Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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denen, das die Entwicklung geschaffen hal, darf uns niemals dazu führen, die Religion selbst verloren gehen zn lassen. Wvlf'Dresden: Rcligilmsgcsctz contra Ethik ist Blasphemie, .stcin Religionsgesetz darf uns vcrgcwMtigen, »vo unser sittliches Gewissen tvidersprichi. Eine Lösung aller durch unser noch geltendes Eherecht vorhandenen Schtvierigkciten ist dadurch verhindert worden, daß die Liberalen, immer wieder inkonseqnenterweise der Orthodoxie sich gebeugt haben. Wären sie konsequent geblieben, so hätte sich die Orthodoxie ebenso damit abgefunden, wie sie sich mit der Orgel und so und so viel anderen Dingen abgefunden haben. Zuerst entsteht bei jeder solchen sich vollziehenden Entivicklung Kampfgeschrei, der Ruf nach Trennung wird laut, allmählich aber setzt sich das Neue trotz aller Bannsyrüche durch. Von den drei Wegen, die wir gehen können, um die Schwierigkeiten des jüdischen Eherechts zu überwinden, ist für uns der juristisch-halachische ungangbar, weil er unehrlich ist. Ter zweite, daß jeder für sich das tue, was er mit seinem Gewissen verantworten kann und daß sich allmählich ein Minhag so herausbilde, ist auch loenig empfehlenswert. Er empfehle, daß, lvcnn auch nur eine kleine Zahl, den erhisch religiösen Weg mit der Kraft der Selbstverantwortung gehe. Nur von diesem großen Gesichtspunkt aus können alle einzelnen Vorschläge geprüft und ein gemeinsamer Weg gefunden werden. Baeck-Berlin »vill nur aus das Grundsätzliche des Fragenkomplexes eingehen. Die Bedeutung der Frage werde verkannt, wenn man sie als Konflikt zwischen Liberalismus und Orthodoxie ansche. Es handle sich vielmehr um einen Konflikt zwischen Religion und .Staat. Der Staat annektiert allmählich und immer mehr die Gebiete der Religion. So sei die Wohlfahrtspflege immer eine Sache der Religion, der Kirchen, gewcscn; jetzt habe sie der Staat annektiert. Dieses Uebertviegen des Staates habe sein Gutes; nur ihm sei die Emanzipation der Juden zu verdanken. Als der Staat vor etwas mehr als hundert Jahren den Choschen hamischpat, das heißt unser jüdisches Zivilrecht, annektierte, hat die Orthodoxie sich nicht gerührt. Seitdem gebe es in Wahrheit keine Orthodoxie mehr. Seitdem gibt es im Judentum keinen qualitativen Unterschied zwischen den Richtungen mehr, sondern nur einen quantitativen. Wir haben im heutigen Staat kein Eherecht mehr, .sondern nur noch ein Trauungsrecht, keine copulatio, sondern nur eine benedictio. Die Trauung ist kein Rechtsakt mehr, sondern ein homiletischer Akt, bei uns und bei der Orthodoxie. Aber warum klammert sich die Ortho* doxie fester an den Eben haescr als den Choschen hamischpat? Warum verzichtete sie so leicht auf das rcligionsgesetzliche Erbrecht, das in der Thora verankert ist? Warum sind Orthodoxie und Liberalismus in Sachen des Ehcrechts so bedenklich? Aus tiesinnerlichen Gründen. Weil Eherecht nicht mit bürgerlichem Recht sich vergleichen läßt. Weil es sich in der Ehe um „das Geheimnis", das Geheimste, handelt. Hier können wir nicht zu Gunsten des Staates abdanken. Und weil die Ehe ein Gemeinschafts-Faktor ist. Zelle der Gemeinschaft ist die Familie und darum die Ehe. Um der Gemeinschaft willen müssen wir an der religiösen Ehe festhalten und an ihren geheiligten Traditionen. Wir