Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 42 (16.10.1929)
- Date
- 1929-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Während man bisher gewöhnt war, Religion und Technik nur im Gegensatz zueinander zu erwähnen, behauptete, daß man Mt Technik verehren könne und religiös sein, scheint sich unter den ungeheuren Erlebnissen gerade der vergangener: Monate und Wochen etwas ganz Neues anzubahnen, nichts geringeres als eine Religion der Technik. Welches aber können ihre Lehren sein, welches ihre Formen? Ein Gelehrter, dem die Formeln der Wissenschaft genau bekannt sind, Friedrich Dessauer, hat schon vor längerer Zeit die „Philosophie der Technik" veröffentlicht. Man kann das Buch mit gutem Recht ein Erbauungsbnch nennen. „Im Feuer des Lösungsprozesses", heißt es da, „wird der menschliche Geist immer wieder umgeschmolzen nach der starken unerschaffenen Ordnung, der er in seinem Ringen begegnet — ein Größeres tritt ihm gegenüber, aus welchem allein die Erfahrung kommt. Das technische Geschehen wird zu einem religiösen Erlebnis." Und an einer anderen Stelle: „In jedem Werk der Technik schaut uns nicht nur die ganze Natur an, die Goethe in der kleinsten Pflanze ganz enthüllt sah, sondern auch die Uebernatur, das ganze Reich des noch Möglichen, das in den Ideen wartet und sich enthüllen will mit all seiner Macht. Zukunft des'Menschengeschlechts, Schicksal unseres Planeten, ja vielleicht des Sonnensystems liegen hier beschlossen." Man wird sagen dürfen, daß damit die erste Lehre der Religion der Technik verkündet wird: die Bedeutung der Einzelpersönlichkeit für die Entwicklung des Weltgeschehens. Wohl klingt es schon aus altjüdischer Zeit herauf: „Betrachte diese Welt stets so, als wäre sie für dich allein erschaffen." „Wer einen Menschen erhält, dem wird es angerechnet, als hätte er eine Welt erhalten." Wohl kennen wir das Wort Carlyles: „Die Weltgeschichte ist die Summe der Geschichte einzelner Individuen." Wohl war es dem Einsichtigen, dem Kenner der Wettzusammenhänge längst klar: ein paar wenige. Dichter, Künstler, Philosophen, Musiker, Religionsstifter haben die Welt dahin gebracht, wo sie heute steht, wohl stand die Unentbehrlichkeit des alles überragenden Genies, die Unersetzbarkeit ehern fest. Aber viel zu wenig hat man beachtet, daß die Männer der Technik dazu gehöre::. Und weshalb, deutet Dessauer an. Diese führenden Geister, die uns das Wettschiff bauen und führen; das Flugzeug, das Schnellschiff, den Hochofen, das Fernhörer: u:ü> Fernsehen geschaffen und vermittelt haben, das sind nicht bloß kühle, trockene Grübler und Rechner, nicht bloß Bezwinger des toten Stoffs, es sind Menschen, denen, um mit dem Psalmwort zu sprechen, „wenig an Gottheit fehlt", Menschen, die das erste Blatt der Bibel noch einmal schreiben, weil sie aus dem Chaos Licht schassen, weil sie die Schöpfung umgestalten, weil sie eine Wett in Bewegung setzen, weil sie Erlüserkraft in sich tragen. Da lag er seit Jahrtausenden der „tote" Stoff, da lag er mit all seinen Möglichkeiten, da schien er zu sprechen und schien er zu flehen: erlöse mich und blieb unerlöst, weil man die Idee in ihm nicht erkannte, von seiner Bestimmung nichts erriet, bis der Erlöser endlich kam, die Idee von ihm auf den Stoff, vom Stoff auf ihn übersprang, bis er das Geheimnis Gottes durchdrang, der „seine Schöpfung täglich erneut", bis auch er — der Stofs — durch Phantasie, Schönheitsdrang, kombinierenden Geist, geniale Entwürfe zu einem lebenatmenden Wesen wurde. Ist das aber einem Einzelnen möglich und wird chm noch viel mehr möglich sein, dann können wir ihn nur noch religiös bewerten, voll Ehrfurcht anschauen und ihn den Mithelfern Gottes zurechnen. Und er wird sich selber so betrachten müssen, wenn er seinem Werk nicht kühl