Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der Rat Beilßraße werden hiervon nicht berührt. Bis auf weiteres! finden die Trauerfciern wie bisher im 'Fricdhofsgebäude an der Rat Beitstraße statt. Die Fertigstellung der neuen Portalgebäude wird mit allen Mitteln beschleunigt. Gleichzeitig mit dieser Mitteilung erläßt das Israelitische Gemeindeblatt einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: „Die Eröffnung des neuen: Friedhofs der Gemeinde an der Eckenheimcr Landstraße steht unmittelbar bevor. Es ist eine alte jüdische Sitte, bei solchem Anlaß die wohltätigen und gemeinnützigen Anstalten der Gemeinde durch milde Gaben zu bedenken. Diese schöne Sitte hat eine tiefe und ergreifende Bedeutung. Der Tag, an dem die neue Ruhestätte unserer teuren Toten zum ersten Male ihrem heiligen Zweck zugcführt wird, soll zugleich ein Tag der Einkehr für die Lebenden sein. Auch die Errichtung von Stiftungen sei allen Begüterten dringend ans Herz gelegt$ Gaben (evtl, mit Angabe einer Zweckbestimmung) sende man an den Vorstand der Israelitischen Gemeinde, Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 20767." Halle. (Generalversammlung des Provinzialverba n d e s f ü r jüdische W o hl f a h r t s p f l e g e S a ch s e n - An - halt.) Der Provinzialvcrband für jüdische Wohlfahrtspflege Sachsen- Anhalt hielt am Sonntag, den 2L April, nachmittags 3 Uhr, im Gemeinde Haufe in Halle feine diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende des Verbandes, Herr Rabbiner Dr. Wilde Magdeburg, und der Dezernent für jüdische Wohlfahrtspflege der Gemeinde .Halle, .Herr Sternfeld, begrüßten die Erschienenen. Nach den einleitenden Worten des Herrn Dr. Wilde, der der Versammlung die nengelvähltc Provinzialfürsocgerin Fräulein Eichelbaum vorstellte, sprach der Leiter der Zcntralwohlfahrtsstclle, Herr Tr. Ollendorsf. Er berichtete über einzelne Fürsorgcgebiete der Zcntralwohlfahrtsstclle: Tie Fürsorgeerziehungsanstalt für Mädchen in Eöpenick ist wesentlich verbessert worden. Tic Fürsorgecrziehungsanstalt für Knaben wird aus Repzin nach Wolzig verlegt. Sie soll nach modernsten Grundsätzen gerührt werde». Tie Geldfrage bereitet noch große Schwierigkeiten, der in einigen Monaten an die deutschen Inden gelangende Appell soll von vcn Gemeinden und den Provinzialstellen iveitgel>cndst unterstützt werden. Ferner ivird eine jüdische Anstalt für Nerven und Geisteskranke gegründet, um diesen Kranken rituelle Unterbringung zu er möglichen. Herr Tr. Ollendorsf schloß seine Ausführungen mir einer Anregung zur Schaffung jüdischer Jugendheime und zur Errichtung von Tarlehnskasscn. Der Leiter der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge Berlin, Herr Dr. Kreutzberger, berichtete sodann über die Wanderfürsorge. Tie geplante jüdische Arbeiterkolonie soll eine solche produktive Fürsorge ermöglichen. - Es folgte nun das Referat der Provinzialfürsorgeritt Fräulein Eichelbaum: „Möglichkeiten der Inanspruchnahme städtischer und staatlicher Mittel bei oer Unterstützung jüdischer Personen". Tie freie Wohlfahrtspflege - also auch me jüdische Wohlfahrtspflege - soll eine Ergänzung der öfscnllichen Fürsorge darstellen, es ist ans Gründen staatsbürgerlicher