Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-20 · 47 (20.11.1929) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
47 (20.11.1929)
Date
1929-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614047--3359-2620940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WMKberaleZeilNL Ohm -er Vereinigung für das liberale Iu-enium e. V. bl!1»nU »«ch M« >/.«»«« X U» ÜMjdiwwiwcr IlMl Vet freier -»feuduug i. 3«la»d M6 F»r die Mtglieder der Vereinig««, ist der Verugrpreir im Mtglledebeitrage euthatte«. »eruutwortl. Redakteur: Bruaa »e,d«. fit« »Jüdisch. llb«r«le Seltm«” erschein, irtnt Mittwoch. lUöaftion an» Berlin »»11, H-Üesch« *lt. 1 Sitanif: Bergmann 3358, 3389 Postscheckkonto! Bern« NW 7, 137 OM (Deteiaifltmg für bar liberale Judentum) Nachdruck sämtlich« Vrigtual-BatträGs uur mit vorheriger »euehmißuug d« Redaktion gestattet. LL'ÄLLL"L StogSTO1 Vlederholuugeu Rabatt. «»zeigeuauuahme: .Jüdisch-liberale 3tUu*m Lferateuabteiiuag: Verü« SB 11. -allefch« Stratze 1 fVergmaa»: 3338-59), sowie sämkl. Aunouceu-Expedma». Nr. 47 Berlin. 20. November 1929 9. Jahrgang Ser organisierte Frieden Bon dem Leiter des Kreises jungjüdischer Pazifisten, Lehrer I. Raphael-Beckum i. 28., gehen uns die nachfolgenden Ausführungen zu, die einen interessanten Einblick in die beachtliche Arbeit dieser Kreise geben. Die Red. Man organisiert wieder einmal — aus Kosten der Idee, wahrscheinlich! Irgend eine romantische Psychose sucht die Menschen zu einer Konjunktur zusammenzuraffen, als ob hinter all oem Getriebe der routinierte Beseht einer dunklen Interessengruppe lauert: man organisiert den Frieden. So etwas ist heute im Zeitalter der Völkerbundspcophelen und Paneuvopu'-Minister keine sehr gefährliche Sache mehr, und das Odium des „Landesverräters", der gegen den Glanz uniformierter Völkerverhetzer eifert, liegt nicht mehr in der Luft. Auch die Künder der Verwirklichung von Ethil und Religion haben es heutzutage leichter, nachdem die Vorkämpfer im Lager religiös entschjiedener Christen — die Kreise um Nikolaus Ehlen und Pfarrer Bleier, um Professor Rade und Pater Stratmann — bereits seit Jahren in bewundernswerter Unerbittlichkeit alle wütenden Spötter und aus der Ruhe gerissenen Spießer entwaffnet haben. Damals — ja, als man noch mit dem letzten schäbigen Rest eines geistlosen Auch-Militarismus, mit oer ganzen aufgeplusterten, falschen Glorie bürgerlicher Anständigkeit die Zeitprobleme meistern und enträtseln wollte, — ja, damals war es wirklich! so etwas wie echtes Heldentum, sich mit der Glut aufrichtiger Religiosität und mit der Forderung des konsequenten Pazifismus mitten unter die Marktschreier einer bankerotten l^oche zustellen! Wir wollen schweigend darüber hinweggehen, warum damals — damals gerade! — ein wesentlicher Bestandteil der weltreligiösen Kraft, das Judentum, gefehlt hat. In schwankenden Zeilen schwankendzwischend den Meilensteinen des Geschehens umherzupendeln, ist! zwar schlimmste Versündigung, — aber es mag, wenn man die gesamte Struktur der aus dem Völkermorden stark ramponiert hervorgegangenen Religion an sich! in Betracht zieht, schon eine Art Fortschritt sein, daß, wenigstens in unseren Tagen der Gefahrlosigkeit und der nicht im Moment attuellen Kriegsbedrohnngen eine kleine Selbstbesinnung ihren Einzug auch in die Reihen des Judentums hält. Man soll derartige „Wandlungen" gewiß nicht überschätzen, — man darf sie aber auch! nicht unterschätzen. Nur eine Kleinigkeit sollte man an Pen Ausgangspunkt aller Gesinnungswandlung stellen: die klare Erkenntnis der Gefahr, mit einer mustergültig aufgezogenen, tadellos funktionienierenden