Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 52 (29.12.1928)
- Date
- 1928-12-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Daß die Minister die Reformpläne nicht durchsetzten, zu denen sie sich Nathan gegenüber bekannten, war Schuld der höfischen Kamarilla, die die Zarenpuppe an ihren Drähten zog. Nathan erschien den Ministern, wie einer von ihnen bekennt, als ehrlicher Mittler, der, zunächst auf einem Teilgebiet, zwischen Regierung und Volk Frieden stiften wollte. War der Ausschnitt des großen russischen Problems, den er behandelte, auch nur klein, so rührte er doch an die Lebensfragen des gigantischen Reiches. Mancher der Staatsmänner, mit denen er verhandelte, mag eine Empfindung dafür gehabt haben, daß dieser Arzt aus Deutschland, der so klug und so überzeugend die Humanität als das beste politische Medikament empfahl, den: kranken Ricsenkörper eine heilbringende Medizin verschrieb. War es zu spät? Fehlten Einsicht und Wille? Im September 1906 wurde das Warschauer Judenviertel Schauplatz eines neuen Gemetzels. Hundert Tote und mehrere hundert Verwundete waren die Opfer, und die Kanonen, die man dann zu spät auffuhr, zeugten von der Unfähigkeit einer Regierung, die die Dinge so weit treiben ließ. Am 31. Dezember 1906 legte der Ministerrat dem Zaren den Entwurf eines Manifestes vor, das wenigstens die die Juden beschränkenden Bestimmungen von 1882 aufheben und Landpachtungen im Rayon gestatten sollte. Der Zar wies auch diese bescheidenen Vorschläge zurück und verhinderte den Beginn einer Reform, die vielleicht nicht nur den Juden geholfen hätte. Das Iudenproblem ln Sowjet-Rußland Im Dezemberheft des Gemeindeblattes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin schildert Herr Dr. Jsmar Freund weiterhin die auf seiner Rußlandreise gemachten Bcobach tungen. Er behandelt nunmehr vornehmlich die religiöse Frage. Der nachfolgende Artikel behandelt die von Tr. T Freund mit apodiktischer Sicherheit vorgetragen eil Schlußfolgerungen. Wir vertveisen auch auf die Ausführungen in Nr. 42 und Nr. 49 zu den Freundschcn Thesen. Die Red. „Wir sind eine Mindecheit inmitten einer retigös an ders orientierten erdrückenden Mehrheit, müssen naturgemäß unseren Bedingungen von außen empfangen, können uns nicht jüdisch ausleben, und müssen daher mehr oder minder religiös verkümmern." Herr Dr. Freund findet solche Einstellung verständlich, aus ihr beruhe die ganze nationaljüdische Bewegung, die djtm aus dem „Golus" herausstrebe, um in einer geschlossenen jüdischen Gemeinschaft die Voraussetzung für eine freie TutturelXe und religiöse Entwicklung zu schaffen. Die Quelle dieser Einstellung habe er in Rußland studieren wollen. Er hat studiert und hat einen niederdrückenden Eindruck gewonnen. Er fand die Synagogen leer, am Sabbat wurde gearbeitet, Religionsunterricht wird nicht erteilt, um koscher und trefe und kümmert man sich meistens nicht. Er gibt zu, daß die religiösen Zersetzungserscheinungen nicht erst unter der jetzigen Regierung entstanden seien, soirdern bereits früher eingetreten wären. Er hofft, daß die Erscheinung vorübergchen werde. Die Alten hingen noch am Judentum, sie seien durchaus religiös eingestellt und lebten nach alter Weise. Mer sie sähen ihre Welt versinken, hoffnungslos, und dankten chnem Schöpfer, wenn man sie gewähren ließe. Die Jugend fei kommunistisch, atheistisch, antireligiös. Wenn die Entwicklung, wie sie im Flusse sei, sich hemmungslos weiter vollziehe, dann sei, wenn das alte Geschlecht gegangen, in 10 oder 20 Jahren das russische Judentum als religiöser Begriff gewesen. Wenn man dieses liest, dann glaubt man, einen der altfrommen Rabbiner vor 100 bis 150 Jahren über die damaligen Zustände in Deutschland reden zu hören, wörtlich dasselbe hätte er damals geschrieben