Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 27 (3.7.1929)
- Date
- 1929-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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strat führten zu keinem Ergebnis. In einer Unterredung am '18. Mai, die ein Mitglied des Vorstandes und der .Repräsentanz mit dem zuständigen Sachbearbeiter bei der Regierung hatten, seren die Weiterungen, welche sich in der Praxis durch den Standpunkt des Magistrats aus Grund der erhobenen Wahlproteste ergaben, so überzeugend dargelegt, daß die Regierung Veranlassung genommen habe, dem Magistrat Anweisung zu geben, die Vereidigung, bezw. Verpflichtung unter Zurückstellung aller juristischen Bedenken vorzunehmen. Daraufhin habe der Magistrat mit Schreiben vom 27. Mai sich bereit erklärt, in Uebereinstimmung mit unseren bei, der Regierung geltend gemachten Gesichtspunkten die vier neugewählten Vorstandsmitglieder am 4. Juni zu verpflichten. Am Tage vorher sei dann die Berufung zurückgezogen worden. Nahezu sechs Wochen sei der Vorstand außerstande gewesen, auch nur die laufenden Geschäfte zu erledigen. In unmittelbarem Anschluß an die Vereidigung seien dann die regelmäßigen Sitzungen, in denen erhebliche Rückstände aufgearbeitet werden mußten, wieder ausgenommen worden. Alle Bemühungen, den Etat noch vor Beginn der großen Ferien und der damit erfahrungsgemäß einsetzenden Rcise?- zeit, sowie der dadurch bedingten Beschlußunfähigkeit des Kollegs zu verabschieden, haben sich in Ansehung des außerordentlichen Zeitverlustes als unmöglich erwiesen. — Anschließend bemerkt Herr Dr. Goldschmidt, daß hierdurch sich auch die Verabschiedung der neuen Wahlordnung verzögern werde. Herr R.-A. Goldstein versichert, daß der Protest lediglich aus praktischen Gesichtspunkten und ohne Kenntnis von dem Entscheid der Regierung zurückgezogen worden sei. — Hierauf wird der Notetat für die Monate Juli, August, September .1929 in Höhe von insgesamt Mk. 58 000,— einstimmig angenommen. — Lum Punkt „Bewilligungen" bemerkt der 1. Vorsteher, daß man die größte Sparsamkeit walten lassen müsse. Es sei zweifelhaft, in welchem Maße man Steuerrückstände aus vergangenen Jahren noch hereinbekäne. Dem Vorstand seien zahlreiche Mitteilungen seitens der Zensiten zugegangcn, daß selbst die Vorauszahlungen nur in geringerer Höhe als gefordert gezahlt werden könnten, da ihr Einkommen in 1928 kleiner gewesen sei als im Vorjahre. Mit einer wesentlichen Senkung des Steuersatzes von 13 sei nicht zu rechnen. Auch der Wohlsahrtsetat müsse ermäßigt tverden. Nach einer längeren Aussprache darüber, ob man nicht lieber aus dem Landesverband austreten und die sreiwerdenden Gelder dafür den Witwen und Waisen sowie den Jugendorganisationen zukommen lassen solle, wird einstimmig beschlossen, alle Bewilligungen vorläufig zurückzustellen und es dem Vorstand zu überlassen, in dringenden Fällen nach eigenem Ermessen einzelnen Antragstellern auszuhelfen. Zum Schluß berichtet der Vorsteher über die Schwierigkeiten, die sich bei den Verhandlungen mit der Stadt betr. Auflassung der 6 i/.j Morgen Land anschließenden Friedhofsgeländes ergeben haben. Wenn man nicht alsbald zu einem erträglichen Ergebnis komme, werde die Gemeinde das im Vertrag vorgesehene Schiedsgericht anrusen müssen. Heidelberg. (Todesfall.) Im besten Manncsalter von 53 Jahren ist nach schwerem Leiden Synagogenrat Max Meyer gestorben. Im Vorstand des Vereins Bikkur chaulim und des israelitischen