Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 33 (14.8.1929)
- Date
- 1929-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WjschKberaleZejtlm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. »ezugsprei» durch die Geschäftsstelle '/tfährkch M. 2L0 «azeluummer 0J20. Bei freier Zusendung i. Inland 02b Jftr die Mitglieder der Vereinigung ist der Vezugsprei» im Mtglledsbeitrage enthalten. >,raat«ortl. Redakteur: Bruno Voyda. Die «Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jede« Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin Sw 45. wilheimstr. 147 -««ruf: veramann 3358. SSSS Postscheckkonto: Berlin 1NV 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Rachdruck sämtlicher Origiaal-Veiträge uur mit vorheriger Geaehmlgung der Redaknon gestattet. Anzeigenpreise: Die iLgespattene RonparawezeUe 9.45 Galdmatt, sie Leklamezeu« 3.00 Galdmart. M Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberal« Zeitung* Inseratenabteilaug: Berlin Sw 48, Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sümtl. Annoveen-Ezpeditiou. Rr.33 Berlin. 14. August 1S2S S. Jahrgang Mendelssohn-Zeieru und Ausstellung in Dessau Jubiläumsausgabe von Moses Mendelssohns gesammelten Schriften Die 200. Wiederkehr des Geburtstages des großen Philosophen Moses Mendelssohn wird in seiner Heimatsgemeinde Dessau würdig begangen werden. Staat, Stadt und jüdische Gemeinde haben sich zur Veranstaltung der Feierlichkeiten zusammengefunden. Die Stadt Dessau, in der Mendelssohn das Licht der Welt erblickte, hat dabei die Führung übernommen. Zur Vorbereitung der Gedenkfeiern hat sich ein Ausschuß gebildet, bestehend aus Bürgermeister Hesse als Vertreter des Dessauer Magistrats, Staatsminister a. D. Ministerialdirektor Dr. h. c. Müller als Vertreter der anhaltischen Staatsregierung, und Staatsrat a. D. Justizrat Dr. Cohn, Landgerichtsdirektor A l t e r t h u m und Landesrabbiner Dr. Walter als Vertretern der Dessauer jüdischen Gemeinde. 'Ter vorbereitende Ausschuß hat mit Zustimmung von Staat, Stadt und Gemeinde ein Festprogramm aufgestellt, dem wir folgendes entnehmen: Am Freitag, den 6. September, dem eigentlichen Geburtstage,^ findet im Friedrich-Theater eine Festvorstellung statt. Lessings unvergänglicher „Nathan" wird in Szene gehen. Für die Dichtung eines eigenen Prologs hat sich Arnold Zweig zur Verfüug gestellt. Am Sonnabend, den 7. September, vormittags, wird von Vertretern der Familie und der beteiligten öffentlichen Stellen eine Kranzniederlegung am- Denkmal Moses Mendelssohns erfolgen. Gegen Mittag schließt sich eine religiöse Feier in der Synagoge an, bei der Landesrabbiner Dr. Walter die Festrede hält, während den musikalischen Teil Kantor Lampel aus Leipzig zusammen mit dem Chor der Leipziger jüdischen Gemeinde übernommen hat. Eine Vorlesung aus dem Thoraabschnitt des Sabbats wird den jüdischen Charakter der Feier wirkungsvoll zum Ausdruck bringen. Nachmittags wird die Moses Mendelssohn-Ausstellung in der Anhaltischen Gemäldegalerie eröffnet. Ministerpräsident Deist wird die Eröffnungsrede halten. Landeskonservator Grote und der Direktor der Landesbibliothek Dr. Wahle übernehmen die Führung. Die Ausstellung verspricht reichhaltig und interessant zu werden. Die Nachkommen des Philosophen, darunter der Berliner Handelskammerpräsident Franz von Mendelssohn, beteiligen sich mit Stücken aus ihrem Besitz. Da die Veranstaltungen der Toleranzbewegung des 18. Jahrhunderts überhaupt gelten sollen, wird eine Abteilung der Ausstellung dem Berlin der Aufklärungszeit gewidmet sein, eine andere Erinnerungen an den damaligen Fürsten Franz von Anhalt-Dessau enthalten, der das Philanthropin und den Wörlitzer