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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-11 · 2 (11.1.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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IMchMerakZeMng Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Mq»ß»prei» durch die GefchSstsstelle '/«jährNch 2R. 2.50 liuzelnummer 0.20. Bei freier Aufendung l 3nlonb 0.25 Igk die RlUglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MUgliedsdettrage enthalten, »ereutwortl. Ledalteur: Bruno woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Verlin SV 4S. Vilhelmftr. 147 Aernruf: Bergmann SSSS. 3359 Postscheckkonto: Berlin BW 7, 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentums Bachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Bouparaillezeile 0.4b Goldmark. die Reklamezeue 3.00 Goldmart, bei Diederholungeu Rabatt. Anzeigenannahme: »jüdisch-liberale Zeitung' Inleratenabteilung: Berlin SB 48» Dilhelmstrahe 142 Br. 2 Berlin. 11. Januar 1929 9. Jahrgang einige offenherzige vemermngeu zum Thema ..Liberales Judentum" Von Claude G. M Die Liberale Organisation Londons ,,The Jevvish Reügious Union for the Advancement of Liberal Judaisni*' veröffentlicht von Zeit zu Zeit zu aktuellen jüdischen Fragen Broschüren ihrer Führer, „Papers kor Jewisli People“. Bor kurzem erschien in dieser Sammlung eine Schrift von Claude G. M o n t c - siore, dem Präsidenten des Weltverbandes snr religiösliberales Judentum, unter dem Titel ,,Some Rough Notes About Liberal Judaism. In dieser Schrist nimmt Montesiore im Anschluß an die im letzten Sommer in Berlin abgehaltene Wellkonsercnz des liberalen Judentums zu den Grundsragen unserer Weltanschauung Stellung, wobei er sich unter Bezugnahme ans die iil der Jüdisch liberalen Zeitung stattgesundeue Diskussion insbesondere auch gegen die Darstellungen der Rabbiner Tr. B a e ck und Tr. Wiener aus der Berliner Kon - serenz wendet. Die Ausführungen Montefiores inerden gewiß auch in unfern Kreisen starkes Interesse finden, wir geben sic deshalb (mit einigen Kürzungen) in deutscher Uebertragung hier wieder. Die Uebersetzung aus dem Englischen übernahm freundlicherweise das Mit glicd des Arbeitsausschusses der Bereinigung für das liberale Judentum, Herr Direktor Hugo Ostberg. Die Schrifüeitnng. „Wieder eine Abhandlung über Liberales Judentum? Haben Sie darüber nicht schon genug geschrieben?" Nun, vielleicht habe ich das für diejenigen getan, die zu meinen Lesern zählen. Aber angeregt durch die liberale Weltkonferenz in Berlin möchte ich zu meinem eigenen Vergnügen «nd im eigenen Interesse wieder darüber schreiben. Ich! fühle mich dem Künstler verwandt, der, eines schönen Modells habhaft, beständig daran denken muß, daß es immer uoch Ächsdrucksformen seiner Schönheit gibt, die er noch nicht skizziert hat, oder solche, die erst von ihm enthüllt werden müssen. Worin besteht das Wesentliche, der Kern des liberalen Judentums? Ich sehe als das Wesentliche den leidenschaftlichen Trieb oder Wunsch nach Wahrheit, Beständigkeit und Einheitlichkeit au. Es handelt sich um eine unerschrockene, ja manchmal eine quälende Sehnsucht, eine Sehnsucht nach Wahrheit, die den ganzen Bereich der Religion umfaßt, einen Wunsch nach! wahrer Lehre, der die äußere sichtbare Fornr zu einer getreuen, wahrhaftigen Verkörperung oder Darstellung der inneren unsichtbaren Wahrheit machen will. Die Ermittlung und die Erforschung der Wahrheit der Lehre, die Uebereinstimmung von Fornr und Inhalt im Interesse der Wahrheit, diese beiden Zwillingswünsche scheinen mir das Wesentliche des liberalen Judentums zu enthalten. Natürlich verursachen diese Wünsche mancherlei Komplikation. Sie schließen einigen Zweifel in sich an der Wahrhaftigkeit der Religion, wie sie gegenwärtig besteht; sie schließen in sich den Glauben, daß Religion nichts Statisches ist, daß sie vielmehr etwas Fortschreitendes bedeutet, daß