Krankenschwesternvereins hat der Entschlafene eine segensreiche und gemeinnützige Tätigkeit entfaltet, die sich nicht nur auf einheimische, sondern auch auf auswärtige, in den Universitätskliniken untergebrachte Patienten erstreckte. Alle werden sich seines selbstlosen Wirkens in dauernder Dankbarkeit erinnern. Im Synagogenrat lag dem Heimgegangenen die Ueberwachung der gottesdienstlichen Angelegenheiten ob; auch dieser Funktion wie der des Rechners für die Bezirkssynagoge Heidelberg widmete er sich mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit und Treue. Sein früher Heimgang hat über die Gemeindegrenzen hinaus Trauer und Teilnahme geweckt. Kätscher, O./S. Gottesdienst.) In neuerer Zeit ist es. nicht selten, daß ernst denkende christliche Kreise zu einem näheren Verständnis unserer gottesdienstlichen Einrichtungen durch Besuch unserer Andachtsstätten und durch Belehrung von seiten der berufenen Führer des Judentums zu kommen suchen. In der kleinen Gemeinde Kätscher, die seit mehreren Jahren leider ohne regelmäßigen Gottesdienst ist, und die auch nicht mehr in der Lage ist, sich einen Beamtem zu halten, regte Herr Vikar Alberty an, mit seinen Schülern aus der städtischen Realschule und dem Dr. Funkeschen Pädagogium einem jüdischen Gottesdienste mit anschließender Belehrung beiwohnen zu dürfen. Bereitwilligst wurde seinem Wunsche entsprochen, und am letzten Mittwoch fanden sich alle evangelischen Schüler der genannten Anstalten mit ihrem geistlichen.Führer nebst einigen jüdischen Gemeindemitgliedern in der geräumigen Synagoge ein. Herr Lehrer Bieberfeld von der Nachbargemcinde Ratibor hatte bereitwilligst die Führung und Belehrung übernommen. Nach Abhaltung eines Minchagottesdienstes sang Herr Bieberseld mit Harmoniumbegleitung, die Herr Vikar Alberty selbst übernommen hatte, einige für unseren Gottesdienst besonders charakteristische Gesänge, uud zwar aus der Liturgie die hohen Feiertage das Olenu und M'ehalkcl chajim a moll, sowie das Rezitativ von Psalm 92 Es-dur, alle drei Gesänge in der Vertonung von Lewandowsky. In atemloser Stille und mit großer Aufmerksamkeit lauschten die Zuhörer den ungewohnten Lauten und Klängen. Weiter hörten die Gäste eine Vorlesung aus der Thora in dem üblichen Tropp, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch das 3. Kap. des 2. Buches Mos., die Berufung Moses, worauf sie aus nächster Nähe die Thora selbst mit ihren Schrift« zeichen, sowie auch einen Schofar, Tallis, Tefillin u. a. m. in Augenschein nahmen. Nach weiteren Erklärungen gottesdienstlicher Symbole und Einrichtungen und Beantwortung wißbegieriger Fragen schieden die Gäste mit Dank für die erhaltene Belehrung. — In manchen christlichen Kreisen herrschen irrtümliche Anschauungen über unseren Gottesdienst, daß es wünschetiswert wäre, wenn auch anderwärts derartige Aufklärungen, besonders bei der Jugend, erfolgen würden. Mehr als durch alles andere wurden die Eintracht und der Frieden unter den Konfessionen hierdurch gefördert werden. Köpenick. (Einstellung des Verfahrens gegen die Kö pen icker Fr i e dho fsch ä n d er.) In der Strafsache wegen der Beschädigung von Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof in Köpenick hat die Staatsanwaltschaft II mit Zustimmung der Jugendrichter das Ermittlungsverfahren eingestellt, weil die beiden 15 jährigen Täter nach ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung unfähig gewesen sein sollen, das Ungesetzliche