Park geschaffen hat. An die Eröffnung der Ausstellung wird sich ein Tee anschlicßen, den die Israelitische Kultusgemeinde zu Dessau im „Alten Theater" darbietet, und bei dem der Vorsitzende der Gemeinde, Staatsrat a. D. Dr. C o h n, über die Gemeinde sprechen wird. Abends bringt ein Konzert im Friedrich- Theater hervorragende Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am Vormittag des 8. September veranstaltet die Stadt eine akademische Morgenfeier im Friedrich-Theater. Bürgermeister Hesse hält eine Ansprache. Die Festrede über Mendelssohns Leben und Wirken haben Staatsminister a. D. Dr. h. c. Müller und Professor Dr. E lb o g e n - Berlin übernommen. Die Reden werden von musikalischen Darbietungen umrahmt sein. An die Morgenfeier schließt sich ein Frühstück im „Alten Theater" an, das die Stadt Dessau gibt. Tie Festlichkeiten enden mit einer Besichtigung von Schloß und Park Wörlitz, zu der der Staat einladet. Es findet ein Tee in dem von Erdmannsdorff erbauten, höchst sehenswerten Wörlitzer Schloß statt, bei dem Staatsminister Dr. Weber für den Staat das Wort nehmen wird. Zu den Feierlichkeiten werden außer den beteiligten einheimischen Kreisen zahlreiche auswärtige Vertreter der staatlichen und jüdischen Öffentlichkeit eingeladen werden. Das einmütige Zusammenwirken von Staat, Stadt und jüdischer Gemeinde beweist, wie festen Fuß der Gedanke der Gleichberechtigung des Judentums in Anhalt gefaßt hat, der Gedanke, der den Hauptinhalt des Lebens und Wirkens eines Moses Mendelssohn gebildet hat. # JiOßlSumsausgabe von Moses Mendelssohns gesammelten SchWen. Das Mendelssohn-Komitee zur Herausgabe von Moses Mendelssohns gesammelten Schriften (Prof. Dr. M. Sobernheim, Prof. Dr. Jsmar Elbogen, Prof. Dr. Julius Guttmann, Direktor Oscar Wassermann) teilt mit: Moses Mendelssohn gehört in der Geschichte der Wissenschaft und der Literatur mehr als einem Fachgebiet an. „Weltweisheit" und Judentum sind die Mittelpunkte seines Werkes, das in imposanter Universalität alle Strömungen seinen Zeit repräsentiert. Von diesem Werk gibt es keine modernen Anforderungen genügende Gesamtausgabe. Die pon G. B. Mendelssohn veranstaltete liegt mehr als 80 Jahre zurück und ist längst vergriffen. Das Jubiläum von 1929 bot Anlaß zu einer neuen, den heutigen Anforderungen der Forschung genügenden Ausgabe. Es ist gelungen, durch Nachforschungen in öffentlichen und privaten Bibliotheken und Archiven reiches neues Material: Aussätze und Entwürfe, Fragmente, Gedichte, Stammbucheintraguntzen, Anmerkungen zu fremden Werken und insbesondere bisher unbekannte Briefe zutage zu fördern. Die Ausgabe zerfällt in einen deutschen und einen hebräischen Teil. Dieser bringt zum ersten Male eine vollständige Sammlung der hebräischen Schriften und der in deutscher Sprache, aber hebräischer Schrift geschriebenen. Der deutsche Teil enthält die philosophischen und ästhetischen Schriften, die Rezensionen und literarkritischen Abhandlungen, die Judaica und den Briefwechsel, den jüdischen und hebräischen in Uebertragung. Dem einzelnen Werk oder einem Komplex zusammengehöriger Schriften wird eine Einleitung vorausgeschickt. Dem Text folgt der kritische Apparat, mit Aufzählung und Beschreibung aller in Betracht kommender Drucke und Handschriften. Die Anmerkungen enthalten alles zum Verständnis der Werke und Briefe Notwendige nebst Hinweisen auf die Quellen. Ergäuzungsbände sollen das Sach-, Personen- und Buchtitelregister, eine Biographie und Würdigung Mendelssohns, sowie das Bilder- und Urkundenmaterial bringen. Die Ausgabe wird aus Anlaß der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Gemeinschaft mit seinem Ehrenausschuß und mit