Organisation, mit Geschäftsstelle, Apparat und mit einer imponierenden Zahl von „Mitgliedern" eine tatsächlich! wettvolle und zuverlässig-aktive Kraft der Miegsbekämpsung schäften zu können. Eine rein organisatorisch zusammengeworsene Masse wird niemals im Augenblicke praktischer Forderungen zu einem zwingenden oder auch nur drohenden Arm werden, — sie wird zum Hindernis und Hemmnis für die Teile, die diesen Arm dann in Bewegung setzen wollen. Die Weltgeschichte hat mit der „Massenpsychose" schon sehr Üble Erfahrungen machen müssen. Soll eine Idee, wie zum Beispiel der Kamps gegen den Krieg und seine Ursachen, auch! nur in bescheidenem Ausmaße der ehrlichen Verwirklichung zugeführt werden, dann ist es erste Pflicht, eine Truppe oer Ueberzeugten und Unbedingten zu scharen, und den Weg aus diesem inneren Kreis erst dann zu gehen, wenn die Menschen, die Träger der Idee jede Konsequenz zu ziehen bereit sind. Keine Minute vorher! Die Kreise, die im christlichen Lager für Frieden, soziale Gerechtigkeit und für die Heimstätte der Religion auf Erden ihre ganze Persönlichkeit zum Opfer bringen, wissen schon längst, daß eine Organisation der „Masse" nicht ein Allheilmittel sein kann, und besonders nicht gegen dieses grauenhafteste und raftinierteste Uebel: Krieg! Wer in diese Front oer Abwehr treten will, muß erkennen, daß, sein Bekenntnis kein Kinderspiel, keine Gefühlsduselei, kein platonischer Begriff sein kann, und daß eine allgemeine Schwärmerei für Ruhe nochl kein Wollen zum Frieden darstellt! Es geht hier um unendliche viel mehr, als um eine rein notwendige Atempause oder um einen Waffenstillstand! Frieden — das ist der Kampf um eine gerechtere, ehrlichere, religiöse O rönung! Und jetzt, da man endlich das Judentum zu diesem Kampfe aufruft, gilt es, die Linien nicht zu verwischen, sondern von den Menschen, die hier den Weg zu einer heiligen Aufgabe göttlicher Bestimmung sehen, die ganze, ungeteilte Persönlichkeit zu verlangen. Jede Halbheit, jede Unentschiedenheit und Inkonsequenz würde die Gewalt der zum Faktor ethischer Erziehung berufenen Religion schwächen, lähmen, aufs neue erschüttern und degradieren, — wie in den Jahren des dunkttn Kapitels von 1914—1918. Die Religion darf sich diesen Stößen nicht preisgeben, denn gerade junge Menschen, Gottsucher und Menschensucher, würden immer wieder und wieder dadurch in Irrungen und Zweifel gedrängt, und es ist nicht zu leugnen, daß ein gewisser Teil unserer Religions-Entfremdung auf die verschwommene Linie derer zurückzusühren ist, die man mit dem Dienste des Religiösen betraut hat. Ein Frieoensbnnd, insbesondere ein jüdisch-religiöser, kann nicht organisiert werden: man muß ihn auf dem Fundamente einer radikal-religiös denkendcn und wollenden Zelle aufbauen, erziehen, von selber emporwachsen lassen. Religion im radikalen Sinne, das ist und kann nur sein: Unbedingte Durchsetzung des gesamten Lebens und seiner Erscheinungsformen, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, mit der besonderen Nuance der jüdischen Ethik, denn Judentum ist Formung des Lebens in allen seinen Teilen, ist Einheit als Spiegelbild göttlicher Einheit, — und nur diejenigen, die sich in allen Jahrhunderten aus den „Boden der Tatsachen" stellen, schassen sich dieses kleine, lächerlich gewordene, halbe und viertel Judentum, ein Konsessiönchen für synagogale und standesamtlich« Zwecke. Tie am vergangenen Sonntag in Preußen, Sachsen und Hessen durchgeführten Wahlen in die Stadtprrlamente haben fast überall ein starkes Ansteigen der nationalsozialistischen Stimmen, meist auf Kosten der