haben können. Mußte Herr Dr. Freund erst nach Rußland reisen, um derartige Beobachtungen zu machen? Konnte er nicht auch in Berlin fast leer stehende Synagogen finden, wird nicht auch hier am Sabbat gearbeitet, gibt es nicht auch hier zahlreiche Kiirder, die ohne Religionsunterricht bleiben und noch zahlreichere Erwachsene, die sich um Speisegesetze nicht kümmern? Möchte Herr Dr. Freund deshalb dem Gros der Berliner Juden vorwerfen, es sei nicht religiös eingestellt oder gar antireligiös? Und ist denn früher in den russischen Kreisen, die er rm Auge hat, überhaupt Religionsunterricht erteilt worden? Die Kinder wurden ins Eheder geschickt, lernten hebräisch lesen und schreiben, auch etwas Ueberse'.eii der G bete und der Thora ins Jiddische, erlernten auch zu Hause die religiösen Gebräuche — aber Religion? Davon haben sie ebensowenig etwas gehört, wie unsere Vorfahren in Deutschland vor 150 Jahren. Damals hier, vor dem Kriege noch in weitesten Kreisen Rußlands, bestand die „Religion" ausschließlich in Ausübung der religiösen Vorschriften und Gebräuche. Fünfzig Jahre lang bin ich sehr viel mit russischen Juden in Berührung gekommen, mit Ehafsidim und Misnagdin, auch mrt vielen, die mchr als Eheder-Bildung hatten. Aber ihr ganzes religiöses Denken und Handeln bestano stets nur in mchr oder minder sorgfältiger Beobachtung der Gebräuche. Aber Religion? Davon wüsten s-e nichts, davon wollten sie auch nichts wissen, danach auch rüchl handeln. Ich muß allerdings zugestchen, das; die meisten russischen (und russisch-polnischen und galizischen) Juden, die ich infolge meiner amtlichen Tätigkeit näher lenneu gelernt habe, wohl nicht der Elite der Jlwenheit ihrer Heimatländer angehört haben mögen. Wenn die gesamte Judrnheit dieser Länder auf solchem Standpunkt stände, wie die Mehrzahl der Einwanderer seit den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dann wäre die fragende Bemerkung des Herrn Dr. Freund: „Was es bedeuten würde, wenn es wirklich einmal dahin kommen sollte, daß das religiöse Reservoir des Ostens versiegt.'," mit zwei Worten zu beantworten: Kein Unglück! Es kommt auf die Qualität an, nicht auf die Quantität. „Wir sind eine Minderheit und müssen naturgemäß inifcre Bedingungen von außen empfangen," also uns anpassen, uns entwickeln, — uns und unsere Religion. Das ist ganz der Standpunkt des liberalen Judentums. Aber „können uns nicht jüdisch ausleben und müssen daher mehr oder minder religiös verkümmern?" Nein, das ist ganz gewiß nicht richtig, wenigstens für uns liberale Juden. Wir können uns jüdisch aüsleben, allerdings nicht im Sinne des Schulchan Aruchs, und leben uns auch jüdisch — aber nicht ghettonräßig — aus; wir müssen auch nicht nur nicht religiös verkümmern, sondern wir wollen im Gegenteil neues, wirklich religiöses Leben erwecken und verbreiten und glauben, mit diesem Willen und Wollen auch schon große Erfolge erzielt zu haben bei Alter und bei Jugend. ■p*'' Als vor rund 100 Ja.jren Auftlärung und Emanzipation sich über die deutschen Juden ergoß, da gab es Propheten obwohl seit 1858 Jahren nur noch Kinder und Narren prophezeien — die den Untergang des deutschen Judentums voraussagten. Sie haben sich als falsche Propheten erwiesen, das Erwachen des Liberalismus und das Eutstchen der Wissenschaft des Judentums hat sie überführt. Auch damals haben die Alten ihre Zeit nicht begriffen, und rat- und tatlos bei Seite gestanden. Die Folgen waren damals massenhafte Uebrrtritte, heute in Rußland Atheismus. „Er gedenkt der Sürrden der Väter an den Kindern bis ins vierte Geschlecht", es ist Schuld der Alten, wenn die Jugend religiös verkümmert. Die russischen Juden weiden aus sich die jetzt gewiß vorhandene Krise überstchen müssen und zu neuer, wirklich religiöser Auferstehung gelangen, wenn auch