erhaben, sondern ergriffen gegenübersteht, wird es dürfen, wenn er die andere Seite des 8. Psalms gleichzeitig beachtet: „Was ist der Mensch?", wenn er, heißt das, wohl fühlt, daß er glücklicher als sein Vorgänger ist, aber weniger glücklich als seine Nachfahren, die ihn im Triumph Übertreffen werden, daß er nicht etwa die letzten, sondern nur die vorletzten Gründe aufdeckt, die vorletzten Schleier lüstet, daß er die Menschheit im selben Augenblick ärmer macht, indem er sie reicher macht, denn jede neue Technik bedeutet neue Gefahrenquellen und neue Todesmöglichkeit. Mit Ehrfurcht und Demut kann er und soll er aus sich schauen, mit Ehrfurcht und Demut wir auf ihn. Dock nicht nur aus ihn. Und das ist die zweite Lehre der Religion der Technik, und wieder weist Dessauer auf sie hin. Denn so lautet die Widmung in seinem Buche: „Unbekannte Helden, in Verborgenheit Drenende, in Dunkelheit Opfernde, Vergessene, die ihr nach göttlichem Plane die Menschheit bewegt, Euch sei in Danwarkeit diese Schrift gewidmet." Ja wie wir uns werden gewöhnen müssen, den Kapitän in der Gondel religiös zu bewerten, so nicht minder den letzten Handlanger am Werk — ohne den das Ganze nicht möglich wäre, die Wett also nicht vorwärts getrieben würde. Gewiß „ob einer viel, ab einer wenig leistet, sie sind sich dennoch beide gleich, wenn er sein Herz nur auf den Himmel richtet". Schpn in dieser altjüdischen Weisheit wieder wird auch noch der letzte Arbeiter nach seinem inneren Wert, seinem Zusammenhang mit der Kultursteigerung und seinem Anteil daran gewürdigt. Aber ganz anders noch erklingt das Wort heut für uns urck nicht zuletzt so stark im Reich der Technik. Der Streit um Hand- und Kopfarbeiter, um Masse und Führer findet wieder einmal seine religiöse Erledigung. Der Einfachste noch ist nicht länger mehr der Unbegnadete, der Handlanger, der Arbeitssklave, der Entlohnte, darf nicht der karg Besoldete, der Arbeitnehmer sein, er ist der Arbeitsbruder im Reiche Gottes. Er ist mit dazu geschaffen, die Wett zu beglücken und trägt so mit dazu bei, den „toten" Stoff zu versittlichen. Ja indem er zusammen mit dem Genie die Welt entdeckt und neu schafft, knüpft sich zwischen ihm und jenem ein religiöses Band, lehrt er uns, daß auch der kalte Stein, das kalte Eisen dazu da sind, die Sittlichkeit Gottes in die Welt zu tragen, löst er den alten Gegensatz von Geist und Kraft, von Stoff und Vernunft, von Hand und Kopf in überraschend wunderbarer Weise aus. Und trägt nicht zuletzt wohl auch dazu bei, daß die Fragen gerade, die ihn so beschäftige::, die sozialen, auf dem Wege der Technik ihrer Lösung entgegenharren. Kein Geringerer als der jetzt jo viel genannte Coudenhove-Kalergi, der Schöpfer von Pan-Enropa, hat das erkannt. „Ethik und Technik sind Schwestern. Die (Ähik fordert, daß der kommende Umsturz das menschliche Leben schont und heiligt, die Technik fordert vom kommenden Umsturz, daß er das menschliche Schaffen schont und heiligt." „Die erhoffte Wettwende wird vielleicht kommen, aber nicht durch Politik, sondern durch Technik." Welche Fernblicke und Aussichten, und werden sie nicht schon zum Teil heute bestätigt? Welch ein Umsturz im friedlichen Sinn, wenn all die bekannten Kämpfe zur Linderung äußeren Elends, all die politischen Debatten und Theorien statt durch Pücher und Reden durch die „Wunder" der Technik mindestens teilweise ihre Erledigung finden werden, wenn sie die Menschen billig und bequem wohnen, reisen, besser kleiden und ernähren und ihnen Zeit geben wird, wenn sie es ermöglicht, die Menschen aus der Erde planmäßiger zu verteilen, ihnen Schönheit zuzuführen, die Teilnahme an der Kultur auch dem Geringsten zu vermitteln, wie jetzt schon auch, wo das Radio bereits in Gefängnisse dringt. Welch erschütternder