der Tat einzusehen. Den beiden Jungen lägen politische Beweggründe völlig fern. Ihre Tat sei ein Dummerjungenstreich. Leer. (L e h r e r t a g u n g.) Die jüdischen Lehrer der Rabbinatsbezirke Emden-Oldenburg hielten hier eine außerordentliche Generalversammlung ab. Gegenstand der Beratung bildeten das zu erwartende Judengesetz und die Stellungnahme zur geplanten SatzungKänderung des Waisenhausvereins. Der Absicht, die Rechte des Landrabbiners und der Lehrer innerhalb dieses Vereins zu kürzen, wurde durch Protestschreiben an den Vorstand des Waisenhausvereins entgegengetreten. In einer gut besuchten Gemeindeversammlung, die nachmittags stattfand, sprach Lehrer Hirschberg, Emden, über das Thema „Elternhaus und Schule". Der Vortrag, dem eine lebhafte Aussprache folgte, fand beifällige Aufnahme. Der Vorsitzende des Lehrervereius, Ruda, Wilhelmshaven, dankte in seinen Schlußworten der Gemeinde Leer für die freundliche Einladung und gastfreundliche Aufnahme. Leipzig. (G e m e i n d e s i tz u n g.) In der auf den 24. v. Mts. einberufeneu Gemeindesitzung wurde als Hauptpunkt der Haushaltplan für das Rechnungsjahr 1929/30 behandelt. Bor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende in einem warm empfundenen Nachruf des vor kurzer Zeit verschiedenen Lehrers an der liberalen Religionsschule, Herrn Graf, der 30 Jahre in unermüdlichem Wirken zum Segen der jungen Generation sein Amt in der Gemeinde bekleidet hat. Nach einem einleitenden Bericht des Finanzdezernentcn, Herrn Breslauer, zum Haushaltplan, in dem dieser auf die schwierige Wirtschaftslage und die Unsicherheit der Steuereingänge hinwies, erklärte Herr Pelz im Namen der liberalen Mitglieder des Finanzausschusses, daß der vorliegende Haushaltplan auf Grund eines Kompromisses der Parteien in demokratischem Geiste zustande gekommen sei. Obgleich von seiten seiner Gesinnungsgenossen mancherlei Bedenken Vorlagen, so habe man den Forderungen der Orthodoxie in weitgehendem Maße Rechnung getragen. — Herr Tumpowsky, der Führer der hiesigen Ortsgruppe der jüdischen Volkspartei, vermißte in dem vorliegenden Haushaltplan die tatkräftige Unterstützung der Jugendbewegung. Die Erziehung auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes lasse zu wünschen übrig; nur etwa 45 o/g der Erziehungspflichtigen nehme am Religionsunterricht teil. Das Schulproblem müsse unverzüglich in Angriff genommen werden. Ein besonderes Augenmerk sei auf die Jugendverbände zu richten, ihnen müsse man jede Förderung angedeihen lassen. Die Errichtung eines Jugendheimes sei ein absolut dringendes Bedürfnis. Leider ließen sich diese Probleme bei der gegenwärtigen Finanzlage der Gemeinde nicht verwirklichen. Der Redner regte an, um die Finanzlage der Gemeinde zu verbessern, die Erhebung von Zuschlägen zur Körperschaftssteuer einzuführen. Man solle sich nicht davon abschrecken lassen, wenn einige größere Steuerzahler mit dem Austritt drohten. Die Hauptrolle im Gemeindeleben spiele der jüdische Geist und nicht das Geld. — Der Vertreter der Orthodoxie, Herr Stein, behauptete, daß bei Aufstellung des Haushaltplanes nicht Gerechtigkeit der Leitgedanke gewesen sei. In der Gemeinde beständen 16 Privatsynagogen, die lediglich von den orthodoxen Mitgliedern erhalten würden. Es sei Pflicht der Gemeinde, zu deren Lasten beizutragen. — Ein weiterer Vertreter der jüdischen Volkspartei, Herr Dubiner, verlangte die Umwandlung der Höheren israelitischen Schule in eine