ohne Eheder und ohne frühere Sitten und Gewohnheiten. Wir sind immer „eine Minderheit inmitten einer religiös anders orwntiertcit erdrückenden Mehrheit" gewesen, sind aber nicht erdrückt worden, blieben bestehen und werden bestehen bleiben, bis unsere Mission erfüllt sein wird. Ob, nach Herrn Dr. Freunds Ansicht, die ganze nationaljüdische Bewegung auf dem im Anfang seiner Abhandlung in Paranthese angeführten Satze beruht, weiß ich nicht, dafür fehlt mir das Verständnis. Aber ich weist 'daß es auch in Palästina Ehalurim-Kolonicn gibt, in denen keinerlei religiöses Leben herrscht. Also kann man auch aus dem geeignetsten Boden „mehr oder minder religiös verkümmern". Auch mr Londoner Eastend und im New Dörfer Judenvrertel dürfte Herr Tr. Freund ähnliche Zustände vorfinden können, brauchte auch nicht dorthin zu reisen, um Studien zu treiben, es würde genügen, die Werke Israel Zangwills zu lesen. Ganz und gar verstehe ich nicht, weshalb solcher Aufsatz gerade in der Ehanukah-Nummer des Gemeindeblattes erscheinen mitßte, zu dem Feste, das wir feiern als Erinnerung an die Errettung aus einer der größten Gefahren, Die dem Judentum je gedroht haben, einer wahrscheinlich größeren, als die jetzt in Rußland vorliegen mag. Joseph Kauffmann. Worin das Judentum dem Christentum überlegen ist Der folgende Artikel stellt «inen Auszug aus einer Predigt von John Hahnes Holmes, Prediger der Gemeinschaftskirche in New Dort, dar. Diese „Gemeinschaftskirche" ist nach ihren Satzungen „eine religiös« Einrichtung, die im Dienste der Menschlichkeit steht. Sie sucht die Wahrheit in der Freiheit und strebt danach, sie bei der Charakterbildung liebevoll zu verloerten, sie pflegt die Kameradschaftlichkeit in Arbeit und Gottesdienst und will «ine gerechte soziale Ordnung aufrichten, die das Leben der Menschen fruchtbar und ertragreich machen soll. Sie kennt weder Sekten noch Klassen, weder Nation noch Rasse, und heißt jeden »villkommen zum Gottesdienst aller." Die große Gemeinde setzt sich aus Christen, Juden, Mohammedanern, Buddhisten usw. zusammen, die ihre Religionsgemeinschaft deshalb nicht zu verlassen brauchen. Die Mitglieder verpflichten sich durch Unterschrift der Kirchensatzungen, einander zu helfen, sich durch Kameradschaftlichkeit gegenseitig zu fördern und der Sache der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe in der Welt zu dienen. Ein jährlicher Beitrag zur Erhaltung der Kirche wird von dm Mitgliedern erhoben. Wir geben die folgende Predigt wieder als eine Aeußerung in Deutschland leider seltener Vorurteilslosig>- keit eines Nichtjuden. Die Ausführungen scheinen uns von Interesse auch da, wo sie sich nicht voll mit dem Standpunkt unserer Zeitung decken. Die Schristleitung. Wie der Stern Davids, das Kreuz Christi und der Halbmond Mohammeds verschiedene Symbole der verschiedenen Glaubensbekenntnisse sind, so sind auch die 5 Bücher Mose und die Evangelien verschieden von einander. Wenn ich mir ganz objektiv das Charakteristische am Judentum und Christentum betrachte, das, worauf es Wert legt und das, wonach es strebt, so finde ich, daß das Judentum dem Christentum in folgenden Einzelheiten überlegen ist: 1. ist das Judentum dem Christentum überlegen in seiner reinen Betonung des Sittengesetzes. Während man an das Christentum in erster Linie mit der Theologie herankommt, will das Judentum in erster Linie vom Standpunkt der Ethik aus betrachtet sein. Während das eine das Ideal des Glaubens aufs .Höchste steigert, legt das andere den größten Wert auf die tägliche Lebensführung. Was dem Christen das Glaubensbekenntnis ist, das sind für den Juden die Gesetzestafeln. Um des ewigen Lebens willen muß die Christenheit in ihrem Herzen das Glaubensbekenntnis anerkennen, wohingegen das Judentum dem Gesetz gehorchen muß, um in dieser und jener Welt Glückseligkeit zu erlangen. Der Christ betont vor allem die Theologie, der Jude das Sittengesetz, und darin sehe ich die erste Ueberlegenhcit der Synagoge gegenüber der Kirche. Damit will ich natürlich nicht behaupten, daß cs kein sittliches Bewußtsein im Christentum gibt — keine Lehre und kein Leben nach den Vorschriften ethischer Ideale. Die Christen haben genau wie die Juden ihre Propheten gehabt, und ihre Worte sind so wahr und schön wie die ihrer Vorgänger in Israel. — Ich sage auch nicht, daß die Sittenlehre der Juden sich immer von den Schlingen der Theologie, den Riten und dem toten Buchstaben des Gesetzes fcrngehalten hat. Der Priester hat im Judentum immer seine Rolle gespielt, und der Priester ist für die wahre Religiosität so verhängnisvoll wie der Theologe. Aber ich spreche von dem, was in jedem dieser beiden Fälle das Vorherrschende ist, und da meine ich, haben wir im Judentum die große Bewegung einer ethischen Regeneration vor uns, während uns das Christentum die große Bewegung einer theologischen Spekulation zeigt. Wenn Ihr das jeweilige Streben am Werke sehen wollt, dann nehmt Euer Altes Testament vor, und seht mit welcher unendlichen Feinheit das jüdische Gesetz allmählich übergeht in die Poesie der Psalmen und die hohe Leidenschaft der Propheten. Dann nehmt Euer Neues Testament vor und seht, wie der reine durchsichtige Idealismus von Jesus mit unglaublicher Schnelligkeit in der theologischen Wortklauberei von Paulus verschwindet. Wenn ich all das, tvas das Judentum sich und der Welt seit den frühesten Tagen seiner geistigen Macht bedeutete, mit einem einzigen mächtigen Wort benennen wollte, so hieße das: „Heiligung des Lebens." Was das Christentum in dieser Hinsicht geleistet hat, will ich jetzt noch nicht sagen, aber Heiligung des Lebens war es nicht. Ja, wenn es zu gewissen Zeiten eine Heiligung des Lebens verlangt hat, wie in den Tagen der Calvinistischen Reform in Genf oder der Revolution der Puritaner in England, dann kam die Inspiration dazu nicht aus dem Neuen, sondern aus dem Alten Testament. Nichts ist bezcichnender in der christlichen Geschichte als die Tatsache, daß jeder sittlichen Neubelebung die Neuentdeckung des Alten Testamentes voranging. Von den Juden ist der Sittenidealismus der Rasse gekommen. Und da dieser Idealismus das wichtigste Problem des menschlichen Lebens auf Erden ist, so behaupte ich, daß das Judentum dem Christentum überlegen ist. Ein 2. Punkt, worin das Judentum dem Christentum überlegen ist, ist die Tatsache, daß sich das Judentum mit dem Leben diesseits des Grabes beschäftigt, wohingegen das Christentum sich im besonderen mit dem Leben jenseits des Grabes befaßt. Das Judentum betont die gegenwärtige Not und Verantwortlichkeit, das Christentum legt Wert auf die Hoffnung und Erwartung für die Zukunft. Für das Judentum ist die Tatsache wichtig, daß „wir heute Gottes Kinder sind", während das Christentum ratlos vor der Tatsache steht, daß „es noch nicht klar ist, was einst aus uns werden soll". Zwei Lehrer der Religion, ein Christ und ein Jude, die die gleichen Erfahrungen in der Weltgeschichte gemacht haben, sollen als Beispiele dienen, um zu erklären, was ich mit meiner Behauptung meine. Etwa 400 Jahre nach dem Tode Christi erlebte der große Augustinus, der Bischof von Hippo, die Einnahme und Zerstörung Noms durch die Heere der Westgoten. Mit diesem Ereignis verschwand die ganze ihm bekannte Welt: Mit dem zerstörten Nom war einfach alles vorbei. So setzte er sich hin und schrieb seine unsterbliche „Gottes-- stadt" und tröstete darin sich selbst und das Volk des Kaiserreiches mit dem Gedanken, daß es bedeutungslos sei, was unseren irdischen Städten tvidersahre, da es ja eine geistige „Gottesstadt" gäbe, die hier und in jener Welt triumphieren und von ewigem Bestand sein würde. Nun vergleicht die Haltung Augustinus mit der des jüdischen Propheten angesichts des gleichen Unglücks: Etwa 400 Jahre vor Christo hatte der Prophet Ezechiel die Zerstörung Jerusalems durch die .Heere der Babylonier miterlebt. Für die Juden seiner Zeit,, wie für die Römer jener späteren Zeit bedeutete dieses Unglück das Ende ihrer Welt. Ihre Heimstätten waren verwüstet, ihr Volk vernichtet, die ^tCtärc ihres Gottes zerstört und umgestürzt. Wozu sollte man noch leben? Für eine unsichtbare Gottcsstadt, zu der die Juden die Seele erheben konnten, um einmal in jener Welt dort hinzu gelangen? Nein, das war es nicht! Ezechiel suchte weder Trost noch Ersatz in einem Leben nach dem Tode. Er dachte nur, wie sich das Schicksal früher oder später hier auf Erden wenden könne. Er sah ein neues Jerusalem, uicht im Himmel, sondern in Palästina — eine neue Stadt aus Stein und Mörtel, fest aufgebaut auf den Grundmauern der alten — einen neuen Tempel, der prächtiger und herrlicher auf dem Gipfel des Berges Zion errichtet werden sollte. Daß Gott sein Volk erretten würde, das stand für Ezechiel so fest, wie für Augustinus. Beide prophezeiten: „eine Stadt mit Grundmauern, deren Baumeister Gott war". Aber während Augustinus diese Stadt, das neue Jerusalem, nur als eine himmlische Vision sah, erblickte es Ezechiel hier auf Erden — für sich und seine Kinder ein neues Jerusalem aus den Hügeln Davids! Vielleicht unterscheidet sich das Judentuni am schärfsten vom Christentum iu dieser Betonung der Realitäten des gegeinvärtigen Lebens. Deswegen glaubt das Judentum doch an eine Unsterblichkeit. Ich kenne nichts Rührenderes als das Trauergebet für die lieben Heimgegangenen, das jeden Sabbat-Abeick» im Gottesdienst dcr Juden gesprochen wird. Wenn das schöne Gebet gesprochen wird, erheben sich diejenigen, die um ihre Toten trauern und lauschen getröstet der holden Versicherung: „Daß nur der Leib gestorben und begraben sei." „Die Seele lebt und wird ewig leben in Gottes gna dmreicher Liebe." Aber mit das Eindrucksvollste an dem Gebet ist die Ermahnung an die Trauernden, in Erinnerung an die lieben Toten dieses Leben zu preisen und so zu heiligen, daß dadurch die Toten geehrt werden. Es scheint, als könnten die Juden ein jenseitiges Leben nur mit den Begriffen des gegenwärtigen denken. Lest die heiligen Schriften der Juden, und seht wie ihre Geistesideale sich ausschließlich mit ihrem Erdendasein befassen! Es gibt wohl einige edle Stellen über den Glauben an die Unsterblichkeit. Unvergleichlich sind die Worte Hiobs: „Daß wenn auch die Würmer den Leib vernichten werden — danach werde ich in meinem Fleische Gott sehen." Und da ist jener gewaltige Ausspruch in der „Weisheit Salomonis", daß „Gott den Menschen erschuf, auf daß er unsterblich sei". Die Botschaft, die das Judentum uns bringt, ist erfüllt von Gott, von Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und Frieden — die Er für seine Menschenkinder auf Erden bestimmt hat. „Der Geist wird vom Himmel über uns kommen, und aus der Wildnis wird ein fruchtbares Feld werden.... und Gerechtigkeit soll in der Wildnis wohnen und Rechtschaffenheit auf den fruchtbaren Feldern. Und wo Rechtschaffenheit am Werke ist, wird Frieden herrschen, und Ruhe und Vertrauen sind die Folgen der Rechtschaffenheit von nun an bis in all« Ewigkeit." „Und mein Volk soll in friedlichen Wohnungen und an sicheren Orten leben.... Gewalt soll unbekannt sein in Deinem Land und Raub und Verwüstung in Deinen Grenzen Erlösung sollen Deine Mauern heißen — und Lobgesang Deine Tore." So klingt die jüdische Botschaft — der Traum einer idealen Gemeinschaft auf Erden, sicher vor äußeren Feinden und frei von innerer Verderbnis, voller Frieden, Gedeihen, Gerechtigkeit und Glück — ein neuer Himmel und eine neue Erde. Denn die beiden sind ja eins unter dem triumphierenden Szepter Gottes aus dem Berge Zion. Wie anders mutet das alles an, als die heiligen Schriften der Christen! Schon in den Evangelien, während Jesus noch unter den Menschen wandelte, haben seine Jünger die Vision von einem zukünftigen zweiten Erscheinen des Meisters, um seine Macht und seine Herrlichkeit aufrecht zu erhalten. In den Episteln ist der Ge danke an ein zweites Kommen des Herrn „noch zu Lebzeiten dcr jetzt Lebenden" zu einer Art Besessenheit geworden, die jede gewohnte Tätigkeit des Alltagslebens lähmte. Die Christen geben ihre Habe dahin, weil sie „am Tage des Herrn" zu nichts mehr nütze sein würde. Sie heiraten und verheiraten nicht mehr, da es töricht wäre, Haushaltungen zu begründen und Kinder zu zeugen, wenn das Ende der Welt zu erwarten ist. Sie lösen jeden Kontakt mit der Welt, da ja die Welt verloren ist, wie ein sinkendes Schiss auf dem Meere, Aber dcr Herr erschien nicht wieder, und Generationen von Christen lebten in der Erwartung und starben, ohne einen Schimmer ihres auserstandenen Heilands gesehen zu haben. Und allmählich wie die Zeit verging, verschwand die Hoffnung auf ein zweites Kommen Christi. Aber an ihre Stelle trat eine neue Hoffnung ferner noch, aber deshalb nicht weniger gewiß. Das war die Hoffnung, Christus jenseits des Grabes wiederzufinden — und das wurde nun zu einer ebensolchen Besessenheit, wie die frühere Erwartung, ihn diesseits des Grabes noch einmal zu sehen. Im dritten Jahrhundert lebte die große Masse der Christen nur für ein zukünftiges Leben, für das, wie man glaubte, das gegenwärtige nichts als eine Vorbereitung sei. Und in den Jahrhunderten,, die folgten, war das Christentum kaum etwas anderes, als eine Vorübung für ein jenseitiges Leben. Ja sogar heutzutage wird in der großen Mehrheit der christlichen Kirchen von wenig anderem gesprochen, als von dem Himmel und dcr Hölle nach dem Tode. Die Religion des Christentums, kann man sagen, fordert eine systematische Heiligung für ein zukünftiges Leben. Entfernte man dieses Element aus dem christlichen Glauben, so würde nichts übrig bleiben; ebenso bliebe vom Judentum nichts übrig, wenn man die Hoffnung auf jenen Tag vernichtete, „da dcr Herr Rechtschaffenheit und Frieden in den Völkern auspflanzen wird". Die Juden legen das Reich Gottes als eine ideale Gemeinschaft der Menschen zur Pflege des Friedens und zur Heiligung des irdischen Lebens aus, und demgegenüber steht als scharfer Gegensatz die christliche Auslegung des Gottesreiches als einer himmlischen Gemeinschaft, die in einer Welt des Geistes jenseits des Grabes besteht — und in diesen beiden gegensätzlichen Auffassungen liegt dcr fundamentale Unterschied zwischen Judentum und Christentum. Wie alle Religionen, befassen sich auch diese beiden großen Religionen mit dem Leben, seinen Aufgaben und dem Schicksal. Sie stehen vor dem ewigen. Mysterium und fragen: „Was sollen wir tun?" Sie sind wie zwei Menschen, die den.Wechsel von Tag und Nacht beobachten. Beide wissen, daß nach der Helligkeit des Tages die Nacht hereinbrechen, muß. — Der Jude, der sieht, daß es dunkel werden will, ruft: „Arbeite, denn die Nacht bricht herein, da kein Mensch mehr arbeiten kann." Er will das Menschenmögliche in den allzukurzen TageKstuuden schaffen, um seine Welt zu verbessern. Aber ber Christ, der die gleiche Dunkelheit drohen sicht, ruft: „Wache! In den Stunden, da Du nicht an ihn denkst, kommt der Menschensohn!" Ihn interessiert das, was sich in der Nacht nach jenem Tage ereignen wird. Der eine will schassen, so lange es hell ist; der andere will wachen. Hier in diesen zwei Worten liegt der ganze Unterschied der beiden Religionen und ihrer Grundeinstellung dem Mysterium deS