Unterstützung des Hauses Mendelssohn & Co. veranstaltet. Herausgeber sind Professor Jsmar Elbogen, Professor Julius Guttmann und Professor Eugen Mittwoch in Gemeinschaft mit Dr. F. Bamberger. Dr. H. Borodianski, Dr. S. Rawidowicz, Dr. B. Strauß und Dr. L. Strauß. Die organisatorische Durchführung liegt in Händen eines Mendelssohn-Komitees unter Vorsitz von Professor Moritz Sobernheim. Der Akademie-Verlag gibt dem Werke eine gediegene und würdige Ausstattung. . Die Ausgabe umfaßt sechzehn Bände. Drei Bände erscheinen am Jubiläumstage (zwei deutsche und ein hebräischer), dann drei weitere Bände jährlich. Der voraussichtliche Umfang des Ganzen ist 500 Bogen in Großoktav. Die Subskription ist eröffnet. Fest der Emanzipation Von George Goetz. „Aus den Gebeten sind diejenigen Wünsche zu entfernen, die nicht Wahrheit in unserem Herzen sind. Tie beizubehaltenden hebräischen Gebete müssen nach Inhalt und Form mit dem religiösen Denken und Empfinden der Gegenwart in Einklang stehen." Die Formulierung dieses in den Richtlinien aufgestellten Grundsatzes läßt darauf schließen, daß die Verfasser vermutlich nur an die Revision einzelner Gebetstexte gedacht haben; doch unterliegt keinem Zweifel, daß die Forderung nach Wahrhaftigkeit ohne weiteres auch auf die von uns zu begehenden Feste selbst auszudehnen ist. Es erscheint daher als religiöse Pflicht und als Gebot der Wahrhaftigkeit, klipp und klar auszusprechen, daß den Juden des Emauzipationszeitalters der Neunte Ab, das Fest der Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems, kein Trauertag mehr ist und daß der herkömmliche Charakter dieses Festes keinerlei Inhalt für uns besitzt. Wie so oft geht auch Hier die Praxis des Lebens jeder theoretischen Erörterung voraus, denn das „Bolksbewußtsein", von dem Diene mann auf der letzten Tagung der liberalen Rabbiner zutreffend gesagt hat, daß es „eine Realität und ein wohl zu beachtendes Jmponderabile" sei, hat in der neuzeitlichen Judenheit den Neunten Ab als Festtag längst gestrichen. Dieses Verschwinden des Neunten Ab aus dem „Volksbewußtsein" und aus der religiösen Praxis ist auf zwei Ursachen zurückzuführen, auf eine historisch-politische des Inhalts und auf eine psychologisch-ästhetische der Form. Die historisch-politische Ursache wurde bereits angedeutet. Der religiöse Jude von heute — nur vom religiösen Juden kann hier die Rede sein, nicht vom indifferenten, bei dem ja die Streichung des Tischa b'Ab keinen Sonderfall darstellt, da er die ganze Religion gestrichen hat — der religiöse Jude von heute kennt nur ein innerliches Jerusalem, das ihm nicht genommen werden kann und das niemals zerstört wurde. Gegenüber dem Ewigkeitsgedanken und der universellen kulturgeschichtlichen Wirkung des Judentums verblaßt das einmalige Ereignis der Tempel- und Staatszertrümmerung. Auch gehören die Juden der Neuzeit national und kulturell ihren abendländischen Heimatländern an, so daß sie um kein politisches Heimatland Palästina zu trauern haben. Erweist sich solcherart der traditionelle Charakter des Tag^s seinem Inhalt nach als einer vergangenen Epoche angehörig, in der die Juden noch nicht in den Nationen der Erde aufgegangen waren, so zeigt auch die hergebrachte Form das Gepräge einer Zeit, da wir noch nicht der Kulturwelt des heutigen Abendlandes angehörteu. „In den jemenitischen Gemeinden löscht man am Abend nach dem Gebet die Lichter aus, und der Vorbeter verkündet die Zahl der Jahre, die seit der Zerstörung des zweiten Tempels verflossen sind... Darauf bricht das Volk in Weinen aus." Diese Darstellung der Encyclopaedia Judaica verstehen wir; wir würden aber nicht verstehen, wenn heutige deutsche Juden auf Kommando in