlung und gab bekannt, daß an Stelle des verhinderten Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern Herr Studiendirektor Dr. Gutmann einen Vortrag halten wird. Den Geschäftsbericht erstattete Herr Jaulus. Seit Gründung der Bezirksgruppe im vorigen Jahr sei die Mitgliederzahl von 43 auf jetzt 185 gestiegen. Dann berichtete er über die Veranstaltungen der Bezirksgruppc im vorigen Winterhalbjahr. Herr Jaulus gedachte des im vorigen Jahre verstorbenen Vorstands Mitgliedes der Bezirksgruppe, Herrn Zahnarzt Dr. Heinz Fischer, ebenso der verstorbenen liberalen Führer Professor Türk, Leopold Badh, Stadtrat Herzberg und Dipl.-Jng. Ludwig Lewin. Eine Diskussion über den Geschäftsbericht fand nicht statt. Der Vorstand der Bezirksgruppe wurde unter Leitung der Wahl des Herrn San.-Rat Dr. Goldbaum wiedergewählt. Neu hinzugewählt wurden: R.-A. Dr. Max Auerbach, Bcrlin-Eharlottenburg 2, Mommsenstraßc 67, Leopold Ilsen, Halensee, Markgraf Albrechtstraße 8, letzterer als Vertreter der Angestellten. Nunmehr folgte der Vortrag des Herrn Studienrat Dr. Gutmann über den jüdischen Liberalismus im allgemeinen und in unserer Gemeinde im besonderen. In fesselnden Worten und in logisch klarem Aufbau schilderte der Redner die unausgesetzte Entwicklung des Judentums und wie die jüdische Religion stets im .Fluß gewesen sei, nie stillgestanden habe. Der Liberalismus trage das Recht in sich selbst, das liberale Judentum sei das wahre lebende Judentum. Der Standpunkt der Orthodoxie sei die Verbalinspiration. Der Redner wies treffend die Entwicklung der jüdischen Lehre und des Judentums nach, ausgehend von der Thora bis zum Talmud und von da über die Mischna-Thora, Schulchan Aruch bis in die neue Zeit. Eine Entwicklung des religiösen Gedankens und der Gottesentschcidung besteht schon in der Thora und wir Liberalen hätten das Recht, an der Entwicklung des Judentums zu arbeiten. Der Redner wies auf Zunz und Geiger hin. Die Orthodoxie wüßte garnicht, wieviel sie uns Liberalen zu verdanken hätte. Die Liberalen wollen die Peripherie und nicht den Kern verbessern. Der Redner entwickelt nun im Einzelnen, was »vir Liberalen an der Gebetsordnung, wozu auch die Kürzung des Gottesdienstes gehört, geändert wissen wollen. Der Redner wendet sich auch gegen, das Verbot, an Sonntagen fortbildende religiöse Vorträge zu halten; denn jüdisches Wissen verbreiten sei eine Hauptaufgabe für uns Liberalen. Zum Schluß behandelt Herr Dr. Gutmann noch die Frage der religiösen Schulen und die Stellung des Liberalismus zum Zionismus. Der Aufbau Palästinas sei nie national durchzuführen. Philanthropisch und humanitär könnten wir alle dort arbeiten. Wir sind Deutsche und hier heimatberechtigt. Gegen den National-Zionismus müßte man sich aufs schärfste wenden. Lang anhaltender Beifall lohnte dem Redner. An der Diskussion beteiligten sich Herr Becher, Moritz Roscnthal, Dr. Reichmann und Dr. Gutmann. Berlin. (Mitgliederversammlung der Liberalen Synagoge Westend.) Die Liberal« Synagoge Wcstend hielt am 26. November im Karolingergarten unter Vorsitz des Herrn Dr. Alfred Caro ihre erste Mitgliederversammlung ab. Der Vorsitzende erstattete den Geschäftsbericht, aus dem hervorging, daß der Synagogenverein im erstm Jahre seiner Tätigkeit recht gute Erfolge erzielt hat. Die Freitagabend-Gottesdienste waren lebhaft besucht. So konnten bei dem am 22. November anläßlich des einjährigen Bestehens des Synagogenvereins abgehaltenen Festgottesdienst gegen 150 Besucher gezählt werden. Der Verein will sich künftig auch auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege im Stadtteil Westend eifrig betätigen. Der vom Schatzmeister Herrn Alwin Schönbach erstattete Kassenbericht zeigte, daß Einnahmen und Ausgaben in Einklang gebracht und sogar noch ein kleiner Ueberschuß erzielt werden konnte. Die Freitagabend" Gottesdienste in Westend tverden seit Mai von der Jüdischen Gemeinde subventioniert und auch für die Veranstaltung des sehr gut besuchten Festgottesdienstes an den hohen Feiertagen in der Aula der Hevderschule hat die Gemeinde einen Zuschuß bewilligt. — Die vom Vorstand Weste,cd vorgelegten Satzungen der Synagoge Westend wurden von der Mitgliederversammlung widerspruchslos angenommen. Der Vorstand wurde auf Vorschlag des Herrn Berenhaut einstimmig wiedergewählt und durch zwei Damen, Frau Arnhold und Frau Goldstein, ergänzt. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. Salomonski einen mit größtem Interesse aufgenommenen Vortrag, in welchem er die Leistungen des Synagogenvereins Revue passieren ließ, zugleich aber auch auf die noch verbleibenden großen Aufgaben hinwies. Die wichtigste dieser Aufgaben erblickte der Redner darin, das Soziale mit dWr Religiösen zu verbinden. .In der Aussprache, die sich an das tiefangelegte, eindrucksvolle Referat schloß, wurden mancherlei Anregungen teils hinsichtlich des Gottesdienstes, teils auch des Religionsunterrichtes in Westend vorgebracht. An der Aussprache beteiligten sich u. a. Frau Arnhold, Herr Falkenbcrg, Herr Gottfeld und Herr Droller. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V., Bezirksgruppe Süden.) Im Rahmen eines Unterhaltungsabends am Sonnabend, den 30. November, im Hause der Familie Falk, Köpenicker Straße 36, die sich liebenswürdiger Weise dazu erboten hatte, ihre Räume zu einem derartigen Abend zur Verfügung zu stellen, sprach Herr Moritz Rosenthal, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin über Gemeindepolitik. Herr Rosenthal begann seinen Vortrag über einer Darlegung über Dogmen im Judentum und schloß diesen Teil seiner Ausfül^ rungen mit dem Satz aus Baecks „Das Wesen des Judentums": „Weil sich die Gedanken des Judentums keiner Zeit bleibend zugesagt hatten, konnten sie vor die fordernde Gegenwart empfangend oder veoloeigcrnd hintrelen und für den Geist der Zukunft dann wieder offen sein." Im zlveiten Teil seiner Ausführungen ging er auf die Zugehörigkeit zur Gemeinde ein. Nachdem er dargelegt hatte, daß der Einzelne, das was er ist, der Gemeinschaft verdanke, und daß der Austritt aus der Gemeinde in wenigen Generationen den Austritt aus dem Judentum bedeute, verlangte er, daß aus Verantwortlichkeit für die Kultur der Religion. jeder Jude seiner Gemcurde treu bliebe. Zum Schluß seiner Darlegungen entwarf der Redner ein Programm für liberale Gemeindepolitik. Im Anschluß an den Vortrag entwickelte sich eine außerordentlich rege und anregende Diskussion hauptsächlich über das Thema „Austritt aus dem Judentum". Es wurden dabei teils recht pessimistische, teils optimistische Meinungen laut. Letzten Endes siegte jedoch die optimistische Auffassung. Gleichgültig war cs schließlich, ob man die Zukunft mit trüben Strichen malte, denn die große Wirkung der Aufrollung dieser Gedanken war erreicht. Man ließ sich diese Fragen ernsthaft durch den Kops gehen uird legte vor sich selbst das Gelöbnis ab, alles zu tun, was zur Erhaltung des Judentums möglich wäre. So nahm der Abend einen recht erfreulichen und versöhnlichen Verlauf. Als noch der Vorsitzende der Bezirksgruppe Süden, Herr Dr. Manfred Meyer, den schönen Gedanken hatte, die Feier in das gemeinsame Anhören der Befreiungsfcierlichkeitcn in Aachen, die vom Radio übertragen wurde, ausklingen zu lassen, war jüdische und deutsche Gesinnung an einem Abend in wirkungsvollster Weise gepflegt worden. Frankfurt a. M. (Der Liberalismus in der Gemeinde.) Der Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindcleben E. V., Frankfurt am Main, hatte dieser Tage seine im Osten der Stadt wohnenden Gesinnungsfreunde zu einem Referat-Abend eingeladen und sein Vorstandsmitglied, Ferdinand Stiefel, welcher im Ostend wohnhaft ist, mit der Organisation betraut. Herr Stiefel hat diese Aufgabe sehr erfolgreich durchgeführt