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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-08 · 10 (8.3.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
10 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Berlin. (Elt eru - M atinee des deutsch-jüdischen W a n d e r b u n d e s K a m e r a d e n.) Die Berliner Ortsgruppe hatte zu einer Eltern-Matinee für Sonntag, den 3. März eingeladen. Eine beträchtliche Anzahl von Eltern und Jugendlichen füllten den schönen Raum der Alhambra. Die Worte des (Bundesleiters Hermann Gerson, ein paar frisch gesungene Lieder führten in den Geist der Feier ein. Humorvoll war der Wunsch der Jugend an die Elterndie Kinder mit auf die Wanderung zu schicken, in vier Bildern verschaulicht. Die gute darstellerische Leistung liest selbst die Eltern mitlacheu, gegen die mancher Hieb geführt war. Es war eine gute Idee, einen Film vom Bundestag zusammenzustellen. Paul Fallenberg hat mit viel Geschick das frohe Treiben des Zeltlagers festgehalten. und in einen künstlerischen Rahmen gebracht. Der Kameradensilm wurde mit Beifall ausgenommen. Er wird sicherlich in Eltern kreisen das Verständnis für das Wandern wecken und dem Bunde neue Freunde werben. Die ganze Feier beherrschte ein jugendlicher frischer Zug. Alles Gekünstelte blieb ausgemerzt. Die Kameraden dürfen mit dem Erfolg ihrer Feier sehr zufrieden sein, besonders, da sie alles aus Eigenem gestalteten. Hoffentlich haben sich auch ihre Kassen wunschgemäß gefüllt. W.v.d.Z. Breslau. (7 fr. Geburtstag.) Wiederum kann unsere Ge' meinde einen ihrer Besten feiern. Emil Wald st ein beging am 5. März seinen 75. Geburtstag. Seit 16 Jahren gehört er dem Vorstand an. Er ist eines einer fleißigsten und besähigsten Mitglieder und widmet sich der Wohlsahrtssürsorge mit besonderem Eifer und Erfolg, weil sein Herz ganz bei diesem schönen, aber auch sehr schwierigem Werke ist. Seit kurzem ist er auch Vorsitzender des Verbandes der Synagogengemeinden Niederschlesiens. Emil Waldstein ist auch einer von unseren (der Liberalen) Besten. Er gehört mit seinem Denken und Fühlen der entschieden-liberalen Richtung an und ist Vorstandsmitglied des hiesigen liberalen Vereins. Wenn er auch anderen Auffassungen gegenüber Toleranz übt und deshalb das Tempo der Reformen nie überhastet tvissen »vill, vergißt er doch nie, was er dem eigenen Standpunkt und dem seiner Gesinnungsgesährten schuldet. Ein langer, glücklicher Lebensabend werde ihm im Kreise seiner Familie zuteil! Wir aber sind so egoistisch, seine Betätigung in unserem Kreise noch lange, lange nicht entbehren zu tvollcn, denn an solch aufrechten Charakteren haben tvir keinen Uebcrsluß. Breslau. (T o d e s f ä t l e.) Unsere Gemeinde hat ztvei schwere Verluste erlitten. Im Alter von 75 Jahren starb Justizrat M i - chaelis Bre slaucr. Er gehörte lange Jahre der Gemeindevertretung an. Dann bekleidete er das Ehrenamt eines Synagogenvorstehers in der neuen Synagoge und vertvaltete vor allem mit Geschick das durch die Folgen der Inflation so schwierig gewordene Gebiet der Stiftungen nsw. Kurz nach ihm (ftarb im Alter von nur 63 Jahren Bankdirektor Emil .Ha n ck e. Er >var seit 1920 Mitglied des Gemeindevorstandes, in welchem er die Leitung des Finanzwesens hatte. Mit großem Geschick führte er diese Abteilung durch die Zeit der Inflation und ividmcte ihr seine Kraft und Fachkennt-- nis. — Beide Herren gehörten der liberalen Richtung an. Dortmund. (A b s ch i e d s s e i e r der Chewrah K a d i s ch a h für den d e m » ä ch st scheidenden R a b b i n e r D r. Jacob.) Am