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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-17 · 20 (17.5.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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18 5 79 IMchKberaleZeMilg Ofgott -er Vereinigung für das liberale Judentum e. D. »^^y^^»rr«U durch Me oef4«fl»ftcae '/«iährttch m 2.50 OMMnmmrr 0J20. Bei freier Zusendung L Inland OJ25 H» He Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mttg liedsbeitrage enthalten. Veeautmortl. Redakteur: Braus Dayda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 48, Mlhelmstr. 147 Aernruf: Bergmann 3356, 3350 Postscheckkonto. Berlin 7N0 7. 137069 (Bereinigung für da» liberale Judentum) achdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene RouparaMezeUe 0.45 Soldmark, die Reklamezeile 3.00 Soldmark, M Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung' Jnferatena-keiluug: Berlin SW 46. Wilhelmstrabe 142 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Aauouceu-LVediüou. 7lr. 20 Berlin. 17. INai 1929 9. Jahrgang Hakenkreuz und Savidsjchlld Von Joseph Kauffmann, Weißensee. Wenn Menschen sich zu Vereinen und Verbänden zusammmschließm, dann brauchen sie Symbole, um ihren besonderen Kreis kenntlich zu machen. Reiche, Länder, Städte und Schiffahrtsgesellschaften wählen sich eine Flagge, Aerzte den Aeskulapstab, Eisenbahner ein geflügeltes Rad, Studenten farbige Mützen und Bänder, Fleischer zwei gekreuzte Aexte, Stenographen eine geflügelte Feder, und für Markenfabrikate bestehen Fabrikmarken. Alle diese Symbole sind leicht verständlich und bedürfen keiner Erklärung. Aber die Antisemiten haben sich das Hakenkreuz und die Juden das Hexagramm als Wappen gewählt, beide geben zwar Gründe dafür an, aber diese Gründe sind nicht stichhaltig und für außerhalb ihrer Kreise Stehende nicht erklärbar. Vor einer Reihe von Jahren hatte ich Gelegenheit, die Wohnung eines berühmten Völker- und Sprachenforschers zu besichtigen. Wohin mein Auge traf, erblickte ich Hakenkreuze, an den Decken und Wänden, auf Teppichen, Vorhängen und Tischdecken, an allen Ausschmückungs- und Gebrauchsgegenständen prangte dieses Zeichen. Ich war entsetzt, glaubte in die Zentrale des Antisemitismus geraten zu sein. Aber mein Begleiter beruhigte mich, diese Hakenkreuze hätten nichts mit Judenfeindschaft zu tun, der Besitzer sei keineswegs ein Antisemit, er sei Gelehrter, Forscher und Sammler. Das, was ich erblicke, seien größtenteils uralte ostasiatische Altertümer, manche neuen Sachen trügen aber das Abzeichen aus einem anderen Grunde, es sei seit Generationen die Marke seiner Familie. Viele geistig hochstehende Menscheu hätten das Hakenkreuz für ein altes, schönes Symbol erachtet, jetzt würden sie sich wohl davon bedauernd trennen müssen, wenn sie nicht in den Verdacht kommen wollten, antisemitische Gesinnungen zu hegen, da die Antisemiten sich des Zeichens als Symbol bemächtigt hätten. Was veranlaßte die Antisemiten, sich dieses Zeichen zu wählen, mit dem sie auf ihren Fahnen und Abzeichen prunken, mit dem sie Synagogen und Grabstätten, Häuser und Fußsteige besudeln? Nach v. L u s ch a n s Buch „Völker,Rassen, Sprach e n" geht die Wahl des Hakenkreuzes als Symbol des Antisemitismus „auf die ganz absurde und reinweg aus der Luft gegriffene Annahme zurück, man härte in Indien ein hakenkreuzförmiges Gerät zur Gewinnung des heiligen Feuers benutzt". Der berühmte Schliemann habe bei seinen Ausgrabungen in Troja auf Spinnwirteln hunderte von Hakenkreuzen gesunden. Er habe sich an einen Franzosen, Emrle Burnous, mit der Frage gewendet, welche Bedeutung diese Zeichen haben könnten, und dieser „üble Dilettant" hätte sofort mit dem Märchen aufgewartet, die alten Arier hätten ein hakenkreuzsörmiges Gestell als Unterteil ihres