Gleichberechtigung und auch in Rücksicht auf möglichst geringe Belastung des jüdischen Wohlsahrtsetats unbedingt notwendig, die öffentliche Fürsorge in allen Fällen zuerst in Anspruch zu nehmen. Ties liegt auch durchaus im Interesse der jüdischen Hilfsbedürftigen, da die Leistungen der konfessionellen Fürsorge von der öffentlichen Fürsorge laut Fürsoraepslichtverordnung nicht in Anrechnung gebracht werden dürfen. Rednerin sprach dann über Umfang und Träger der öffentlichen Fürsorge und ging dann näher auf die einzelnen Füriorgegebietc ein. An Hand von Beispielen versuchte sie zu zeigen, tvelche Fürsorgestellen in der Wirtschafts , Gesundheits- und Jugendfürsorge laut Fürsorgepftichtverordnung und ReichsjugendtvohlsahrtSgcsetz in Anspruch gcnomnren werden müssen und welche Hilssmöglichkeiten von ihnen zu ertvarten Und. Zur einheitlichen Durchführung der oft schwierigen Fälle in der Provinz brauchen wir auch eine einheitlich organisierte und zentralisierte jüdische Provinzialwohlsahrtspflege. Tie Zentrale in Magdeburg will nicht etwa den einzelnen Provinzgemeinden ihre Selbständigkeit nehmen, sondern sie im Gegenteil durch persönliche Rücksprachen mit der Fürsorgerin und durch deren Vermittlung bei den zuständigen städtischen und staatlichen Behörden in ihrer eigenen Arbeit stärken und fördern. — Nach diesem Referat folgte eine längere Aussprache über die Neugründung eines Wohlfahrtsverbandes für Thüringen. Erfurt und Suhl sind zur Stärkung dieses Verbandes aus dem Provinzialvcrband Sachsen aus-geschieden. Die Vertreter von Nordhausen und Bleicherode erklärten, bei dem Verband der Provinz Sachsen verbleiben zu io ollen. Diese Frage soll noch einmal vor Ende des Etatsjahres erörtert werden, nachdem wahrscheinlich bis dahin Halber-« stadt und die Gemeinden Anhalts sich dem sächsischen Verband abgeschlossen haben. .Herr Dr. Wilde gedachte sodann des kürzlich verstorbenen Herrn Siedner aus .Halle, der sich stets tatkräftig und voll Liebe, uir Sache für die Wohlfahrtspflege eingesetzt hat und ein wertvoller Mitarbeiter gewesen ist. Die Anwesenden erhoben sich zur Ehrung des Verstorbenen von ihren Plätzen. — Um V->7 Uhr schloß .Herr Dr. Wilde die Tagung mit dem Wunsche einer gedeihlichen Weiterarbeit. Harburg (Elbe). (7 0. Ge b u r t s t a g.) Am 6. Mai begeht Herr Iwan Hahn, Mitglied des Vorstands der Synagogcn-Gemeinde Harburg und langjähriger Rendant derselben, seinen 70. Geburtstag. .Herr Hahn, der sich des besonderen Vertrauens der Gemeinde und außerordentlicher Beliebtheit auch in anßcrjüdischcn Kreisen erfreut, hat selbst in allerschwierigsten Zeiten das Steuerrad der Mittelgemeinbe Harburg, und das ist wohl die Vertvaltung der Finanzen, mit kräftiger und zielsicherer Hand gelenkt. Die herzlichsten Wünsche all derer, die Iwan Hahn kennen und mit ihm lvirkcn, begleiten ihn in das 8. Jahrzehnt. Kassel. (L c h r e r t a g u n g.) Am vorletzten Sonntag fand im Sitzungszimmer der jüdischen Gemeinde eine Mitgliederversammlung des Kasseler Bczirksvercins der Israelitischen Lehrerkonserenz Hessens statt. Lehrer Moses leitete als Vorsitzender die Versammlungen und widmete den verstorbenen Vorstandsmitgliedern Perlstcin und Plant innig empfundene