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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWch MeraleZeilmL Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. BeMg-pr-t» durch die Geschäftsstelle '^jährlich M. 2.50 «nzetnnmmer OJO. Bei freier Zusendung l Inland 0.25 J*c dir LMglleder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mtgliedsdeitrage enthalten, »«raatwsrtl. »edakteur: Bruas Wayda. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und GeschüstssteUe: Berlin SW 48, Withelmstr. 14? Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin 71W 7. 137069 (BereMgnng für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nnt mit vorhettger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene RonparaillezeUe 0.45* Goidmart. die Rektamezeue 3.00 Goldmmck. dei Mederhoiungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-Uberale Zeitung Ivseratenabteilnag: Berlin Sw 48. wilhelmstratz« 147 Nr. 3 Berlin, IS. Januar 1929 9. Jahrgang Zum LesfingZubilaum Warum wir Lessings gedenken müssen Von Prof. Dr. W. Kinkel Gießen. Am 22. Januar 1920 werden 200 Jahre vergangen jein, seit Gotthold Ephraim Lessing zu Kramenz geboren wurde; man wird diesen Tag, so hoffen mir, in ganz Deutschland als einen Ehrentag des deutschen Volles überall festlich begehen. In der Tat: nicht nur wir Deutschen, das ganze Menschen geschlecht hat Grund- Lessings in Danlbarleit zu gedenken. Die Gaben des echten Genies sind nicht für die Zeit, sondern für die Ewigkeit, nicht für ein einziges Land und Volk, sondern für jeden, der Menschenantlitz trägt. Wenn dennoch gerade wir Deutschen seiner mit besonderem Stolze nns erinnern, so kann dies schwerlich seinen Grund in dem Bewußtsein der physisch höllischen Zusammengehörigkeit allein haben: denn Lessing selbst hat uns ja gelehrt, daß auch jenseits der Landesgrenzen echtes Menschentum zu finden ist. Vielmehr sind wir ihm gerade deswegen zu so unausloschbarer Dankbarkeit verpflichtet, weil er das edle Gut humaner Gefinnnng in Deutschland heimisch gemacht hat; weit alle fr ine Werke Zeugnis ablegen für die Bestimmung des Menschen zur Gemeinschaft und zur Liebe. Lessing ist es gewesen, welcher den deutschen Oieist von tausend Fesseln und Banden befreit hat; welcher im Herzen des Deutschen das Bewußtsein seines eigenen Wertes dadurch geweckt und gestärkt hat, daß er uns lehrte, uns als ein Mied der großen menschlichen Gemeinschaft zu fühlen, ohne die die Völker so wenig bestehen können, wie es der Einzelne in völliger Isolierung vermag. Aus allen Gebieten der Kultur hat er die Fackel der Humanität voran getragen. In der Religion opferte er dem Geiste gegenseitiger Achtung aller Konfessionen; lehrte er uns begreifen, daß jede Religion entsprungen ist aus der Sehnsucht zu Gott. Seine Schrift über de Erziehung des Menschengeschlechts, sein Drama „Nathan der Weise" sind Grundbücher der religiösin Verständigung. In seinem Kamps gegen die Intoleranz und Gehässigkeit, gegen die geistige Borniertheit liegt der Keim der freien, menschlichen Gesinnung, von der wir heute zehren, ohne die wir heute nicht mehr leben könnten. Bedenkt man, wie damals, zu Lebzeiten Lessings, z. B. die Stellung der Juden war; wie aber auch die christlichen Konfessionen iu ständigem Haoer miteinander lebten (Katholiken, Reformierte, Lutheraner nsw.