Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 27 (3.7.1929)
- Date
- 1929-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IS-Lch KberaleZeilM Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 7N. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, verantwort!. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäslsslelle: Berlin SW 48, Wilhelmslr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark. die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" »Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Dilhelmftrahe 147 (Bergmann: 3358-59). sowie sämtl. Annoncen-Expedition. Nr. 27 Berlin. 3. Juli 1929 9. Jahrgang Julius" 7 Religion und Wirtschaft Von Rabbiner Dr. Albert Wolf, Dresden. Religion und Wirtschaft stehen nicht im Gegensatz zueinander. Nur eine Religion, die die Loslösuug von der Erde mit der Ueberwindung des „Irdischen" als Ideal preist, kann den sittlichen Wert der Wirtschaft leugnen. Das Judentum bejaht das Leben. Wenn das Leben bejaht wird, müssen die Kräfte, die das Leben erhalten, gefördert werden. Das erste Gotteswort, das in der Bibel an den Menschen ergeht, lautet: „Seid fruchtbar uud mehret euch und füllet die Erde und bezwinget sie." Die Erde und die Fülle ihrer Gaben dem Menschen dienstbar zu machen, damit Leben zu erhalten und Leben zu schaffen, ist göttliches Gebot. Das Lebensideal der Weisen des Judentums ist: „Gotteslehre verbunden mit irdischer Beschäftigung." Diesem Ideal gemäß verdienten sich viele Lehrer ihr Brot durch ihrer Hände Arbeit. Tie alten Meister des Judentums waren auch Meister des Handwerks. Tie zunehmende Arbeit der Menschen, die größer werdende wirtschaftliche Entwicklung bedingt eine Teilung der Arbeit. Ties Gesetz der Wirtschaft gilt in gleicher Weise für alle Lebensgebiete. Aus der einen Wissenschaft, die ursprünglich alle Wissensgebiete umfaßte, haben sich immer mehr Einzelwissenschasten mit ihren Spezialgebieten abgesondert. So hat auch die Religion ihre ursprüngliche Gebundenheit an alle Erscheinungen des Lebens verloren, vielmehr die Religion hat aufgehört, das ganze Leben zu erfüllen, sie ist zu einem selbständigen Dasein gekommen. Das will sagen, Religion ist zu einem System von Glaubenssätzen, Lehrmeinungen und religiösen Forderungen geworden. Neben dem anderen Leben, sei es wirtschaftlicher, künstlerischer, politischer Art, gibt es ein religiöses Leben. Die Religion tritt mit eigenen Ansprüchen auf, und so kommt es, daß einerseits der Mensch glaubt, seine religiöse Pflicht erfüllt zu haben, wenn er den besonderen Ansprüchen der'Religion Genüge getan hat, daß andererseits von seiten der Religion die religiösen Lebensäußerungen als die besseren und wertvolleren gegenüber anderen Lcbensbetätigungen angesehen werden. So ist es zu verstehen, daß schließlich das Leben der Welt, Arbeit und Erwerb der Menschen, alle nicht auf das Religiöse gerichteten Bestrebungen mißachtet und dann verachtet werden. Das Gottesreich ist nicht von dieser Welt. Nur wer die Welt flieht, darf auf das Himmelreich hoffen. Weltverneinung, Weltflucht, Mönchsheiligkeit, Erlösungslehre entstammen der gleichen Wurzel. Auch im Judentum werden bisweilen solche Tendenzen bemerkbar. Hierher gehört die Bemerkung, die ein Weiser macht, als er die Menschen pflügen und säen sieht: „Sie lassen das Leben der Ewigkeit und beschäftigen sich mit den Dingen des Augenblicks." Von der Mehrzahl der Lehrer des Judentums wird diese asketische Frömmigkeit aügelehnt. Aber ganz ohne Einfluß auf die Lebensauffassung des Judentums ist diese Lehre, die auf der Einschätzung der Religion als eines Gutes an sich beruht, nicht geblieben. „Aus drei Dingen beruht der Bestand der Welt: auf der Lehre, dem Gottesdienst und auf menschenfreundlicher Tat." Dieses erhabene Wort des ältesten Lehrers, der im Talmud genannt wird, läßt den Hinweis auf die