uird einen unerwartet starken Besuch des Abends erzielt. Der Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. Ettlinger, begrüßte die Anwesenden und dankte ihnen für ihr zahlreiches Erscheinen, woraus der freisinnige Verein mit Freude schließt, daß der Sinn und das Interesse für die liberale Bewegung im Osten Frankfurts, der doch eigentlich die Hochburg der Orthodoxie ist, in starkem Maße vorhanden ist. Dr. Ettlinger erteilte darauf das Wort dem Referenten des Abends, Herrn Dr. Baerwald, »velcher über das Thema „Der Liberalismus in der Gemeinde" sprach. Der Redner verstand es, in einer ganz vortrefflichen Weise die die Allgemeinheit interessierenden Gebiete des zu behandelnden Themas in klarer und übersichtlicher Weise zusammenzufassen und eine kurze anschauliche Schilderung der unsere Freunde hauptsächlich interessierenden Punkte der liberalen Arbeit und des liberalen Gedankens in der Gemeinde zu geben. Die mit großem Beifall ausgenommen« und viel Anregung gebende Rede hatte eine ziemlich ausgedehnte und sehr lebhafte Diskussion zur Folge, in welcher die verschiedensten Gebiete, welche die liberalen Gemeindemitglieder interessieren, gestreift wurden und auch verschiedene Wünsche und Beschwerden von Seiten der Anwesenden vorgctragen wurden. Eine längere Aussprache entspann sich über das Philantropin, so daß beschlossen wurde, in einer demnächst stattfindendcn weiteren Versammlung sich ausschließlich mit diesem Thema zu befassen. Der Vorsitzende schloß den erfolgreichen Abend mit der Mitteilung, daß der Vorstand des Vereins in Aussicht genommen habe, weitere derartige Reserakabcnde in den verschiedenen Bezirken der Stadt im Lause des Winters abzuhalten und bat im Hinblick auf die im nächsten Jahr stattsindeiiden Wahlen die Anwesenden um ihre Mitarbeit und Werbung in ihren Freundeskreisen für die liberale Sache. Königsberg. (Vortrag: „W a r u m jüdisch-liberal?") Ueber das Thema „Warum jüdisch-liberal V" sprach in einer von der Königsberger Vereinigung für liberales Judentum cinberuseneu Versammlung das Mitglied des Gemcindevorstands, Rechtsanwalt Dr. Martin Grumach. Der Vortragende wies darauf hin, daß in der Königsberger Gemeinde im Frühjahr dieses Jahres Repräsentanten und Vorstandswahlen stattfändcn, bei der die Hälfte der Gemeindevertreter bezw. Vorstandsmitglieder neu zu wählen seien. Es sei nach der bisherigen Konstellation zu erwarten, daß dabei zum ersten Mal keinerlei Kompromißlisten eingercicht würden. Der Vortragende wies auf den Rückgang der Gemeinde hin, der einmal personell, ein zweites Mal aber auch wirtschaftlich bedingt sei. Bei diesem Rückgang sei es unmöglich, daß weiterhin ein derartig großer Gemeinde-Etat aufgestellt werde. Es könnte auch für die Bedürfnisse von kleinen Minderheitsgruppen künftighin nicht mehr in der bisherigen Weise eingetreten werden. Vor allem müsse eine starke Aktivierung der Gemeindemitglieder eintreten. Das könnte nur dadurch geschehen, daß man dem modernen Menschen etwas biete. Nur die Liberalen könnten durch neuzeitliche Ideen in der Beziehung auf den modernen Menschen einwirken. Es müsse im gesamten kultischen Leben dem Zeitgeist Rechnung getragen werden und dort diese oder jene äußere Form preisgegeben werden, wo es sich um dik Erhaltung der religiösen Ideen Ländle. Was nicht mehr zeitgemäß sei, könne verschwinden, da das Judentum eine Idee sei, die durchaus unzcitliche Ewigkeitswerte besäße. Del Redner ging dann überblickend auf die Forderung der Liberalen vor zehn Jahren ein, die inzwischen fast restlos verwirklicht worden seien. Damals hätte man diese Forderungen als revolutionär verschrien. Es müsse Verschmelzung der Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts auf geistigem Gebiete mit dem eintreten, was wir von unseren Vätern ererbt haben. Vor allen Dingen sei eine größere Durchdringung des Gottesdienstes mit der