Gedcnkworte. Interne Vereinssragen beschäftigten die Teilnehmer in längerer Aussprache; der aus der Mitte der Versammlung gemachte Vorschlag der Gründung einer Arbeitsgemcinschast zur Fortbildung in religiös-wissenschaftlichen Tisziplinen fand lebhafte Zustimmung und soll bald in die Tat umgcsctzt werden. Der Vorsitzende referierte über „Die Nervosität unserer Schuljugend". Lehrer Jäckel berichtete als Schatzmeister der .Hilfskasse „Esra" über die Leistungen und finanziellen Sorgen der Wohlfahrlseinrichtung der jüdischen Lehrer Hessens. Zuletzt wurde die in diesem Jahre besonders unangenehm empfundene Abweichung der Ferienordnung für israelitische Schulen erörtert. Kassel. (Geschichte der I s r a e l i t i s ch e n Gemeinde Kassel.) Im Auftrag des Aeltesten-Kolleginms der Kasseler Synagogen-Gemeinde soll demnächst eine von mehreren Mitarbeitern geschaffene Geschichte der Gemeinde während der letzten 500 Jahre bis zum Kriegsausgang erscheinen. Wie der Gemeindevorstand in einem Ausruf bekannt gibt, soll diese Geschichte die politischen, rechtlichen, religiösen und kulturellen Seiten des Gemeindelebcns beleuchten. Auch die außerhalb Kassels wohnenden Familien, die über hessisch-jüdisches Material verfügen, das im Rahmen dieses Geschichtstverkes Verwendung finden kann, würden durch leihtveise Uebcrlassung desselben zur Ausgestaltung des für jeden Kasseler Juden beachtenswerten Buches beitragen. Das Gemcindebnro und der an der Herstellung des Werkes beteiligte Assistent im Hessischen Landesmuscum, Herr Dr. Hallo, nehmen diesbezügliche Mitteilungen entgegen. Wie in dem Aufruf betont wird, sind Schriftstücke, Flugblätter und Aufzeichnungen der erwähnten Epoche, auch Tagebücher, Briese und Akten über die tvcstsälische Periode, ebenso Werke hessisch-jüdischer Künstler, bestehend in Gemälden, Miniaturen n. dergl., endlich auch Uhren, Instrumente und musikalische Schöpfungen liturgischer oder profaner Art willkommen. Dieses Material soll gegebenenfalls besichtigt und in dem G-eschichtswerk beschrieben werden. Köln. (Hebräisch-europäischer Abend im Westdeutschen Rundfunk.) Am Mittwoch, den 8. Mai, 20 Uhr, sendet der Westdeutsche Rundfunk einen Hebräisch-europäischen Abend. Solist des Abends ist Walter Woog. Außerdem wirken der Chor und das große Orchester des Westdeutschen Rundfunks mit. Das Programm enthält nicht nur hebräisch-liturgische Gesänge, sondern auch moderne hebräische Lieder bezw. Uebersetzungen ins Neu-Hebräische. Interessant dürfte für die Hörer die Vermittlung weltlicht-jüdischer Musik sein, zumal es sich um Volkslieder handelt, die durch die besondere Bearbeilung des Interpreten auch dem deutschen Ohr verständlich gemacht j tvcrden. Dem Abend geht eine kurze Einführung voraus, das große Orchester lvird mit der jüdischen Trilogie von Hamerik und einer Fantasie über hebräische Gesänge von Philippson den Schluß bilden. Krefeld. (Jakob Gompertz 70 Jahre alt.) Am Beginn dieser Woche vollendete der Vorsitzende unseres Gemeindevorstandes, Herr Jakob Gompertz, das 70. Lebensjahr. Ungebeugt schreitet er auch heute noch durchs Leben, aus dem er für sich und andere soviel zu machen wußte. Jakob Gompertz ist der Mitbegründer eines bedeutenden Handelsunternehmens, das eine ganze befähigte Leitungskraft in Anspruch nahm. Trotzdem gehört er seit Jahrzehnten der Vertvaltung unserer Gemeinde mit ganzem Herzen und aller Hingebung an. Vor kurzem hat er, ohne Furcht vor Altershcmmung. das Amt des eigentlichen Gemeindeleiters auf seine tragbereitcn Sch.itterntätig, deren Leitung er bald übernahm und mit den Forderungen genommen. Seit dreißig Jahren auch ist er in der Arinenverivattung der Zeit in Uebereinstimmung brachte. Auch in der städtischen Armenverwaltung ist er mittätig getvescn. Er wirkte ferner in Organisationen des Handels mit und war lange Jahre Mitglied der Handelskammer, überall tvirkend und frisch zugreifend. — Jakob Gompertz ist bei allen Erfolgen ein schlichter Mann geblieben, abhold allen Ehrungen. - Es waren aber an seinem Geburtstag der Vorstand, Angehörige der Vertrcterschast, die Beamten der Gemeinde und Abordnungen der Vereine erschienen, die durch ihre Sprecher dem Gefeierten Tank sagten für das, tvas er für Gemeinde, Arnrcnvertvaltung und andere Einricktungen geleistet hat. Ter Siebzigjährige versprach, auch «veiterhin im Dienst seiner (Gemeinde nach Maßgabe seiner Kräfte fortznwirken. Mögen ihm noch lange Jahre verdienstvoller Führerschaft verstattet sein! Liegnitz. (B o r st a n d s w a h l c n.) Am 20. April fand hier die Ersatzwahl znm Gemcindevorstand statt. Ter Vorstand setzt sich nunmehr zusammen aus den drei Herren Ludtvig Haurwitz, Max Metz, R. A. Tr. Ernst Sckeyer von der liberalen, und den Herren Jablonski iiuv Eugen Fracnkel von der kam'ervativeu bezw. zionistischen Partei. Aus der Bewegung Berlin. (L i b e r L'l r r Verein für die Angelegenst e i ten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V.) Tie irr diesem Jahr vom Liberalen Verein veranstalteten Scderabende crrrattcrc sich einer außergewöhnlich starken Beteiligung.. Etwa 300 Personen nahmen an den überaus stimmungsvoll verlaufenen Feiern teil. Wie stark das Interesse der Berliner Juden an diesen religiösen Veranstaltungen ist, erhellen die vielfach an uns ergangenen Anregungen, im nächsten Jahre in weiteren Stadtteilen Sederrbendc zu -irraiigicren. Berlin. (P e s s a ch - G o t t c s d i - n st der Liberalen Synagoge W e st e n d.) Ta die Pessachfeieriagc in diesem Jahre aus bürgerliche Wochentage sielcn, war es einem großen Teil der Berliner j Juden nicht möglich, den Fcstgottesdienst zu besuchen. Tie beiden liberalen Synagogenvercine des Berliner Westens hatten deshalb bei der Gemeinde den Antrag gestellt, ihnen am Sonntag chvl hamoed Pessach, also einem Halbfinertage, die Svnagoge Fasanenstraße zur Veranstaltung eines Gottesdienstes zu überlassen-. Tie Abneigung gegen einen Sonittagsgottesdienst selb st a m - P e s s a ch lvar leider so groß, daß der Antrag der Synagogenvercine a b g e l c h n t wurde. Der Liberale Synagogcnverein Westend sah sich infolgedessen veranlaßt, den geplanten Gottesdienst in die Aula der Schule Leistctowstraße zu verlegen, in der er auch seine Freitagabcndgottesdienstc abhält.. Ter außerordentlich starke Besuch zeigt, >vie sehr diese Veranstaltung dem Bedürfnis der Berliner Jndenheit entspricht. Gegen 350' Personen füllten die große Aula fast b-rs aus dem letzten Platz. Tie Gottesdienstordnung lehme sich eng an die am chol hamoed Pessach übliche an. Das Halle!, die Vorlesung ans zwei Thorarollen, die Muffaf-Tesilla sür chol hamoed bildeten die .Hauptbestandteile des Gebets Stein traditioneller Jude könnte an diesem Gottesdienst eine berechtigte Ausstellung machen. Herr Rabbiner D r. Salomonski knüpfte in seiner Festpredigt an die Worte der Tcfilla an: „Gut ist es in Deinem Augen, zu segnen Dein Volk Israel zu jeder Zeit und zu jeder Stunde mit Deinem Frieden!" — „Zu jeder Zeit und zu jeder Stunde", das schließt sicherlich den chol hamoed Pessach nicht ans. Die eindrucksvolle und zu Herzen gehende, ganz besonders an die Jugend sich wendende Predigt des Herrn Dr. Salomonski fomd eine Hörerschaft, vost der ein erheblicher Teil sonst selten die Möglichkeit hat, in einer Synagoge das Wort Gottes zu hören. Deshalb lag dieser Pcssachprcdigt mit besonderer Berechtigung der große religiöse Gedanke zugrunde, Gott zu suchen zu jeder Zeit nick zu jeder Stunde. Welche Zeit aber kömtte für den modernen Arbeitsmenschen geeigneter hierzu sein, als der Sonntag, an dem alleiner in der Regel Zeit und Muße hat, die großen Gedanken der Religion und der jüdistch-ethischen Lcbenssührimg, die Herr Dr. Salomonski in seiner Pessachpredigt in allgemeinverständlichcr und doch tiefschürfender Wehe seiner Gemeinde zum Bewußtsein brachte, mitzudenken und auf Herz und Gemüt tvirken zu lassen! So war dieser erste Pessachgottesdicnst der Liberalen Synagoge Westcnd ein äußerer und innerer Erfolg, der zur Wiederholung in ähnlich gearteten Fällen aneifert. Breslau. (Generalversammlung im L i b e r a l e ii. L c rc i n.) Der Liberale Verein der Synagogengemeindc hielt am Montag, den 22. April, abends 8» st> Uhr, im kleinen Saale der Lcssingloge eine Generalversammlung ab, die, wie nicht anders zu erwarten, nur schwach besucht war, da ihre Tagesordnung einen Vortrag vermissen ließ und nur die im Statut vorgesehenen Punkte crufwies. Nachdem Erich Bayer die Versammlung eröffnet und auf die Erfolge des abgelaufenen Geschäftsjahres kurz hingewicsen hatte, erstattete Philipp Lachs einen eingehenden Tätigkeitsbericht» in »oelchem er betonte, daß es dem Verein trotz seiner schlechten Finanzlage möglich gewesen wäre, Aufbauarbeit zu leisten. Er ging die einzelnen Veranstaltungen des Jahres durch und ließ auch die Weltkonferenz zu ihrem Rechte kommen; auch an gesellschaftlichen Veranstaltungen könne der Verein nicht Vorbeigehen; an ihnen hätten sich die Frauen hervorragend beteiligt. Der Ausgestaltung des Gottesdienstes müßte im besonderen die Vereinsarbeit gelten. Dem Kassensührer Ernst Schlesinger wurde nach dem vorgelegten Kassenbericht Entlastung erteilt. Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl von 24 Mitgliedern, die die Vorstandsämter in einer Vorstandssitzung unter sich verteilen werden. Den Vorsitz in der Gottesdienstkommission übernahm Lachs, den der Propagandakoinmission Otto Elkeles. Jnstizrat Kalisch erhält und übernimmt den Auftrag, einen zeitgemäßen Statutencntwurf vorzulegen. Zum Schluß richtet .Herr Davidsohn an die Anwesenden die Bitte um geistige Unterstützung des Jli und um Zuführung der eigenen Söhne und Töchter dorthin. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendvcrein „Abraham Geiger".) Am 2. Sederabend veranstalteten wir im Restaurant Schaal eine Sederfeier des Jlis. Die Tcilnehmcrzahl übertraj weit die unserer früheren Sederfeicrn, waren doch diesmal 70 Personen der Einladung gefolgt. Wie unsere gemeinsamen Freitagabendessen, war auch diese Feier vorwiegend für diejenigen bestimmt, die den Abend nicht in der Familie begehen konnten oder deren wirtschaftliche Lage eine eigene Feier nicht gestattete. Sie waren denn auch zahlreich erschienen, desgleichen junge Menschen, die einen Sederabend überhaupt noch nicht miterlebt hatten. Unser 1. Vorsitzender, Herr Davidsohn, leitete den Abend in anregender Weise, indem er seiner eigenen Ausgestaltung vornehmlich die Scligmannsche und die neue Falkenbergsche Hagadah zu Grunde legte, so daß alle Teilnehmer den Ausführungen folgen konnten. Der Abend, der uns bis in die späten Nachtstunden zusammenhielt, hinterließ bei allen einen tiefen Eindruck. Jetzt bereits wurde der Wunsch geäußert, auch im kommenden Jahr eine gleiche Feier zu veranstalten. — Es sei hier noch die Jüngeren-Gruppenarbeit im Monat April genannt. Am 9. April referierte Alfred Fabian (Hauptgruppe) sehr eingehend über: Jakob Wassermann „Mein Weg als Deutscher und Jude". Der 16. April brachte einen Lesenachmittag „Ostjüdische Prosa", den Hans M. Danziger (Hauptgruppe) i mit einigen kurzen Worten einleitetc. Am 23. April fand ein gemütliches Beisammensein statt, das vorwiegend durch Plauderei und I Tischtennisspiel ausgesüllt wurde. Frankfurt a. M. »F r e i s, n n ig c r V e r e i n sür jüdisches G e m e i n d e l c b e n c. B.) Am Dienstag, den 16. April 1929, fand unter der Leitung des ersten Vorsitzenden, S.-R. Dr. Albert Ettlulger, eine Versammlung statt, welche den Zweck hatte, die Mitgliederschaft über die Gründe zu informieren, welche die „Vereinigung für das liberale Judentum" zur Ablehnung ihrer Mitarbeit an der Jewish Agency geführt und auch andere Organisationen zu ähnlichen Entscheidungen veranlaßt hatten. Ats Referent war der Generalsekretär der Liberalen Vereinigung, Herr George Goctz aus Berlin, erschienen. Er schilderte die geschichtlichen, politischen und ideologijchcn Zusammenhänge, welche zur Bildung der Jewish Agency geführt haben und jetzt den Zionisten die Notwendigkeit auferlegen, nichtzionistische Kreise heranzuzichen. Insbesondere ging er auf die inoffiziell geführten Verhandlungen eiir, in deren Verlauf die Zionisten, aber auch bic’ Führer des Keren Hajessod jede geringste Konzession an die Nichtzionistcn abgclchnt hatten, so daß sich sür die Liberale Vereinigung und auch sür den C.-V. die Möglichkeit der Mitarbeit nicht ergab. Der Referent bemerkte noch, daß die ablehnenden Resolutionen kein „Polizeiverbot" für die einzelnen Mitglieder darstellen, können, sondern nur die politische Haltung der Organisationen selbst anzcigen, nach der sich die au der Spitze derselben stehenden Persön lichkeiten richten werden. Unverständlich bleibe freilich, wieso die Zionisten ein Interesse an der Heranziehung von Privatpersonen ohn-- Mandat haben. Zum Schluß seiner Ausführungen stellte Herr Goetz dem nur negativen Gesichtspunkt (Ablehnung des jetzigen zionistischen Palästina- Werkes) die positive Forderung nach Mitarbeit an der Emanzipation der Juden in allen ihren Heimatländern, auch in Osteuropa, entgegen. Von den Diskussionsrednern des Abends stellten sich Rabbiner Tr. Lazarus, Rechtsanwalt Dr. Baerwald, Rechtsanwalt Dr. Geiger, Rechtsanwalt Dr. Hoffmann, Dr. med. Mainzer, Rabbiner Dr. Gottschalk und Fräulein Edith Falk aus den von der Liberalen Vereinigung in ihrer Resolution und vom Referenten vertretenen Standpunkt, während Justizrat Dr. Blau, Rabbiner Dr. Seligmann, Tr. Franz Wolfs und Dr. Edinger znm Teil abweichende Ansich len äußerten. Erst nach 1 Uhr nachts konnte Herr Sanitätsrat Dr. Ettlinger allen Erschienenen sür das rege Interesse danken, welches sie bis zum Schluß der langen Diskussion hatte ausbarren lassen; er bezcichnele den Abend als ivertvolle Information über die angeblich im Brennpunkt des jüdischen Lebens stehenden Fragen. Wiesbaden. (Aufgaben liberaler Gemeinde polit i t.) In der hiesigen Ortsgruppe der „Vereinigung sür das liberale Judentum" sprach am 18. April Herr Generalsekretär George Goetz aus Berlin über „Ausgaben liberaler Gemeindepolitik". Das Thema inter essierte umsomehr, als hier anfangs Juni die Neuwahl des Gemeinde- Vorstandes statt-sindet, und zwar nach dem behördlicherseits genehmigten neuen Wahlmodus (Frauenwahlrecht, aktives und passives Wahlrechl der Ausländer uiiv.). Einleitend sprach Redner über die Ausgaben, die der liberaleir Richtung innerhalb der Knltusgemeinde zufalleic. Tann legte er das Wesen des liberalen Judentums dar, das er in vier Grundbegriffe znsammenfaßt: 1. Das liberale Judentum ist eine religiöse Bewegung, beruht auf GotteSerkcnnknis und Liebe, ist eine prophetische Religion. 2. Tie Reform, die der Redner als kulturhistorischen Begriff behandelte, ohne im engeren Sinne auf die Berliner Reformgemeinde zu exemplizieren. Tie Geschichte des Judentums hat 3 Epochen: a) das Altertum (in Palästina), b) das Mittelalter (Ghetto), c) die Neuzeit (Emanzipation). Wäre das Volk nach dem Untergang des Reiches orthodox gewesen, hätte es gesagt: „Ta das Opferzcntrum zerstört ist, hat das Judentum keine Existenzberechtigung mehr." Man fand damals ohne große Erregung die neue Form (Reform). In der Tat existiert keine Orthodoxie mehr, alle haben sich der Zeit angepaßt, es besteht lediglich ein Temponnterfchied. 3. Tie Assimilation., d. h. gedankliche Angleichung an Unjüdisches. Der Opferdienst im. Altertum war vielleicht auch schon eine Assimilation, eine Anlehnung an .Heidnisches. Im Mittelalter verspürte man die Einflüsse des Katholizismus. „Der Schulchan aruch ist der papiernc Papst der Juden." 4. Die Emanzipation, die das endgültige Schicksal der Geschichte darstellt. Im 2. Teil spricht Redner über die Forderungen, die sich aus dem Vorhergehenden ergeben. Nicht zu sehr auf die Tradition pochen. Das Judentum hat die Jndenheit erhalten über den Wechsel der Tradition hinaus. Bei (neuen Notwendigkeiteic ergeben sich neue Formen. Nicht radikale Aenderungen soll man vornehmen, sondern vorhandene Bedürfnisse befriedigen und lokale Verhältnisse berücksichtigen. (Beispiel: die jüdische Volksschule). Reformen im Gottesdienst find außer