-; dann begreift man erst die Bedeutung Lessings für den Fortschritt der religiösen Kultur. Engherzigen Pfaffen, wie dem Hamburger Hauptpastor Goetze, rückte er mit geistigen Waffen derart zu Leibe, daß sie zum Gespött ihrer Mtt- und Nachwelt wurden; und indem er die Selbstsicheren, Geistesträgen sowohl durch seine eigenen theologischen Schriften, wie durch die Veröffentlichung der „Fragmente des Ungenannten" (H. S. Reimarus) aus ihrem dogmatischen Schlummer tveckte, zwang er seine Mitbürger zur Selbstbesinnung und Selbstkritik. So auch gab er durch seine ästhetisch-kritischen Schriften, den Laokoon, die Hamburger Dramaturgie usw., dem künstlerischen Genius unseres Volkes erst die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Man darf getrost sagen, daß es erst seit Lessing ein national-deutsches Drama gibt. Seine Wecke, Miß Sarah Sampson, Emilia Galotti, Minna von Barnhelm, und vor allem der Nathan, bezeichnen ebe.isovie.'e Stufen in der Entwicklung des deutschen Dramas. Ms Kritiker wie als Dramatiker gleich groß, hat Lessing den Schiller, Goethe, Meist usw. die Wege geebnet; von Lessing lernten sie nicht nur die Sprache, die dramatische Technik, sondern vor allen Dingen auch das richtige Verständnis für das Verhältnis von Bühne und Leben. Bor Lessing galt es in Deutschland noch für fast selbstverständlich, daß sich nur Fürsten und Herren als Helden der Tragödie eigneten. Zwar waren Engländer und Franzosen mit dem bürgerlichen Schauspiel vorangegangen (vor allen Diderot); in unserer Heimat aber war Lessing bahnbrechend. Bis er auftrat, erstickte der dramatische Genius der Deutschen fast in der Zwangsjacke der drei Einheiten (des Raumes, der Zeit, der Handlung), welche die Aesthetiker der tragischen Muse (unter irrtümlicher Berufung auf die Poetik des Aristoteles) angelegt hatten. Hatten auch die Schweizer Bodmer und Breitinger bereits gegen den Pedantismus eines Gottsched Sturm gelaufen, so waren doch auch sie noch nicht zur Erkenntnis des Wesens dn Dichtkunst vorgedrungen. Der Zopf, der hing ihnen hinten. Sir hatten vor allen Dingen das Charakteristische jcdrr e nzelnen Kunst nicht erkannt; der Dichter, so meinten sie, sollte mtt dem Maler wetteifern in der Schilderung der Natur. Die Malerei sei eine stumme Poesie, wie die Poesie eine redende Malerei. Darüber hinaus wuß en sie dem Dichter nur das Wunderbare als für feine Kunst charakteristisch anzupreisen. Run war freilich Lessing nicht der erste, der sich um die Feststellung der Grenzen der Künste bemühte (im Laokoon); äber sein Werk erst wirkte ins Weite. Keinen getreueren Tempelwächter konnte die Muse der Gelehrsamkeit und Dichtkunst haben, als unseren Lessing. Wo sich eine Clique auftat, die persönlichem Nutzen statt reinem Wahrheitsstrebens huldigte (wie die um den Geheimenrat Klotz); wo ein Stümper in's Reich der Dichtkunst einbrach (wie der Pastor Lange mit seiner Verhunzung des Horaz); - gleich war Lessing als ein echter Ritter des Geistes zur Stelle und beschützte die Muse und ihren Tempel. Von ihm, von Lessing, können wir noch heute lernen, was wissenschaftliche Polemik heißt: seine Objektivität, seine von Be scheidenheit und dennoch auch berechtigtem Selbstbewußtsein getragene Sprache, sein reiches Wissen und sein weiter B.ick stehen, überall im Dienste echter .Humanität, reinster Menschenliebe. Diese Menschen- und Wahrheitsliebe war cs auch, die ihn antricb, seine „Rettungen" zu schreiben; verkannte Männer der Vergangenheit im Gedächtnis der Weit zu rechtfertigen. Unbestechlich, von lauterstem Eharalter, verband Lessing mit der Geistesschärfe ein großes und gutes Gefühl für die notwendige Endlichkeit und Beschränktheit alles menschlichen Wirkens und Daseins. Das Testament Johannis gab den Wahlspruch seiner Wirksamkeit: Kindlein, liebet einander! Wahrlich, in einer Zeit, wie es die ist, in der wir leben müssen, tut uns ein Geist, wie derjenige Lessings, bitter not; damit wir wieder lernen, was es heißt Mensch sein; damit wir uns wieder in gegenseitiger Hilfe, gegenseitiger Achtung und Liebe erkennen lernen! Der echte Ring Das jüdische Urbild der Lefsingschen Erzählung. Von George Goetz. Bekannt ist, daß Lessing den Stoff seiner Parabel von den drei Ringen einer Erzählung des Boccaccio (Decameron 1,3) entnommen hat. Weniger bekannt ist, daß diese Erzählung schon vor Boccaccio Jahrhunderte lang in allen Kulturländern und -sprachen im Schwange war, freilich natürlich in sehr verschiedenen Fassungen und oft mit