Sonntag, den 3. März, feierte die Chewrah Kadischah den Tag ihres 5jährigen Bestehens mit eineni Chcwrahmahl, einer S'udoh mizwoh. Die Feier gestaltete sich zu einem Ehrenabend für den scheidenden Rabbiner Dr. Jacob, der demnächst die Dienste der Gemeinde verlassend, in den Ruhestand tritt. In bewegten Worten wies der Vorsitzende der Chewrah Kadischah, Herr Mos. Stamm, auf die Verdienste des scheidenden Rabbiners hin, in dem die Chewrah ihren Gründer, Förderer und Lehrer verliert. Er spricht Herrn Dr. Jacob den Dank aus und überreicht dem demnächst Scheidenden eine wertvolle Chumcschausgabe mit sinnvoller, hebräischer Widmung, mit Worten der Hoffnung, daß es ihm vergönnt sein möchte, wenn auch nicht mehr der engeren Gemeinde, der Stätte seines bisherigen Wirkens, so doch im Dienste der Wissenschaft, durch Erforschen der Thora der größeren Gemeinde des Gesamtjudentums zu dienen. -- Bewegt dankte Rabbiner Dr. Jacob, und in sichtlicher Ergriffenheit nahm er die kostbare Gabe der Thoraausgabe mit besonders wertvollen Kommentaren entgegen. Den Reigen der Redner, die der Chewrah Kadischah zu ihrem Ehrenabend Grüße brachten, eröffnet? Herr Rabbiner Dr. Appel. Es sprachen ferner namens des Frauen- Vereins Frau Nathan Baum, in Vertretung der 1. Vorsitzenden Frau Steinberg, namens des Bundes jüdischer Frontsoldaten der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr I. Schön; für den Frauenbund die Vorsitzende desselben, Frau Ostwald; für die Bereinigung für das liberale Judentum in Vertretung des 1. Vorsitzenden des .Herrn Arthur Rosenberg Herr Lehrer Siegmund Nußbaum; für den Verein Sccher waus Herr Rabbiner Dr. Jacob, sowie die Herren Ncufeld und Konrektor Andorn. -- Das Tischgebet mit anschließendem Maariivgcbet, um etwa vorhandenen Trauernden Gelegenheit zum Kaddisch zu geben, beschloß die sehr würdig, in freudig gehobener Stimmung verlaufene Feier. Emden. (Todesfall.) Der Ehrenvorsitzende und frühere Synagogenvorstehcr der hiesigen Gemeinde, Herr^ Philipp Meyer, ist nach kurzer schwerer Krankheit verschieden. 35 Jahre war der Verewigte im Interesse der Gemeinde ehrenamtlich tätig. Sein edler Charakter und sein opferfreudiges Wesen schufen ihm zeitlebens viele Freunde und sichern ihm auch über das Grab hinaus ein, dauerndes Gedenken, wie auch sein Name mit der Geschichte der Emdcner Gemeinde unzertrennlich verbunden bleiben tvird. Frankfurt a. M. (Religiöse Weihe stunde in der W estend - S yn a g o g e.) In manchen Gemeinden des Rheinlandes, auch in Nürnberg, seit kurzem in München, ist es üblich geworden, in den Synagogen an Sonntagvormittagen oder -Nachmittagen Vorträge von Rabbinern der eigenen, auch auswärtigen Gemeinden, in gewissen Abständen zu veranstalten. Man will damit einem doppelten Zweck dienen. Juden und Jüdinnen, denen beruflicher Zwang den Besuch des Gotteshauses am Sabbat verwehrt, will man »vcnigstens in diesem knappen Ausmaße religiös-jüdftche Belehrung und Erbauung bieten. Nichtjuden sollen Gelegenheit haben, in einer ihnen verständlichen Form die religiöse Weit der Judentums, srer von den Verzerrungen antisemitischer Entstellung, kennen zu lernen. Bei uns in Frankfurt hat vor Jahren an den Sonntag^- nachmittagen im Winterhalbjahr, auch im .Hinblick auf den erstgenannten Zweck, der sel. Rabbiner Nobel unter starker Beteiligung aus allen Teilen der Gesamtgemeinde seine bekannten Lchrvorträga gehalten. Am Sountagnachmittag, 17. Februar, fand sich nun in der Westcnd-Synagoge um 5 Uhr ein großer Kreis von Interessierten zusammen. Man sah nicht nur die gewöhnlichen