können sie nicht dem Staat überlassen, weil sie ureigenstes Gebiet der Religion ist. Der religiöse Mensch ist Bürger zweier Welten und wird jeder dieser beiden Welten seine Treue wahren. — Gewiß gibt es in eherecht,- lichen Dingen auch Konflikte zwischen Orthodoxie und Liberalismus. Aber das Gewohnheitsrecht hilft sich hier wie überall und wird auch den Ausgleich schassen. Nur eines tut not: diese Frage in ihrem ganzen Ernst uird in Verantwortungsgefühl zu erfassen, niemandem zu Gefallen, nur dem Machtgcbot des Gewissens folgend. Nach kurzen Bemerkungen von Waller-Kassel, Levi-Main; und Behrens-Fürth nimmt Dienemann in feinem Schlußwort als Referent eingehend Stellung zu den von den Diskussionsrednern vorgebrachten neuen Gesichtspunkten und Anträgen und widerrät, entsprechend seinen Ausführungen im Referat, jede durch Abstimmung herbeizuführcnde Beschlußfassung. Dienemann stellt dann den einstimmig von der ganzen Berfammlung angenommenen Antrag, die gesamte Beratung über eherechtliche Fragen der Oeffentlichkeit zu übergeben und eine eherechlliche Kommission zu ernennen als Auskunfts- und Beratungsstelle der Kollegen. Nach der Mittagspause referiert Seligmann über das nunmehr sertiggestellte Einheitsgebetbuch. An das Referat schließt sich eine lebhafte Diskussion, an der sich Baeck, Norden, Italiener, Cohn-Leipzig, Kronheim, Vogel st ein, Dienemann, Kahlberg, Salomo n s k i und Schönberger beteiligen. Folgende von, Baeck, Kronheim, Tänzer, Diencmanrr und Schönberger beantragte Resolution wird einstimmig angenommen: Die Vereinigung der Liberalen Rabbiner Deutschlands begrüßt mit Dank das auf ihre Anregung lim Auftrag des liberalen Kultusausschusses des Preußischen Landesverbands sertiggestellte Ge- 1 betbuch für liberale Gemeinden und empfiehlt es allen Gemeinden zur Einführung; allen in Betracht kommenden Gemeinden soll eine orientierende Denkschrift zngeschickt werden. Es folgt die Beratung des neuen S a tz u n g s - E n t - , Wurfs, der mit wenigen Aenderungen nach den Vorschlägen der | Kommission angenommen wird. ' Vorstandswahlen. Dem Kassenführer W o l s wird auf Antrag der Revisoren D ech a r g e erteilt. Zu Vorstandsmitgliedern, die satzungsgemäß die Aemter unter sich zu verteilen haben, werden, nachdem Frcudenthal. ' dringend gebeten hatte, von seiner Wiederwahl abzusehen, einstimmig | gewählt: Blumcnthal, Dienemann, Grünewald, Italiener, Salomonski, f Schönberger, Bogelstcin, Wiener, Wolf, sowie im Hinblick auf seine! Zugehörigkeit zum Arbeitsausschuß der Vereinigung für das liberale Judentum Galliner-Berlin. In besonderem Wahlgang, den die Satzungen vorschreiben, wird zum Vorsitzenden der Vereinigung unter lebhaftem Beifall Seligmann wiedergewählt. : Mit Dank für die Wahl und Schlußwort schloß der Vorsitzende kurz nach 6 Uhr die Versammlung. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die prchaeiekliche Berantwortuua. Zum Thema: Neue Synagogenbräuche Der Kiddusch. Nachdem die deutsche Judenheit - nicht bloß die liberale! — cmgesehen hat, daß der Gottesdienst in der bisherigen, nahezu 2000 Jahre alten Form den Ansprüchen des modernen Beters nicht mehr genügt, daß z. B. die lange Verlesung oft ganz gleichgültiger Dinge aus der Thora das Herz leer und kalt läßt, sinnen alle, die es mit ihrem angestammten Glauben ernst meinen und dem Judentum ewige Dauer verleihen möchten, auf