Arbeit vermissen. Tie Beschäftigung mit der Thora gilt als edelstes Tun des Menschen. Das führt so weit, daß die Frage aufgeworfen werden konnte, was wertvoller sei, das Lernen oder das Tun. Und unter dem Tun ist nur die religiöse Tat zu verstehen. Tie Folgen dieser Anschauung sind noch in unseren Tagen wirksam. Nicht nur galt im Mittelalter und weiter bis in unsere Zeit hinein das religiöse Lernen als die heiligste Beschäftigung, man hat auch bewußt praktische Arbeit gemieden, um Zeit für das Lernen zu haben. Daß die Juden in die kaufmännischen Berufe gedrängt wurden, hat mancherlei Ursachen. Vielleicht hat aber auch mitgewirkt die Tatsache, daß die Lebensjahre, die für den jungen Menschen Lehrjahre sein sollen, bei den Juden in erster Linie „Lern"jahre waren. Ter Mensch, der in seiner Jugend keinen praktischen Lebensbcruf erlernt hatte, war dann später, wenn es galt, eine Familie zu ernähren, gezwungen, als Händler sein Brot zu verdienen. Noch heute treffen wir häufig unter den aus dem Osten eingewanderten Juden Existenzen, die zu keiner praktischen Arbeit fähig sind, weil sie in ihrer Jugend zwar viel „gelernt", aber nichts erlernt haben. Trotz solcher Irrungen ist aber der Charakter des Judentums als einer Welt und Leben bejahenden Religion erhalten geblieben. Viele Aussprüche der Weisen sind geradezu als eine Warnung vor der übertriebenen Schätzung religiösen . ^lielöst von den Aufgaben der Erde, anzusehen. Geschlechter ging die weltliche Beschäftigung der Thora voraus (nach der Zählung der Thora waren von Adam bis zur Gesetzgebung 26 Geblechter); denn es heißt, zu erobern den Weg des Baumes des Lebens, der Weg, das ist die weltliche Beschäftigung, der Baum des Lebens, das ist die Thora". Für den Kenner der jüdischen Geschichte braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß im alten Judentum vor Das deutsche Judentum hat mit dem Heimgang Julius Goldsteins einen schweren, ohne jede Uebertrcibung darf es gesagt werden, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Wenn in diesen einer bestimmten religiösen Haltung, der liberalen, dienenden Blättern von ihm und seinem Wirken geredet wird, dann muh, zunächst von seiner Frömmigkeit berichtet werden. Julius Goldstein war eine ausgesprochen religiöse Persönlichkeit, ein wahrhaft frommer Mensch. In chm war eure tiefe Gläubigkeit, sein Fühlen und Denken war getragen von einem festen unerschütterlichen Bewußtsein der Verbundenheit mit Gott. In seinem Leben war, in guten und schweren Tagen, und die schweren waren zahlreicher als der Nichteiugeweihte wußte, kein Augenblick, in dem er nicht der festen Ueberzeuguug war, daß Gott ihn an seiner Hand nähme und führe. Und Gott war ihm nicht eine Idee >:ur, Symbol uud Zeichen nur des Ewigen sondern ein wirklicher Lebendiger, an den man sich halten und klammern tonnte, dem nachzulebeu als Ausgabe gesetzt ward. Tiefes und reiches Verständnis hatte er, dem dank seiner Erziehung eine jüdische Tradition zu eigen war, für den Wert der religiösen Form. Tie,e Form aber war ihm nicht ein Starres, Fest liegendes, sondern ein vom Menschen zu Beseelendes, von ihm zu Gestaltendes, von ihm mit Leben zu Erfüllendes. Tarum schuf er sich in seinem Hause für die Feier- und Weihestunden inmitten der Familie an Sabbat und Festtagen die Form her Weihe, die ihm geeignet schien, dem Kreis der Mitfeierudcn Erhebung und jüdische Inhalte zu geben. Seine Frömmigkeit war genährt aus der Bibel, in der er regelmäßig und mit Andacht las, deren Schönheit, Gedankentiefe und fordernden Ernst er mit heißem Bemühen dem Bewußisein der ihr entfremdeten Judenheit nahezubringen versuchte. Es war ein Stück seiner Lebensarbeit, daß er Verständnis dafür zu erwecken suchte, wie notwendig für den Juden die Kenntnis der Bibel ist, wie selbstverständlich sic em unentbehrlicher Bestandteil auch aller wahrhaften