Teutschnrtionalen, erbracht. Beispielsweise in Berlin, wo die Nationalsozialisten bisher nicht vertreten waren, ziehen sie mit 13 Stadtverordneten unter Führung von Tr. Goebbels (bei der Gesamtzahl von 225) in das Stadthaus ein. Ihre Stimmenzahl betrug in Berlin 132031. Zum Teil saugten sie auch die Stimmen der Völkischen urw der Teutschfozialen (bisher 3 Mandate) in sich auf. In vielen anderen Städten des Reiches ist das Verhältnis für sie ein noch günstigeres. Dieses Anwachsen der völkischen Welle hat in weiten jüdischen Kreisen Beunruhigung hervorgerusen. Wir glauben, daß diese in dem bestehenden Umfang nicht gerechtfertigt ist. Selbstverständlich ist es die Pflicht der berufenen jüdischen Instanzen, insbesondere des mit dem nötigen Rüstzeug versehenen Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die fortgesetzten unberechtigten Angriffe gegen jüdische Deutsche abzuwehren. Darüber hinaus wird es die Ausgabe aller, der Juden und Nichtjupen in Deutschland, sein, durch Aufzeigen positiver politischer und geistiger Ideale vor allem die irregeführte Jugend, die dem Nationalsozialismus folgt, auf den Wegmenschheitlichen Zukunftstrebens zu leiten. So bedauerlich das Anwachsen der Nationalsozialisten in Deutschland ist, nicht verkannt werden sollte in jüdischen Kreisen der Umstand, djaß sie nach wie vor nur einen geringen Bruchteil des deutschen Volkes repräsentieren. Der preußische Kultusminister über die Berliner Sludenkenunruheu Ter Amtliche Preußische Pressedienst verbreitiet einen Aufsatz des Kultusministers Professor Tr. Becker über die Aufgaben im neuen Staat, der den folgenden Passus mit Bezug auf die Berliner Studentenunruhen enthält: Professoren und Studenten haben es der Regierung nicht gerade leicht gemacht, für Hochschnlinteressen in der Oessentlichkeit einzutreten und die notwendigen Mittel für ihre Arbeit zu beschaffen. Gewiß fordert die Wissenschaft eine aristokratische Geisteshaltnng, aber nationalistische Flegeleien gegen Andersdenkerrde sind nicht gerade ein Beweis für aristokratische Gesinnung. Leider kann man heute von weiten Kreisen der akademischen Jugend nur sagen: „Herr, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist die für die Eröffnung des Disziplinarverfahrens notwendige Voruntersuchung unmittelbar nach den Ereignissen ausgenommen worden. Sie ist noch im Gange. Neue Studentenunruhen iu Prag Xn Ullstein-Nachrichtendienst meldet aus Prag unter dem 18. November: Tie erneuten Ausschreitungen der deutschvöMschen Studenten an den beiden deutschen Hochschulen Prags, über deren Beginn bereits berichtet wurde, und die am Nachmittag auchl aü, die tschechische Universität Übergriffen, erreichter: abends gegen 8 Uhr eine kritische Zuspitzung. Deutschvölkische uns, wie es scheint, auch tschechische fascisttsche Studenten Soll ein jüdischer Friedensbund weiter nichts darstellen, als eine Dachorganisation, als ein Sammelbecken für alle möglichen uno heutzutage unmöglichen „Friedensfreunde", Philantropen und dergleichen, so wird er zu keinerlei gemeinsamer Arbeit und Aktion im Sinne seiner eigentlichen Bestimmung gelangen können. Die Vielheit der „Auffassungen" uno Auslegungen, die Zauderer und Bernunstpazifisten, üno d:e vielen Vor- und Mitläufer, die sich, überdies zu gar keiner positiven Stellungnahme aufschwingen, werden einen organisatorisch, zweifellos einwandfreien, aber ideologisch aussichtslosem ringenden Turmbau zu Babel in die Höhe treiben. U:rd darum werden die jungjüdischen Pazifisten, die mit ganz eindeutigen Richtlinien der Kriegsbekämpsung sich der allgemeinen jüdischen Friedensbewegung als fcet gebildete