neue Formen, um den Gottesdienst zu vereinfachen, zu veredeln und ihn von gedankenlosem Lippen-; werk zu einem nachhaltigen Erlebnis zu erheben. Vereinzelt nehmen einfache Gemeindemitglieder zur Frage der gottesdienstlichen Neugestaltung das Wort — sie können sich aber gegenüber der Vorstand-- schaft, welcher der Mut zur erlösenden Tat fehlt, nicht durchsetzen, und namentlich bewegen sich häufig selbst liberale Rabbiner — aus Purer Bequemlichkeit! — in den ausgetretenen Geleisen. Da berührt es angenehm wie ein erfrischender Luftzug, wenn Rabbiner Dr. Wilde seine liberale Ueberzeugung auch in die Tat umsetzt und in seiner Neugestaltung der Barmizwahseier neue, schöne Formen gesunden hat — ohne Zweifel wird sich diese Vorlesung aus der Thora bald allgemein einbürgern! Wenn zwei oder drei Knaben mehr an die Thora herantreten, so werden sie z. B. III. B. M. Kap. 19 vorlesen oder andere Kernstücke unseres Gottesbuches. Die Berliner Resormgemeinde hat übrigens dir Vorlesung eines Thoraabschnittes durch einen Knaben rurd dessen Verdeutschung durch ein Mädchen längst eingeführt. Tn Wilde streift auch den K i d d u s ch. Ucbcr diese eindrucksvolle gottesdienstliche Handlung muß noch etwas gesagt werden. Bekanntlich ist der Segensspruch über den Wein ursprünglich für den häuslichen Gottesdienst vorgeschriebe»». In die öffentliche Andacht wurde er eingcführt, um den Heimatlosen und Durchreisenden, die in einem Raum des Gemeindehauses (nächtigten, Gelegenheit zur Weihe der Sabbatsreude durch Anhörung des Kiddusch über den Wein zu geben. Am Familientisch wendet sich der Hausherr beim Segen über den Wein seinen Hausgenossen zu — warum der Vorbeter bei diesem feierlichen Akt den Gemeindemitgliedern den Rücken zuwendet, ist nicht einzusehcn! In manchen Synagogen stellt sich der Ministrant nach Ueberweisung des Kelches an den Kantor neben diesen — gleichfalls mit dem Antlitz nach der hl. Lade. Wenn der Vorbeter, der Gemeinde zugewcndct, den Kelch erhebt und den Segen über den Wein singt, so löst dieser Anblick ein ästhetisches Wohlbehagen aus, ganz abgesehen davon, daß jedes seiner Worte klar und deutlich zu verstehen ist. Durch den Kiddusch vor der Gemeinde >vird auch sein Zweck leichter erkennbar. Ich zeige gern Andersgläubigen — namentlich Schülern — die ergreifende Schönheit unseres Gottesdienstes freierer Richtung, der Kiddusch macht auf sie immer einen tiefen Eindruck, namentlich wenn sic die Uebersetzung dieses Lobgebetes mitlcsen. Aber seinen Zweck hat einmal ein Schüler arg verkannt: er fragte mich nachher, ob der Herr Oberkantor sich für das anhaltende, anstrengende Singen durch einen Schluck Wein stärken muß!! Wo bleibt der Wein? Warum erfreuen sich nach dem Kiddusch nicht einer oder mehrere an dieser edlen Gottesgabe? Die Liberale Synagoge Leistikowstraßc hat auch hier etwas Neues geschaffen: vor dem Kiddusch führt ein Vorsteher einen Knaben oder ein Mädchen an den Altar, und der Kantor läßt den jungen Glaubensgenossen dann trinken. In der Zweigsynagoge der Berliner Adaß Jisroöl (Siegmundshof) gibt der Schammes den ihn umdrängendcn Kindern während des Olenugebctcs (!) den Wein in kleinen gläsernen Einzelkelchen. Wenn die Kinder — Knaben und Mädchen — im Altarraum auf einer langen Bank längs der Brüstung während des ganzen Freitagabcndgottesdicnstes sitzen und nach dem Kiddusch den Wein