der Orgelbenutzung auch individuel!, wie es auch bei den Gebetbüchern keinen Einheitlichtcitszwang zu geben brauch!. Abänderung der Gcbetszeitcn im. Gottesdienst entsprechend der freien Zeit der Arbeitenden. Sonntagsgottesdienste, Frauen- Wahlrecht. Anregung der Familiengottcsdicnste (Frauen und Männer zusammensitzend). Laienpredigten. Auch Aufgaben nicht religiöser, sondern sozialer Natur erwachsen uns, z. B. Müttcrkurse zur Belehrung der Mütter, Buchführung über Geburten, Anlegung von Sparkassenbüchern bei Geburten. Den Ausländern ist das Wahlrecht erst nach einer Karrenzzeit zu gewähren, nicht wegen Minderwertigkeit, sondern wegen Andersartigkeit. Tie Weltkonferenz Forderte größere Lebensnähe der Religion. Auf neue Weise alte Juden sein: gesund am Judentum »verden. An der Diskussion beteiligten sich Frau Capell, Herr Lehrer Hcs (vom orthodoxen Standpunkt ans), Herr Dr. Walter Kahn (Zionist) und Hierr Stadt und Bezirksrabbiner Tr. Lazarus, der da bedauerte, daß man grundsätzlich die Zionisten von unserer Vereinigung ausschlrcßt, obwohl unter ihnen doch sehr viele religiös-liberale Juden zu finden sind. Vereinsnachrichten Bvrkampfe bei „Maccabi" im Saalbau Friedrichshmn am 7. Mai 1929. Ter Vorverkauf hat bereits in den bekannten Stellen und Trainingshallen sowie unter Hansa 5268 eingesetzt. Preise der Plätze 0,50 bis 4,— Mark. Ter bereits angckündigte Ferienkurs ns der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums »vird Montag, den 20. Mai 1929, beginnen und sich bis Donnerstag, den 23. Mai 1929, ausdehnen. An den Vorträgen ivcrden sich sämtliche Dozenten der Hochschule beteiligen. Anmeldungen nimmt das Sekretariat der Hochschule, Berlin. N. 24, Artillenestraße 14, entgegen. 6. Liste der Spenden für den Hilfsfonds Emanuei Foerster, Beruhen (O.); Max Krotoschiner, Breslau; M. Bermann, Breslau; S. I. Maues, Tüsseldorf; Kahnemann, Fiatow (Wpr.); Felix Schönfeld, Hamburg; Pros. Tr. Heinrich Heidenheimer, Mainz; Willi Arnholz, Arnswcüdc; Leonhard Simsons, Benrath; Handelsgerichtsrat Franz Leeret, Breslau; Frau Jnstizrat Paula Ollendorf, Breslau; Frau Marxheimer, Tüsseldorf; R.-A. Tr. Alfred Michaelis, Hamm; R.-A. Tr. Oskar Eliel, Köln; Max Neu, Nürnberg; Wolsgang E. Hahn, Berlin; Taniel Flieg, Chemnitz; Theod. Lauter, Duisburg; R.-A. Tr. Rottenstein, Duisburg; Dr. med. Ludtv. Neugarten, Tüsseldorf; R.-A. Tr. .Herzfeld I, Essen; Jul. Jacobsohn, Forst (Lausitz): Otto Schüler, Magdeburg; I. Hartog, Mannheim; Tr. Max Neumann, Stolp (Pom.); Rabbiner Tr. Silberstein, Stargard (Pom.); Hermann Kleemann, Würzbnrg; Ernst Neuberger, Würzburg; Alex Selo, Berlin; Fritz Tikotin, Breslau; Jul. Koch, Frankfurt a. M.; Sami Landau, Halle; R.-A. Tr. Th. Kaufmann, Heidelberg; Emil Rosenthal, Königsberg (Pr.); I. Fabian, Königsberg (Pr.); H. Jonas, Neisse; Emil Kirschbaum, Nürnberg; Taniel Oppenheim, Rahden; Max Wolf, Stuttgart; Hugo Brinitzer, Tilsit; Max Weil, Ulm; S.-R. Tr. Mayer, Tüsseldorf; Walter Bendit, Frankfurt a. O.; Leopold Sonntag, Frankfurt a. O.; Gebrüder Ury, Leipzig; Alb. Apfel, Nürnberg; Jacob Koplowitz, Ratibor; Wilhelm Lebrecht, Ulm; Ludwig Lazarus, Würzbnrg; R.-A. Hans Hartmann, Chemnitz; Hermann GuSstein, ^Nürnberg; Julius Reiß- Würzbnrg.