jüdische Volksschule. Ferner müßten größere Beträge für Brautausstattungsbeihilfen bereitgestellt werden. Eine weitgehende Unterstützung der jüdischen Studenten sei am Platze, hauptsächlich derjenigen, denen in ihrem Heimatstaate die Möglichkeit des Studiums genommen sei. — Im Verlaufe der Einzelbcratung wurde auch wieder die Frage der Subventionierung an den Verein Ahawas Thora ausgerollt, der die religiöse Ueberweisung in Anlehnung an die östlichen Talmudschulen fordert. Nach einer lebhaften und teilweise erregten Aussprache wurde ein Beitrag abgelehnt. Mit zwei unwesentlichen Aenderungen wurde der Haushaltplan in Einnahme und Ausgabe mit RM. 803 000,— gegen zwei Stimmen der orthodoxen Vertreter angenommen. Daneben berichtete der Vorsitzende, daß die Gemeinde wegen des Erwerbes eines weiteren Geländes für den neuen Friedhof an den Rat der Stadt Leipzig hcrangetreten sei. Da einige Gemeindevertreter der Meinung waren, daß die gebotenen Bedingungen hinsichtlich der Erlegung des Kaufpreises bei der gegenwärtigen Finanzlage nicht günstig seien, so behielt sich der Vorstand vor, erst weitere Verhandlungen zu pflegen, bevor eine Entscheidung getroffen werden solle. Mainz. (A m t s j u b i l a u m.) Am 21. Juni konnte Kommerzienrat B. A. Mayer auf eine 25 jährige Tätigkeit im Vorstande der Jüdischen Gemeinde zurütblickcn, von denen er in den letzten 20 Jahren als erster Vorsitzender der Gemeindeverwaltung wirkte. Der Jubilar hat aus diesem Anlaß der Hauptsynagoge einen neuen Thoraschreinvorhang gestiftet, der am Vorabend des Schowuausfestes seiner Bestimmung übergeben wurde. In seiner Festpredigt am Freitag vormittag gedachte Rabbiner Dr. Lcvi des verdienstvollen Wirkens des Jubilars. In der Wohnung des Jubilars überbrachtcn das Hessische Kreisamt Mainz, die Stadtverwaltung, wie sämtliche jüdischen Vereine Mainz ihre Glückwünsche. Ter Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde Mainz überreichte eine kunstvolle Dankadresse. Allerseits wurde der Wunsch ausgesprochen, dem wir uns auch anschließen, daß das segensreiche Wirken von Kommerzienrat Mayer noch recht lange der Gemeinde erhalten bleiben möge. Munch««. (Bestattungen.) Im neuen israelitischen Friedhof wurde die langjährige Oberin des Israelitischen Schwestern- und Krankenheimes Frau Melitta Feuchtwanger der Erde übergeben. Die Beteiligung an der Trauerfeicr war groß. Rabbiner Dr. Baerwald gab in der Gedächtnisrede ein Lebensbild der stets opferbereiten Frau. Ehrende Nachrufe widmeten Justizrat E. Strauß im Namen der Israelitischen Kultusgemeinde, Justizrat Fränkel für das Israelitische Schwesternheim, > Kaufmann Julius Basch für das Krankenheim, Professor Dr. Gebete als Vertreter der Aerzte, sowie cm Vertreter der Patienten. Stuttgart. (G e m e i n d e b e s ch l ü s s e.) In der Sitzung des Vorstchcramts vom 26. Juni wurde nach den Anträgen der Gottesdienstabteilung die Anlegung des Tallis bei den Schacharisgottesdiensten in der Synagoge in namentlicher Abstimmung mit 7 gegen 3 Stimmen bei einer Stimmenthaltung beschlossen. , Dieser Beschluß tritt aber erst dann in Wirksamkeit, wenn die zu erlassenden Ausführungsbestlmmungen die Genehmigung des Plenums gesundeu haben. Es ist zu hoffen und jedenfalls dringend zu wünschen, daß die durch diese Kompromißlösung gesuchte Befriedigung beider Richtungen innerhalb der Gemeinde erreicht ist. Der Haushaltplan für das Rechnungsjahr 1929/30 wird in Einnahme mit RM. 69 736,50, in