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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-08 · 6 (8.2.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
6 (8.2.1929)
Date
1929-02-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MffchMeraleZMmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. durch Ut SeschSWstette «jährlich M. 2^0 «nqni»»Mmrr 0^0. Bei freier Aufeuduug i. Inland 03b Wr die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugaprri» im TMtgliedsd eitrage enthaltet». 9ttiR(virU.BcMf(t«t> vruua V09U Die »Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint seben Ireilag. »edaMo« und Geschäftsstelle: Berlin Sw 48, wilhelmstr.147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin INS 7, 137069 (Vereinigung für da» liberale Zudeutum) Nachdruck sämtlicher Vriglnal-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redattiou gestattet. Stf ttSK'iS »Ä"ÄÄ Mederhotunge« Rabatt. ««relgeuannahme: jüdisch-liberale Seitvng- Inserateaadieiluag: Berlin SW 48, Vilhelmfirahe t4e (Bergmann: 3358-59), jowie füm«. Anaoneen-LMeditio«. Nr. 6 Berlin, S. Februar 1929 9. Jahrgang Der preußische" ' ' , Reuordnung der jüdischen Lehrerbildung — Schaffung von Bezirks-Rabbinaken — Eine Sammelanleihe für die jüdische« Gemeinde« — Gründung einer jüdischen Arbeiterkolonie Verlängerung der Wahlperiode bis 30. September 1SZ0 — Der Entwurf für de« Reichsverband abgelehnt die Wahlen zum Landesverband mit den zu diesem Zeitpunkt in mehreren Großgemeinden stattfindenden jüdischen Gemeindewahlen vereinigen will. Neben den vorstehend geschilderten Fragen beschäftigte den Verbandstag noch der Entwurf einer Verfassung des Reichsverbandes der deutschen Juden. Dieser Reichsverbander deutschen Juden soll eine Dachorganisation der jüdischen Landesverbände Deutschlands darstellen. Nachdem die jüdischen Gemeinden sich in Landesverbände zusammengeschlossen haben, was vielleicht mit Rücksicht auf die Regelung der kulturellen Angelegenheiten durch die einzelnen Landesregierungen einstweilen noch zweckmäßig ist, erscheint die Zusammenfassung der Landesverbände in einer Dachorganisation angebracht. Der vorliegende Entwurf wurde vom Verbandstag mit 46 gegen 4b Stimmen bei 7 Stimmenthaltungen abgelehnt. Tie 45 Ja-Stimmen setzten sich aus Mitgliedern der liberalen, der konservativen und mittelparteilichen Fraktion zusammen; mit Nein stimmten neben der Jüdischm Volks- Partei Angehörige sämtlicher Fraktionen. Um dieses Abstimmungsresultat richtig zu bewerten, sind folgende Feststellungen erforderliche Sämtliche Mitglieder des Verbandstages, gleichviel welcher Fraktion sie angehören, bejahen grundsätzlich die Bildung einer Reichs organisation. Die überwältigende Mehrheit dürste auch den Zusammenschluß der Landesverbände in einer Dachorganisation für den gegenwärtig zweckmäßigsten Weg ansehen. Wenn also trotzdem der vorliegende Entwurf abgelehnt wurde, so bedeutet diese Entscheidung kerne grundsätzliche Ablehnung des darin vorgesehenen Weges. Die Mängel des Entwurfes wurden allseitig anerkannt, auch von denen, die die Annahme empfahlen. Als Sprecher der liberalen Fraktion betonte Rechtsanwalt Stern-Berlin in einer sehr wirkungsvollen Rede, daß Bedenken gegen den Entwurf wohl bei jedem Mitglied des Verbandstages vorhanden seien. Wenn er trotzdem die Annahme empfehle, so sei maßgebend die Auffassung, daß es besser wäre, die notwendige Gründung einer Reichsorganisation selbst mit einer schlechten Verfassung vorzunehmen, als sie noch weiter hinauszuschieben. Die Mehrheit aber, die den Entwurf ablehnte, neigte der Auffassung zu, daß ein Reichsverband erst dann erfolgreich arbeiten könne, wenn auch feine verfassungsmäßige Grundlage zufriedenstellend sei. Bon der liberalen Fraktion stimmten etwa zwei Drittel für, ein Drittel gegen den Entwurf. Welches sind nun die wesentlichen Bedenken, die gegen den vorliegenden Entwurf, besonders auch in liberalen Kreisen, bestanden- Zunächst ist man der Auffassung, daß die ganze Organisation viel zu groß und kostspielig aufgezogen ist. Beispielsweise setzt sich der Rat des Preußischen Landesverbandes aus 35 Mitgliedern zusammen, und es besteht nunmehr erfreulicherweise bei allen Fraktionen der von den Liberalen immer betonte Wunsch, diese Zahl zu reduzieren. Jetzt aber ist in der Reichsverbandsorganisation ein Rat vorgesehen, der sogar aus etwa 60 Mitgliedern bestehen würde. — Alsdann sind zahlreiche Bestimmungen des Entwurfes mit demokratischem Empfinden nicht in Einklang zu bringen, wobei erschwerend wirkt, daß die Reichsorganisation nicht als ein Verband der Landesverbände firmieren sollte, sondern als „Reichsverband der deutschen Juden". Wünscht man diese Bezeichnung, die von vielen als durchaus unzweckmäßig angesehen wird, so geht es natürlich nicht an, daß die 165 000 nichtpreußischen Juden lediglich wegen der deutschen Kleinstaaterei 27 Delegierte in dm Rat des Reichsverbandes entsmden könnm, die 405090 Juden Prmßms aber nur 26 Delegierte. Undemokratisch sind ferner die Bestimmungm über die Reichstagung. In dieser Zeitung wurde bereits vor dem Verbandstag bemängelt, daß der Entwurf eine Reichstagung vorsieht, die jeweils aus die Tauer von sechs Jahren gewählt wird und i.n der Regel nur alle drei Jahre zusammentreten sott. Es hieß hier: „Niemand wird erwartm können, daß ein Gremium, das voraussichtlich nur zweimal in Abständen von drei Jahrm Zusammentritt, sachliche Arbeit leisten wird. Daß für ein derartiges Monstrum auch noch Urwahlen in dm Teilen Deutschlands stattfinden sollen, in denen die Landesverbände keine Vertretepversammlungen haben oder die Bertreterversammlungm nicht aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen sind, das scheint uns eine Bestimmung, die zwar Kosten verursachen dürste, im übrigm aber recht überflüssig ist. Witt man eine Reichstagung. so schaffe man ein lebensfähiges Gebilde. Hält man diese Forderung aber für eine Ueberspitzung gesunder demokratischer Auffassungm, glaubt man, daß d-.e Berwattung des Reichsverbandes sparsam und emsach sein soll, so lehne man sie ab. Mit dem jetzigm Zwittergebilde ist sicherlich niemandem gedient." In liberalm Kreism wurde dann noch besonders die Bestimmung bemängelt, daß Anstalten und Einrichtungen des Reichsverbandes so geführt werden müssm, daß sie von dm Angehörigen aller religiösen Richtungm benutzt werden könnm. Diese Bestimmung dürste orthodoxen Fordernngm weitgehendst Vorschub leistm. Sie mutzte auf liberaler Sette umsomehr Bedenken wachrufen, als ihre Amderung nur von vier Fünfteln der Mitglieder des Rates und zwei Dritteln der Abgeordneten der Reichstagung später hätte beschlossen werden könnm, eine Bestimmung, die in der Praxis völliger Unabänderlichkeit gleichkommt. Ta es nicht gelang, die Ausstellungen, die seitens einer erheblichen Minderheit der liberalm Fraktion an dem Entwurf gemacht wurden, durch Amendements zu beseitigen, mußte er zu Fall kommen. Es ist aber zu hoffm, daß bis zum nächstjährigen Verbandstag em neuer Entwurf für eine Reichsorganisation der Landesverbände fertiggestellt werdm wird, der endlich dm erwünschten Zusammenschluß der Landesverbände herbeizuführen geeignet ist. Dabei ist zu wünschen, daß die Verhandlungen nicht wie bisher so geführt werdm, daß dem Verbandstag erst im Schlußstadium das entscheidende Votum zufällt. Weit zweckmäßiger wäre es, wmn der Rat des Prmßischm Landesverbandes sich vor Abschluß der Verhandlungen durch Fühlungnahme mit den Fraktionsführem oder dem „Ständigen Ausschuß des Berbandstages" davon überzeugen würde, daß die geplante Reichsverbandsverfassung im Verbandstag einer Mehrheit sicher ist. B. W. kredikgenossenschast für den Wischen Mllelstaud Bon Wilhelm Der Verbandstag des Prmßischm Landesverbandes jüdischer Gemeinden, der am 3. und 4. Februar in Berlin zu feinen diesjährigen Beratungen zusammmtrat, scheint sich erfreulicherweise von der Parlamentsspielerei zu einem sachlichen Arbeitsgremium zu entwickeln. Zum erftm Mal ging der stets geäußerte Wunsch der liberalm Fraktion in Erfüllung; die so gmanntm „Weltanschauungsdebattm" durch sachliche Tiskussionm zu ersetzen, die die Ausgaben des Preußischen Landesverbandes zu fördern geeignet sind. Alle Fraktionen verzichtetm darauf, wieder einmal nur von den gogedanklichen Grundlagen ihrer Arbeit zu reden, die ja wahrlich hinreichend bekannt sein dürftm, alle erkannten die Notwendigkeit, die zur Verfügung stehende Zeit der Bewältigung der umfangreichen Arbeit zu widmm. Das verdimt, als em erfreuliches Zeichm der Konsolidierung des Landesverbandes und als ein Erfolg der Bestrebungen der liberalm Fraktion um Versachlichung der Tagungen besonders betont zu werden. Mit vollem Recht hob der erste Redner der liberalen Fraktion, Dr. Breslauer-Berlin, hervor, der Verband beginne, seine Kinderkrankheitm zu überwinden. Immer stärker zeigen sich die segmsreichm Wirkungm, die der Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden Prmßms tm Gefolge hat. Die Not der jüdischen Kleingemeinden wird in beträchtlichem Umfange gemildert. In dem Haushaltsplan des Landesverbandes für das Jahr 1329/30 sind an Subventionm für Gemeinden und Beamte, für die Einrichtung von Bezirksrabbinaten und Bezirkslehrerstellm sowie für die Ausbildung von Rabbinern, Lehrern, Kantoren und Schächtem nicht weniger als 850090 Rm. vorgesehen. Daß heute in Prmßm kein jüdischer Kultusbeamter mehr zur Fristung eines Hungerdaseins genötigt ist, daß das zusammmhanglose Nebeneinander der jüdischm Gemeindm durch ein planvolles Zusammenarbeiten ersetzt worden ist, das ist ein Fortschritt, der nicht nur dm davon Betroffenen, sondem Äenso dem Bestand und Ansehm des gesamtm Judentums dimt. Der Verbandstag bedeutet auch hier einm Schritt vorwärts, weil nunmehr auf Grund der gefaßten Beschlüsse die Errichtung von Bezirksrabbinaten in Westfalm, Oberlchlesim, Schleswig und der Rheinprovinz, die schon feit langem geplant war, endlich verwirklicht werdm wird. Zudem hat sich der Verbandstag tn einer grundsätzlichen Resolutton gegen die weitere Verbindung der Lehrer- und Kantormausbildung mit der Schächter- und Kultusbeamtmausbildung ausgesprochen, so daß in absehbarer Zeit der jetzige Zustand, bei dem in jeder klemm Gemeinde eine Persönlichkeit minderer Ausbildung die sämtlichm Funktionen vom Geistlichen bis zum Schächter ausübt, ersetzt werdm wird durch die Bildung von Bezirksstellm, wodurch dann auch dm kleinen Gemeindm als Rabbiner, Lehrer und Schächter voll qualifizierte Persönlichkeiten zur Verfügung stehen werdm. Neben dieser Hllse für die kleinen Gemeindm geht natürlich das Wirken für die übrigen Verbandsgemeinden einher. Für die Mittelgemeindm wird besonders oie beschlossme Sammelanleihe von Bedeutung werden, die unter Garantte der Berliner Gemeinde vom Landesverband in Höhe von einer Million Mark vornehmlich zur Deckung des großm Anleih bedarfs seiner Mitgliedsgemeinden ausgenommen werden soll. Von der Anleihe wird der Landesverband an die Sicherheit bietmden Gemeinden Beträge zu den Selbstkosten abgeben, auch sind zu Zwecken der Erleichterung der von dm Gemeindm zu tragendm Zinslastm in dm laufmdm Etat 15000 Rm. eingestellt. Men Mitgliedsgemeindm dürfte die Revision des Staatsgesetzes für die jüdischen Gemeindm Prmßms zugute kommm. Ter Landesverband hat der preußischen Staatsregierung beretts vor längerer Zeit einm Gesetzentwurf unterbreitet, über dm in diesem Blatt schon früher ausführlich berichtet wurde. Auf dem Verbandstag wurde nun von allen Seiten der Wunsch laut, die preußische Staatsregierung möge für eine