Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 48 (27.11.1929)
- Date
- 1929-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MMOeraleZeilmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 2IL 2.50 Einzelnummer 0.20. Lei freier Zusendung L Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno Moyda. Dis «Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint setzen Mittwoch. Redaktion und Geschüstsstelie: Berlin Sw 11. Haltesche Skr. 1 Fernruf: Bergmann 335$, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137 069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ttonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Soldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: jüdisch-liberale Zeitung" 3nseratenabteilung: Berlin SD 11, Hallesche Straße 1 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Annoucen-Expedition. Ar. 48 Berlin. 27. November 1929 9. Jahrgang Veltperspeltiven von Bruno woyda Nur als Bindeglied zwischen Vergangenem und Werdenden! kommt der Gegenwart Bedeutung zu. Tas Anftarren der Gegenwart, die Ueberschätzung ihres Eigenwertes, bildet sie zum Hemmnis der Entwicklung. Tabei müßte gerade die Vervollkommnung der Technik in der Gegenwart uns das Denken in Zeitepochen und Kontinenten, über die Gegenwart und die Nähe hinaus, lehren. Bedenkt man, daß. erst vor etwa 109 Jahren die erste Eisenbahn dem öffentlichen Verkehr übergeben wurde, daß erst zur Zeit unserer Großväter beispielsweise Köthen, Tessau und Bernburg zum Herzogtum Anhalt vereint wurden, so muß man erkennen, daß die Weitung des Horizontes der Menschheit ihr an Weltdenken in der Gegenwart weit voraus ist. Tr. Colin Roß hat vor kurzem in einem lesenswerten Buch*^ einen „Querschnitt von 20 Jahren Weltreise" gezeichnet; es dient dem Zweck, die Hypothese eines neuen Weltbildes aufzuzeigen. Eine gewaltige Lebenserfahrung hat hier die Notwendigkeit eines neuen Tenkens erkennen lassen: „Hierin liegt das Neue und gleichzeitig das Kritische. Wir haben noch nicht die geistigen Brücken zu den anderen Kulturen geschlagen, uns noch nicht innerlich umgestellt. Es gibt Bücher über alle Erscheinungen des Lebens, aber sie handeln meist von der weißen Rasse und beurteilen die Well in der Reg^l nur vom Standpunkt des Europäers oder Amerikaners aus. Je länger ich aber reiste, je intensiver ich die fremden Völker in mir erlebte, desto stärker wurde ich mir bewußt, daß sich heute irgendeine Frage, ob nun eine soziale, eine politische, eine religiöse, nicht mehr isoliert für ein Volk, ja auch nur für einen Erdteil lösen läßt, sondern, daß es sich im wahrsten Sinne des Wortes um Menschheitsfragen handelt. Tiefe Erkenntnis ist mir durchaus nicht leicht geworden, ja anfangs habe ich sie weit von mir gewiesen. Auf meiner ersten Reise im Osten erschien mir der Unterschied in der ganzen Gefühls- und Gedankenwelt des weißen und des gelben Menschen so ungeheuerlich, so kraß, daß sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen beiden aufzutun schien und ich zu tiefst von der Wahrheit des Kiplingschen Wortes durchdrungen war: „Ost ist Ost, West ist West, und niemals werden sie einander treffen." Heute denke ich, das war ganz gut und schön, als Kipling das schrieb. Ta stimmte es. Aber heute? — Nun, heute hat sich die Welt gewaltig geändert. Heute sieht sie ganz anders aus. Heute rücken Ost und West aufeinander los, und einmal, morgen oder übermorgen, werden sie sich bestimmt treffen; und nicht nur Ost und West, sondern auch Nord und Süd, uird Nord und West, und Süd und Ost." Um dieses „Treffen" werten zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß annähernd zwei Drittel der Gesamtmenschheit in Asien und Afrika beheimatet