Synagogenbesucher. Manch einer, der, obschon er Jude, sonst nie ein jüdisches Gotteshaus betritt, war erschienen. Und dieser und jener Christ hatte den Peg zu unserem herrlichen Tempel in der Freiherr-vom-Stein-Straße gefunden. Ein Lied erklingt von der Höhe der Orgelempore. Prof. Dr. Jggersheimer sang, seine Zuhörer innig ergreifend, das „Gebet", vertont von Hugo Wolf. Dann schritt Seine Ehrivürdcn Herr Rabbiner Dr. Freudenthal aus Nürnberg zu dem vor dem Vorbetertisch ausgestellten Rednerpult. Daß es ein auswärtiger Rabbiner war, der in einem unserer Gotteshäuser nunmehr das Wort ergriff, bedeutete die Erfüllung des schon längst gehegten Wunsches, durch einen Austausch bewährter Kanzelredner erneute Anregung in die Gemeinden, auch in unsere, zu bringen. Und tvahrlich, wir waren nicht enttäuscht. In lebendiger, klarer, anschaulicher, zu Herzen gehhcnder Weise zeigte uns Rabbiner Freudenthal „Wege der Frömmigkeit", wie sie das Judentum gesucht, gefunden und beschrittcn hat, indem er Helles Licht auch auf die verdunkelten Darstellungen jüdischer Religiosität, wie sie von christlicher Seite mannigfach gegeben werden, zu werfen verstand. -Erhebung, Belehrung, Aufklärung boten seine Ausführungen, denen die Zuhörer mit gespannter Aufmerksamkeit folgten. Diese erste „Religiöse Weihestunde" fand die Deutung ihres Sinnes und ihre Erfüllung. Fünf Gcllert-Lieder, vertont von Beethoven, schlossen sich dem Vortrag auch inhaltlich an und sicherten in der Schönheit ihrer Darbietung, die wir wiederum der Sangeskunst des Herrn Prof. Dr. Jgersheimer und seinem feinfühligen Begleiter Herrn Organisten Würzburger verdanken, einen harmonievollen Ausktang. Unter rauschenden Orgeltönen verließ die innig betvegte Menge, die den Hauptraum der Synagoge fast bis auf den letzten Platz gefüllt hatte, das Gotteshaus. In allen »var tvohl der Wunsch einer baldigen Wiederkehr solcher Stunde lebendig. Dank denen insgesamt, die an ihrer Gestaltung mitgewirkt haben. Kassel. (Zur Reform des I u d e n ge s e tz e s.) Anläßlich eines Vortrags über „Die Judenfrage in Sowjetrußland", den Dr. Jsmar Freund-Berlin im Rahmen der jüdisch-wissenschaftlichen Borträge hielt, fand auch eine Zusammenkunft zwischen Vertretern des Kasseler Vorstcheramts der Israeliten, des Gemeindeältcsten-Kollegiums und des Gemcindevereins mit Dr. Freund statt. Gegenstand der Aussprache bildete nach dem in der I. W. veröffentlichten Bericht die Frage der Erhaltung der Vorsteheramtsbezirke in Hessen auf Grund eines Sondergesetzes, das dem allgemeinen Judengcsetz einzureihen wäre. Die Vorsteherämter haben einen diesbezüglichen Entwurf vorgesehen. Die Gemeindeältesten und der Vorstand des Gemeindevereins wollen das Bestehen für eine Zeit von fünf bis zehn Jahren gelten lassen und dann fbie Entscheidung über die Frage von einer allgemeinen Abstimmung abhängig machen. Diesen Absichten steht die Auffassung Dr. Freunds entgegen, der es für unwahrscheinlich hält, daß Sonderbestimmungen überhaupt bei der Abfassung des Gesetzes zugelassen würden. Die Aussprache zeitigte also kein Ergebnis, auch schon mit Rücksicht darauf, daß die übrigen Vorsteherämter nicht vertreten waren. Kassel. (G e m e i n b c ft c u c r tt.) Für das Etatsjahr 1929 sind nach einem Beschluß der Gemeindeältesten 10 Prozent von der Eiilkommensteuer-Veranlaguiig resp. von dem Lohnsteuerabzug als Gemeindcabgaben einzuziehen. Das Vorsteheramt der Israeliten erhebt 2>/.j Prozent, die Gesamtsteuer beträgt also 12^ Prozent. Königsberg. (Aus der Repräsentanz.) In der vorletzten Repräsentantenversammlung gedachte der Repräsentanten»»!.