Bildung i't. In dieser tiefen Gläubigkeit, diesem Rückgreifen aus die Bibel, in dem Respekt vor der Form und in der souveränen Freiheit gegenüber der Form war er der Typ eines liberalen Juden, wie er sein soll, voll aufüaueuder und positiver Frömmigkeit. Aus seiner jüdischen Frömmigkeit floß zu einem guten Teil seine politische Wirksamkeit. Taß er ein Kämpfer für den Friedensgedank'en, ein glutersüllter Verfechter der Gedanken war, die auf Volks- und Völterversöhnung hinzielten, war bedingt durch seine Verwurzelung in jüdischer Lehre. Taß er gegen den Irrglauben der Rassenlehre, gegen die Ueberheblichkeit und das widergöttliche Heidentum der nationalistischen Theorien auftrat und das Rüstzeug zu ihrer wissenschaftlichen und gedanklichen Bekämpfung schmiedete, war Ausfluß seiner jüdischen Frömmigkeit. Er trat au alle Erscheinungen des öffentlichen Lebens in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft mit dem Willen heran, sie an der Höhe und Reinheit der religiösen Forderung zu messen; und aus den biblischen Gedanken vom gleichen Wert aller Menschen, von der Unbedingtheit des Friedens, von der Einheit aller Menschen in Gott schöpfte er den Mut und die Kraft, die Gegenwart von ihnen aus zu beurteilen und aufbauend zu gestalten. Tadurch wurde er zugleich zu einem Führer und Erzieher inmitten des deutschen Volkes und zu crucm Führer und Erzieher inmitten der Judenheit. Teutlich empfand er die Notwendigkeit, in dieser Zeit der Entfremdung weiter Mischer Kreise von ihrem eigenen Geistcsschape die Juden selbst zur Kenntnis von dem Wert und dem unvergänglichen Reichtum ihres Eigenen zurückzusühreu, ihnen Ehrfurcht vor dem Heiligtum ihrer Vergangenheit zu vermitteln, damit das Lebensziel" dieser Vergangenheit Richtwciser der Gegenwart bleibe. Julius Goldstein war Philosoph. Tem Tcnken und Erkennen war seine Lebensarbeit gewidmet. Aber er war incht jener Philosophie zugeschrieben, die in Bc griff sabstraktion sich über den Alltag als einem gleichgültigen Tinge erhebt, die nur im Gedanken lebt und die Berührung mit dem Leben als etwas Niederes flieht. Seine philosophische Arbeit war dem Leben und seinen Erscheinungen geweiht. Es war ein ganz Neues, als er die Soziologie der Technik, die Soziologie der Presse zu erforschen begann. Hier trat ganz deutlich der Wille hervor, in den Erscheinungen des neuzeitlichen Lebens die Gedanken zu erforschen, die ihnen zu Grunde liegen, und die Gedanken zu finden, von denen aus diese Tinge bewegt, umgebaut und umgestaltet werden müssen. allem die produktive Tätigkeit des Landwirts und des Arnicht Mensch genannt", sagt ein talmudisches Wort. Die selbstverständliche Bejahung wirtschaftlicher Betätigung, ja die geradezu religiöse Forderung, an der Arbeit der Welt teilznnehmen, brachte es mit sich, daß die Religion damit sie nicht entarten. Daher wurde er auch der Mann, der am stärksten und klarsten die Wandlungen durchforschte, die im Lause der Zeit uud insbesondere im letzten Jahrhundert die Begriffe Staat, Volk, Nation, nationaler Gedanke durchgemacht haben, und ihren grundlegenden Ideen nachging. Hier als Führender auszutreten befähigte ihn die helle Klarheit seines Denkens und seine umfasscnde Belesenheit. Bestechend war die Klarheit seines Stiles in Schrift und Rede; sie war aber nicht nur eine Kunst der Stilistik, sondern sie floß aus der Klarheit des Denkens. Eben darum wurde er zum unerbittlichen Kritiker der Unklarheiten uud Verschwommenheiten, die mit der landläustgen Benutzung der Worte Volk, Nation, Staat verbunden sind, darum könnte er, oft mit überlegener Ironie, in das mystische Dunkel, das um sie gebreitet ist, hineinleuchten. Ta nun aber gerade die Klärung dieser Gedanken für den Kamps ött Juden im deutschen Vaterland notwendig ist, wurde er zu dem. wir sagten es schon, unersetzlichen Führer der deutschen Judeuheit