Gedanke andererseits, daß die Menschheit nur deshalb Jahrtausende hindurch unglücklich sein mußte, noch heute unglücklich ist und es so lange bleiben muß, bis auch dafür, für die noch ungelösten Fragen die Erlöser der Technik, die Erlöser der Welt, die Gottes- Männer geboren werden, ihnen die „Offenbarung" zuteil wird. Und nach der Auffassung C. Kalerghis hätten wir Juden besonderen Grund, diese mefsianifche Zeit zu erhoffen und mitzuschaffen. Denn „die soziale Ethik und deren Pflege ist die große Mission des Judentums. Gestützt auf seine große Tradition, die von Moses und den Propheten über Christus und Spinoza zum modernen Sozialismus führt, ist es bestimmt, zum sozialen Gewissen der europäischen Kultur zu werden". Sind wir aber verpflichtet, in der Bewertung des Dienenden umzulernen, so ist es dieser Dienende selber nicht minder, und wir haben die Aufgabe, ihn in diesem Sinne religiös zu beeinflussen. Daß auch dafür die Zeit angebrochen ist, ist hier in den Ausführungen über „Religiösen Sozialismus" und über „Religion und Dichtung" gezeigt worden. Es mag daran erinnert sein, und die Unkundigen mögen ihre Pflicht begreifen, die Umwandlung der Arbeitsgesinnung, ihre religiöse Einkehr kennen zu lernen, zu begrüßen, zu fördern. Heute sei nur an das Beispiel Karl Brögers erinnert und an seine Schilderung des alten Arbeitsmannes, der bitter und verzweifelt fast die Genossen aus der Fabrik kommen sieht. „Bis sein Auge zornumdunkelt fällt auf die Brücke, drüber Züge gleiten, da sieht er sein dunkles Los erhellt. Hat er diese Brücke doch gebaut, diese eine mit noch tausend andern, drüber Millionen Füße wandern, sichern Wegs, dem jeder Schritt vertraut. Um den alten Werkmann klingt ihr Schritt, Lobgesänge kommender Geschlechter, die :hn preisen als bestMen Wächter, der mit dunklen Mächten tapfer stritt." Kann man das lesen und die Religion der Technik leugnen? Aber sieht man nicht auch die dritte Lehre, die diese Religion enthält, wenn „Millionen Füße" und „kommende Geschlechter" den alten Arbeitsmann trösten? Es ist das Weltgefühl, das die Technik mehr als alles andere mit zu vermitteln berufen ist und vermittelt, es ist der Völkerbund, die Menschenverbrüderung, die sie. in ihrer Weise mitgestattet. Wie haben wir das in den letzten Wochen gerade erlebt, da eine Welt gezittert hat, eine Welt gejubelt, eine Welt begeistert war und gerührt, eine Welt sich gehört hat und im Geiste gesehen — und bald wird auch das nicht bloß Geist sein brauchen. Aber mehr. Ist denn die Welt nicht schon immer durch Technik reicher geworden und durch die letzten Schöpfungen nicht ganz besonders — reicher nicht etwa an Sensationen und Nervenkitzel, nein reicher an Sckaffensmöglichkeit? Ist unser Leben denn nicht verlängert, bte Schöpfungsgeschichte nicht noch einmal geschrieben? Da, wo wochenlang bisher Untätigkeit war, Weltalbgeschnittenheit, Totenstille, Zwang zum Feiern, verlorne Zeit, nur Warten und Warten auf Land, auf Land, auf Nachricht, auf Menschen, da ist jetzt Leben hineingchaut, die Nacht ist zum Tag, der Tag ist zur Nacht geworden - dort schafft man im Tunket, hier hört man, sieht man ins Dunkel hinein. Und sogar der Tod ist heute überwunden, wenn durch Technik die Stimme Verklärter erklingt. Wir leben länger, weil wir schneller leben, noch viel mehr als bisher leisten können, ständig Öie Welt um uns herumkreist. Ja die Weltgeschichte hat sich gerächt: vier Jahre lang hat der Sturm getobt, hat die Erde gebebt, hat man gesengt und hat man gebrannt. Nicht im Sturme aber war Gott, nicht in dem Beben und nicht in dem Brennen. Und nun kommt jetzt in der Nachkriegszeit ein Motorengebrumm in tiefer Nacht, im Vergleich zu dem Höllenlärm der vier Jahre ein leises sanftes Säuseln zu nennen, und gerührt und ergriffen, ja erschüttert bekennt man: hier, hier ist Gott, und jetzt ist sie wirklich da, die man damals uns log: die große Zeit! Ist da die Zeit des alten Psalmisten: „Er macht seine Winde zu Boten, seine Diener sind Feuerftammen", ist da, weil die Winde das Weltschisf tragen und die Feuer im Hochofen glühen, ist da, weil es nicht mehr Kriegstechnik, sondern die Technik des 'Friedens ist, ist da, weil in ihr die Stimme des toten Rilke noch einmal und so überzeugend vernehmbar wird: „Werkleute sind wir, Knappen, Jünger, Meister und bauen dich, du hohes Mittelschiff. Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unfern fänden hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirne küßte, die strahlend und als ob sie alles wüßte von dir kommt wie der Wind vom Meer." Ist da, weil es möglich ist, daß ein Mann der Zeit, gefürchtet wegen feiner ätzenden Bosheiten, an alles den höchsten Maßstab legend, Kerr, mitten im Gewirr Amerikas stehend, die Worte notiert: „Kann man vom Anblick einer Untergrundbahn fast religiös erschüttert sein? Kann man, wenn am jungen Abend plötzlich die hunderttausend Lichter aufflammen, vor Rührung die Hände ausstrecken? Ist das möglich? Es ist unabwendbar." — Unabwendbar — Staatsmann, Arbeiter, Gelehrter, Kritiker, Dichter, sie stimmen darin überein. Ja sie ist unabwendbar: die Religion der Technik. Und die Hämmer, sie dröhnen es, Propeller schwirren es, Sirenen heulen es, Maschinen rasseln es, fauchen es, zischen es, sie alle, die neuen Seraphim: „Heilig, heilig,- heilig ist der Herr Zebaoth, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit." Die Mission Israels Von Joseph K a u f f m a n n, Weißensee. Eine alte Sage berichtet von der Werdezeit unseres Vaters Abraham: Verborgen von den Nachstellungen eines Tyrannen, verbrachte er seine Jugend fern von der Welt in der Einsamkeit einer Wüstenhöhle. Allein mit seinen Gedanken, mächtige Triebe der Sehnsucht nach Erkenntnis in seiner Brust, bewegten ihn die Fragen, die zu allen Zeiten die besten und edelsten Geister unter den Menschen erregt und ergriffen haben: „Wer hat dies All in seiner Pracht gegründet?" Mit goldenem Glanze erstrahlt die Sonne am Wüstenrande; ihr Licht, ihre Wärme, erweckt das blühende Pflanzenleben der kleinen Oase um Abrahams Zufluchtsort: „Ich seh' es deutlich, hier das Licht, das hehre, Der Lebensspe:wer, dieser Sonnenball, Er ist der Gründer, Schöpfer er vom All." Schon glaubt Abraham den Urgrund alles Seins erkannt zu haben, aber: „Die Sonne sinkt, es dehnen sich die Schatten, Er sieht den Glanz, den herrlichen, ermatten, Es hüllet sich die Welt in Dunkel ein. Die Sonne^ spricht er, sie kann Gott nicht sein! — Doch sich', am blauen, klaren Himmelsbogen Ist schon der Sterne Heer hecaufgezogen, Er sieht den Mond in stiller Majestät. — Nun weiß ichs! ruft er, der im milden Glanze So herrlich strahlt — erschuf das Weltenganze! — Der Sterne Heer,des Mondes Glanz entwich, Und wieder ließ das Tageslicht sich schaun. — Nicht jenes Licht des Tags, nicht das der Nacht, Sind Gott! Das was ich wahrgenommen durch die Sinne, Erschaffen ist's von tiefverborgener Hand! (Sachs, Stimmen von Euphrat und Jordan). In der Stille der Wüste, im Schweigen der Einsamkeit, offenbart sich in Abraham die Gotteserkenntnis. Nun setzt die Erzählung der Bibel ein: Er fühlt, er vernimmt den Ruf: hinaus aus deinem Lande, ziehe fort aus deinem Geburtsorte, verlasse das Haus deines Vaters, gehe hin nach dem Lande, das ich, der ewige Gott, dir zeigen werde, dort wirst du zu einem großen großen Volke dich mehren, das die Aufgabe haben soll, Segen und Heil zu verbreiten. Segnen werde ich, wer dich segnet; vernichten, die dir fluchen, bis einst alle Geschlechter der Erde teilnchmen können an dem Segen, den du verbreiten sollst!