- stehcr Professor Dr. Rudolf Cohn des dahingegangenen Justizrats Paul Bogusch,der bis zum April 1927 sechs Jahre lang der Repräsentanz angehörte und sich auch sonst um das jüdische Leben in Königsberg Verdienste erworben hatte. Darauf wurden die neuen Satzungen, die von dem Repräsentanten Justizrat Dr. Lichtenst c i n entworfen waren, angenommen. Sodann fand eine Beratung über den neuen Beerdigungstarif statt. Schließlich tvurden die einzelnen Kommissionen neu gewählt uud Unterstützungen für die Jüdische Eheanbahnungsstelle, die Krüppelhcim- und Lehranstalt für die Provinz Ostpreußen und die Akademie (für die Wissenschaft des Judentums in Berlin sowie Kreditbürgschaft für das Jüdische Ferienheim Neuhäuser bewilligt. --- In der letzten Repräsentanten- Versammlung tvurde zunächst in geheimer Sitzung beschlossen, den Chordirigenten Louis Badrian anläßlich seines 25jährigen Ticnstjubiläums zuin Chordirektor zu ernennen und ihm eine Ehrengabe zu überreichen. Dem Verein für jüdische Wanderarme und Arbeiterfürsorge wurde eine Beihilfe von 150 Mark bewilligt. Sodann wurde eine neue Kassenorduung für die Gemeindeverwaltung und eine neue Geschäftsordnung für die Repräsentantenversammluug angenommen. Weiterhin wurde mitgeteilt, daß das Amt des Friedhofsinspcktors und Friedhofsgärtners für den neuen Friedhof, den im Mai bzw. Juni eröffnet werden soll, mit dem Obergärtner Erich Israel von der Friedhofsverwaltung Weißensee der Berliner Jüdischen Gemeinde besetzt worden ist. Schmallenberg. (Weihe einer Gedenktafel.) In der hiesigen Synagoge wurde für die jüdischen Gefallenen eine Gedenktafel eingewciht. Der Vorsteher begrüßte die Gäste, unter denen sich der Bürgermeister und die Geistlichen des Ortes befanden. Prediger Grünewald aus Siegen und der Vorsitzende des Bezirlsverbandes Ost-Westfalen hielten Ansprachen. Werl (Westfalen). (Todesfall.) Nach kurzem schweren Krankenlager verstarb der langjährige Vorsitzende unserer Gemeinde, Herr E. Mond, im hohen gesegneten Alter von 81 Jahren. — Ueber 25 Jahre hat er unsere Gemeinde in Treue geführt, seine vornehnie Gesinnung, sein edles, hilfsbereites Wesen sicherten ihm die Achtung und Wertschätzung der Gesamtbürgerschaft. — Mit ihm starb einer der letzten Veteranen Werls ans dem Feldzug 1870/71. Unter Vorantritt der militärischen Vereine, unter Gesamtbeteiligung der Bürgerschaft ward er zu Grabe getragen. — Am Grabe entwarf der Prediger Nußbaum-Dortmund ein tiefempfundenes Lebensbild des Verstorbenen, dessen Andenken lange in unserer Mitte fortlebcu wird. Berlin. (Gemcindeabend der Liberalen Synagoge Westend.) Die vor einigen Monaten neu gegründete Liberale Synagoge Westend veranstaltete gemeinsam mit der Gruppe Charlottcnburg-West des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin am Dienstag, 26. Februar, im Saale des „Karolinger Gartens" am Kaiserdamm den ersten Gemcindeabend, der sich eines außerordentlich zahlreichen Besuchs erfreute. Herr Dr. Alfred Caro hielt die Begrüßungsansprache und wies auf den Zweck des Gemeindelebens hin, die zur Erörterung religiös-liberaler Fragen dienen sollen. Den musikalischen Teil des Abend bildeten Gesangsvorträge von Frau Dr. Acnne Bode, Herrn Oberkantor Friedmanu, sowie den Mitgliedern des Chors der Liberalen Synagoge Westcnd unter Leitung des Herrn Felix Meycrhosf. Der Beifall, der allen Mitwirkenden zuteil wurde, war lebhaft und wohlverdient. Im Mittelpunkt des Abends stand der Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Salomonski: „Der moderne jüdische Mensch". Ausgehend