bekommen würden — ohne daß diese Feier etwa als eine Art Abendmahl aufgefaßt werden dürfte! — ich glaube, die Kinder würden in Massen zum Freitagabcndgottesdienst kommen, um sich auch aktiv am Gottesdienst beteiligen zu können. Wertvoll ist es, wenn »vährend des Gottesdienstes Jugend und Rabbiner im ständigen Konnex miteinander sind. In der Synagoge zu Potsdam befinden sich mehrere Bankreihen für Jugendliche dicht am Sitz des Rabbiners, der somit in der Lage ist, den Kindern durch diesen und jenen Hinweis die verständnisvolle Teilnahme an dem — durchweg hebräischen — Gottesdienste zu ermöglichen. Es ist nun einmal unsere heiligste Pflicht, die ^Jugend bei der Fahne Israels zu halten bezw. für unfern Glauben neu zu gewinnen, che sie statt des religiösen Israels ein politisches sucht. Gewiß, alle diese Vorschläge beziehen sich auf Aeußerlichk e i t e n. Sie sind aber alle Ausdrucksmittel für große, jüdische Ideen. Tie Kunst ist ja a u ch nur ein Ausdrucksmittel, und doch möchte sie niemand missen, dem es mit der Fortentwicklung des Menschengeschlechts zur höchsten Stufe der Gesittung Ernst ist. In unserer um die Vertiefung und Veredlung des Judentums schwer ringenden Zeit ist das beste Mittel zur Zurückgewinnung der jüdischen Massen gerade gut genug. Die Mittel der Orthodoxie haben ihre werbende Kraft eingebüßt — wohlan, laßt uns auf neue sinnen, um unser teures Judentum zu erhalten! Eugen Wölbe. „Allerlei Seltsamkeiten- Von Pros. L. Basnizki - Heidelberg. . Herzlichen Dank, Herr Kaufsmann, daß Sie wieder einmal dem Liberalismus ins Gewissen reden. Was hat der jüdisch-religiöse Liberalismus bis heute erreicht? Fast nichts. Und warum? Weil man sich vor der Orthodoxie fürchtet; weil mau Angst hat vor dem Borwurf, man lvürde die Religion in Gefahr bringen, ivenn man die ältesten, verkehrtesten „Moschehen" abstrcist. Warum unterhält sich der Synagogengängcr so intensiv mit seinem Nachbar über den gestrigen Kurssturz? Weil er sich bei einem solch' mehrstündigen Gottesdienst langweilt, ja langweilen muß. Wer z. B. vor einer Schülerversammlung eine Rede hält, wird erfahren, daß nach etwa einer Viertelstunde die Sextaner unruhig werden, nach weiteren 5 Minuten die Tertianer, bei einer halben Stunde die Sekundaner und Primaner, obwohl die Rede vielleicht an Kraft und Gehalt ihresgleichen sucht. Nichts fällt dem Menschen schwerer als Zuhören. Wir müssen als liberale Juden doch endlich daraus die Konsequenzen ziehen und unsere Gottesdienste zn einer Feier -Stunde machen und nicht zu einer Geduldsprobe. Bis jetzt hat es den Anschein, daß der Gottesdienst u,n so länger dauern muß, je höher der Feiertag ist. Am Jom Kippur muß er durch allerlei Einschiebnngen und Wiederholungen aus den ganzen Tag ausgedehnt ivcrden. So kommt cs dann, daß eine ältere Frau zu ihrer Nachbarin gegen Nachmittag freudestrahlend sich mit den Worten wendet: „Jom- Kippur ist doch der schönste Feiertag. Ta erfährt man die meisten Neuigkeiten und kann sich so gemütlich unterhaltcil." Als groben Unfug muß es bezeichnet werden, wenn man zu solch' halb- oder ganztägigen Gottesdiensten auch noch die jüngste Jugend von 6 und ivcniger Jahren initschleppt. Auf engen Bänken eng zusammengepfercht treibt sie allerlei sinnreichen Unsinn, kichert mehr oder ivcniger beim Versagen des Schofars und muß, wie sich dies bei einem richtigen Jungen