deutschen Muttersprache zu fordern. Berejts das alte Judentum habe ja durch Einführung aramäischer Gebete Konzessionen in der Beziehung gemacht. Die hebräische Sprache müsse durchaus nicht abgeschafft, aber etwas zurückgesetzt werden. Auch müsse der Gottesdienst so gelegt w-erden, daß er auch in heutiger Zeit von einem größeren Personenkreis besucht werden kann, und dadurch ein Hineintragen der Sabbatstimmung in das jüdische Haus ermöglicht werde. Wichtig sei vor allen Dingen, daß die Jugend dem Judentum und dem Liberalismus zugeführt werde. An den Vortrag schloß sich eine längere Aussprache an, an der sich neben den Anhängern der liberalen Weltanschauung auch diejenigen der Jüdischen Mittelpartei beteiligten. Hi bücherschau IH "4444< .....Trtiiiminn' uu! Der Große Brockhaus. Band 3. J11“# ®n lütteren Zeiten gern über „Lexikonwissen“ gespottelt, in dem Glauben, damit dem Lexikon den Todesstoß versetzt ziu haben, so kann heute wohl an der Bedeutung eines Lexikonwerkes ein Zweifel nicht mehr möglich sein. Diese Bedeutung besitzt es nicht und will es ja auch nicht besitzen als wissenschaftliches Lehrbuch. Aber es ist — und das muß gerade in unserer schnellebigen Gegenwart allgemein anerkannt werden — das wertvollste Nachschlagewerk des modernen Menschen. Wer wollte sich wirklich rühmen, das Universalgenie zu sein, das nicht in seinem Spezialgebiet ferner liegenden Fragen der Hilfe oder des Rates eines Lexikons bedarf? Der Große Brockhaus wird dieser Aufgabe eines neuzeitlichen Nachschlagewerkes, wie jeder Band wieder beweist, in ganz besonderem Maße gerecht. Ueberprüft man vom Standpunkt des Fachmannes die Behandlung von Stichworten eines Sondergebietes, so ist man immer wieder erstaunt, wie oft mit ganz wenigen Worten in volkstümlicher Schlichtheit das Charakteristische ausgesagt ist. Dabei ist stets durch Literaturhinweise die Möglichkeit einer weiteren Vertiefung des Wissens erleichtert. In dem jetzigen Band, der nur von Ble bis Che reicht, habe ich das beispielsweise bei den Worten „Chassidismus“ oder „B’nai B’rith“, die doch abseits von der Hauptstraße eines Lexikons liegen, erneut feststellen können. Auch für die Zeichnung jüdischer Persönlichkeiten (Max Brod, Martin Buber, Constantin Brunner u. a) hat das Geltung, ebenso andererseits natürlich auch für den antisemitischen „Wissenschaftler“ Houston Stewart Chamberlain. Der Ritualmord wird bei dem Stichwort ,,Blutaberglaube“ erwähnt. Hier wird die Beschuldigung fremder Religionsgemeinschaften, daß sie bei ihren Entsühnungsfeiern das Blut eines gemordeten Menschen verwendeten, als „eine besondere Art des Blutaberglaubens“ bezeichnet. Bei dem Stichwort „Blutgruppenuntersuchung“ wird als Anwendungsgebiet (mit der Einschränkung „vielleicht“) auch die Entscheidung von Rassenfragen angegeben mit dem Hinweis, daß bisher auf diesem Gebiete allerdings noch keine eindeutigen Resultate erzielt wurden. Bei „Breslau“ wäre bei der Aufzählung der Bildungsinstitute die Erwähnung des FränckeFschen Seminars, einer der drei Rabbinerbildimgsstätten Deutschlands, geboten. Der Artikel „Bodenreform“ hätte einige historische Hinweise enthalten sollen, beispielsweise auf die Einrichtung des Jobeijahres in Alt-Israel und auf die biblische Auffassung, daß nur das Erträgnis des Bodens verkauft werden kann, der Boden selbst aber Besitz Gottes ist. Wertvolle Einblicke in die Welt nichtjüdischer Bekenntnisse finden sich in diesem Band unter anderem bei den Stichworten Buddhismus, der durch zahlreiche Illustrationen bereichert ist, sowie Calvin und Caritas. So ergibt auch ein Streifzug auf einem Spezialgebiet den Wert des neuen Brockhaus als Nachschlagewerk. Man kommt aus dem ehrlichen Staunen über die Fülle des Stoffes nicht hinaus. Unter der bewußten Berücksichtigung des Grundsatzes der praktischen' Verwendbarkeit, den der Verlag zu erfüllen versprach und auch erfüllt hat, hat erfreulicherweise der Grundsatz wissenschaftlicher Gründlichkeit keine Einbuße erlitten. Walter L o e w e n s t e i n. Klassiker der Weltliteratur im jüdisch-hebräischen Kulturkreise. Von Samuel Meiseis. Verlag Die Neuzeit, Wien 1930. Heft 1. 