Ausgabe mit RM. 170 996,— einstimmig genehmigt. Der hiernach sich ergebende Abmangel an örtlichen Steuern im Betrage von RM. 101 259,50 und die Landesumlage, deren Höhe noch nicht feststeht (im Vorjahr betrug dieselbe rund RM. 142 000,—) werden voraussichtlich nach der Höhe der Veranlagung zur Reichseinkommensteuer für 1928 und der Vcrmögensteuer auf 1. Januar 1928 erhoben werden. Da die Höhe dieser Steuerleistungen aber noch nicht bekannt ist, wird auf Grund des Gesetzes über die Kirchen (ß 26) gestattet, die Steuern des abgelaufenen Rechnungsjahres als Vorauszahlung für das laufende Steuerjahr vorläufig im halben Betrag sestzusetzen und einzuziehen. Dr. Rieger regt au, daß die Barmizwohknaben künftig au ihrem Barmizwohtage statt den betreffenden Teil aus dem Wvchenabschnitt den hebräischen Urtext der 10 Gebote verlesen, sowie daß der Barmizwahunterricht, den zu übernehmen er sich bereit erklärt, gemeinsam erteilt werde. Im Prinzip erklärt sich das Plenum mit dieser Neuerung einverstanden. Da aber die Durchführbarkeit noch nicht geklärt ist — ein Zwang soll nicht äusgeiibt werden —, beauftragt das Kollegium die Schulabteilung, die zur Durchführung dieser Anregung erforderlichen Vorschläge dem Plenum zu unterbreiten. Tann. (Persönliches.) Ter seit mehr als 25 Jahren an der Spitze der hiesigen Gemeinde stehende Herr M. Freudcnthal beging dieser Tage mit seiner Gattin unter lebhafter Teilnahme der gesamten Ortsbevölkerung die goldene Hochzeit. Als Stadtverordneter und Magistratsmitglied hat sich der Jubilar auch um die kommunal-politischen Vorgänge seines Heimatortes große Verdienste und durch sein gemeinnütziges Wirken viele Freunde erworben, die dem Jubelpaar im goldenen Ehrenkranze mancherlei Aufmerksamkeiten erwiesen. ★ BÜCHERSCHAU * Henri Barbusse: Die Judasse Jesu. Verlag C. Weller & Co. Leipzig-Wien 1928. Der gefeierte französische Schriftsteller setzt in diesem Buche seine Gedanken über das Christentum fort, die er in seinem „Jesus, ein Evangelium“ begonnen hat. Es ist eigentlich eine Tendenzschrift zugunsten des radikalen Sozialismus. Noch einmal faßt er in glänzender Diktion die von Theologen und Philosophen seit zwei Jahrzehnten in den verschiedenen Ländern dargebotenen Ansichten über die Entstehung des Christentums zusammen: Jesus als Christus, d. h. als Stifter dieser Weltreligion, hat nie existiert. Allerdings ist Barbusse überzeugt, daß „Einer war“. Ein Prophet, mehr ein Philosoph, lebte im jüdischen Lande zu Beginn der jetzigen Zeitrechnung, der rationalistische Gedanken über das Leben und das Judentum vortrug und getötet wurde. Später schuf Paulus ein Gemisch von jüdischem Messiasglauben und orientalisch-hellenistischer Mysterienreligion in seinem Christus, der, ein Gott, zu jenem Philosophen vermenschlicht und Jesus, d. h. Erlöser, genannt wurde. Jesus, der Philosoph, war Atheist und Sozialist, wurzelte im Judentum und suchte eine Lebensanschauung des Diesseits zu begründen, während das paulinische Christentum in seiner Entstehung und ganzen Entwicklung sich von den Grundlagen des Judentums entfernte, viel mehr heidnisch-hellenistische Elemente aufnahm und eine Religion des Todes und des Jenseits wurde. Gesiegt hat es, weil es eine Religion des Armen und Ausgebeuteten war, bevor es im 4. Jahrhundert offiziell ward. Von da ab hat es immer mit den weltlichen Mächten seinen Pakt geschlossen und wurde so zum Bedrücker des Proletariats, indem es sich um die irdischen