Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 41 (9.10.1929)
- Date
- 1929-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchÜbemleZeMm Organ -sr Vereinigung für das liberale Judentum e. D. Vmng-preidurch Mc «eschästefielle '/.sti-rüch V. LVO Aarek»««« 6^). Vet freier Zusendung i. Jalaud 0^5 Zvr die Mtgkeder der Vereinigung ist der Vezngrprei» im Mitglledsbeitrage enthalten. Berantwortl. Redakteur: Vruno Doyda. tkt «Jüdisch-liberale Zeitung^ erscheint jede« Redaktion and Geschäftsstelle; Verti« IB11, Hallesche -tr. 1 Jornrrrf: Betgnotm 3358, 3350 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtllcher Üriginal-Beiträae nur mit vorberiaer Genehmigung dir Redaktion gestattet. Mederholnageu Rabatt. Anrelgenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung* Jnseratenabteilnvg: Verllu SB 11, Hallesche »trade 1 (Bergmann: 3353-59), sowie sümtl. Annoncen-Expedino«. Ar. 41 Berlin. 9. Oktober 1929 9. Jahrgang Wege;um Zrleden - Zum Tag der Versöhnung Erft im Urteil der Nachwelt wird die Beurteilung des Geschehens der Gegenwart entscheidend geprägt. Dann auch wird erst voll gewertet werden die Bedeutung des Kellogg-Paktes, der feierlichen Erklärung der Böller, daß sie den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle verurteilen und aus ihn als Werkzeug nationaler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen verzichten. In der Präambel dieses Vertrages erklären die Repräsentanten der Völker, daß sie sich zu dem Pakte entschlossen haben, tief durchdrungen von ihrer erhabenen Pflicht, die Wohlfahrt der Menschheit zu fördern; in der lleberzeugung, -atz jede Veränderung in ihren gegenseitigen Beziehungen nur durch friedliche Mittel angestrebt werden und nur das Ergebnis eines friedlichen und geordneten Verfahrens fein sollte und datz jede Signalarmacht, die in Zukunft danach strebt, ihre nationalen Interessen dadurch zu fördern, datz sie zum Kriege schreitet, dadurch der Vorteile, die dieser Vertrag gewährt, verlustig erklärt werden sollte; in der Hoffnung, datz, durch ihr Beispiel ermutigt, alle anderen Nationen der Welt sich diesem im Interesse der Menschheit gelegenen Bestreben anschließen werden und durch ihren Beitritt zu dem Vertrage ihre Völker an seinen segensreichen Bestimmungen teilnchmen lassen werden» und datz sich so die zivilisierten Nationen der Welt in dem gemeinsamen Verzicht auf den Krieg als Werkzeug ihrer nationalen Politik zusammenfinden werden. Ein erster Schritt zur Befriedung der Welt ist getan. Ein erster Schritt: So gewiß ist — im Mandschurei- Konflikt hat sich das ja bereits erwiesen — datz ihm Bedeutung auf dem Weg« zur Befriedung der Welt nicht versagt werden kann, so verfehlt wäre es. in ihm ein Allheilmittel, zu sehen, nunmehr die Wahrheit des Spinozawortes zu vergessen: „Denn Friede ist nicht Abwesenheit des Krieges. Er ist jene Tugend, die allein der Kraft der Seele entspringt." Um diese Kraft der Seele rang der deutsche Außenminister Gustav Stresemann, dessen Ableben in diesen Tagen einen herben Verlust für die Sache der Menschheit bedeutete. Um diese Kraft der Seele ringt nicht zuletzt das Judentum, das ob seines Pfoniertums für Menfchenzukunst Leiden erduldete und überwand. Von dieser Kraft der Seele soll aus Anlatz des Versöhnungstages hier gesprochen werden, hier gezeigt werden, wie sie in Zeugnissen Wischer Deutscher Gestalt gewann. Ein Beitrag soll diese Veröffentlichung sein zur Erkenntnis der Aufgabe, die unserer als Deutsch« und Juden, als Menschen, unabhängig von unserer politischen Einstellung harrt. bemann Cohen: Aus «Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums". Der Talmud hat den Begriff des „grundlosen Hasses" entdeckt und in die Gebete eingeführt. Der Haß darf nicht nur keinen falschen Grund haben, sondern er hat überhaupt keinen Grund. Jeder Grund für ihn ist ein falscher. Jeder Grund zum Haß ist nichtig und eitel. Der Haß ist immer ein grundloser Haß. Das ist die tiefe Weisheit, welche alle Feindesliebe überragt, und welche erst das Gebot der Menschenliebe psychologisch sichert und festigt. Es genügt nicht, daß ich meinen Feind licken zu sollen erkenne — abgesehen von der Grundfrage, ob beide Begriffe überhaupt vereinbar seien. Ich kann den Haß nur dadurch aus dem Menschenherzen entfernen, daß ich überhaupt keinen Feind kenne; daß die Kunde und das Wissen davon, daß ein Mensch mein Feind sei, daß er mich hasse, mir ckenso unverständlich wird, ckenso daher aus meinem Bewußtsein ausfällt und verschwindet, wie gar, daß ich selbst einen Menschen hassen könnte. Das eine muß mir so unbegreiflich werden, wie das andere. Die.Menschen