keine Religion (die eigene inbegriffen) die vollkommend Wahrheit enthält, ohne Fehler oder Unzulänglichkeiten, den Glauben also, daß die wahre Lehre erfaßt werden muß als mehr oder weniger unvollkommen und daß ihre Folgerungen und Ergebnisse nur mehr oder weniger klar erkannt und bestimmt werden können. Die Leidenschaft zur Wahrheit und die Pflege der Wahrheit im Dienst des Gottes der Wahrheit, der Wunsch nach Harmonie und Einheit in der Verehrung des einzigen, einen Gottes: diese Leidenschaft, diese Ausbildung des Geistes und dieser Wunsch bedeuten das Wesentliche des liberalen Judentums. Alles, was wir zur Aenderung der Lehre und der Form unternehmen, hat diesem Trieb nach Wahrheit und Harmonie unterworfen zu sein, diese Abhängigkeit ist der endgültige Schiedsrichter. Wir wissen, daß es in menschlichen Dingen und besonders in Gruppenangelegenheiten — in einer Gemeinschaft, in der ja nie alle das gleiche denken und sich nicht alle auf derselben Ebene des Wissens, der Fähigkeiten und der Kultur beftnden — nur allmählichen Fortschritt und Kompromisse geben kann. Wir wissen auch, daß andere Erwägungen hinzukommen: Gefühl; der Anspruch der Geschichte und der Tradition; Gewohnheit, Pittoreskes, Aesthetisches und eigene Art; alle diese Dinge sind gut in ihrer Weise und bis zu einem gewissen Grade, aber Wahrheit und Harmonie (Harmonie ist nur eine Phase der Wahrheit) sind wertvoller als sie und letzten Endes zwingender als sie. Kritiker und Gegner sprechen von unnützen Aenderungen oder trennenden Neuerungen. Die Antwort ist immer dieselbe: Die Wahrheit kann solche Aenderungen Zwingen, auch wenn das Innere füfy gegen sie sträubt. Es gibt, so glaube ich, eine Geschichte: Als der große Holdheim zum ersten Male Schinken aß, konnte er dies o n t e f i o r e, London. nur mit Schwierigkeit tun. Die Nahrung war ihm zuwider. Aber er fühlte, er mußte sie im Dienste der Wahrheit und Ehrlichkeit zu sich nehmen. Er hatte seinen Ekel und sogar eine Art atavistisches Grauen zu besiegen. Die Wahrheit zwang ihn. Ob in diesem besonderen Falle der große Reformer recht oder unrecht hatte, mag hier uncrerörtert bleiben. Aber selbst, wenn die Geschichte nur gut erfunden sein sollte (ben trovato), so zeigt sie doch, wo die Triebfeder dessen liegt, was oftmals nur als „pietätlose Aenderung", als „Wechsel um des Wortes willen" betrachtet wird. Die Triebfeder ist der Wunsch nach Folgerichtigkeit und Wahrheit. Wahrheit für den Juden von heute ist Schöpfung aus Vergangenheit und Gegenwart. Sie ist das Erzeugnis eines Attischen Denkens, das nie zur Ruhe kommt. In diesem Sinne wird und muß das liberale Judentum immer eine Tendenz, eine Bewegung sein. Jede Generation des libty raten Judentums wird ohne Zweifel und unabwendbar den Gedanken ihrer Zeit widerspiegeln und zum Ausdruck bringen. Wie könnte das Judentum sonst weiter bestehen? Leben ist Bewegung, Entwicklung: Wahrheit ist keine konstante Größe, die in einem bestimmten Jahre ermittelt und offenbart wird. Maimonides spiegelte das Denken seiner Zeit wieder und entwickelte es weiter. Dasselbe tat Thomas von Aquino. Aber ist es nicht der Irrtum der jüdischen Orthodoxie wie auch der päpstlichen Sfurie, daß sie sich an die Zeit des Maimonides und des Thomas von Aquino gebunden erachten? Maimonides starb im Jahre 1294, Thomas von Aquino im Jahre 1274. Wir sind seit ihren Zeiten weit vNrangeschritten, und Glaubensbekenntnisse, die ihnen genügten, oder solche, die man aus ihren Worten errichtet haben mag, genügen uns nicht nrehr. Denn die Religion beansprucht das gesamte Leben als ihr Gebiet und alles Leben ergreift sie. Das, was du zu beeinflussen forderst, wird seinen Einfluß auch auf dich ausüben. Vielleicht mag die vorangegangene Beschreibung des liberalen Judentums zu abstrakt erscheinen. Lassen Sie mich darum versuchen, seine Natur in Nachstehendem auf eine einfachere und konkretere Weise zu