gehört, >alle Halbstunde einmal „so arg hinaus". Wenn man unserer Jugend die Ehrfurcht vor der Religion so recht austreibcn tvill, muß man sie zu solchen Qualen zwingen. Wo cs die verantwortlichen Stellen nicht fertig bringen, einen Jugendgottesdienst einzurichten, und diesen der Jugend gemäß zu gestalten, da sollten sie wenigstens so viel Einsicht haben, daß sie der Jugend unter dem Barmizwah-Altcr den Zutritt zum Hauptgottesdienst verbietet. Diese Maßnahme muß gefordert werden, so lange die Gotteshäuser für Feiertage zu klein sind. Das ist übrigens auch eine Seltsamkeit: Gotteshäuser, Gemeindesitzungszimmer und Fricdhofhallen wurden im Zeitalter der Orthodoxie und des Ghettos recht stiefmütterlich behandelt Möge der Liberalismus hierin recht bald gründlichen Wandel schassen. Die Anläufe hierzu sind allerorts zu spüren. Denn es ist doch ein gar zu großer Widerspruch zwischen den Marmortreppen und Perserteppichen von Privat- Billen und der primitiven Schutzhüttc, die sich als jüdische Friedhofshalle entpuppt. Sicherlich gibt es da und dort Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Es sei nur auf die tvürdige Friedhof-Halle in Freiburg im Breisgau hingewiesen. Ein anderes seltsames Kapitel ist der Religionsunterricht. Ich will davon schweigen, tvas in der Vergangenheit hier gesündigt wurde, sondern will nur einen einzigen Punkt herausgreisen: Kaum geht das 6 jährige Kind in die Schule und lernt gerade ein deutsches i oder m oder u, da beginnt auch schon der Unterricht in hebräischer Sprache. Man scheint alle jüdischen Kinder für kleine oder große Genies zu halten, »venn man ihnen zumutct, daß sie vor Erlernung ihrer deutschen Muttersprache auch schon die hebräische Sprache in sich aufnehmen. Und siehe da: die Religionsprüfung zeigt, daß das Experiment gelang! Wer weiß, >vas tvißbegierige Kinder in ihr kleines Hirn aufzunehnren vermögen, toird aber aus diesem scheinbaren Erfolg nicht zu dem Schluß auf die Berechtigung des hebräischen Unterrichts auf dieser Stufe gelangen. Wir halten aus pädagogischen und medizinischen Gründen das Verfahren für verfehlt. Wir haben keinen Zweifel, daß ein Teil der Nervosität jüdischer Schulkinder aus diese Quelle zurückzusühren ist. Wer das kindliche Gemüt zu früh mit allerlei Wissensstoff belastet, wird nicht selten die Rückschläge erleben. Die liberale Bereinigung sollte in jedes jüdische Elternhaus einen Aufruf schicken etwa folgender Art: Ihr werdet ausgefordert. Euere Stimme abzugeben, ob Ihr die hebräische Sprache schon vom ersten Volksschuljahr an gelehrt sehen möchtet. Wir sind der Meinung, daß hierzu noch Zeit ist im vierten Grundschuljahr. Wir wollen uns zusammenschließeu und an maßgebender Stelle unserem Willen Gehör verschaffen. Hört man uns nicht, so machen wir von dem Recht Gebrauch, unsere Kinder dem Religionsunterricht dieser Art sernzuhalten, und werden Mittel suchen, die hohen Weisheiten der Bibel unseren Kindern auf andere Art in die Herzen zu pflanzen. Bitte, keine Angst vor der Orthodoxie! Wir haben z. B. nicht das geringste dagegen cinzuwenden, wenn Eltern, die es für recht und notwendig halten, ihren Kindern täglich eine Stunde hebräischen Unterricht erteilen lassen. Wir verlangen aber auch, daß man uns gegenüber zur gleichen Toleranz sich aufschivingt; denn wir wollen die Religion nicht in Gefahr bringen, sondern gerade