16 Seiten. Heft 1 von insgesamt 15; Einzelheft 1 M. Subskriptionspreis für sämtliche 15 Hefte 12 M. Das erste Heft führt uns in die Antike griechischer und römischer Klassiker ein und eröffnet den „ersten Abschnitt“ der ganzen Sammlung mit der Geisteswelt des alten Vater Homer, um seinen Genius im Rahmen der biblischen Betrachtung erstrahlen zu lassen. Jesaja wird mit Homer verglichen, da beide Gestalten eine genaue Gegenüberstellung von Judentum und Griechentum zeigen. Hellas vergegenwärtigt uns Anschauung, Kunst, Aesthetik, Schönheit, Anmut und Macht. Das Judentum entwickelt Begriff, Leben, Ethik, Wahrheit, Edelsinn und Gerechtigkeit. Der Zusammenhang dieser Faktoren hat die alte Kultur Judas der viel jüngeren von Hellas nahegebracht. Homer ist der Sänger des Krieges, Jesaja der Künder des Friedens. Die vorliegende Arbeit gibt interessante Anregungen eines zielsicheren Vergleiches Homers mit der Bibel im allgemeinen, Studien, die der Leser nach Belieben noch, erweitern kann. — Wir haben allen Grund, dem Verfasser dankbar zu sein, da seine Arbeit den Beweis dafür erbringt, daß die Bibel wirklich „das Buch der Bücher“ ist, dem die Quellen alles Hoheitsvollen entströmen — als Spenderinnen himmlischer Ideale für alle Kulturen bis an das „Ende der Tage“. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. Der Talmud, seine Entstehung, sein Wesen, sein Inhalt unter besonderer Berücksichtigung seiner Bedeutung für die neutestamentliche Wissenschaft, dargestellt von D. Paul Fiebig, Privatdozent für neutestamentliche Wissenschaft an der Universität Leipzig (1929, Verlag Eduard Pfeiffer, Leipzig, broschürt, 140 8). ln einer Zeit, die sogar in einem Kulturstaat wie Deutschland gegenwärtig Lügenpropheten gegen den Talmud aufstehen und skrupellos die reinen Quellen des Judentums mit ihren unter dem Eindruck nationalistischer Hetze stehenden Schreibereien und oratorischen Phrasen besudeln, ist oben erwähntes Buch eine gerechte Zurückweisung jener Elaborate und eine offene Verurteilung im Namen wahrhaft kultivierter Menschen. Der Verfasser weist in seinem Vorwort darauf hin, daß die neutestamentliche Wissenschaft die Forderung aufgestellt habe, das Studium des Talmud und der rabbinischen Literatur „zum Verständnis des neuen Testamentes heranzuziehen“. Fiebigs Arbeit wird jedoch auch zu einer Apologetik des Judentums, indem er durch seine sachliche Erörterung die Angriffe der Gegner ad absurdum führt. Der Hauptraum — 117 Seiten — ist in dankenswerter Weise dem Inhalt des Talmud gewidmet. Vom jüdischen Standpunkt aus interessiert uns besonders die Frage der Apologetik, wenn es natürlich auch von hohem Wert ist, zu verfolgen, wie vorliegendes Werk aus den Quellen des Talmud seine Beziehung zum Christentum nachweist. Der Verfasser führt uns im dritten Teil seiner Abhandlung siebenundzwanzig ausgewählte Kapitel in Kürze und Anschaulichkeit vor Augen und zitiert die ihm wichtig erscheinenden Texte in wörtlicher Uebersetztuig. Folgende Kapitel empfehle ich, sichtlich des apologetischen Prinzips einer genauen Lektüre zu unterziehen: Ehebruch, Eheintimitäten, Blutaberglaube und Ritualmord, das Schächten, Versöhnungstag, Kol nidre, Aussagen des Talmud über Jesus. Aber auch andere Abschnitte lassen auf Schritt und Tritt die Ethik des Judentums erkennen. Man wird gut daran tun, Fiebigs Abhandlung mit dem neuen Testament in der Hand zu lesen, um von der Warte der jüdischen Betrachtung die lesenswerten Ausführungen nachzuprüfen und so wertvolle Gedankenfäden in gediegener Art zu einem festen Gewebe auszuspinnen. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg.