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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-11-13 · 46 (13.11.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
46 (13.11.1929)
Date
1929-11-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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intime Freundschaft. Ludwig Stein wurde darum auch ringelnden, im deutschen und Weltruudfunk die Persönlichkeit des verstorbenen Staatsmannes zu zeichnen. Professor Ludwig Stein widmet einen großen' Teil seines Einkommens und Vermögens Wohlfahrtszweckcn und nimmt sich insbesondere vieler mittelloser Studierender an, denen er den Lebensweg ebnet. Berlin. (Schulunterricht am Sonntag unzuläs-- s i g.) Der neu ernannte Dezernent für das Bolksschulwesen beim Berliner Provinzialschulkolleffium, Regierungsdirektor König, ein Sozialdemokrat, hat eine Verordnung erlassen, die den Schulunterricht an Sonntagen verbietet. Dadurch sind die bestehenden jüdischen Volksschulen auf das schwerste betroffen, da bei einem nur fünftägigen Unterricht in der Woche das Lehrziel nicht erreicht werden kann. Breslau. (Verein jüdisches Museum.) Der Verein jüdisches Museum E. V. zu Breslau hielt am 23. Oktober 1929 in den Räumen der Spinozaloge in Breslau seine Generalversammlung ab. .Aus dem Bericht des Vorsitzenden, Herrn Max Silberberg, geht hervor, daß der Verein es verstanden hat, aus eigenen Mitteln, Spenden und Leihgaben eine Sammlung jüdischer Kunstgegenstände zusammen zu bringen, die heute schon einen bedeutenden Wert darstellen. Das Museum steht eigentlich nunmehr fertig da, zumal cs möglich war, im Schloßmuseum provisorische Ausstellungsräume zur Verfügung zu bekommen, welche interessierten Besuchern jederzeit zugänglich sind. Wenn dieses Werk in so verhältnismäßig kurzer Zeit erreicht wurde, so war dies nur durch weitgehende Unterstützung der Breslauer Synagogen-Gemcinde, sowie verschiedener Provinzgemeinden möglich. — Von den für die Zukunft geplanten Arbeiien dürfte die Oeffentlichkeit interessieren, daß im März 1930 eine Sitzung der „Arbeitsgemeinschaft für Sammlungen jüdischer Kunst und Altertümer" in Berlin stattfinden soll. Breslau soll dieser folgende drei Vorschläge unterbreiten: 1. Regionale Aufteilung zwecks Errichtung eines gemeinsamen photographischen Archivs nach einheitlich sestzusetzenden Richtlinien. 2. Regionale Aufteilung für die Sammlung von Kunstgegenständen und daran anschließend eine große Ausstellung aller Museen an einem zentral gelegenen Orte, vielleicht Berlin. 3. Schaffung einer Austauschstelle von Doubletten. Ueber die anläßlich des 75 jährigen Jubiläums des Fraenckelschen Rabbincrsennnars im Lichthofe des Kunstgewerbemuseums in der Zeit vom 1. bis 10. November d. Js. stattfindende Ausstellung wird gesondert berichtet werden. An die Generalversammlung schloß sich ein Lichtbildervortrag von Herrn Studienrat Dr. Willy Cohn, Breslau, an über: „Das wissenschaftliche Ergebnis der Breslauer Ausstellung: das Judentum in der Geschichte Schlesiens und die Möglichkeit seiner Auswertung". Anläßlich des 75 jährigen Bestehens des Jüdisch-Theologischen Seminars zu Breslau trat der Verein jüdisches Museum mit einer erneuten Ausstellung an die Oeffentlichkeit. Die Schau, die im Lichthof des Breslauer Kunstgewerbemuseums außerordentlich eindrucksvoll zusammengestcllt ist, umfaßt vor allem eine Reihe von Texlilien, die im Kultus Verwendung fanden. Die Ausstellung, die in diesen Tagen die zahlreichen Gäste sehen konnten, welche die jüdische Geisteswelt zur Feier des Seminars entsandt hatte, beweist, tvas verständnisvolle Sammeltätigkeit immer wieder schassen kann, und wird hoffentlich auch andere Orte anregen, dem Breslauer Beispiel zu folgen. Eich. (Gedenktafelweihe.) In Eich fand die Einweihung einer Gedenktafel für die im Weltkriege gefallenen jüdischen Soldaten statt. Rabbiner Dr. Holzer hielt die Weiherede; auch der Bürgermeister und Vertreter der Gemeinde hielten Ansprachen. Hannover. (I u g e n d t a g u n g.) Vom 8.—10. November fand hier die Delegiertentagung des Nordwestdeutschen Bczirksverbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands statt. Den Auftakt bildete eine wohlgelungene Freitagabendseier unter Leitung Rabbiner Dr. Schorsch, an der sechzig Personen teilnahmcn. Im Sonnabendvormrttag-Gottesdienst gedachte Landrabbiner Dr. Freund der Verdienste, die sich die Jugend um die Erhaltung des Judentums ertvorben. Anschließend fand eine Führung durch die Synagoge und durch Alt-Hannover statt. In einer Ardeitsgemeiuschaft unter Leitung Siegfried Bacharachs wurde das Thema: „Die jüdische Jugend für den Frieden" eingehend erörtert. Die eigentliche Delegiertentagung fand in Anwesenheit der Vertreter fast sämtlicher jüdischen Organisationen Hannovers statt. Auch die katholische und die evangelische Jugend waren vertreten. Nach der von Oberkantor Alter und John Mandelbrod meisterhaft durchgeführten musikalischen Einleitung cröffnete der Bcrbandsvorsitzende Joe Israel, Hannover, die Tagung. Den Gruß und Wunsch der Gemeinde übcrbrachte Kommerzienrat Berliner, für die vertretenen Organisationen sprach Landrabbincr Dr. Freund. Im Mittelpunkt der Tagung stand ein Referat des Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, Dr. Hahn, Essen: „Der Kampf des jungen Juden um seine Lebensgestaltung". Unter den verschiedenen Forderungen wirkte wohl am stärksten die nach Wandlung der Mentalität. Starke Umstellung in der Berufswahl sei notwendig. Hier seien veraltete unzeitgemäße Meinungen zu andern. Berns und Berufung müßten sich decken. Denn nur wer sich nicht bei unliebsamer Arbeit als Sklave fühle, wäre für geistige Dinge in der Freizeit empfänglich. Mit einer eingehenden Aussprache schloß die Vormittagstagung. Der Nachmittag war den vcrbandstechnischen Dingen gewidmet, die so schnell erledigt wurden, daß man die Aussprache über das Referat fortsetzen tonnte. In einer Schlußansprache forderte Rabbiner Dr. Schorsch, daß die Jugend sich zunächst qualitativ in ihrem Kreise auswirke, ehe sie ihn quantitativ ausbaue. Kassel. (Jubiläum.) Anläßlich seines 75 jährigen Bestehens erhielt das Bankhaus S. I. Werthaus jr. Nachfolger die besonderen Glückwünsche des Oberbürgermeisters Dr. Stadler, der namens der Stadtverwaltung die verdienstvolle kommunale Tätigkeit des verstörbencn Seniorchefs, des Kommerzienrats M. Wertheim, anerkannte und auch das charitative Wirken seiner Gattin, Frau Eugenie Wertheim, lobend hervorhob. Bekanntlich haben die Genannten auch den sozialen Einrichtungen unserer Gemeinde, insbesondere dem Israelitischen Waisenhaus, dem Frauenvcrein und seinen Anstalten (Altersheim, Kinderhort) ihr lebhaftes Interesse und ihre tatkräftige Unterstützung gewidmet. Mannheim. (S y n o d a l w a h l e n.) Für die am Sonntag, den 17. ds. Mts., stattfindenden Synodalwahten ist ein Landeswahlabkommen getroffen worden, traft dessen der bisherige Besitzstand der verschiedenen Richtungen bezw. Parteien gewahrt bleibt. In Mannheim haben sich die Vertreter der verschiedenen Richtungen auf eine gemeinsame Kandidatenliste geeinigt. Der Besitzstand an vier liberalen Kandidaten bleibt gewahrt. Es wurden aufgestellt von der liberalen Bereinigung: Dr. M. Jeselsohn, M. Erlanger, Dr. I. Appel, I. Greilsamer (letzterer im Benehmen mit der jüdischen Gemeindevereinigung). Ersatzleute: 1. Reihe: Louis Kahn jr., Lull Kuhn, Dr. I. Strauß, S. Hirschbruch; 2. Reihe: Frieda Jüdel, L. Oppenheim, Dr. S. Billigheimer, W. Künstler. Seitens der Konservativen:-Ed. Bauer, Otto Simon. Ersatzleute: 1. Dr. S. Levi, Dr. O. Blum, 2. M. Ohrenstcin, Dr. E. Kaufsmann. Seitens der zionistischen Ortsgruppe: Dr. Otto Simon, Ersatz: Dr. Hildesheimer, S. Bornfreund. Seitens der jüdischen Genreindevereinigung: L. Meyer-Gerngroß, Ersatz: M. Kauffmann, R.-A. M. Kaufmann. — Der Vorstand der Liberal-Jüdischen Vereinigung gibt in einem Rundschreiben seinen Mitgliedern Kenntnis von dieser Vereinbarung und veranstaltet ferner am 12. November einen Vortragsabend, an dem R.-Anw. Dr. Max Jeselsohn ein Referat hält über das Thema: -,Di« Arbeiten der letzten Synode und die Aufgaben der künftigen Synode". Auch für das übrige Baden ist ein Wahlabkommen getroffen, demzufolge den Gruppen der bisherige Besitzstand an Mandaten gewahrt bleibt. Es erhalten demnach wieder: Dir liberale Gruppe die folgenden Wahlbezirke: 1.) Wahlbezirk I (Konstanz), 2.) Wahlbezirk III (Synagogenbezirl Sulzburg), 3.) Wahlbezirk IV (Freiburg) eineu Sitz, 4.) Wahlbezirk VII (Synagogenbezirk Bühl), 5.) Wahlbezirk VIII (Karlsruhe) zwei Sitze, 6.) Wahlbezirk IX (Pforzheim), 7.) Wahlbezirk X (Bruchsal), 8.) Wahlbezirk XII (Heidelberg) zwei Sitze, 9.) Wahlbezirk XIV (Mannheim) vier Sitze, 10. Wahlbezirk XVI (Synagogenbezirke Sinzbach und Mosbach) insgesamt 15 Sitze. Die konservativ-zionistische Gruppe die folgenden Wahlbezirke: 1.) Wahlbezirk II (Gailingen-Randegg usw.), 2.) Wahlbezirk IV (Freiburg) einen Sitz, 3.) Wahlbezirk V (Synagogenbezirk Freiburg ohne Freiburg), 4.) Wahlbezirk VI (Synagogenbezirk Offenburg), 5.) Wahlbezirk VIII (Karlsruhe) zwei Sitze, 6.) Wahlbezirk XI (Bruchsal-Land- Eppingen), 7.) Wahlbezirk XIII (Synagogenbezirk Heidelberg ohne Heidelberg), 8.) Wahlbezirk XIV (Mannheim) drei Sitze, 9.) Wahlbezirk XV (Bretten-Eppingen), 10.) Wahlbezirk XVIII (Synagogen- Bezirk Merchingen und Wertheim) insgesamt 13 Sitze. Der 8. Sitz in Mannheim wird von der dortigen Gemeindevereinigung.nominiert (Meyer-Gerngroß). Voraussetzung ist dabei, daß sich die Standesvertreter auf die beiden Gruppen verteilen wie bisher, nämlich 2 Rabl biner und 1 Lehrer liberal, 1 Rabbiner und 1 Lehrer konservativzionistisch. — Dieses Abkommen, welches von Herrn Professor L. D. Maier, Freiburg, als Vertreter der Liberalen, R.-Anw. Kassewitz, Freiburg, als Konservativem und R.-Anw. Dr. O. Simon, Mannheim, als Zionisten gezeichnet ist, enthält genaue Bestimmungen, die die Jnnehaltung der Vereinbarung im ganzen Lande Baden sicherstellen. Die Synagogenräte sind ersucht worden, sich ihrerseits für das Abkommen einzusetzen. Nassau. (Thorarollenweih c.) In der hiesigen Synagoge wurde eine neue Thorarolle geweiht; die Feier vollzog sich in ergreifender Form unter Beteiligung aller Gemeindemitgliedcr und der Nassauer Musikkapelle, die den Zug bis zum Gotteshaus geleitete. Bezirksrabbiner Dr. Weingarten aus Ems hielt die Festpredigt, die den Höhepunkt eines Festgottesdienstes bildete. Auch eine gemütliche Feier war mit der Einweihung verbunden. Nürnberg. (Todesfall.) Eine allgemein beliebte und verehrte Persönlichkeit, Herr Privatier Jakob Lehmann, wurde unter großer Beteiligung am 29. Oktober d. I. im 84. Lebensjahre zu Grabe getragen. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, welcher, auf religiös-sortschrittlichem Standpunkte stehend, an allen jüdischen und gemeindlichen Einrichtungen den lebhaftesten Anteil genommen hat. Besuch des Gotteshauses und Mitarbeit an der jüdischen Wohlfahrtspflege war ihm innerlichstes Bedürfnis. Dabei war der Verstorbene trotz seines reichen Wissens und seines sympathischen Wesens von großer Bescheidenheit und mit Recht konnte Herr Rabbiner Dr. Freudenthal in seinem trefflichen Nachruf an der Bahre sagen, daß Jakob Lehmann nicht Ehrenstellungen anstrebte, sondern daß sein Rat und seine Mitarbeit gesucht und begehrt wurden. Er war viele Jahre im israelitischen Armenunterstützungsverein als Ausschußmitglied und im israelitischen Wohltätigkcitsverein als Revisor tätig und fernerhin seit 23 Jahren im Ausschuß des Vereins „Israelitisches Mädchenstift", dessen Mitbegründer er war. Herr Albert Apfel sprach im Namen des letzten Vereins bei dem Leichenbegängnis herzliche Worte der Dankbarkeit und des treuen Gedenkens für den Verstorbenen, dessen Andenken weiterhin fortleben wird. Rödelsee. (G r ä b e r s ch ä n d u n g.) Auf dem israelitischen Vezirksfriedhos des unterfränkischcn Dorfes Rödelsee wurden in der Nacht zum Montag elf Grabsteine umgeworfen und acht davon zertrümmert. Unter den zertrümmerten Steinen befand sich auch das STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN W 66 MAUERSTR. 79 FERNRUF! ZENTRUM 5023 u. 3024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK HINENDEHORflTIOHEII 111 KOKSTtERISCHER AUSFOHRIDIG Grabdenkmal eines Rabbiners von Mainbernheim. Es ist schon das zweite Mal, daß dieser Friedhof geschändet wurde. Auf die Ermittlung der Täter hat die Friedhofsverwaltung 500 Mark Belohnung ausgesetzt. Wetzlar. (Jubiläum.) Lehrer und Prediger Joses Katzenstein beging am 10. November sein 25 jähriges Ortsjubiläum. Der Jubilar ist der Sohn des verstorbenen Religionslchrers Katzenstein in Hannover und hat das Seminar in seiner Vaterstadt besucht. Er gehört der Schuldeputation und dem Jugendamt der Stadt an und erfreut sich in allen Kreisen großer Beliebtheit, was auch anläßlich seines Jubiläums .lebhaft zum Ausdruck kam. Aum Kapitel »Religionsunterricht" Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. In unseren Tagen ist nichts zu merken von den Erfolgen eines auf dem Geiste echten Menschentums beruhenden Religionsunterrichts. Es ist jetzt so, als ob wilder Glaubens¬ und Rassenfanatismus, Feuer und Schwert die geeigneten Mittel wären, die Religion der Liebe in die Herzen zu pflanzen. Wie weit ist man noch entfernt, den Wesenskern der Religiosität, der von keiner Seite angezweifelt wird oder werden kann, zu erfassen! Das ist sowohl bei der großen Masse des Volkes, wie auch bei einem großen Teil der „Gebildeten" der Fall. „Aus Religion" müßte jeder religiös Denkende Haß und Vorurteil bannen, aber die Ge-' schichte beweist es, daß unter allen Kriegen die Religionskriege die grimmigsten waren. Man denke nur an den 30jährigen Krieg, der innerhalb der christlichen Kirche tobte und dessen Folgen heute noch fühlbar sind. Und nun die ewigen Kämpfe einer Konfession gegen die andere, Kämpfe um die Suprematie. Es ist nicht verwunderlich, daß da die Forderung erhoben wird — besonders von Seiten des Monistenbundes — in den Schulen den Religionsunterricht auszuschalten und durch Moralunterricht zu ersetzen. Die Forderung ist nicht neuen Datums. In Frankreich und Amerika gibt es Schulen, die sich lediglich auf Moralunterricht beschränken, aber günstige Erfolge scheinen nicht unbedingt sestzlistehen, obwohl zuzugeben ist, daß sie unwägbar erscheinen. Das Bestreben der Verfechter des MoralunterrichtS läuft darauf hinaus, beim Unterrichtsbetrieb lediglich den rein natürlichen Standpunkt wallen zu lassen. Maßgebend ist dabei der Gesichtspunkt: Das Kind soll zum Pslichtbewußtsein erzogen werden und die Fähigkeit erlangen, nach bestimmten Grundsätzen (Maximen) sein Leben zu zimmern, kurz, es soll zu einer charakterfesten Persönlichkeit herangebildet werden. Das war aber auch bei dem alten Schulsystem beabsichtigt. In seiner Schrift „Religion innerhalb der Grenzen d,er bloßen Vernunft" betont Kant daß der gut und recht handelnde Mensch sich doch nicht selbst als das höchste in der Welt mögliche Gut zum Endzweck.setzen kann, sondern ein Ideal, durch welches das höchste Gut verwirklicht wird. „Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, und wenn du ganz in dem Gefühl selig bist, nenn' es dann, wie du willst, nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott!" (Goethes Faust). — Allerdings ist Kant der Ansicht, daß es verkehrt sei, den Kindern, die kaum in diese Welt getreten. gleich von einer anderen etwas vorzureden. In der Tat haben die Anhänger der Herbart-Zillerschen Pädagogik die Einrichtung befürwortet, erst vom dritten Schuljahre an mit dem religiösen Lehrstoff zu beginnen und die beiden ersten Schuljahre duräh Märchen und die Robinsonerzählung den biblischen Geschichts- oder Religionsunterricht vorzubereiten. Wir wollen hierbei ausdrücklich betonen, daß wir aus der Bibel sehr wohl unsere sittliche Weltanschauung schöpfen können. Man muß nur das Bibelwort verstehen. Erklärt doch Goethe, der fälschlich der große Heide genannt wird, daß er fast ihr (der Bibel) allein seine sittliche Bildung schulde. Es gibt doch zu denken, wenn ein so großer Gelehrter wie Wilh. Wundt — nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Max, dem großen ^Antisemiten — sagt: „Der verbreitete Ruf nach Abschaffung des Religionsunterrichts in der Schule verbirgt nach meiner Meinung eine der größten Kulturbarbareien der Gegenwart. Die biblischen Geschichten und der in ihr überlieferte religiöse Gehalt kann durch nichts anderes und am allerwenigsten durch einen zusammengelesenen Moralunterricht ersetzt werden." Durch die jetzt eingeführte Grundschule spitzt sich die Frage besonders scharf zu, denn diese Schnlform vereinigt Kinder, deren Eltern den verschiedensten religiösen Richtungen, Parteien und Gesinnungen angehören. Es liegt in dem Taktgefühl einer in sich gefesteten, vorurteilsfreien Lehrerpersönlichkeit, alles Engherzige, Fanatische, überhaupt alles Trennende zu bannen und ein gemeinsames ethisches Bildungsziel zu erstreben. Das soll aber keineswegs ausschließen, daß die einzelnen religiösen Gemeinschaften' gesondert ihren speziellen Religionsunterricht erhalten. Das Konfessionelle, das in Wirklichkeit besteht und nicht mit einem Federstrich zu beseitigen ist, ist eben seinem Wege nach separatistisch, aber es darf nicht als das A und O gellen. Das, was alle eint, muß hervorgekehrt werden. Darum wird in jüdisch-liberalen Kreisen wie in der jüdisch-liberalen Lehrerschaft grundsätzlich der Forderung der Einheitsschule ^»gestimmt. Wenn trotzalledem der Einrichtung vott jüdischen Volksschulen das Wort geredet wird, so gehen die Befürworter von der Erwägung aus, daß der religiössittliche Faktor im Interesse der Einheitlichkeit der Erziehung und Bildung unbedingt zu fordern sei und nur in solchen Schulen gewürdigt werden könne. Andererseits darf nicht verkannt werden, daß in kultureller und geistiger Beziehung große ausgebaute Schulorganismen weit mehr leisten und erzielen, als es kleine Minderheiten bei ihren Schulen mit winzigem Umfang können. Wir wollen auf diese Streitfrage nicht tiefer eingehen, aber wir wollen ausdrücklich hervorheben, daß es eines jeden unabweisbare Pflicht ist, seine Kräfte dem Wiederaufbau unseres politischen Gemeinwesens zu widmen in einträchtlichem Zusammenwirken, das zu einer Harmonie ausklingt, die doch schließlich göttlichen Ursprungs ist. Diese Tendenz liegt ja der Einheitsschule zugrunde und müßte jede Schnlform sich zu eigen machen. An den großen Ausgaben der Menschheit, die in der Menschengesittung und Veredelung gipfeln, muß jeder denkende Christ oder