Gruppe anschließen, immer zu fordern haben: keinerlei Kollektivbeitritte großer Organisationen, die in keinem inneren Kontakt zum pazifistischen Kampfe stehen, — sondern nur ein bewußtes Bekenntnis der Einzelnen, die ihre Verantwortung dem Judentum und der Menschheit gegenüber klar sehen! Bevor wir organisieren und nach der Masse der Mitglieder schreien: Festigung des Kerns! Die herrlichsten Zahlen werden wie blauer Dunst zerflattern, wenn wir nicht diese Tat an unseren Anfang setzen! griffen das internattonale Studentenheim in Albertov, das sogßpannte Studensky Domov, an. '^Dieses Studentenheim beherbergt gegen 1650 Studenten aller Nationen (250 Deutsche, 600 Tschechen und Slowaken und 400 Juden neben Ungarn, Ukrainern, Rusien und Armeniern). In kleineren Trupps gelang es den völkischen Studenten, einzudringen. Zusammen mit den bereits im Studentenheim wohnenden nationalistischen Studenten versuchten sie, die Juden hinauszuwerfen. Diese hatten sich' mittlerweile in ihren Zimmern verbarrikadiert. Ter Leitung des Studentenheims gelang es zusammen mit wenigen Polizisten, die ersten Eindringlinge hinauszudrängen. In demselben Augenblick erschien aber der Haupttrupp der nationalistischen Studenten, etwa 600 Mann stark, mit Stöcken, Knüppeln und Totschlägern bewaffnet, und versuchten, das Studentenheim zu stürmen. Zum Glück erschien in diesem Augenblick auch> Polizeiverstärkung. Es kam zu einer Schlacht, in der es der Polizei gelang, nach heftigem Kamps die nationattstischen Studentm auseinander zu treiben. Diese versuchten aber neuerlich von anderer Seite her in das Studentenheim einzudringen. Aber auch' diesmal gelang es der Polizei, die Eindringlinge endgültig zu zerstreuen. Bei dem Zusammenstoß, gab es zahlreich« Verletzte auf beiden Seiten. Der größte Teil der Deutschvölki scheu zog sich hierauf in das Heim „Germania" des deutschvöMschen Zentralvereins zurück. Die Ursache für die Ausschreitungen sind die völlig ungenügenden Raumverhältnifie in den Hochschulen, die «inen normalen Lehrbetrieb nicht Mafien. Die völkischen Studenten wollen mit Gewalt eine Zurückdräpgung der „nichtdeutschon" Studierenden erreichen. Die Presse aller Richtungen verurteilt die Demonstrationen, weist aber daraus hin, daß die Universitäten im Etat viel zu gering dotiert sind. Umschau Antisemitische Tendenzen im A.D1A.C.? Ter vor kurzem in Annaberg gegründete örtliche Automobll-Club als Zweig des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs hat in seiner Gründungsversammlung, in welcher der Gauvorsitzende des A.T.A.C. in Chemnitz, Swoboda, anwesend war, mit 18 gegen 5 Stimmen den Beschluß gefaßt, daß Juden in pen neuen Klub nicht ausgenommen werden dürfen. Dem Präsidium des A.T.A.C. in München wurde Bericht erstattet; dieses nahm zu dem Vorhalt hinsichtlich des Ausschlusses von Juden wie sol^t Stellung: „Bezüglich der Aufnahme von Israeliten in die Ortsgruppen möchten wir Ihnen zur Kenntnis geben, daß unsere Ortsgruppen nur in ihrer sportlichen und wirtschaftlichen Betätigung sich nach den Satzungen des A.T.A.C. zu richten haben. In ihrer gesellschaftlichen Zusammensetzung sind sie völlig unabhängig..." Bekannt jst, daß auch der Leipziger Tamen-Automobil- Club Mitglieder jüdischen Glaubens ablehnt. Das illustrierte Sportblatt des „Berliner Tageblatts" nimmt zu diesen Vorgängen in folgender Weise Stellung: „Tie Erklärung des A.T.A.C.-Präsidiums geht von falschen Voraussetzungen aus. In diesem Falle handelt es sich aber nicht um eine gesellschaftliche Frage, also beispiels- Ae «Mich« «eile

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.