baldige Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes rm Landtag besorgt sein. Insbesondere wurde von liberaler, Sette betont, daß neuzeitliche Amderungm von Gemeindestatuten. zumal wenn in ihnen das Fraumwahlrecht vorgesehen ist, bei der erforderlichen staatlichm Gmehmigung auf Schwierigkeiten stoßen, da die Neuregelung der gesamtm Materie noch aussteht. Aus den Gebietm der Wissmschaft des Judentums und der Wohlfahrtspflege subventioniert der Landesverband bereits seit seinem Bestehm zahlreiche Institutionen. Nm in dm Etat eingesetzt wurde vor allem ein Betrag von 30 000 Rm. -ur Schaffung einer jüdischen Arbeiterkolonie. (Vgl. auch „Umschau" in dieser Zeitung. Die Red.) Schließlich verdimt von dm Beschlüssm noch hervorgehoben zu werdm. daß die Legislaturperiode des «erbandstoges bis zum Heckst 1930 verlängert wurde, weil man Anläßlich des 25 jährigen Bestehens der Genossenschastsabteilungen der Dresdner Bank hat die staatswissensthaftliche Fakultät der Universität Halle, Herrn Direktor Wilhelm K.eemann, Mitglied des Borstandes der Dresdner Bank, in Anerkennung seiner Verdienste um das Genossenschaftswesen die Würde eines Ehrendoktors verliehen. Wir beglückwünschen den Schatzmeister der Bereinigung für das liberale Judentum zu dieser Auszeichnung. Direktor Sleemann hat neben seiner umsangreichen beruflichen Tä.izkeil jüdischen Fragen stets regstes Interesse entgegengebracht und wirkt seit einer Reihe von Jahren mit größtem Erfolg im Vorstand der Berliner jüdischen Gemeind«. Wie förderlich die Mitarbeit von Herrn Direktor Kleemann insbesondere auch den Interessen des jüdischen Milte.standes ist, mag der nachstehende Aufsatz zeigen, der vor kurzem im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin veröffentlicht wurde. Die Redaktion. Der jüdische Mittelstand in Handel und Gewerbe gehörte in der Vorkriegszeit zu denjenigen Wirtschaftsgruppen, derm Kapitalkraft im allgemeinen ausreichle, die Geschäfte im wesentlichm ohne fremde Hilfe durchzu führen. Als durch die JnflationSahre die Kapitalkraft Wetter Wirtschastskreife, vor allem diejenige des gewerblichm Mittelstandes, vernichtet wurde, teilten auch die jüdischm Gewerbetreibmdm das allgemeine Schicksal des gesamten Mittelstandes. Erst von dieser Zeit an wurdm die übrigen jüdischen Kreise gezwungen, sich mit der Notlage des jüdischm Mittelstandes Kleemann. zu befassen. Dadurch wurde auch wetterm Schichten erst bekannt, daß nicht nur in den Kreism des Handels, sondern auch in dm Kreism des Handwerks zahlreiche selbständige jüdische Wirtschaftsexistmzm befanden, die einen gewichtigen Teil dieser Berufsgruppm darstelltm. Diese Erscheinungen mußten sich vor allen Dingen in einer Stadt wie Berlin bemerkbar machen, in der ein erhebttcher Teil der deutschm Judm vereinigt ist und die außerdem durch die Abtretung der Provinzm Posen und Westpreußm einm Zuzug aus diesm einstmals dmtschm Gebietm erfuhr. In dm schweren Jahrm der Inflation und dm ersten Jahrm der Stabilisierung glaubte man, mit Wohlfahrtsmaßnahmm di.ser Notlage Herr werdm zu könnm. Dabei verkannte man aber, daß dm Kreism des jüdischm Mittelstandes, die niemals gewohnt warm, auf fremde Hilfe zu verträum, sondern eS verstanden hattm, sich durch eigme Tüchtigkett eine wirtschaftliche Ettstmz zu errichten und zu erhalten, durch solche Wohl ahrtsmrßnahmm aus die Dauer nicht geholfen werdm könnte. Die Erkmntnis, daß nur durch eine wirtschaftliche Förderung eine Gesundung der früher selbständigm Eistmen heckeigeführt werden rönne, setzte sich daher sehr bald durch. — Verhältnisse, wie sie sich jetzt im jüdischm Mittelstand bemerkbar machen, lagm beretts vor Jahrzehnten in den Kreism des christlichm Mittelstandes vor und hatten damals, zu der Gründung von Gonossmschastm geführt. Die erfolgreiche Arbett, die durch 633653

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