Jude sich beteiligen. In dieser Zeit des Verfalls müßte sich jeder zu dem Gedanken emporringen, daß der Mensch lediglich nach seinem Menschentum und nicht nach S t' a n d und Konfession beurteilt werden sollte. Nur in diesem Sinne kann ein Ausstieg vonftalten gehen. — An dem Portal aller Schulen sollte sich — als Quintessenz aller Religionen — die Inschrift befinden: „Es eif're jeder seiner unbestochewen von Vorurteilen freien Liebe nach!" Aereinsnachnchien In der letzten Matinee der Freien Jüdiflhe« Volkshochschule am Sonntag, den 17. November, Synagoge Fasanenstraße, spricht Herr Julius Bab über Arnold Zweig, Frau Herrn st adt-Oett i n g e n trägt ans „Sergeant Grischa" vor. In der Vereinigung der Kantoren Groß-Berlins und Umgegend spricht Herr Gemcinderabbiner Dr. Salomonski am 21. November, 81/4 Uhr (Rosenstraße 2=4), über das Thema: „Religion und Sensatio n". Gäste sind sehr willkommen. Ortsgruppe Köln des Jüdischen Frauenbundes. Dienstag, den 19. November, nachmittags 4.30 Uhr pünktlich, Clubraum der Loge, Diskussionsnachmittag, Referat Fräulein Cilly Marx: „Der Messiasgedanke in der modernen Literatur.". Nur Mitglieder können tcilnchmen. Kurse: Donnerstag, den 21. November: Kursus des Herrn Dr. Simchowitz: „Ueber jüdische Moralisten". 5.30 Uhr nachmittags, Sitzungssaal I, Roonstraße 50. Dienstag, den 26. November: Bibelkursus des Herrn Studienrat Schlesinger. 6 Uhr abends, Clubraum der Loge. Klara Caro. Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands, E. V., Sitz Berlin. Geschäftsstelle: NO. 18, Große Frankfurter Straße 80-81. Anläßlich einer vom 19. bis 26. November ds. Js. stattfindenden Werbewoche referiert der 2. Verbandsvorsitzende, Tapczierermcister Louis Wolfs, Berlin, über das Thema: „Die jüdische Mittelstandsbewcgung im Lichte unserer Zeit". Oeffentliche Versammlungen finden statt: am 19. November in Dortmund, zugleich für Bochum; am 20. November in Essen, zugleich für Mülheim; am 21. November in Gclsenkirchen; am 23. November in M.-Gladbach; am 25. November in Düsseldorf, zugleich für Duisburg und Krefeld; am 26. No- vember in Köln. Versammlungsort und Tageszeit aus Ankündigungen in der lokalen Presse der oben genannten Orte ersichtlich Gäste willkommen. Berichtigung In dem Artikel „Die konfessionelle Schule" von Dr. A. Galliney, Frankfurt a. M. Es muß heißen: „Aber ist es möglich, die gegeneinanderstehenden Ansichten zu vereinen", und nicht verneinen. Kommunalwahlen in Berlin Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerken wir, daß der Redaktton die Empfehlung irgend einer Partei für die kommenden Kommunalwahlen fernliegt. Wesentlich erscheint nutz, daß keine jüdische Stimme einer mit dem Antisemitismus liebäugelnden Partei gegeben wird. Selbstverständlich kann es keiner Partei versagt werden, im Inseratenteil der Zeitung an unsere Leser zu appelieren. Eine Stellungnahme der Redaktion ist damit jedoch nicht gekennzeichnet. Redaktionelles Unsere Jugend ist ein begeisterter Freund der Sammelbilder. Eine Sonderstellung auf diesem Gebiete beansprucht die „Palmin- Post". Neuartig, wie ihr äußeres Gewand — sie bietet die Sammelbilder in Form einer kleinen Zeitschrift (D. R. G. M.) —, ist auch ihre „innere" Gestalt. Denn sie begnügt sich nicht mit der bloßen Aneinanderreihung irgendwelcher Themen; sie ist vielmehr nach ganz neuen pädagogischen Gesichtspunkten ausgezogen. Künstler von Ruf schufen die Bilder, bekannte Pädagogen und Schriftsteller die Texte. Lehrerschaft und Kinder sind sich einig über den großen, besonderen Wert der „Palmin-Post", di« jeder Tafel Palmin (dem naturreinen Kokosspeisefett von Dr. Schlinck) kostenlos beigrfügt ist.

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