beschreiben. In der Ueberzeuguna, daß das orthodoxe Judentum als religiöses Ganzes zusammengebrochen ist, daß nur Bruchstücke — ungleichartig und unharmonisch übrig gcb.ieben sind, macht das liberale Judentum einen Versuch, das Judentum zu einer lebendigen, wirksamen, in allen Teilen harmonischen und beständigen Religion zu machen. Man kann fragen: Warum ist das orthodoxe Judentum zusammengebrochen? Oder: In welcher Hinsicht ist es zusammeng ebrochen? Es ist zertrümmert in seinem Dogma. Die neuere Bibelkritik hat seine Position, wonach es auf einem homogenen mosaischen Gesetz beruht, unhaltbar gemacht. Weiterhin ist es hinsichtlich seiner philosophischen Grundlage zerschlagen. Das Gesetzist nicht nur nicht mosaisch, sondern es ist, i m alten o rthod oxen Sinne, nicht göttlich. Kein’Buch, fein Koder ist im alten orthodoxen Sinne göttlich. Weiterhin ist es im alten orthodoxen Sinne weder nach der moralischen noch nach der religiösen Seite hin vollkommen. Es enthält ein Gemisch von schr Gutem undsehr Wahrem mit weniger Gutem und weniger Wahrem und mit für uns überhaupt nicht Gutem noch Wahrem. Unsere Begriffe von Ofenbarung und Inspiration in Bezug auf den Pentateuch haben sich über die Vorstellungen von Maimonides hinaus entwickelt. Weiterhin hat sich die religiöse Perspektive verändert, teilweise infolge der Kritik und teilweise infolge einer Veränderung unserer religiösen Anschauungen und Ideen. Es existiert noch ein gesetzlicher Bestandteil im Jud ntum, aber dieser ist für das liberale Judentum weniger bestimmend als in der Orthodoxie. Das Zeremonialgesetz ist für uns nicht mchr göttlich, autoritativ und binderd. In mancher Hinsicht stchm für uns die Propheten über dem Gesetz und wir übertragen den Unterschied, den sie*zwischen der Moral und dem Zeremoniell in der Religion machen, auf die Moral- und Zeremonialgebote des Gest es. Es gibt ein gesetzliches Clement ini liberalen Judentum. Wir haben Raum für Ge>'. Aber das liberale Judentum ist viel weniger eine Gesetzesreligion als das orthodoxe Judentum. Die Entwi klung des Den'ens hat außerdem andere Veränderungen verursacht. Unsere Anschauung über die Stellung der Frau innerJa b der Religion ist von dn Anschauung der Orthodoxie schr verschieden. Auch vermögen wir viele orthodoxe Regeln nicht zu bil igen, die Scheidung und Ehegesetze betr.sfen. Der Unterschi d zwischen Priester und Laien ist für uns bedeutungslos, jo widerwärtig geworden. Die Idee der Wiedereinführung von Tieropfern in einem messianischen (!) Zeitalter ist für uns empörend. Der wahre Charakter alter und priesterlicher Idee» über äußerliche Reinheit und primitiver Verbote über Nahrungsmittel ist uns durch historische Untersuchungen offenbar geworden; unsere Stellungnahme zu den Gesetzen des Pentateuch, die diese Ideen und Verbote darstellen, ist eine neue und zwingt nun zu einer neuen Haltung hinsichtlich der Frage der Beobachtung oder Verletzung diestr Gesetze. Weiterhin ist für die Liberalen (obgleich nicht für alle) die Religion ein Begriff geworden, dessen Wesen übernational ist. 'Die absolute Gerechtigkeit Gottes ist ein Teil seines' sittlichen Wesens, so wie wir es verstehen. Israel ist nur zum Dienst äuserwählt. Wir wünschen, daß, sowohl in der Lehre als in seiner Gestaltung, das Judentum allmählich eine Religion werden soll, die für viele Völker paßt und nicht nur für eines. Die Juden bilden nicht mehr eine Nation föntet it eine religiöse Gemeinschaft. Judentum ist eine historische Religion mit liebevollen Erinnerungen, aber diese lnbevolleu und wehmütigen Erinnerungen können auch den Kindern und Enkeln von Proselyten teuer werden. Das Tor für Ncnhinzukommcnde muß breiter und freier geöffnet werden. In der Praxis wiederum ist das Orthodoxe Judentum zusammengebrochen, teils als Folge des Zusammenbruches seiner Dogmen, teils als Ergebnis moderner Zustände, von denen einige gut und einige nicht gut send. So haben wir die Fragen des Sabbats, der Speisegesetz?, des Hebräischen im Gottesdienst ustv. Das Chaos und die Verwirrung sind groß. Gros; ist auch der Zusammenbruch. « Man war also genötigt, ein neues Ganzes aufzurichten, ein neues harmonisches Ganzes der Lehre und der Form. Das ist die Aufgabe des liberalen Judentums. Oder auch, das ist das, was liberales Judentum ist oder versucht zu sein; ein neues harmonisches Ganzes der Lehre und der Form. Nicht ein vollkommenes Ganzes: das kann es nicht sein, und es weiß nicht nur, daß es das nicht sein kann, es tut ihm noch nicht einmal leid, daß dies nicht möglich ist: denn es ist ein Teil des Denkens der Zeit, welches das liberale Judentum auf nimmt und in sein Gewebe mit!hrnernwebt, denn Religionen müssen wachsen und sie müssen nach einer Vervollkommnung streben, zu der sie sich nur nach und nach heranbrwen können. * Dieses Ganze, dieses Harmonische, das aus Lehre und Form besteht, muß in einem höheren Sinne sich der Welt anpassen und den Zeiten und Umständen angemessen sein, in deren Mitte wir leben. Dr. Baeck verwarf auf der liberalen Konferenz einen Liberalismus, der nur danach strcht, zeitgemäß zu sein. Aber es gibt einen niedrigeren und einen höheren Sinn, in dem das Wort zeitgemäß gebraucht werden kann, und ich hoffe und glaube, daß dieser so ausgezeichnete Gelehrte, Redner und Lehrer und liberale Jude es nicht in dem Sinne verwerfen wird, den kfy ihm gern geben möchte. Denn mit „zeitgemäß" meine ich lebendig, offenen Auges, dem Notwendigen entsprechend. Was z. B. Formen anbelangt, so scheint es mir sowohl gerecht als auch zeitgemäß zu sein, wenn das liberale Judentum den Druck wirtschaftlicher Tatsachen erkennt und Sopdergottesdienste an Sonnabendnachmittagen oder an Sonntagvormittagen veranstaltet. Es ist sowohl richtig als auch zeitgemäß, wenn das liberale Judentum erkennt, daß man die Muttersprache für den größeren Teil der Gebete verwenden muß, gleichviel, ob es uns lieb ist oder nicht, wenn ein außerordentlich großer Prozentsatz erwachsener Westjuden und -jüdianen keine oder nur eine geringe Kenntnis des Hebräischen hat. Wenn wir weiterhin erwägen, wie heutzutage viele Leute durch das Schöne der öffentlichen Gottesverehrung angezogen und durch Häßlichkeit zurückgestoßen werden, ist es richtig und zeitgemäß, daß das liberale Judentum Orgel und gepflegten Gesang, Wechselgesänge und Hymnen in der Landessprache eingeführt hat. Was die Gebräuche anbelangt, so scheint es mir lebhaftes Empfinden für das Lebendige zu zeigen und im richtigen Sinne zeitgemäß zu sein, wenn das liberale Judentum verlangen würde, daß die Gebräuche, welche für das Leben des Individuums beibchalten und empfohlen werden, nicht nur der geeignete Ausdruck von Lehren sind, an die man wirklich glaubt, sondern auch eine Form und einen Charakter besitzen, von denen man mit Wahrscheinlichkeit annehmen kann, daß Kinder sie gern erfüllen werden und daß sie sie noch ausführen werden, wenn sie erwachsen sind. Es ist zeitgemäß und dennoch recht, wenn das liberale Judentum bei seinen Empfehlungen von Bräuchen oder Zeremonien für das Heim die Bedingungen beachtet, in denen die Kinder gegenwärtig leben, und in denen sie leben werden, wenn sie auswachsen; das umso mehr, wenn diese Bedingungen im ganzen betrachtet unseren Wünschen für ihr Leben entsprechen. ' Dies alles geht darauf aus, zu erweisen, daß das liberales Judentum danach strebt, eine lebendige Rettnon zu sein, lebendig den Tatsachen gegenüber und entsprechend all.m Notwendigen. Es ist ferner zeitgemäß, Mißtänd' zu reformieren, wie „Get" und „Chalitza?)", und Erpressungen z» verhindern. Das ist z. B. sowohl höchst zeitgemäß als auch äö-chst wünschenswert. Eine a lge.neiue Reform der rabbinischen Heirats- und Scheidungstzesetze würde Z ugnis dafür oblegen, daß man den Anforderungen der Wirklichkeit ver-

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