einer der von Lessing geforderten Toleranz geradezu entgegengesetzten Tendenz. Die älteste, und wie hinzugefügt werden muß, jüdische Fassung zeigt dem Forscher wieder den erhabenen und lauteren Geist positiver Toleranz, der dem Lessingschen Gedicht Unsterblichkeit verliehen hat. Ueber diese jüdische Ursassung berichtet der außerordentlich belesene, aber bei der Gestaltung seines Stoffes nicht immer glückliche Lessing-Biograph Erich Schmidt („Lessing", Berlin, 1899; Bd. II. 327 f.) folgendes: „Die Ringparabel des Juden Nathan ist, wenn nicht alles trügt, ums Jahr 1109 von einem spanischen Juden recht im Geiste seines Volkes erfunden und schon in mancherlei Fassungen durch die Lande getragen, auch handschriftlich festgehalten worden, bevor gegen Ende des 15. Jahrhunderts Rabbi Salomo ben Berga, Altes und Neueres zusammenraffend im S ch e b e t I e h u d a die erste und einfachste jüdische Gestalt für uns ausbewahrte: Pedro von Arragonien versucht eines Tages ans Rat seines Ministers, den im Ruf großer Weisheit stehenden Juden Ephraim Sanchus durch die Frage, ob Judentum oder Christentum die bessere Religion sei, in die Enge zu treiben. Eine heikle Frage das; denn mit christlichen Königen ist für den ohnmächtigen Juden, der Zwangstaufen und andere Gewalttaten als bündigen Abschluß solcher Re.igionsgespräche wohl kennen mag, schlecht disputieren. Hält er's mit seinem Moses, so schmäht er den gebietenden Fragsteller gibt er Christus den Preis, so verleugnet und verliert er den Glauben seiner Väter; drum darf er keine positive Antwort erteilen, sondern muß vor der schlau gestellten Falle als vielgewandter Hebräer mit überlegener «Ählauheit ausbiegen. Er sucht sich zunächst durch eine persönliche Nutzanwendung zu saldieren: unser Gott hat uns aus Aegypten in die Freiheit gefühtt; euer Gott hat euch die Herrschaft beschert; so haben wir beide allen Grurw, zufrieden zu sein. Aber Pedro läßt sich so nicht aüspeisen, sondern fragt wieder: welche Religion ist an und für sich die bessere? Ephraim erhält dreitägige Bedenkzeit, die ihm nicht fruchtlos verstreicht. Eme wohlüberlegte Komödie soll ihn decken. In scheinbarer Verwirrung eilt er vor den Thron und begründet diesen Zustand mit folgendem Geschichtchen: vor einem Monat habe sein Nachbar, ein Juwelier, im Begriff, eine weite Reise zu tun, die beiden Söhne durch Schenkung je eines kostbaren Steins getröstet; heut morgen nun hätten die Brüder ihn, den Ephraim, über Wert und Unterschied der Kleinode befragt und auf seine Erklärung, man müsse die Rückkehr des allein zuständigen Vater-Juweliers abwarten, geschmäht Tie Fortsetzung des Artikels Einige offenherzig« Bemerkungen zum Thema . Liberales Judentum" von Claude G. Monteffore, London, finden unsere Leser in der Beilage der heutigen Ausgabe. und geschlagen. Pedro meint, dies schnöde Benehmen der Söhne verdiene Strafe. Darauf der Jude: Möge dein Ohr hören, was dein Akund sagt; auch die Brüder Esau und Jacob haben jedweder einen Edelstem, doch willst du wissen, wem der bessere gehört, so schick einen Boten zum großen Juwelier da droben, der allein den Unterschied kennt. Mit solcher Antwort zufrieden, entläßt Pedro den Juden geehrt und beschenkt." Die säst mythische Ursassung des jüdischen Schriftstellers und die klassische Fassung des deutschen Dichters Lessing ergänzen einander aufs glücklichste. Die Rückkehr des Vaters muß abgewartet werden, heißt es im Schebet Jehuda. Aehnlich, jedoch mit einer Wendung ins Ironische, bei Lessing: „Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch von meinem Stuhle." Unrichtig ist aber die vielfache Annahme, daß Lessing die Frage, welcher Ring der echte sei, unbeantwortet lasse. Er sagt vielmehr ausdrücklich: „Ihr seid alle drei betrogene Betrüger; eure Ringe sind alle drei nicht echt; der echte Ring vermutlich ging verloren." Es ist üblich geworden, unter Berufung aus die Les singsche