sind, also in Gebieten, die heute noch wirtschaftlich, geistig oder politisch zum großen Teil Objekte europäischer oder amerikanischer Herrschaft sind oder aber infolge besonderer Verhältnisse gelöst von dem allgemeinen Geschehen ein Sonderdasein führen. Weiter darf nicht übersehen werden, daß. die Bevölkerungsdichte beispielsweise in China, Japan und Indien bereits jetzt ^der in West- und Mitteleuropa oder in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gleicht, so bctfr beim Erreichen einer gewissen Zivilisationsstufe und Kulturhöhe mit einer beträchtlichen Auswanderung aus diesen Ländern gerechnet werden muß. Aus unserer Gewohnheit abendländischen Tenkens unterschätzen wir all diese Tatsachen. Niemand von uns bedenkt, daß es auf dem Erdball fast ebenso viel Buddhisten wie Christen gibt, daß ein Siebentel der Menschheit Mohamme- -h^kr^sind, und daß es etwa 16 mal so viel Brahmanen?ie nur zu gern schmeicheln wir unserer Herrlich keck dadurch, daß wir uns fremde Menschengruppen noch als Menschen niederen Wertes betrachten. Tie Einstelmng vieler Juden gegenüber den Arabern anläßlich der dA.^st)naunruhm hat das jüngst erst wieder erwiesen. Wie gefährlich eme derartige Betrachtungsweise ist, wird die starke nationale Bewegung und das erwachende Selbstbewußtsein zahlrercher brsher unbeachteter Völker uns vermutlich früher als erwünscht lehren. Colin Roß schreibt ganz mit Recht: „Wer mck Naturvölkern zu tun gehabt und sie nicht nur mit der im Grunde ebenso törichten wie unberechtigten europäischen Anmaßung als „Wilde" betrachtet hat, muß anerkennen, daß es sich auch bei ihnen, seien es nun rote Armarä oder schwarze Kikoyn mib braune Balinesen, um Menschen handelt, die eine Hypothese von der Welt haben, *) Colin Roß: Die Welt auf der Waage. Das in diesem Artikel lverter genannte Buch ist: Christian Leben, Ueber Kiwaüus Eisfelder. Beide erschienen im Verlag A. A. Brockhaus, Leipzig. deren geistiger Wert hinter der unsrigen nicht zurückzustehen braucht, ja in manchen Fällen sie vielleicht sogar übertrifft. Allerdings ist es unendlich schwer, wirklichen Einblick in die Hypothesen, die Weltkonstruktionen der sogenannten Natur^ Völker zu bekommen, denn im allgemeinen hüten sie sie als unbedingtes Geheimnis vor dem weißen Mann.- Ter geringe Eindruck, den man den fremden Rassen mit den europäischen Erfindungen macht, sollte einen schon stutzig machen. Gewiß kann ein Auto, ein Gewehr, ein Grammophon, ein Flugzeug Ueberraschung und Erstaunen erregen, wenn es zum ersten Male vorgeführt wird, aber der „Wilde" ist im allgemeinen nicht so fassungslos, wie es in den Reiseberichten geschildert wird. Zum mindesten resultiert daraus nicht oder wenigstens nicht immer der Glaube an die Höherwertigkeit des weißen Mannes. Gewiß, man mag seine Macht anerkennen und sich vor ihr beugen, aber innerlich weiß man, daß man als Mensch, als einer, der mit den eigentlichen wirksamen Kräften, mit der Gottheit, verbunden ist, dem Weißen keineswegs nachsteht." An einer anderen Stelle seines Buches verweist Colin Roß darauf, wie stark Oie Menschen Afrikas und Ostasiens noch in der Sippe leben. „Einer für alle, und alle für einen" tzilt noch unbedingt. Wenn ein afrikanischer Schwarzer zum ersten Male aus dem Arbeitskontrakt aus einer Mine ins heimatliche Torf heimkommt, übergibt er als Selbstverständlichkeit seinen Lohn oder jedenfalls den größten Teil seines Lohnes dem Häuptling und Stamm. Dafür sorgen diese ebenso selbstverständlich im Falle von Not für ihn. Ebenso hat auch heute noch ein geschäftlich erfolgreicher Japaner oder Chinese einen erheblichen Teil seines Gewinnes der Sippe zukommen zu lassen. Andererseits steht die Sippe im Falle