Lebensinteressen der Armen nicht kümmerte, sie vielmehr auf den Himmel vertröstete. Jetzt wurden die Christen immer mehr die Judasse, die Verräter Jesu, des weltzugewandten Denkers. So schneidet das Christentum bei Barbusse äußerst ungünstig ab und wird zum Urheber des gegenwärtigen Kulturchaos, aus dem nur der konsequente Sozialismus die Erlösung bringen kann. Mit dieser Feindschaft gegen das Christentum verbindet sich zugleich ein völliges Nichtverstehen aller Religion: Gott ist „das Idol der Idole“, der Glaube „Wahnsinn“. Allerdings zeigt Barbusse in seinem Verständnis des Judentums zumeist eine feinsinnige Treffsicherheit und Vorurteilslosigkeit, z. B. wenn er von den „großen, so betonten dynamischen Tendenzen der jüdischen Seele und der grundsätzlichen Reinheit Israels“ spricht oder den Satz prägt: „Im Unglück hat die Seele Israels ihre Größe erreicht.“ Auf jeden Fall ist die Lektüre des Werkes auch für den Leser ertragreich, der die moderne Leben-Jesu-Forschung nicht in allen Punkten mit seiner Zustimmung begleiten kann und in der Religion einen notwendigen, um nicht zu sagen: den notwendigsten Wert alles wahrhaft Menschlichen sieht. Das Buch bedeutet für Menschen, die mit den Problemen vertraut sind, auch in der Abwehr der Barbusseschen Ueberzeugungen einen unvergleichlichen geistigen pewinn. Berlin-Spandau. h* Dr. Löwenstamm. Rabbiner Dr. M. Warschauer: „Der jüdische Theologe“; Heft A. 3 der „Merkblätter für Berufsberatung“, herausgegeben von der Deutschen Zentralstelle für Berufsberatung der Akademiker e. V., Verlag Trowitzsch & Sohn, Berlin SW 48, Wilhelmstraße 29, Berlin 1929. Zunächst einige allgemeine Bemerkungen über die außerordentlich wertvolle Aufklärungsaktion der „Zentralstelle für Berufsberatung der Akademiker“, welche angesichts des in Deutschland immer mehr zunehmenden Akademiker-Proletariats nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Trotz mancherlei Warnungen hat der Zudrang zu den Hochschulen angehalten, ja es ist sogar ein weiteres Ansteigen zu befürchten. Einer der wichtigsten Gründe für diese Entwicklung ist die mangelnde Aufklärung der Schüler der höheren Lehranstalten. — Hier greift jetzt die „Deutsche Zentralstelle für Berufsberatung der Akademiker E. V.“ (Berlin W 62, Kurfürstenstraße 103) mit einer großzügigen Aufklärungsaktion ein. Sie versendet kostenlos ihre sämtlichen „Merkblätter für Berufsberatung“ an: a) alle höheren Lehranstalten, b) die Kreis- und Stadtschulinspektionen, c) die deutschen Hochschulen, d) die Schulabteilungen der Regierungen, e) die Provinzialschulkollegien, f) die Kultusministerien. Erfaßt werden also direkt oder indirekt alle Schulen Deutschlands. Zur Verteilung gelangen nicht weniger als rund 300 000 Merkblätter, da 3500 Schulen und Stellen bei dieser Aktion berücksichtigt wurden. — Diese Merkblätter zeigen zum Teil neue Wege, zum Teil berücksichtigen sie auch die Handarbeit. Das ist deshalb besonders wichtig, damit die Vorurteile, die bei der Berufswahl vielfach zu Tage treten, endlich zum Verschwinden gebracht und von den Schülern der höheren Lehranstalten auch die heute zum Teil günstig gelagerten handwerklichen Berufe in Erwägung gezogen werden. — Diese Merkblätter sind von ersten Fach Vertretern bearbeitet und werden herausgegeben in Zusammenarbeit mit den zuständigen Berufsorganisationen, wie den Verbänden d*er Akademiker, dem Deutschen Ausschuß für technisches Schulwesen, dem Bund der Akademikerinnen, dem