das Gegenteil: Wir wollen für die durch die Vergangenheit geheiligten Lehren unserer Jugend die Herzen öffnen, »vährend der bisherige Religionsunterricht dies nur in sehx bescheidenem Maße vermochte, weil unter Anderem viel zu viel Zeit für «die Erlernung der hebräischen Sprache vergeudet »vurde. Zu diesen wenigen Hinweisen habe»» mich die Kaussmannschen Ausführungen angeregt. Nur noch eine kleine lustige Erinnerung siel inir beim Lesen seiner Aussührungcn ein, die zum Schluß erivähnt sei. In meinem Elternhausc »vurde an den Sederabenden fleißig „gebaut". Au der Stelle der Hagada, die vom Erscheinen des Propheten Elia spricht, »vurde dieses Erscheinen des Propheten durch Oessncn der Türe symbolisch angedeutet. Nun hatten »vir einen schönen weißen Spitzhund, der während des Essens iinmer vor der Türe lag. Regelmäßig, »venn meine Mutter die Tür für Etia öffnete, spazierte der Spitzer gravitätisch herein. Tableau!! Der synagogale Baumeister der Neuzeit bedient sich der byzantinischen Architckturform aus rein praktischen Gründen. Grundriß und Aufbau einer zentralen Kuppelbasilika bieten in harmonischer Gestalt Platz für die in der Synagoge notwendigen Frauenemporcn. Vielleicht ändert sich also der Stil nach der Promiscuität der Geschlechter beim Gottesdienst. Das für die Synagogen charakteristische romanische Radfenster erzielt gute Beleuchtung un-d die Kuppet verleiht der Synagoge erhabene Ansicht. (Ein Turm fehlt!) Obwohl dieser Stil kunstgeschichtlich ganz unlogisch ist, ist er ein synagogalcr Ziveckstil, da die tiefen Seitenschiffe bequem Raum für die Emporen geben. Leider ist dieser Mischstil nur ein Surrogat für einen eigenen Synagogenstil. Das Mittelalter konnte z. B. in Prag deshalb die gotische Form für die Synagoge benutzen, da die Frauen beim Gottesdienst ganz abgespcrrt sein mußten, also hinter den zugemauerten Seitenschiffen ihren Platz finden mußten. Grundsatz: Der Zweck bestimmt die Form. Bei Betrachtungen von Symbolen muß man beachten, daß für vergangene Generationen die Symbole noch Bedeutung hatten, vor allem die religiösen, denn der Jude vergangener Zeiten handelte auch in der Tat, im Leben, »vie ihm das Symbol gebot. Nur für u n s liberale Juden des 20. Jahrhunderts, die »vir von der Entwicklung beeinflußt sind, hat das Symbol deshalb seine Bedeutung verloren, da wir eine das Symbol bestimmende und charakterisierende Idee nicht mehr finden können. Wenn sich auch nach geschichtlicher Wandlung, in einem späteren Zeitalter ein Symbol, das seine Idee und seine Bedeutung längst verloren hat, noch unter dem Schutze der Convention und dem credo quia absurdum erhalten hat, das ist das Traurige. Denn ein Symbol muß seine Bedeutung verlieren, »venn seine Idee und sein Gehalt durch die Wandlung der Zeit längst verloren ging. Deshalb sind für uns liberale Juden nationale Symbole nichtig! Die Convention aber ist der beste Erhalter der Orthodoxie. Daher wird eine Rationalisieruirg unserer religiösen Symbole, deren Gehalt oft längst dahin ist, schtver sein. — — Ueber das Abspritzen des Weines bei den 10 Plagen ain Sederlisch »var wohl Herr Kauffmann nicht orientiert, sonst hätte er gerade diesen vernünftigen Brauch nicht verurteilt. Selbst »venn man vom Untergang des Feindes spricht, soll man nicht bei gefüllten Weingläsern »veilen! Daher der Brauch des Abspritzens. — — — Auf die Bedeutung