eines Bankerottes oder Vermögensverlnstes unbedingt für ihn ein, und noch heute fühlt sich in China — dort, wo Europa noch nicht wirksam geworden ist — die Familie selbstverständlich verpflichtet, für die Schulden oder Verfehlungen eines ihrer Mitglieder einzustehen. Tabei wird der Kreis der Familie so weit gezogen, daß man bei uns gar nicht mehr von Verwandtschaft rä>en würde." Taß das Erwachen Asiens und Afrikas für die Kulturen Europas nicht unbeträchtliche Gefahren im Gefolge haben kann, zumal in einer Zeit, da die Menschen Europas „enropamüde" geworden sind und an der Alleinselikeit ihrer Lebensanschauung und Formenwelt zu zweifeln beginnen, bedarf keiner näheren Begründung. Will das Abendland sich behaupten, so muß es sein mechanisiertes Leben mit neuem Geist erfüllen und muß dem Streben nach technischer Vervollkommnung wieder das Streben nach geistiger Erkenntnis gleichwertig an die Seite setzen. Es ist charakteristisch, daß Colin Roß als Ergebnis seiner zwanzig Jahre Weltreise sein Buch mit einem Kapitel „Ter Mythos der Maschine" schließt, in dem er, der Absolvent einer Technischen Hochschule Teutschlands, die einzige Lösung der zukünftigen Auseinandersetzung in einem neuen Gottempsinden sieht. „So paradox es klingen mag, ein rein technisches Zeitalter, wie es jetzt heraufzieht, bedarf dieses Einklanges mit der Natur, oder sagen wir gleich mit der Gottheit, nötiger als ein anderes. Dieser technische Weg zu Gott mag einein ewigleits- und gottbewnßten Menschen als Umweg, gar als Irrweg erscheinen, sicher ift1 er nur ein Weg unter vielen. Aber ich glaube, daß ec für uns Menschen von heute der gegebene ist. Besser der „technische Weg" als gar keiner... Wenn wir also die Technik nicht lassen können, aber! gleichzeitig erkannt haben, daß der Weg zu den letzten Lebensquellen nur über die Magie führt, so müssen wir zu dem Schluß kommen, daß die Zukunst unserer Zivilisation und damit die der weißen Raffe nur dann gewährleistet ist, wenn sie auch aus dem technischen Wege den Anschluß an die magische Kraft nicht verliert, die der eine große Motor ist, der letzten Endes auch! unsere Technik speist. Unsere dynamische Seele braucht einen dynamischen Gott. Mit dem statischen, der in Ewigkeit, Unendlichkeit und Unveranderlichkeit thront, wissen wir nichts anzusangen. Für uns muß Gott Rhythmus, Bewegung, Welle sein, der eine ungeheure Rhythmus des Universums. Um Gott so zu empfinden, dazu bedarf es keiner neuen Religion, sondern nur eines Freiseins von Bigotterie. Steht nicht in der Bibel: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten." Wie aber tonnten wir modernen Menschen Geist anders empfinden denn als Aetherwelle!" . Man ^braucht gewiß nicht mit jeder These, die Colin Roß ausstellt, einverstanden zu sein, aber unzweifelhaft wird man auch hier die Bedeutung der Religion jüi die Klärung der Menschheitsprobleme in o<cv Zulunft erkennen und empfinden. Wenn die Religionen sich aus den Fesseln einer erstarrten Togmatik und eines überlebten Ritualismus wieder zu dem natürlichen Urquell oer Religion gefunden haben werden, dann wrroen sie von einem oft gehätschelten, aber doch meist unbeachteten Anhängsel oer Lebensgestaltung wieder zu einem dominierenden Faktor werden. Gerade das Judentum, das als zablenmäßig schwächste Weltreligion, bei oen kommenden Auseinandersetzungen Gefahr läuft, völlig in den Hintergrund gedrängt zu werden, muß begreifen, daß cs seiner Sendung weder durch Beibehaltung unzeitgemäßer Formen noch durch Zurückziehung ans einen kleinen Teil der Welt dient, noch dazu aus einen Teil, aus dem es von der erwachenden arabischen Welt überflutet werden mußj. Wir Juden neigen dazu, fie christliche Mission