in ihrem Rechtskampfe. Aber es war nicht so, daß, er zu diesem kritischen Gedanken über die nationalistische Wertung von Staat und Volk kam, weil sie dem Rechtskamps der Juden unentbehrlich sind, das hätte die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit seiner wissenschaftlichen Ueberzeuguug nicht zugclassen, sondern so war es, daß seine wissenschaftliche kleberzeugung hier in harmonischem Einklang mit seiner Frömmigkeit zu jener kritischen Klärung hindrängte. Wer ihn je aus der Rednertribüne gehört hat, wird die bestechende Gewalt seiner klaren, verständlichen und doch immer aus der Höhe des Gedankens sich bewegenden Sprache nicht vergessen, wer seine Schriften liest, wird immer wieder überrascht sein von der unbestechlichen Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe, die in ihnen zum Ausdruck kommt, und von der Klarheit und Durchsichtigkeit des Stiles. Er war in seiner Religiosität und seiner philosophischen Erkenntnis in bewußtem Gegensatz zu jeglicher Art der Erfassung des Judentums vom nationalen Gesichtspunkt ans. Keiner verstand wie er die Unterschiede von Stamm und Nation philosophisch darzulegen, und aus seiner Gläubigkeit heraus stand ihm der religiöse Charakter des Judentums im Vordergründe. So wurde er zum bewußten Verfechter der Gedanken, die das Judentum der Gegenwart als religiöses Gebilde innerhalb der Volkstümer unserer Zeit darstellen. Er icfmtc jede nationale Begründung ab. Seine Synthese von Judentum und Tcutschtum gipfelte in der Erkenntnis von der Notwendigkeit der Verbindung jüdischer Religiosität und den Ideen deutscher Kultur und Staatlichkeit. Seine jüdische Religiosität war ihm m Form und Gedanke ein Selbstverständliches, und genau so selbstverständlich war ihm sein Atmen in der Zeit deutscher Kultur, sein Durchdrungenunc Erfülltsein von deutscher Geistigkeit. Mit bezwingender Klarheit zeichnete er die Parallelen im Schicksal des deutschen Volkes und der Juden, wie aus demselben Gedanken die Vorwürfe stammen, welche dem Deutschen von der ihm feindlichen Umwelt entgegengeschleudert worden, und die, die dem Juden entgegentönen. Mit der gleichen Klarheit zeigte er aus, wie es dieselben Ideen sind, die den Neuaufbau deutschen Volkstums und deutscher Staatlichkeit ermöglichen, die auch dem Judentum der Gegenwart Grundlage seiner Lebenswöglichkcit sind. In den letzten Jahren verstärkte sich sein Einfluß nach außen durch die von ihm gegründete Zeitschrift „Der Morgen" In ihr vollzog sich jene Synthese von Judentum und Deutschtum. Hier offenbarte sich neben der Treue, zur jüdischen Religiosität der tiefe Respekt vor jeder Religiosität. Hier ließ er Fragen und Aufgaben der Gegenwart von Vertretern aller Bekenntnisse erörtern, hier vollzog sich so eine liefe und ehrliche Verbindung der Konfessionen, und so entstand ein Bewußtsein von der Gemeinsamkeit der Verpflichtung und der Zielsetzung. Nicht hoch genug kann dies Werk innerer Befriedung bewertet werden. Im „Morgen" wurden die großen Fragen der heutigen Weltgestaltung von der jüdischen Idee aus unterbaut, damit wurde durch ihn, den geistigen Leiter des Ganzen, eine wichtige Erziehungsarbeit geleistet, die Gewöhnung, an die Erscheinungen der Gegenwart mit dem Willen zum Durchdenken heranzwtreten. Nur ein kleiner Ausschnitt aus Art und Arbeit Goldsteins konnte hier gegeben werden; vieles wird noch deutlicher gesagt werden müssen an mancherlei Orten öffentlicher Rede. Jede Seite seines Wirkens zeigt die Größe und Schwere des Verlustes. „Das Andenken des Frommen bleibe zum Segen." D. auch für das Wirtschaftsleben bestimmte Forderungen aufstellte. In diesen Forderungen der jüdischen Religion zeigt sich am deutlichsten die Durchdringung des ganzen Lebens mit religiösen Gedanken. Gewiß sind viele Gesetze des alten Judentums als reine Rechtsgesetze zu werten, wobei freilich 84