Feuerbohrers benutzt. Das sei nun „reines Blech", aber bekanntlich sei, nichts so dumm, als daß nicht irgendwelche Leute darauf hereinfielen. Auch Schliemann habe sich verleiten lassen, diesen Gedanken in sein Buch „I l i o s" auszunehmen. Schon einige Jahre vor dem Kriege habe dann ein „betriebsamer und gesinnungstüchtiger Leipziger Geschäftsmann" Klebemarken in den Handel gebracht mit einem großen Hakenkreuz und der Inschrift „Arierblut, höchstes Gut". Die wahre Herkunft des Zeichens sei noch nicht mit Sicherheit bekannt. Vermutlich sei es in verschiedenen Gegenden unabhängig und auf ganz verschiedene Art entstanden. Im vorgeschichtlichen Europa sei es überaus selten, in Australien und Oceanim fehle es ganz; selten sei es auch in Afrika und Amerika, häufiger im Bereich der alten Mittelmeerkulturen. Aber in Ostasien sei es sehr weit verbreitet, in China als Zahlzeichen für 10000 und als Glückszeichen, ebenso erschiene es dort in unendlicher Zahl an Kultgegenständen. Letzteres käme auch ebenso oft in Japan vor, dort sei es auch zum Wappen mehrerer alter Kriegerfamilien geworden. Es sei über ganz Ostasien verbreitet. Bei den indischen Buddhisten ist das Swastika religiöses Symbol, nicht aber in der altindischen Religion. Die leichtfertige Aeußerung des Herrn Bornous ist der erste Anstoß, die Leipziger KlÄemarken sind die Ausnutzung der gänzlich unberechtigten Behauptung: „Die Deutschen hätten als Nachfahren der Germanen ein unbestrittenes Recht auf das Hakenkreuz." Nun, w i r können es der Wissenschaft überlassen, diese Frage endgültig zu entscheiden, uns kann es ja auch einerlei sein, wie die Wissenschaft sich entscheidet. Wenn diese doch die Behauptung der Antisemiten bestätigen sollte, dann hätten wir, als deutsche Staatsbürger, ebenfalls ein Anrecht auf das Hakenkreuz, Kein Hakenkreuzler kann den Nachweis seiner Abstammung von den alten Germanen erbringen, aber viele jüdische Familien können Nachweisen, daß sie seit urlangen Zeiten schon Bewohner Deutschlands waren und dort Bürgerr«hte besaßen — bis solche ihnen infolge der Anfeindungen willkürlich aberkannt und bis vor etwa 100 Jahren ganz, bis vor 60 Jahren teilweise vorenthalten wurden. Wir bedanken uns dafür, einen Anspruch auf das Sinnbild des Hasses und der Rohheit, zu dem das Hakenkreuz geworden ist, zu erheben. Wir haben unser eigenes Symbol — ob mit größerem Recht? Seit den urältesten Zeiten war unser Symbol der siebenarmige Leuchter des Tempels zu Jerusalem. Dieses Zeichen findet sich in den Katakomben Roms auf den ältesten jüdischen Sarkophagen. Man erblickt es an den uralten, noch erhaltenen Resten der Synagogen in Galiläa, an den noch vorhandenen Gotteshäusern des Mittelalters in Deutschland und Polen. Es ist das Symbol des Judentums, weil es seine Aufgabe bedeutet: Licht zu verbreiten und die Lehre von dem einen einzigen Gott zu verkünden. Wir finden es auch heute noch an neueren Synagogen, auf Gebetbüchern und in Versammlungsräumen. Aber dieses schöne Symbol ist sehr durch ein anderes, heute als d a s Symbol betrachtete, zurüügedrängt, durch das Hexagramm, die zwei ineinander geschobenen Dreiecke, den Mögen Dowid, den Schild Davids. Auf meinen Schulgängen in Hannover kam ich täglich an der im vierzehnten Jahrhundert erbauten Marktkirche vorüber und freute mich stets über das riesengroße Hexagramm über dem Portale derselben. Damals sah man den Mögen Dowid noch nicht so häufig wie jetzt, in der alten Synagoge war er, meines Erinnerns, noch nicht zu erblicken, wohl aber an mehreren alten nichtjüdischen Gasthäusern als Wirtszeichen. Erst bei dem im Jahre 1864 begonnenen Bau der neuen Synagoge in Hannover kam er als ornamentale Ausschmückung zur Verwendung, ebenso wie in der einige Jahre früher erbauten neuen Synagoge zu Berlin. Seitdem hat