von der Tatsache, daß sich unser gesamtes Leben heute in anderem Tempo vollzieht, als tvir es früher gewöhnt tvaren, forderte der Referent auch auf dem Gebiete der Religion und namentlich der jüdischen Religion ein schnelleres Tempo der Entwicklung, wobei er Tempo als Takt und Rhythmus des lebendigen Fortschritts auffaßtc. Unser Weltbild habe sich erweitert und erweitere sich von Jahr zu Jahr. Mit unserem Weltbilde sei aber auch unser Begriff von Gott gewachsen, habe unsere Gotteserkenntnis frühere Begrenzungen gesprengt. Der Maßstab des modernen Lebens, sein Tempo, sein Rhythmus müßten daher auf alle Begriffe der Religion angewendet werden. Die hervorstechendste Eigenschaft, die unsere moderne Jugend kennzeichnet, sei ihre schrankenlose Wahrhaftigkeit. In Dingen der Religion müßten wir daher die höchsten Ansprüche an die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit stellen. Wenn wir etwas innerlich überwunden haben, so haben tvir auch die Pflicht, cs fallen zu lassen. Die Ehrlichkeit erfordert es, mit der Entwicklung des Lebens Schritt zu halten, damit zwischen Lehre und Leben kein Widerspruch entsteht. Nur ein Mensch, der seine Religion ernst nimmt, ist ein gläubiger und religiöser Mensch. Im zweiten Teil seines Vortrags zog der Redner die Folgerung ans dieser ethischen Forderung für die Gestaltung des modernen Gottesdienstes. Nicht aus die Quantität des Gebets komme es aiy sondern auf das Verständnis uud die religiöse Weihe des Beters. Nicht die großen Gotteshäuser spiegeln den religiösen Geist der Judentums wieder, sondern die Mengen der Menschen, die dort beten Im Brennpunkt des Gottesdienstes soll die Beschäftigung mit der Thora stehen, die gerade deswegen in erster Linie allgemeinversiändlich gemacht werden muß. Die deutsche Thoravorlesung schafft wieder Verständnis und Begeisterung für das Buch der Bücher, die Bibel Aufgabe des modernen Gottesdienstes muß es sein, der Religion den Weg znm Denken und zum Fühlen der Menschen wieder zu öffnen. Für die Predigt gilt darum das Wort, daß nur das, was von Herzen kommt, zu Herzen geht. So muß der Maßstab des liberalen jüdischen Gottesdienstes der Mensch sein mit seinen Bedürfnissen, mit seinem Sehnen nach Wahrheit und Erkenntnis. An den mit stürmischem Beifall ausgenommenen Bortrag schloß sich eine sehr rege Diskussion, die erst lange nach Mitternacht ihr Ende fand. Im Namen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde sprach Herr Justizrat Chodziesner, der nachdrücklich auf die Ausgabe h-inwies, den Weg zum Judentum der Propheten zurückzufinden. Ferner beteiligten sich an der Aussprache Frau Franken sowie die Herren Rabbiner Dr. Galliner, Dr. Löwen- Aus der Bewegung bcrg, Dr. Gach, Arthur Lehmann, Kosloivski und Cohn. In seinem Schlußwort ging Herr Rabbiner Dr. Salomonski noch einmal aus die wichtigsten in der Diskussion vorgebrachten Gedanken ein und faßte sie in einem Aufruf zur Pflege und Vertiefung des liberalen Gedankens und des liberalen Gottesdienstes zusammen. Ter ausgezeichnete Erfolg, den dieser erste Gemcindeabend gebracht hat, und das lebhafte Interesse, das er bei der jüdischen Bevölkerung dieses Stadtteils weckte, wird die Westender Gruppe veranlassen, regelmäßig derartige Gemeindeabende zu veranstalten, um die neue geistige Gemeinschaft der liberalen Juden so eng und so inhaltreich wie möglich zu gestalten. Halle a. S. (Generalversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum.) Die Generalversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum fand an, 19. Februar statt. Der 1. Vorsitzende, Herr