Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-01 · 5 (1.2.1929) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
5 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614005--3033-2620572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

9. Jahrgang Hummer 5 (MMYMMuI!^-eMWs Beilage 1. Februar 1929 keligiöser Sozialismus Von Rabbiner Tr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Um Mißverständinsscii oberßächlicher Leser vorzu beugen, 'vollen mir im Einklang mir ocn Ausführungen , des Ariilels beioneu, das; unter „Sozialismus" hier 1 weder eine bestimmte ökonomische Wissenschaft noch eine > bestimmte politische Einstellung verstanden werden soll. ..Religiöser Sozialismus" ist ein einheitlicher, eigener i Begriff. Tie Redaktion. i Als man ansin^u von evangelisch-sozialen Kongressen zu! sprechen, konnte man von jüdischen Kanzeln mehr als einmal hören: „Jüdisch, das ist sozial. Wir brauchen den Zusammenhang nicht zu betonen". Dieser Einwand klingt schr einleuchtend. Was könnte man unserer Religion mit ihrer Fülle von sozialen Vorschriften, ihrer Fülle von sozialen Einrichtungen, ihrer ausgebreiteten Wohltätigkeit durch das Wort sozial noch Neues nachsagen oder abfordern? Und nicht anders scheint es mit der Verbindung von religiös und sozial zu sein. Kann ein jüdisch-religiöser Mensch unsozial sein? Haben wir nicht die Predigt des Versöhnungstages? Gewiß, ein sozialer Mensch ist nicht immer religiös eingestellt oder will es jedenfalls nicht zugeben. Aber darum -handelt es sich ja bei unserm Ausdruck zunächst nicht. Und doch fiub alle Einwände nicht stichhaltig. Gewiß haben wir eine Fülle sozialer Einrichtungen und Gesetze, aber sie kreisen doch, nicht um das, was heute soziale Frage im eigentlichen Sinne heißt, was aus eine Lösung dieser Frage'abzielt oder mindestens auf Versuche zur Lösung. Gewiß ist unsere ganze Religion sozial, ist es so sehr, daß auch ausgesprochene soziale Kämpfer von heute sie in dieser Hinsicht rühmen. „In ihm (dem heutigen Sozialismus) liegt das ewige prophetische Wissen um Würde und Sinn." (Beyer, Ewiger und vergänglicher Sozialismus in „die Tat", Juli 1927;) „Das Qinjigc unb Alleinige, was die heiligen Schriften der Juden von allen anderen unterscheidet, ist ihre beharr liche Betonung der proletarischen Auflehnung, ihre wütenden Angriffe aus die Ausbeuter. Die wirklich geborenen Rebellen aller Zeiten waren die Juden." (Upton Sinclair, Religion und Prosit 1922.) Und doch' zeigen gerade diese Stimmen, wo der Kern und wo die Grenze des damalig Sozialen gelegen hat. Der Kern war letzten Endes ein soziales Helsen ein gelegentliches Eingreifen oder auch ein dauerndes Nachhelfen. Aber die Grundlage sollte damit nicht verändert werden, und konnte es auch! nicht. Dazu reichten alle Gesetze und Einrichtungen nicht aus. Es war ein großartiges Wohltun, es war ein glühendes Mitleid, es war eine leidenschaftliche Empörung gegen die Unsozialen da, die Verschwender und Ungerechten, die Schlemmer und Säufer. Aber all das führte doch schließlich zu keinem Versuch, auch nur Versuch, die Gesellschaft auf völlig veränderte Grundlagen zu stellen. Vielleicht kann man in gewissen wohlbekannten Dingen Ansätze sehen: im Zinsvekbot, in der Freilassung der Sklaven im 7. Jahr, im Schuldenerlaßjahr, das alle 7 Jahre, im Freiheitsjahr, das alle 50 Jahre wiederkehrte, dem Jahr, in dem auch der früher verkaufte Besitz an den Eigentümer zurückging. Sicher, scharf eingreifende Bestimmungen, energische Versuche, Kapitalsanhäufungen zu verhüten, Freiheit und Selbständigkeit jedes Menschen jicherzustellen, Bodenwucher entgegenzuarbeiten. At er ganz abgesehen davon, daß diese Gesetze in der Praxis vi l Wiederstand fanden, ja im Falle des Erlaßjahres sich als unmöglich erwiesen, lassen sich auch diese Ansätze nicht mit dem vergleichen, was heute als soziale Frage gilt. Es bleibt somit für den, der über- Haupt an diesen Fragen interessiert ist und der wissen möchte, wie weit unsere Religion dazu Stellung genommen hat, tatsächlich nur der Hinweis auf den sozialen Geist überhaupt übrig, der auch neuen Lösungsversuchen aus diesem Gebiete sein religiöses Recht gibt, es bleibt das ständig wache, immer wieder aufgkpeitschte soziale Gewissen der Führer. Aber es bleibt für einen religiösen Sozialismus freilich auch etwas anderes: die Feststellung und Betonung, daß ja schließlich die ganze alte Gesetzgebung eine religiöse, weil im Namen Gottes erlassen war. Das aber heißt ja nach unserer Auffassung, daß ein tief inneres Leben im Kreis all dieser Fragen vorauszusetzen ist, heißt, daß gerade auf dem Gebiete des Sozialen die freiwillige Ethik alles, die aufgezwungene nichts ist oder doch' nichts, was den Namen religiös rechtfertigte. In diesem Geist also werden wir den religiösen Sozialismus zu scheu haben, in diesem Geiste fragen müssen, weiche Aufgaben erwachsen unserer Religion :)ier. Unserer, denn auch hier ist ja festzustellen, daß wir den anderen großen Religionen reichlich nachhinken. Und man sage nicht, wo sind denn die jüdisch ei; Arbeiter bisher gewesen. Schon 1880/87 gab cs die ersten propagandistischen Arbeiterzirkel irr Wilna. (Philippsohn, Neueste Geschichte.) Schon 1892 gab es, wie Tartaiover erzählt, („Ter Jude" 1924) btu ersten Streik der Talcssimweber, die anfangs durchaus religiös waren. In Fällen von Streits wurde bei der Thora geschworen. Nach dem Sieg wurden Thorarollen gespendet. 1910 war der jüdische „Vorwärts" in Amerika die größte Arbeiterzeitung der Welt. Tie Tatsache, daß es sich hier zunächst um fremde Länder handelt, man deute auch an Englarid, spielt für uns hier keine Rolle. Die Frage, um die e* geht, ist doch gar kirn Frage des Arbeiters im engeren Sinne. Sie ist eine Frage aller derer, die cs auch in Deutschland nicht erst seir heute und gestern gibt, die Frage aller Abhängigen und Dienenden, aller Angestellten und Beamten, aller „Rei chen" und „Armeu". Wo und wann aber hätten uns diese Fragen mehr beschäftigt, als sofern es sich um Wohltun handelte, wo und wann hätte man - außer halb der .in jüdischen Verbänden oder rncht jü dischen zusammengeschlossener Sozialist eu von einem Eingchn aus die soziale Frage gehört, wo etwas von einem religiösen Sozialismus? Warerchaus um Warerchaus euistand, aber erst der jüdische Besitzer eines Warenhauses in Berlin mußte meiner Erinnerung nach die Anregung zu einem zweiten Freitagabendgottesdienst geben. Und noch heute gibt es Großgemeinden, die noch nicht einmal bis zu dkcscm religiösen Sozialismus vorgedrungen find. Als wenn hier nicht auch ein Mittel gegen die Mischehe läge. Wann sollen eigentlich diese jungen Menschen, die sich nicht für die Re form gemeinde entschließen, ihre religiöse Erste bung finden, wofern ihre Geschäfte am Säbbath geöffnet sind? Und gilt dasselbe nicht für die Feiertage, autz«r d-eu hohen? Und dabei handelt es sichdoch um viel mehr als um eine Stunde Gebet. Es handelt sich zunächst darum, den Beweis zu liefern, daß auch das Judentum religiös sozial sein will, d. h. den veränderten sozialen Verhältnissen Rechnung tragen ohne Rücksicht auf Brauch und Gesetz. Aber natürlich erschöpft das nicht den Kreis der Ausgaben, die das Wort religiös-sozial uns auferlegt. „Ter politische Sozialismus ist vom religiösen sehr verschieden", sagt Coudenhove-Kalerghi (in „Held und Heiliger"). „Ter eine will den Menschen ändern, der andere die Verhältnisse." Hier