Parabel jeder menschlichen Lehre den Anspruch auf absolute Wahrheit abzusprechen. Das ist aber falsch. Gewiß: die Ringe sind alle drei nicht echt; aber: „Es strebe jeder von euch um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen." Das heißt: ans den Ring selber kommt nichts an, sondern auf den Menschen, der ihn trägt. Nicht der Ring, aber der Mensch muß echt sein. Streiten sich Moslemin, Juden und Christen, ob Freitag, Sonnabend oder Sonntag der „richtige" Ruhetag, ob arabisch, hebräisch oder lateinisch die „richtige" Geüetssprache seien, so sind sie alle drei betrogene Betrüger, ihre Ringe alle drei nicht echt; der echte Ring ist ihnen verloren gegangen. Die Rückkehr des Vaters muß abgewartet, ja muß herbeigeführt werden, der Geist des „verreisten" Vaters muß sich.bar und fühlbar im praktischen Leben werden: dann sind alle „Ringe" echt, dann erweist sich jede Religion als wirksames Mittel zu dem einen Zweck aller Religion. Das ist der Geist der positiven Toleranz, den die Orthodoxen aller Bekenntnisse am Tag der Lessingfeier zu lernen haben. Keine Religion ist alleinseligmachend; alle wahre Religion ist seligmachend. Lessing zu Juden und Judentum Von Dr. Elise D o s e n h e i m e r. „Dem Deutschen", sagt Hermann Hüttner in seiner Geschichte der Literatur des 18. Jahrhunderts, „geht das Herz auf, wenn er von Lessing spricht. Richtiger wäre vielleicht, jedenfalls heute mit der Einschränkung zu sagen, dem deutschen Juden geht das Herz auf oder sollte es aufgehen, wenn er von Lessing spricht. Denn in der Zeit nach Hüttner, der dies Mtte der 60er Jahre schrieb, glaubte man im allgemeinen Besseres zu tun zu haben, als den hohen Ideen eines Lessing nachzugehen, das Jahrhundert des Imperialismus, Militarismus und darauffolgenden Weltkrieges war der Humanität, dem Weltbürgertum Lessings und der ihm folgenden Klassiker nicht allzu geneigt. Lessing, kritisch und schöpferisch bahnbrechend in der Literatur, war es auch nach der Seite der Gesinnung und Weltanschauung. In einer Zeit unglaublicher Enge und Dumpfheit des bürgerlichen Lebens, höfisch-politischen Absolutismus, erstarrter Gelehrsamkeit, orthodo er Intoleranz und kleinlichen Buchstabengezänks der Konfessionen war Lessing der erste freie und selbständige Mensch, der Mensch, der nach seinem eigenen Gesetz lebte, lieber darbte und hungerte als ein Amt annahm, so lange es äußerst ging und auch dann noch stets der blieb, der er war. Diese Freiheit und Vornehmheit seiner Persönlichkeit, die im Gegensatz zu jedenfalls einem Teil seiner Werke über jede „historische" Wertung erhaben, dauern und zu stets erneuter Bewunderung Hinreißen wird, bestimmt auch sein Verhältnis zu Juden und Judentum. In einer Zeit, die den Juden noch mit Ausnahmegesetzen umgab, die ihn nur oder kaum duldete, politisch und gesellschaft.ich, die das Jnstitut des „Schutzjuden" hatte, war Lessing der erste moderne, im besten Sinne moderne Mensch, der, während für' andere der Jude als geistiges Wesen überhaupt gar noch nicht existierte, mit Juden aus geistig und gesellschaftlich völlig ebenbürttgem Fuße freundschaftlich verkehrte. Wir können sie nicht alle im Einzelnen aufzählen, diese jüdischen Freunde und Schützlinge Lessings, an dem Verhältnis zu dem einen, bedeutsamsten, symboliett sich zur Genüge diese Seite seines Menschentums. Wir wissen, wer dieser eine bedeutendste war: Moses Mendelssohn. Moses Mendelssohn, wie Lessing 1729 geboren, in Dessau als der Sohn eines armen Lehrers, zuerst nur jüdisch, aber gründlich gebildet, in Talmud und jüdischer Philosophie beschlagen, seit 1743 in Berlin, „wo die Juden von Friedrich II. nur als brave Steuerzahler geduldet und geschröpft wurden", 1« 50 Hauslehrer, 1754 Buchhalter, wurde mit Lessing um diese Zeit herum bekannt. Er hatte sich unterdessen auch im weiteren Geistesleben umgesehen, moderne

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