reden es sich ein, daß sie einander hassen, aber das ist ihr Wahn, das Schicksal ihrer Unwissenheit von chrer eigenen Seele und ihrem Bewußtsein. Die Eitelkeit, die Kohelet von Allem aussagt, wird hier auf den Haß bezogen. Und das Eitle wird hier durch das Wort ausgedrückt, welches das Bergckliche und das, was umsonst ist, bedeutet. Aller Haß ist umsonst. Ich bestreite den Haß im Menschenherzen. Daher bestreite ich, daß ich einen Feind habe, daß ein Mensch mich hassen könnte. Ich bestreite dies mit derselben Klarheit des Bewußtseins, mit dem ich es von mir bestreite, daß ich einen Feind habe, daß ich einen Menschen hassen könnte. Was ist der Haß? Ich bestreite seine Möglichkeit. Cs ist ein eitles Wort, das einen solchen Begriff bezeichnen will. Mit dieser Uckerwindung, mit dieser Ausschließung des Hasses aus dem Inventar der Seelenkräfte bahnt sich der Seelenfriede an. Jetzt erst kann ich Ruhe erlangen in meinem Gemüte; jetzt auch erst wahre und beständige Zufriedenheit. Solange der Haß mich bedroht der fremde wie der eigene^ so lange kann ich kann ich mich keines Friedens getrösten und keiner echten Zufriedenheit. Wenn die Kriegsjammer uns nicht umtobten, so bildete schon das Gespenst des Krieges, die bloße Kriegsgefahr, wie den Widerspruch gegen den Weltfrieden, so auch gegen den Seelenfrieden. Wir haben ihn nicht, kein Volk hat An, die Menschheit hat ihn nicht, solange das Gespenst des Bölkerhasses der eigentliche Todesengel ist, der mit seiner Sense die Welt durchchreitet. Aber auch das Individuum kann den Friedm einer Seele nicht erlangen ohne die Sicherung des Weltfriedens. Der Messianismus verbindet die'Menschheit mit ckem Einzelmenschen. Für meinen eigenen Frieden bedarf ch der Zuversicht, daß der Bölkechaß ausgetilgt werde aus dem Kulturbewußtsein der Menschheit. Die Völker hassen sich nicht. Aber die Habsucht erweckt den Neid, und Habsucht und Neid spiegeln dem Menschen das Scheiickild vor, das man als eine Seelenkrast ausgibt und daher als solche zu beglaubigen vermeint. Aller Haß ist eitel und grundlos. Aller Haß ist nichts als Illusion, als Umdeutung und Beschönigung der menschlichen Gemeinheit, welche die Habsucht und die Selbstsucht und deren Affest, der Neid bilden. Erkennet das Trugbild einer falschen Volkspsychologie, welche der Haß bei allen Völkern bildet; erkennet in gründlicherer Psychologie, welche von der Ethik erleuchtet wird, daß der Haß ein falscher Faktor des Seelenlebens sei, und der schwerste Teil der Sündenlast entfällt dem Menschenherzen. Es gibt keinen Haß, wo der Friede sein Zelt im Herzen aufgeschlagen hat. „Das Zelt des Friedens" ist daher ein Terminus des Gebetes. Das Zelt ist die Hütte, welche eine so tiefe symbolische Bedeutung erlangt hat, daß ihr ein Fest gewidmet worden ist. Das Hüttenfest ist das eigentliche Fnedensfest in der Wüstenwanderung des irdischen Daseins. Der Friede macht das ganze Leben zu einem Fest. Der Friede bringt den Naturfrieden in die Menschenwelt, die Grundstimmung der Naivität in die Weltbetrachtung. Wir glauben nicht mehr an die Geschichtserfahrung, welche sich als GeschiehtsWeisheit ausgibt, daß es immer so war und immer so bleiben wird, Valther Sakhenau: Wetteifert; schasst sittliche Ideen, die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen Gedanken der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte und kraftlose Paragraphen, sondern durch lckendiges Zusammenwirken,; tut das soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Völkerverkehr; wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit sein Recht, doch nicht in vecklasenem Pazifismus und utopischer Duselei; beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am größten, die Arbeit am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und Menschlichen. Noch heute wird es viele gcken, die im Glauben an die Heiligkeit der Interessen und in selbstbewußter Erkenntnis des sogenannten Durchführbaren — nämlich des Trivialen — und des sogenannten Uferlosen — nämlich der sittlichen tflicht — diese Gedanken verlachen. Ich sage euch aber: er kommende Fricke wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen wecken hinsinken, und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser Frickensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken. Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und Schicksgerichte sind möglich und verständig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als erstes ein Wirtschaftsbund, ein« Gemeinwirtschaft der Ecke geschaffen wird. Darunter verstche ich weder die Abschaffung der nationalen Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufdatz die Meiischen und die Völker einander hassen, und daß der Haß eine Triebkraft des menschlichen Bewußtseins wäre. Wir trauen dem Pessimismus nicht; wir verachten seine Weisheit, weil wir den. Sinn der Welt tiefer und richtiger begriffen haben. Der Pessimismus wurzelt in dem psychologischen Jrrgedanken, daß der Haß eine wirtschaftliche Ordnungskraft im Haushalt der Natur wäre, wie der Kampf ums Dasein, der unzählige Keime ausrottet, um sie aus dem Wettkampf auszuschalten. Wir bestreiten zwar die Tendenzen zur Ausrottung nicht, so wenig wie die Beseitigung der minderwertigen Keime, aber wir unterscheiden das Seelische von allem Materiellen auch im Organischen, und wir weisen die Analogien zwischen beiden Reichen, zwischen dem der Natur und dem der Sittenwelt, als Irrlichter zurück. Die Keime, die miteinander kämpfen, hassen einander nicht. Wmn die Menschen und die Völker miteinander kämpfen, so kämpfen sie gegeneinander als Organismen, und als Lebewesen scheinen sie euch einander zu hassen. Aber so wahr Gottes Odem in der Nase des Menschen haucht, so wahr lebt Geist in dem Menschentier. Und so wahr Geist, Gottes Geist in dem Herzen des .Menschen lebt, so ist es nicht Haß, der seine Tatkraft beschwingt. Wäre es selbst Haß, was vielmehr der Doppelkopf von Neid und Habsucht ist, so wäre dennoch dieser Weg des Menschenherzens nicht sein gerader Weg. Und wie er die Tugend, wie er die des Friedens zu erdenken vermag, so vermag er auch das Todbild des Herzens zu entlarven. Er suche nur den Frieden. Er sei nur, wie die Mischna sagt; „ein Schüler Arons" (Abot 1, 12), „er suche den Frieden und jage ihm nach" (ebendas.), und das Gespenst des Hasses wird vor ihm in ein Nichts verschwinden. Der Friede ist die Seelenkraft, welche alle Gespenster, die die Sittlichkeit, die Reinheit der Seele bedrohen, verscheucht und zunichte macht. Der Pessimismus ist ein solches Gespenst des Rattonalismus und des Idealismus. Wenn anders aber der Seelenfriede auf dem Fundamente der Erkenntnis beruht, so kann der Pessimismus nicht schrecken; denn er ist nicht eine Erkenntnis der Vernunft, sondern eine Eingckung der Mystik. Er widerspricht der Güte und der Vorsehung Gottes. Das ist ja eben die tiefe Kraft des Messianismus, daß er sich in die Seelenkraft des Optimismus verwandeln konnte. Es sei hier wiederum hingewiesen aus den wichtigen Satz des Talmud, daß die Seele, wenn sie vor den himmlischen Richter geführt wird, Antwort zu geben hat auf die Frage: „Hast du gehofft auf das Heil?" Das Heil aber ist der Weltfriede. Diese Hoffnung soll der Jude in seinem Herzen tragen und nähren. Sie ist ein Glaubensartikel geworden. Monotheismus und Messianismus sind zusammengewachsen. Wenn aber der Wettfriede der innigste Glaube des religiösen Bewußtseins ist, so muß der Friede eine unfehlbare Macht, ein zuverlässiger Wegweiser im Gemüte sein. Der Friede ist der Charakter der geschichtlichen Welt im Zeichen der Religion. Daher muß der Friede auch die Seelenmacht des individuellen Bewußtseins sein. Alle Störungen und jcke Bezweiflung des Friedens sind eine Hemmung des Seelenlebens, eine Mißdeutung und eine krankhafte Verirrung. Die Grundkraft der Menschenseele ist ckenso gewiß der Friede, wie er das Ziel der Menschengeschichte ist. (Aus Hermann Cohen: Religion der Vernunft, herausgegeben von der Geftlls>chast zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M.) Aus «An Deutschlands Jugend" (Geschrieben im Zull ISIS). teilung des internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung. Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der Konkurrenz; ohne dies« Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum Gewaltkampi aller gegen alle. Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen: Ucker die Rohstoffe des internationalen Handels verfügt ein zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen Ursprnngsbedingungen zur Verfügung gestett, und zwar für den Anfang nach Maßgabe des bisherigen Berbrauchsverhättnisses. Späterhin wird das wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen. Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach entsprechendem Schlüssel. Icker Staat kann verlangen, daß die ihm zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die Lieferungen der Staaten geschcken im gewohnten Verhältnis ihrer Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen werden, Quotenaustausch ist zulässig. An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jcker Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen. Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der nicht