ist der Kern der Bewegung wohl glücklich gekennzeichnet. Es kann chm zunächst nicht darauf ankommen, sich einem bestimmten System der sozialen Rettung zu verschreiben oder einer Partei. Erst wenn er in diesem oder jenem System, dieser oder jener Partei am ehesten sein Ziel glaubt erreichen können, wird er fidj dafür entscheiden. Wesentlich aber blewt, daß er vom Menschen ausgeht oder auf ihn abzielt. Ter religiöse Sozialismus, auch der jüdische, wird sich fragen müssen, ob das Wohltun nicht doch nur eine Krücke ist, deren sich die Mensch^- heit, also auch das Judentum, nur deshalb bedienen muß, weil die Besitzenden sich, keineswegs zum größeren Teil jedenfalls - über ihre Pflichten gegenüber den Besitzlosen oder Minderbcsitzenderr oder Abhängigen klar sind oder wenn sie sich klar sind, es an der nötigen Energie fehlen lassen, an der nötigen Bereitwilligkeit zum Verzicht, an der Einsicht in die Bedürfnisse des Aermeren, an der Erkenntnis, wie allein schon der Unterschied im privaten Leben in Wohnung, Kleidung, Erholung - ein gewaltiger ist gegenüber dem anderen, auch wenn man auf „Wohltaten" Hinweisen kann, die man übt, und auf den „Spesenapparat", der alles angeblich' „verschlingt". Der religiöse Sozialismus denkt nicht an unbedingte Gleichheit und Beschränkung persönlicher Freiheit und Entschlüsse. Mer er kämpft dagegen an, dqß diese Ungleichheit und Freiheit immer nur dem materiell lieber legenen zugute kommen soll. Der religiöse Sozialismus möchte in die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern jeder Art das Wort Seele hineingctragen, das so manches Gesetz, so manchen Streik und manche Aussperrung überflüssig machen würde. Ter religiöse Sozialismus predigt „Entschränkung und Einschränkung". Entschränkung der ge fesselten Kräfte bei allen Abhängigen, Einschränkung der Ansprüche der Unabhängigen, Entschränkung der Fesseln, die in schlechten Löhnen, schlechten und unzureichenderl Wohnungen, unsicheren Arbeitsbedingungen, unsicheren Aussichten für das Alter liegen, Einschränkung der scheinbar selbstverständlichen Ansprüche des anderen auf Wohlleben und Genuß, nicht nur bei sich, sondern auch den Kindern schon. Entschränkung der Fesseln vor allem, die allen, wirklich allen Begabten und Veranlagten durch materielle Nöte in den Weg gelegt sind, Einschränkung der Freiheit, sich die Kultur und die Betätigung in ihr erkaufen zu können. Ter religiöse Sozialismus erhebt Anspruch darauf, auch in die Methoden des Geschäfts und der Fabrik und des Beamtentums und des .Handwerks und des Hauses gegenüber den Angestellten eindrmgen zu dürfen und diese Praktiken zu bekämpfen, soweit sie das Recht der Seele verletzen und dem nackten Egoismus des Besitzenden dienen, statt daß sie ein Dienst am Besitz sein sollten. Der religiöse Sozialismus berührt sich somit gewiß vielfach mit den prophetischen Predigten, aber er geht doch auch entschieden darüber hinaus, indem er seine Bemühungen mit denen vereinigt, die nach neuen Grundlagen in dem Verhältnis voil Kapital ulld Arbeit, Kapitalist ulid Arbeiter, Arbeitgeber und Arbeitnehmer suchen. Dieses dauernde Suchen ist das Wesentliche, nicht, wie betont, die Heiligsprechung irgend einer Theorie. Ter religiöse Sozialismus ruft gerade die Besitzenden immer wieder und wieder aus, möchte sic gerade zum Nachdenken, aber auch zu Taten veranlassen, möchte sie vor dem Zwang der Gesetze, dem Kampf der Parteien schützen. Möchte aber wenn er und solange er diese Einsicht nicht spürt, weiln und solange religiöse Einsicht nicht stark genug ist, dann ruft ulld auch das ist das Neue - auch er das MittÄ des Zwanges zu Hilfe, wendet sich an Parteien und stützt sie, soweit er glaubt, bei ihnen auf Verwirklichung seiner Ideale rechnen zu können. Und wenn alle Parteien versagen oder nicht genügen, kämpft er als „Bund religiöser Sozialisten" oder gar als religiöse Partei überhaupt, die dann freilich nicht bloß aui das Soziale Einfluß nimmt, aber doch auf dieses besonders. Längst haben die anderen das getan, wie man weiß. Und immer wieder findet man auch' erfreulicherweise auf der Seite derer, die es zunächst angeht, der Besitzenden, Stimmen, die diesen religiösen Sozialismus verstehen, Stimmen, die, ins Massenhafte gesteigert, einer Lösung der sozialen Frage gleichkämen, alte und neue Theorien überflüssig machten, umsomehr, als die so Sprechenden längst zu Taten übergegangen sind. Eine bedeutsame neue Veröffentlichung ist in dieser Hinsicht die Sammlung von Aufsätzen, die unter dem Titel „Der industrielle Friede" von Davis Lüddeke herausgegeben wurden. Achtzehn Stimmen werden vernehmbar, aus Deutschland und 'Amerika, darunter die bekanntester Industrieller. R. Bosch, („Zeige deinem Arbeiter und Angestellten, daß du ihn als deinesgleichen ansiehst") Ford, („Das rein Menschliche muß dem Geschäftlichen dienen... Doch genau so muß das rein Geschäftliche dem rein Menschlichen dienen") Rockefeiler stehen neben weniger Bekannten. Uns aber gehen hier besonders die fünf Aussätze an, die die Fragen in religiösem Lichte sehn. Schon der bekannte Filene macht nebenbei die Bemerkung: „Obgleich ich kein Kirchengänger bin, .so bin ich mir doch darüber klar, daß eine Verbesserung der Methoden der Produktion und Verteilung nur dann einen wirklichen Ausweg darstellt, wenn sie durchdrungen ist von religiösem Denken." Ausführlicher aber sprechen darüber: ein zum Prediger erzogener Vorsitzender einer Bekleidungsgejellschast, („Organisierte Kirche und organisierte Arbeiterschaft." Er unterscheidet zwischen jüdischer Kirche und lebendigem Judentum, zwischen christlicher Kirche und lebendigem Christentum. „Was verlangen wir eigentlich von der Kirche?" Sie soll sagen: , „Wir wollen ihr (der Arbeiterschaft) alle unsre Arbeiter betreffenden Fragen übertragen."), ein Sachwalter für industrielle Beziehungen, („Tie Arbeiter und die Kirche." „Zum großen Teil beruht die Verständnislosigkeit des Arbeiters für die Kirche auf dem Unvermögen des Geistlichen und seiner Gemeindemitglieder, des Arbeiters Seelenbedürfnisse zu begreifen, diese zu befriedigen und ihm das entsprechende Heilmittel zu reichen." „Tie großen Prediger des A. T., die Vorväter unseres eigenen Christentums, waren die Propheten. Sie Neideten ihre erhabenen Ideale in praktische Vorschriften.") ein Arbeiterchef, zugleich FakultätsMitglied und Mitglied der Nationalsynode („Was sollte die Kirche von der Industrie wissen." Eine Kenntnis der Gesetze der menschlichen Natur, der Gesetze und Tatsachen des Geschästslcbens sollte sie besitzen, die Möglichkeit der Neubewertung von G.schästsinter esjen ins Auge fassen.") endlich Davis selbst, der Theologie Welche Hausfrau kocht am sparsamsten auf Gas? Diese Frage soll in einem Reichswettkocheu, an dem Hausfrauen aus sämtlichen Teilen Deutschlands teilnehmen, anläßlich der großen Ausstellung „Gas und Wasser" 1929 entschieden werden. — Als Vorbereitung dafür finöcit für den Bezirk Wilmersdorf zwei Kochvorträge am Donnerstag, den 7. Februar 1929, 7'|2 Uhr abends und am Donnerstag, den 14. Februar 1929, 7'|2 Uhr abends, im Gasthof Mktoriagarten, Wilmersdorf, Wilhelmsaue 114-115 statt. Das Wettkochen folgt am Donnerstag, den 21. Februar 1929, 4’|2 Uhr nachm., ebendaselbst. Unterhaltungsmusik Preisraten der Zuschauer Eintritt frei GasbeKlebsgesellschast, _;;, /. Serlin S 42, $5&s 641452

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.