er aber das erste biblische Gebot „seid fruchtbar und vermehret euch" auf das Ausgiebigste erfüllt. Heute begegnet uns der „Schild Davids" auf Tritt und Schritt. Er schmückt die Synagogen innerhalb und außerhalb, er ziert die Logensäle und Zeitungsköpfe, er thront auf den Spitzen der Sprechhallen der Friedhöfe, steht auf den Leuchtern der Synagogen und der Friedhofshallen, an den Seiten der Leichenwagen und auf vielen Grabsteinen. Man findet ihn auf Gebetbuch- und Bibeldecken, in den von jüdischen Künstlern illustrierten Werken, an den Uhrketten der Bne-Brith-Mitglieder und auf den Brochen der jüdischen Krankenschwestern. Der Zionist trägt ihn als Nadel und die Zionistin als Anhänger an der Halskette oder am Armband. Man sieht ihn auf den Briefbogen der jüdischen Vereine und aus den Eintrittskarten zu deren Veranstaltungen. Man schaut ihn manchmal in solchen Massen, daß es schon nicht mehr schön ist. In den zweiundzwanzig Fenstern des Wandelganges vom Warteraum zur alten Sprechhalle unseres Friedhofes erscheint er je dreimal, also sechsundsechzig mal. In den Synagogen befirwet er sich an den Wänden und Bänken, am Thoraschrein und Vorbeterpult, an den Vorhängen und Thoramänteln, am Kidduschbecher und an der Psominbüchse. Immerhin mag das noch angehen, aber er hat noch weitgehendere Verbreitung gefunden. Er kennzeichnet auch die rituellen Restaurattonen und Schlächterläden, findet sich an den jüdischen Material- und Blumeuverkaufsstätten, aus den Verpackungen der koscheren Pflanzenbutter und der Mazzot, selbst auf den Schildern der Grabsteirifabrikantm. Wenn das so weiter geht, wird er bald auch jedes jüdische Heim schmücken und die althergebrachte Mesusa verdrängen. Es steigen die Fragen auf, ist der Davidsschild wirklich das Symbol des Judentums oder der Judenheit, wann und wo ist er zuerst als solches entstanden und woher rührt er? Die Bibel enthält kein Wort, welches auf den Davidsschild oder Davidsstern -gedeutet werden könnte, trotzdem schon in den Büchern Samuel David wohl besser geschildert wird, als er wirklich war und in den Büchern der Chronik, die sich zum großen Teil mit ihm beschäftigen, sein Lob in vollstem Maße erklingt. Auch in der ganzen jüdischen Geschichte findet sich keine Andeutung, daß er nationales oder religiöses Symbol sei. Erst in der mystisch-kabbalistischen Literatur spielt das Hexagramm eine Rolle. In der älteren mystischen Legende taucht es als Zeichen Salomos auf. Es sei in dessen Siegelring eingegraben gewesen und habe ihn zum Geisterbannen gedient. In der späteren Kabbala wird es häufiger benutzt, aber ganz gewiß nicht in religiös-jüdischem Sinne. Bon großer Bedeutung ist es in der Astrologie und Alchemie, dort wird sein Ursprung auf Pytagoras zurückgeführt. Auch werden dort manchmal Hexagramm und Pentagramm verwechselt. Letzteres spielt als „Drudenfuß" auch im germanischen Mythos eine Rolle. Weder in Aegypten noch in Babylonien und Assyrim, weder in Phönicien noch in Judäa begegnen wir dem Hexagramm, aber schon in der ältesten mykenischen Kultur taucht es auf, ebenso in der späteren griechischen und byzantinischen, es dürfte also wohl griechischen Ursprungs sein. Da die Kabbala an der Grenze des Mittelalters und der neueren Zeit auch in Deutschland eine größere Rolle gespielt hat, mag der Davidsstern dadurch bei uns zu einer geheimnisvollen Bedeutung gelangt sein und in Volkssagen mitgespielt haben. In der alten Prager Synagoge „Allneuschul" wird eine Fahne, in deren Mitte sich der Davidsschild befindet, aufbewahrt. Diese Fahne sei der Prager Judenschaft vom Kaiser Ferdinand für die tapfere Beteiligung der Juden bei der Verteidigung Prags verliehen worden. Nun war aber der Erfolg der Belagerung nicht die Befreiung, sondern die Eroberung Prags, und Kaiser Ferdinand II., der