Sanitätsrat Dr. Oppenheimer, cröffnete die sehr gut besuchte Versammlung um 20.45 Uhr. Zunächst ivurde des verstorbenen Mitgliedes, des Herrn Sieduer gedacht. Es folgte der Bericht über die Vereinstätigkeit im vergangenen Jahre. Hierbei wurde besonders darauf hingewiesen, daß die Zahl der Mitglieder sich während des letzten Jahres verdreifacht hat. Der Kassierer, Herr Kaatz, erstattete den Kassenbericht, der von den Herren Adolf Simonsohn und Josef geprüft und für richtig befunden tvurde. Alsdann ivurde der neue Vorstand gewählt. An die Geschäftssitzung schlossen sich die Referate des Herrn Dr. Hirsch und des Herrn Max Sternseld an. Herr Dr. Hirsch behandelte das Thema: „Warum können nicht alle liberalen Juden als Mitglieder bei uns ausgenommen werden?" Er kam zu der Entscheidung, daß die auf religiös-liberalem Boden stehenden Zionisten nicht Mitglieder tvcrden können. Die liberale Vereinigung sei der Ueberzeugung, daß das Judentum lediglich eine Religion bedeute, während der Zionismus von der Idee einer jüdischen Nation ausgehe. Sonst sind alle liberalen Juden ohne Ausnahme willkommen. An den Vortrag schloß sich eine interessante Diskussion. Herr Stcrnfeld berichtete in klarer, übersichtlicher Rede, in welcher Weise die Synagogengemcinde ihre Pflichten gegen Arme und Kranke erfülle und dabei die Gelder der Steuerzahler schone. — Die Versammlung wurde um 24 Uhr geschlossen. Hamburg. („Lebt oder stirbt das liberale Judent n m?") In der hiesigen Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum lveitte am Dienstag, 26. Februar, R--A. Heinrich S lern- Berlin, der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, um bei Gelegenheit der Hauptversammlung über obiges Thema sich zu äußern. Die Aussprache begann mit Mitteilungen von Rabbiner Dr. I tali ener über die Einführung des Religionsunterrichtes an den Hamburger Schulen. Er wies die Eltern darauf hin, daß sie unter allen Umständen eine Anmeldung für den Religionsunterricht vollziehen müßten. Die Frage, ob dieser Unterricht von konservativen oder liberalen Rcligionslehrern erteilt würde, sei vollkommen unabhängig von dieser Anmeldung und die Wahl bleibe dem einzelnen weiter überlassen. Eine entsprechende öffentliche Mitteilung erfolge im „Hamburger Familienblatt" - Auf eine Anfrage aus der Versammlung hin schilderte dann Herr R.-A. Stern den Vorgang der in Berlin getroffenen Entscheidung über das Zusammensitzen von Männern und Frauen in der Synagoge und gab ebenso eine interessante Uebersicht .über das neue, von Rabbiner Dr. Seligmann bearbeitete liberale Gebetbuch. Dann schilderte er die Zwecke und Ziele der Vereinigung für das liberale Judentum. Man dürfe den Liberalismus nicht so auffasscn, als ob er davon abhänge, wie viel und wie wenig von den überlieferten Religionsgesetzen man noch beobachte, sondern die Gemeinschaft müsse ein letztes Ziel ihr eigen nennen. Das Judentum dürfe nicht gewissermaßen vom Antisemitismus abhängig sein, sondern müsse eine Aufgabe in der Weltgeschichte besitzen. Als solche bezeichnte er die Idee von der Einheit des Menschengeschlechts, den vollkommenen Frieden, überhaupt das Streben, alle die hohen Gedanken, die unsere Propheten ausgesprochen haben, Inmitten der Völker zu verwirklichen und der Gesamtwelt ein Beispiel für den unentwegten Idealismus einer großen Gemeinschaft zu bieten. Dabei hielten sich die Liberalen für berechtigt, die Form zu prüfen, nach der sie in der Lage zu sein glauben, an dem Judentum festzuhalten. Der größte Wert sei natürlich auf die Kindererziehung zu legen, denn die