einzelner Symbole einzugehen, verbietet wohl der Platz. Meine Meinung habe ich oben rein prinzipiell dargclegt. Ich erinnere nur an Faust: „Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein." Hans-Manfred Danziger, Breslau. Wer »st der Vater? Tie Deutsch völkisch er», die in diesen Tagen wieder einmal die Ritualmordlüge gegen die Juden aufzufrischen bestrebt sind, verraten dadurch nur, wie wenig sie in der Geistes- und Kulturgeschichte ihres eigenen Volkes Bescheid wissen. Während man nämlich die Anschauung, daß jemand durch fremdes Menschenblut leibliches oder gar seelisches Heil erringen könne, in der gesamten jüdischen Literatur vergeblich suchen wird, spielt sie in der — altdeutschen Epik eine ganz hervorragende Rolle. Ihre berühmteste Verwertung fand sie im 13. Jahrhundert im „Armen Heinrich" Hartmanns von Aue und in dem „Pfaffen Amis" des Oesterreichers Stricker. In dem erstgenannten Epos soll ein Ritter durch das Blut einer Jungfrau vom Aussatz befreit, in dem andern sämtliche Insassen eines Spitals durch das Blut des Siechsten unter ihnen geheilt werden... Ob dieser Aberglaube aus dem Volke in die Literatur oder aus der Literatur in das Volk gedrungen ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Jedenfalls hat er — wie jeder Aberglaube im Mittelalter — seine Opfer gefordert, Grund genug, daß man für ihn, wie für die Pest und andere Landplagen, alsbald die Juden verantwortlich machte und ihnen die Autorschaft zuschob. Dr. Hugo Spiegler, Erfurt. S. Liste der Spenden für den Hilfsfonds W. Katz, Nordhausen; Adolf Löwenhart, Dortmund; Stegmund Eppinghausen, Dortmund; Philipp Weiser, Dortmund; Dr. Arthur Frankel, Berlin; Oberkantor B. Alt, Aachen; Dr. David, Bochum; Heiinann Rosendahl, Esten: Rechtsanwalt Dr. Alfred Michaelis, Hamm; Berthold Jereslaw, Liegnitz; Justizrat Georg Perser, Breslau; Hermann und Bertha Falkenberg, Berlin; Dr. Kronheim, Bielefeld; Dr. Katzenstein, Bielefeld; Emil Bornheim, Bielefeld; Gustav Bornheim, Bielefeld; Walter Brady, Bielefeld; Gustav Bradh, Bielefeld; Bertha Cahn, Bielefeld; Otto Eahn, Bielefeld; Willi Doctor, Bielefeld; Ad. Dreher feu., Bielefeld; Otto Dreher, Bielefeld; Tr. med. Dreher, Bielefeld; Max Treyer feu., Bielefeld; Hermann Erda. Bielefeld; Franz Friedmann, Bielefeld; L. Goldschmidt, Bielefeld; Alfred Goitfchalk, Bielefeld; Otto Gottschalk, Bielefeld; Walter Gottschalk, Bielefeld; Regine Gottschalk, Bielefew; Frau H. Hecht, Bielefeld; Leo Hecht, Bielefeld; Moritz Heinemann, Bielefeld; Julius Hesse, Bielefeld; Hermann Hirfchfeld, Bielefeld; Max Hirschfeld, Bielefeld; Dr. Jul. Kamp, Bielefeld; Benne Katz, Bielefeld; L. Luca, Bielefeld; Karl Merfeld, Bielefeld; Hugo Meyer, Bielefew; Dr. G. Meyer, Bielefeld; Julius Meyer, Bielefeld; Egon Meyer, Bielefeld; Max Mosberg, Bielefeld; W. Mühlfelder, Bielefeld; Ernst Lieber, Bielefeld; W. Neuberg, Bielefew; H. Proskauer, Bielefeld; Mb. Rose, Bielefeld; Hugo Speyer, Bielefew; Max Sieger, Bielefeld; Louis Stein, Bielefew; Hermann Stein, Bielefeld; Walter Stern, Bielefeld; Dr. R. Weiß», Bielefew; Georg Arnholz, Bielefeld; Bernhard Wilenz, Bielefew; P. Windmüller, Bielefeld' Arnold Weißt, Oppeln; R.-A. Wolf, Oppeln; Max Kassel, Oppeln; Jos. Prinz, Oppeln; Jsmar Engel, Oppeln. Weitere Zahlungen erbitten wir aus das Postscheckkonto der Bereinigung Kr das liberal« Judentum Berlin 137069.