in dieser Zeit regierte, war alles andere, als ein Judenfreund. Unter Ferdinand III. fand keine Belagerung Prags statt, er war noch 'judenfeindlicher als sein Vorgänger. Die Sache mit der Fahne ist also wohl ebenso wenig glaubhaft, wie andere Legenden aus derselben Zeit, wie z. B. diejenige vom hohen Rabbr Löb und seinem Golem und die Behauptung, der alte Prager Judenfriedhof enthalte Gräber aus dem achten oder neunten Jahrhundert nach der jetzigen Zeitrechnung. Es steht historisch fest, daß die ersten kleinen Ansiedlungen des späteren Prags um das Jahr 1100 stattfanden und daß der kleine Ort sich allmählich so entwickelte, daß er nach 200 Jahren Stadtrechte erhielt. Selbst wenn sich schon vor Stadtwerdung Juden in Prag angesiedelt hätten, würden sie schwerlich einen so großen Friärhof gehabt haben, wie der Friedhof war. Wenn Max Brod seinen David Reubeni mit einer Fahne auftreten läßt, die den Davidsstern trägt, so ist das dichterische Freiheit, nicht Historie. Das Gleiche trifft für die Annahme, daß Reubeni aus Prag stamme, zu. Legenden bilden sich leicht. Schon fünfzig Jahre nach Friedrich dem Großen waren unzählige Erzählungen über ihn im Umlauf und wurden geglaubt, man denke nur an den Müller von Sanssouci und Friedrichs Unterhaltung mit dem Bahnwärter. Nach dem dreißigjährigen Kriege war Deutschland sehr entvölkert, schätzungsweise gab es nur noch 30 000 Juden. An Rabbinern und Lehrern mangelte es sehr, solche mußten aus Polen bezogen werden. Diese — und andere — polnischen Einwanderer hingen mehr oder weniger der Kabbala an, vermutlich haben sie den Davidsstern eingeführt, das Symbol der kabbalistischen Gottesauffassung. Im Berliner Gemeindeblatt vom April 1929 befinden sich eine Anzahl Abbildungen jüdischer Altertümer. Auf denselben sind allerlei jüdische Symbole zu erblicken, die Bundeslade, die Gesetztafeln, die von zwei Löwen gehaltene Krone, der Tisch mit den Schaubroten, die Priesterhand, der Levitenkrug, die Palme, die Myrthe und dreimal der siebenarmige Leuchter; aber vom Davidsstern findet sich keine Spur. Die Vorhänge, Thoraschild und Chanukkahlampe stammen aus dem Ende des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Dagegen blüht der Mögen Dowid auf dem der Zeitschrift beigelegten Reklamcblatt für eine koschere Margarine; er ist dreimal zu sehen, daneben der Leuchter zweimal und dann noch einige einzelne Embleme. Was hat die Thorarolle, das Thoraschild, das Schofar, die Habdalabüchse und der Lulab, vor allem aber der Leuchter aus dem Tempel zu Jerusalem mit koscher Mandelmilch-Pflanzenbutter- Margarine zu tun? Solcher Mißbrauch müßte doch eher abstoßend als geschästsfördernd wirken! Heute ist allerdings der Davidsschild unser Symbol geworden, aber mit nicht mehr Berechtigung, als bei den Antisemiten das Hakenkreuz. Es ist weder meine Absicht, dm letzteren das Recht auf das Hakenkreuz abzustreiten, noch uns das Recht aus dm Davidsschild zu rauben. Ich bezwecke nur, gegen die Ueberschätzung der Wichtigkeit dieses Symbols zu sprechen, gegen seine Benutzung in überaus weiter Ausmessung für alle jüdischen religiösen und geschäftlichen Zwecke. Das liberale Judentum kämpft gegen die Uebertreibungm vergangener Jahrhunderte in Verordnungen, Gebräuchen und Sittm. Aus Sitten und Gebräguchm werden mit der Zeit Vorschriftm und Gesetze, deshalb muß auch das liberale Judentum gegen die Überschätzung eines Symbols rechtzeitig auftreten. Dem schönen altehrwürdigen und sinnvollen Symbol des siebenarmigen Leuchters kann das liberale Judentum dagegen volle Sympathie entgegen bringen. Sendet den fällige« Beitrag für das 2. Quartal 1929 in Höhe von Mk. 2,50 auf das PostscheSknta der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Rr. 137069 ei«.

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