Weinen ausbrächen, und wir haben keinerlei Beziehung dazu, wenn in Großstadt-Synagogen die Zerstörung des Tempels dadurch symbolisiert wird, daß man den Vorhang vor der Heiligen Lade entfernt, die Kanzeldecken schief und unordentlich hinlegt, etwa vorhandene Stehpulte umwirft, eine Leiter auf den Almemor stellt und zu diesem Arrangement als Zeichen der Trauer nur halbe oder viertel Beleuchtung einschaltet. Auch bleibt uns eine hohle, vielleicht gar heuchlerische Geste, wenn sich ein moderner Vorbeter mit Barett und Tatar, ebenfalls zum Zeichen der Trauer, auf die zum Almemor hinaufführenden Stufen setzt und die Klagelieder intoniert. — Inhalt und Form dieses Festes sind für uns unwiederbringlich dahin, und wir trauern ihnen nicht nach. Worüber wir aber immerhin trauern sollten, das ist eine Erscheinung, die wir, grundsätzlich betrachtet, überhaupt als die Tragik des neuzeitlick^n Judentums ansprechen müssen: es konnte Ueberlebtes streichen, es konnte Vorhandenes ändern (daher der Name Reform), aber es konnte kaum Neues schaffen. So auch mit dem Neunten Ab: in den zu Anfang des vorigen Jahrhunderts entstandenen Gchetbüchern sowie auch im Gebetbuch der Reformgemeinde fehlt ein Gottesdienst für den Neunten Ab ganz, und wo man neuerdings, wie in der letzten Auftage des Hamburger Tempel-Gebetbuches, im Berliner Gebetbuch und im Liberalen Einheitsgebetbuch einen solchen Gottesdienst wieder eingefügt hat, stellt die Liturgie nur eine Kürzung und moderne Zurechtmachung des Althergebrachten dar; selbst die hinzugefügten deutschen Gebete und Predigtlieder enthalten nur die überlieferten Gedanken der Trauer und der Hoffnung auf Wiederherstellung der alten Zionsherrlichkeit. Ganz unbestimmt und nebelhaft wagt sich einmal der Gedanke an das „Morgenrot einer besseren Zeit für Israel und die ganze Menschheit" hervor. Doch läßt sich das alles wahrlich nicht als schöpferische Leistung bezeichnen, welche allein den religiösen Einrichtungen des Judentums LÄen und Wirklichkeit zu geben vermöchte. Religiöse Neuschöpfungen — wir würden sie nicht scheuen auch ohne Anhaltspunkte in der Tradition oder sogar im Widerdruck zur Tradition, wenn nur der G e i st des Judentums in den neuen Formen unverfälscht und eindringlich zum Ausdruck käme. Wir würden deshalb auch gegen die Tradition den Tischa b'Ab radikal abschaffen, wenn es nötig wäre. Indessen zeigt sich, daß die Abschaffung nicht nötig ist, und daß uns ferner Schrift und Tradition auf einen neuen Inhalt und eine neue Form geradezu Hinweisen. Der Prophet Sacharfa wird gefragt: „Muß ich auch noch weinen im fünften Monat und mich enthalten, wie ich solches nun etliche Jahre getan habe?" Er erwidert zunächst mit einer Rede, welche besagt, daß es ruf äußerliches Fasten und Weinen nicht ankommt, man solle rechtes Gericht sprechen und Güte und Barmherzigkeit beweisen (7, 3—10). Aber im darauffolgenden Kapitel (8, 19) läßt er sich vernehmen: „So spricht der Ewige Zebaoth: Die Fasten des vierten, fünften, siebenten und zehnten Monats sollen dem Hause Juda zur Freude und Wonne und zu fröhlichen Jahresfesten werden; allein liebet Wahrheit und Frieden." Was der Prophet allgemein ausspricht, wird durch die Tradition in glücklichster Weife ergänzt: sie bezeichnet den Tischa b'Ab als Geburtstag des Messias. Welchen Begriff nun auch die Alten vom Messias und seiner Zeit gehabt haben mögen — für uns, denen der Universalismus des Judentums Leitgedanke ist, stehen Tempelzerstörung, Zerstreuung, Emanzipation und Messianismus in derartig unmittelbarem, kausalem und logischem Zusammenhang, daß der Gedanke, der Tag der Zerstörung Jerusalems sei der Geburtstag des Messias, lebendig zu uns