als cm etwas närrisches Unternehmen anzusehen. Weil die Mission in der Bekehrung von Juden meist völlig ungeeignete Mittel arm endet, weil hier ein großer Aufwand unnütz vertan wird, lehnen wir sie häufig in etwas hämischer Weise ab. Uno doch verkörpert sich in ihr eine religiöse Kraft, die für uns vorbildlich sein sollte und die den Juden Anlaß zur Erkenntnis ihrer religiösen Verpflichtung gegenüber der Menschheit geben müßte. Eine gewaltige religiöse Kraft ist verkörpert in diesem Witten, ferne Menschen der Vorstellungswelt des Christentums zu gewinnen. Wo machen wir Juden den Versuch, für unsere religiöse Welt Menschen zu interessieren und zu begeistern? Tie, erschüttert liest man in dem Buch von Christian Leben „Ueber Kiwatins Eisfelder", wie christliche Missionare unter den unwirtlichsten Verhältnissen die Lehre d-es Christentums unter kanadischen Eskimos verbreiten. Hier interessiert nicht, wenn Leben daraus hin weist, daß die Missionare meist' den Eskimos neben den Segnungen des Christentums auch» den Fluch, der Zivilisation gebracht haben. Woraus es uns hier ankommt, ist, die Stärke des religiösen Ueberzeugnngswillens der Missionare zu zeigen. Ist es nicht geradezu erschütternd, wenn Leden an einer Stelle ausführt: „Den Sonntag will der Kapitän benutzen, einige größere Segelboote herbeizulotsen, die später von den Eskimos zu einem der Pelzhandelsplätze an der Ungava-Bucht gerudert und gesegelt werden sotten. Wir haben einige Schwierigkeiten, die Eskimos zu überreden, daß sie uns dabei Helsen; sie sind noch' neu bekehrt und haben die fixe Idee, das Christentum bestünde vor allem darin, daß man an den von den Missionaren vorgeschriebenen Sonn- und Feiertagen nicht arbeitet. Oft vermengen sie auf die wunLerlichste Art ihre alte Religion mit der neuen Lehre, und es ist! beinahe unmöglich, sie umzustimmcn, wenn sie sich erst etwas in den Kopf gefetzt haben. Nur i hr neuer Angakok (religiöser Ratgeber), der Missionar, hat in solchen Fällen einigen Einfluß auf sie." Diese wenigen Sätze zeigen, daß auch bei dem Missionswerk nicht selten die Form über den Geist gestellt wird. Aber trotz aller Fehler im einzelnen muß doch gesagt werden: Hut ab vor einem Menschen, der Not und Entbehrung aus sich nimmt, sich aus denr Kreis der gegenwärtigen Kultnrmenschheit löst, die Eskimosprache erlernt, um seine religiöse Weltanschauung fernen Menschen zu vermitteln! Wir Juden haben uns nicht zuletzt infolge der Angrifte einer mißgünstigen Umwelt in eine eigene Welt eingesponnen. hundertprozentige" Juden pochen, statt den Rasstnwcchnsinn überwinden zu Helsen, auf den alles überragenden Wert der jüdischen Rasse, bauen ein neues Ghetto, statt die Welt nach, ihrem religiösen Bild gestalten zu Helsen, und verschütten unter Vergangenheitsformen die Zukunstsgeltung ihrer Religion. Unter all dem innerjüdischen Geschäftigkeitstrie'b vergessen sie, daß ein neues Weltbild im Werden ist, und daß die wesentlichste Aufgabe für alle Juden sein müßte, zu bestimmen, welchen Anteil das Judentum an ihm haben soll. Der Horizont der Menschheit hat sich geweitet. Doch, das Judentum, das zur Zeit eines Moses Mendelssohn wie die Schnecke aus dem Gehäuse hervorkroch, glaubt heute stolz daraus sein zu dürfen, wenn es sich, wieder in sein Gehäuse zurückzieht. Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum Es steht nunmehr fest, daß die satzungsmötzig in diesem Winter fSMge Hauptversammlung der bereinig«»- für das liberale Judentum e. V" am Sonnabend, 1. und Sonntag, 2. Februar 1930 stattsinden wird. Ms Tagungsort ist diesmal Breslau gewühlt morden. D-ie Tagesordnung und andere Einzelheiten werden bei späterer Gelegenheit bekanntgegeben werden.