Deutschen Auslands-Institut in Stuttgart und anderen Stellen. Jedes Merkblatt ist in sich abgeschlossen und nach gleichen Gesichtspunkten gegliedert. — In den Merkblättern werden die Berufe der folgenden Hauptgruppen behandelt: A. Theologie, B. Unterrichtswesen (Philolog. Berufe), C. Medizin, D. Rechts- und Staatswissenschaft, E. Land- und Forstwirtschaft, F. Technik und Naturwissenschaften, G. Frauenberufe, H. Heer, Marine, Polizei, I. Werkberufe, K. Auswanderung. — Die Merkblätter (Einzelpreis 30 Pfg.) sind vom Buchhandel oder der Fa. Trowitzsch & Sohn, Berlin SW 48, zu beziehen. Es liegt im Interesse aller beteiligten Kreise, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf diese Blätter hinzuweisen und sie selbst zu benutzen. So weit das Allgemeine. — In der Abteilung A. Theologie erscheint zu den bereits vorhandenen Heften „Der evangelische Theologe“ und „Der katholische Theologe“ nunmehr „Der jüdische Theologe“ aus der Feder des Berliner Gemeinderabbiners Dr. M. Warschauer. Es ist sicherlich zu begrüßen, daß derjenige Umstand in dem Heftchen mit keinem Wort erwähnt wird, welcher die wirtschaftliche Lage des jüdischen Theologen heute grundsätzlich von derjenigen aller anderen Akademiker unterscheidet: wir meinen die Tatsache des Rabbiner-Mangels, welche leider auch nach Kenntnissen und Charaktereigenschaften weniger geeigneten Kandidaten einen verhältnismäßig raschen Aufstieg sichert. Um so größeres Gewicht legt Warschauer auf den Riesenumfang des Studienpensums, auf die denkerischen, charakterlichen und sogar auch rein körperlichen Anforderungen, die der Beruf des Rabbiners stellt. Die Einzelheiten des theoretischen Studienweges sind genau beschrieben. Dagegen sind die neuerdings von den zuständigen Körperschaften in Erwägung gezogenen Vorschriften für praktische Ausbildung (Vikariatsjahr) unberücksichtigt geblieben, ebenso auch der betrübende Umstand, daß die Führung des Rabbiner-Titels in Deutschland immer noch der gesetzlichen Regelung entbehrt, so daß keineswegs nur, wie es nach Warschauer den Anschein hat, das Rabbiner-Diplom einer der drei Lehranstalten „zur Ausübung aller rabbinischen Funktionen und somit zur Anstellung durch eine Synagogengemeinde berechtigt“. — Für die Herausgabe des kleinen, aber wertvollen Schriftchens haben wir senr dankbar zu sein. George Goetz. Oskar Wolfsberg: Nehemias Anton Nobel. Versuch einer Würdigung. J. Kauffmann Verlag. Frankfurt a. M. 1929. Einen „Versuch“, in die geistige Art des bekannten Frankfurter Rabbiners einzudringen, nennt Wolfsberg in allzu großer Bescheidenheit seine hochwertige Charakteristik seines Lehrers und Freundes. Wir lernen eine Persönlichkeit kennen, deren Bedeutung stets anerkannt war und die ihre Spuren in die Herzen der Menschen tief eingesenkt hat. Das Bild dieses ungewöhnlichen Mannes in seinem Wirken als Redner und Prediger, als Philosoph und Talmudist erhebt sich wieder in seiner ganzen Lebendigkeit vor uns und rundet sich in schöner Harmonie ab: die künstlerisch und religiös-sittlich vollendete Natur eines starken Geistes. Es wäre ein unschätzbarer Gewinn, wenn der Autor sich entschlösse, alles, was von Nobel gedruckt und ungedruckt vorhanden ist, in einem Bande gesammelt der jüdischen Öffentlichkeit vorzulegen, damit Nobels Gedankenwelt auch denen bekannt werde, die nicht den Vorzug hatten,‘dieser reichen Persönlichkeit während ihres kurzen Lebens nahe zu kommen. Berlin-Spandau. Dr. Löwenstamm.