Eindrücke aus der Jugend sind durch nichts zu ersetzen. — Sehr interessant waren seine Ausführungen über die Sabbathsrage. Eine Verlegung des Sabbath komme schon deshalb nicht in Betracht, weil innerhalb der Judenschaft der ganzen Welt eine Einigung nie zu erzielen sei und der Sabbath als zusammenhaltendes Moment für die gesamte Judenheit keinen Ersatz finden könne. — Ztvei Arten von Assimilation gebe es, die eine, um sich zu erhöhen, die andere, um sich zu verdecken. Die letztere sei von seinem Standpunkt ans zu verwerfen. Sehr richtig iväre es auch, daß mau sich innerhalb des Judentums nicht nur über religiöse Fragen, sondern auch über große Fragen der Welt-t tvirtschaft und Weltpolitik aussprcche. Dadurch könnte man weite Kreise wieder heranzichcn. Das Judentum dürfe nicht eine Erinnerung an die Vergangenheit bleiben, sondern müsse als lebendige Kraft im Leben des einzelnen wirken. Dies erstrebe die Vereinigung für das liberale Judentum, deren einzelne Tätigkeitsgebiete er dann genauer umriß. Reicher Beifall lohnte den Redner, der bcreittvillig noch aus einzelne Fragen aus der Versammlung einging, die er ans Grund seiner reichen Erfahrungen und seines umfassenden Ueberblicks der Bewegung bildhaft zu beantworten wußte. —nn. Vereinsnachrichten „Ort"-Ball. Der diesjährige „Ort" Ball findet Sonnabend, 16. März, im „Kaiserhof" statt. Im Kabarett-Teil des Abends tritt eine Reihe von prominenten Künstlern aus, darunter auch der bekannte Wiener Komiker Fritz Grünbaum (zurzeit Kabarett der Komiker). Conserenzier: Egon Jacobsohn. Für den Tanz sind die Weintraub's Syncopators und eine Balalaika-Band verpflichtet worden. Die Tombola ist mit wertvollen Geschenken ausgestattet; darunter eine Möbelgarnitur, eine Schreibmaschine, ein Fahrrad, silberne Vasen, seidene Kleider und vieles andere mehr. Auskunft und Tischbestellungen unter Lützow Nr. 4986. Hilfsverein der deutschen Juden. Am 1l. März, abends 8 Uhr, findet im Tiergartenhos, Bahnhof Tiergarten, eine öffentliche Kundgebung im Bezirk Nordwest für den Hilssverein der deutschen Juden statt. Ansprachen werden halten: Frau Rabbiner Dr. Ernestine Eschclbachcr, Professor Dr. Eugen Mittwoch, Rabbiner Dr. Joachim Prinz, Dr. Mark Wischnitzer (Lichtbildvortrag) u. a. Die Redner werden eine Reihe aktueller Probleme aus dem Gebiete der jüdischen Auswandererfürsorge, Siedlung und Jugendfürsorge behandeln Jüdischer Turnverein Berlin 1985. Nach Beendigung der Kälte-- ferien ist der regelmäßige Turnbetrieb wieder ausgenommen worden. Die Männerabteilung turnt in der Großen Hamburger Straße 27 am Montag und Mittwoch von 8—10 Uhr, die Damenriege am Montag in der Großen Hamburger Straße 27, am Mittwoch Hinter der Garnisonkirche von 8—10 Uhr. Gäste tvillkommen. Verein ehem. Schüler der jüdischen Knabenschule zu Berlin E.B.. gegr. 1960. Geschäftsstelle: Br. Lazarus, Elsässer Straße 9 (Telephon: Norden 1651). Am Sonntag, den 17. März, feiern wir im Hackeschen Hof, Rosenthalerstraße 40-41, unser 29. Stiftungsfest. Beginn 6 Uhr. Tanz, Kabarett, Tombola. Gäste herzlichst willkommen! Geschäftliches. Es wird unsere Leser sicherlich interessieren, zu hören, daß der langjährige Oekonom der Gesellschaft der Freunde, Potsdamer Str. 9, Kochmann, nunmehr auch am Kurfürstendamm 193 im Palmenhaus ein Theater-Restaurant eröffnet hat. Für Festlichkeiten sei auf die Stadtküche von Kochmann hingewiesen, die ja seit vielen Jahren als erstklassig und preiswürdig bekannt ist. Wir verweisen aus die Anzeige in der heutigen Ausgabe.

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